Creator:
Bayle, Pierre Gottsched, Johann Christoph La Croze, Maturin Veyssiere
PURL:
https://dibiki.ub.uni-kiel.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:8:2-11583

Heloise .
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Die üble Nackrede - - - ist endlick vor die Ohren des Gheims gekommen . ^ Dieses envlick scheint anfänglich ein wenig selt - fam zu seyn ; allein Leute , welche die Welt kennen , wissen sehr wohl , daß
bey dergleichen Gelegenheiten diejenigen , die den meisten Theil an einer Zeitung haben , dieselbe zuletzt erfahren . Abälard führet deswegen eine gute Stelle aus einem Briefe des heil . Hieronymus an den Sabinianus
an . Tom . I , Epift . XLVlII . Solemus mala domus noftrae fcire no - uiflimi , ac liberonim ac coniugiim vitia vicinis canentibus ignorarc . Man singt schon in der ganzen Nachbarschaft von den Unordnungen un - serer Frauen und unserer Kinder , wenn wir selbst noch nichts von diesen Ausschweifungen wissen ; allein wir erfahren sie doch endlich , und es Ist nicht möglich , daß ein einziger dasjenige nicht wisse , was alle andern wis - sen : Sed quod nouiflime fcitur , vtique fciri ( * ) quandoque contingit , et quod omnes deprehendunt , non eft facile , vnumlatere . Der H . ronymus hat an einem andern Orte seinen Grundsatz durch zwey große Exempel bekräftiget ; das erste ist des Sylla , und das andere des Pompe - ju« seines . Man hat zu Athen von den Liebeshändeln der Metella , des Sylla Gemahlinn , gesungen , ehe noch ihr Gemahl das geringste von diesen Unordnungen gewußt hat . Die Schimpfworte der Athenienfer , die er be , kriegte , gaben ihm am ersten Nachricht davon . Die Buhlereyen der Mu - cia , des Pompejus Gemahlinn , sind so offenbar gewesen , daß sich niemand eingebildet , daß sie ihm unbekannt seyn könnten . Gleichwohl hat er noch nichts davon gewußt , als ein gewisser Mensch , der unter seinem Kriegs - Heere gedient , ihm etwas davon sagte . L . Syllae ( felicis fi non habuif - fet vxorem ) Metella coniux palam erat impudica , et ( quia nouifliml mala noftra difcimus ) id Athenis cantabatur et Sylla ignorabat , fecre - taque domus fuae primutn hoftiuin conuicio didicit . C11 . Ponipeio Muciam vxorem impudicam , quam Pontici Spadones et Mithridaticae ambiebant cateruae , cum eum putarent caeteri fcientem pati , indica - nit in expeditione commilito , et viöorem totius orbis trifti nuncio confternauit . D . Hieronym . aduerf . Iouinian . Man könnte zum drit - ten Beyspiele noch den Kaiser Claudius beyfügen , welcher nichts von den Hnrenstreichcn der Messalina gewußt hat , ( Dio Caflius Libr . LX . Juve - nal saget im Z42 V . der 10 Sat . davon , Dedecus ille domus feiet vltimus ) da alle Welt wußte , daß sie in öffentlichen Oertern herum gehurt , eine Menge Frauen mit sich dahin geführt , und noch übcrdieß alles eine an - dere Mannsperson geheirathet hatte . Unser Jahrhundert hat ein solches Beyspiel an der Person des Marschalls de la - - - dargebothen . Man versichert , ( es wird mir aber noch ein wenig sauer , eö zu glauben ) daß er nichts von dem Umgange seiner Gemahlinn mit dem Grasen von - - < gewußt hat , da der daraus erzeuqle Sohn bereits im len Parlemente legitimirt worden war . Der Mittelstand ist auch von dieser Unordnung nicht ausgenommen : wie viel Leute sehen wir nicht , die beständig alle Zeitungen in der Stadt wissen , nur diejenigen ausge - - nommen , die ihrem eigenen Hauswesen nachlheilig sind ? Sie gleichen denen , über welche Martial , Epigr . IX , Libr . VII . so kurzweilig spottet , und sie machen sich das alte Sprüchwort , Aedibus in noftris quae pra - ua aut recta gerantur , wenig zu Nutze . " ot7< vi «» Miyigoin xaxfiv t uyc & äv ts t ( tuktou . Homer . Odyflf . Libr . IV . Gelehrte , ich rede von denen , die allzusehr in ihrer Studierstube bleiben , und den Kops be - standig mit einer neuen Schrift angefüllt haben , befinden sich zuweilen in denen Umständen , davon hier die Rede ist . Sie haben die vortrefflich - sie Nachricht von dem Hauskreuze des Sylla und Pompejus , die seit so vielen Jahrhunderten todt sind , und wissen doch nicht , daß man ihnen nahe bey ihrer Studierstube eben denselben Streich spielet . So geht es in der Welt !
( * ) Diese Worte werden in der Ausgabe AbälardS als eine Folge derer - jenigen angeführt , die ich schmaus dem Briese des H . Hieronymus an den Sabinian angezogen habe . Allein sie stehen nicht in diesem Briese .
Ein Scribent des XVI Jahrhunderts bedienet sich eines berufenen Exem - pels zur Bestätigung des Grundsatzes , den er gesetzt hatte , daß diejenigen , denen am meisten daran gelegen ist , von einem hauslichen Unglücke unter - richtet zu seyn , eS zuletzt erfahren ; da sie hingegen die Zeitungen am ersten erfahren , woran ihnen am wenigsten gelegen ist . Solet vfuuenire , saget Io . Mich . Brutus , in Pracceptis coniugalibus pag . 75>z . Ausgabe von 1698» vt domeftica mala vltimi fint qui norint , quorutn maxime intereft , ea non ignorarc , norint aliena , et quorum nullus ad eos pertineat fenfus . Nach einigen angeführten Ursachen von dieser Seltsamkeit erzählet er , daß vor nickt allzulanger Zeit ein sehr großer König diejenigen mit dem Tode bestraft hätte , die sein Ehbette beflecket hatten , und daß diese Strafe so plötzlich vollstreckt worden , daß zwischen der Anklage der Schuldigen und ihrem Tode keine Stunde verflossen wäre ; welches ein Beweis ist , daß dieser Prinz nicht eher von dieser ordnung hatte reden hören , da doch das Gerüchte davon schon vorlängst weit und breit in ftemden Landern herum gelaufen war . Accidit hoc qui - dem , nie puero , in magna atque illuftri Europae regia , quo minus diu obfeura res efle pofTet , vt in regina , laefi pudoris fama prius apud exteras gentes longe lateque euagata emanaret , quam is , cuius in eo erat laefa maieftas , maculam regio nomini impofitam , eorum fangui - ne , quorum erat federe violata , elueret . Satis quidem potuit indicio eile , poftremuni omnium refcifle , ita fumtum de reis fupplicium , vt inter id , et delatum fontium nomen , ne horae quidem momentum intercedere fit pafliis .
( H ) Sie hat dem Abälard taustnd Ursachen angeführt , ihm einen Erel vor dem ehlicken ^öande ; u macken . ] Diese Ursachen laufen auf zwecn Hauptpunkte hinaus , auf die Gefahr und Schande , denen sich Abälard durch die Ehe aussetzen würde . Ich kenne meinen Oheim , hat sie zu ihm gesaget ; nichts wird seine Feindseligkeit besänfti - gen ; und wa6 werde ich nach diesem für einen Ruhm davon haben , eure Ehfrau zu seyn , weil ich euern guten Namen verderben werde ? Was für Vermaledeyungen habe ich nicht zu befürchten , wenn ich der Welt ein so großes Licht raube , als ihr seyd ? Was für Nachtheil werde ich nicht der Kirche zuziehen ? Was für Kummer werde ich den Weltweisen nicht wecken ? Was wird dieses nicht für eine Schande und für Schade seyn , wenn ihr , da ihr zum Besten des gemeinen Wesens erschaffen seyd , euch gänzlich einer Ehfrau widmet ? Denket an die Worte des Apostels lus , es jff dem Menscken gut , daß cr kein N>eib berühre : und wenn euch weder der Rath dieses Apostels , noch der Kirchenväter einen Ekel vor dieser großen Last erwecken kann , so betrachtet doch zum wenigsten , was die Philosophen davon gesaget haben . Theophrastus , der mit so vielen Gründen bewiesen hat , daß sich der Weise nicht verheirathen soll ; Cicero , II & and .
der nach der Terentia Verstoßung , dem Hittius , der ihm seine ster zur Ehe anboth , zur Antwort gegeben , daß er dieses Anerbiethen nicht annehmen könnte , weil er seine Sorgen nicht unter der Weltweis - heit und einer Ehfrau theilen könne . Wie schicken sich über diese« die Mägde und Schüler , die Schreibzeuge und die Wiegen , die Bücher und die Rocken , die Federn und Spindeln zusammen ? Wie sind das Weinen der Kinder , das Singen der Ammen und die Beschwerlichkeiten der Haushaltung mitten unter den theologischen und philosophischen Betrach - tungen zu erdulden ? Ich übergehe die Unfläthereyen und den bestän - digen Gestank der kleinen Kinder : Quis facris vel philofophicis me - ditationibus intentus pueriles vagitus , nutricum quae hos mitigant naenias , tumultuofam familiae tarn in viris quam in feininis turbam fuftinere poterit ? Quis ctiam inhoneftas illas paruulorum forde« affiduas tolerare valebit . Oper . Abaelardi , p . 14 . Reiche Leute zwar können in ihren Häusern , wo verschiedene Zimmer sind , dieserUngemäch - lichkeiten überhoben seyn ; der Aufwand und die Sorgen jedes Tages können sie nicht beunruhigen : allein jo ist es mit den Philosophen nicht beschaffen ; und wer Geld zusammen jcharren will , und sich in weltliche Geschaffteverw . ckelt , der machet sich zu den Verrichtungen eines Gotteege , lehrten und Philosophen unfähig . Betrachtet die Aufführung der alten Weisen , so wohl unter den Heiden , als unter den Juden ; und da selbst die Heiden und Layen den ehlojen Stand dem verehlichren vorgezogen haben' was wird es nicht einem Geistlichen und Domherrn , wie ihr send für eine Schande seyn . wenn er die sinnlichen Wollüste den göttlichen Amts - Verrichtungen vorzieht ? Wenn ihr euch um den Vorzug eurer Prie - sterschast wenig bekümmert , so behauptet doch nur zum wenigsten den Titel und die Würde eines Philosophen . Der Schluß ihrer Predigt ist gewesen , daß für ihn mehr Ehre , und für sie mehr Reizungen bey dem Titel eines Liebhabers , als bey dem Namen eines Ehmannö seyn wür - den : daß sie ihm ergeben bleiben wollte , nicht aus Zwang des ehlichen Bandes , sondern aus bloßer Zärtlichkeit ihres Herzens : und daß ihr Vergnügen unendlich größer seyn würde , wenn sie einander nur von Zeit zu Zeit sähen . Wir werden von dieser lebten Ursache in der Anmerkung ( U ) reden . Inzwischen sind dieß die Gedanken Pasquiers über diese Rede der Heloise : Ick will cud> nickt alle Ursacken vorstellen , saget er Recherche de France , I . ivr . VI . chap . XVII . womit sie ihn gewinnen wollen : dock will ick sagen , daß ick niemals in einem Redner sckonere Xvorte , nocli überzeugendere Säke , ; ur » * tlluiu gung der vorgesetzten Absickt gelesen habe , als die sie darinnen an« aeführer hat . Ich erinnere meinen Leser , daß ich die Vorstellung ses Frauenzimmers jehr abgekürzt und mich verwundert habe , daß sie nicht einen Grund daher erborget hat , daß ihr Liebhaber ein Ordensbruder ge - wesen ist . Ich will sagen : sie hat nicht angeführet , daß die Ehe denen verbothen ist , die bereits die Priesterweihe erhalten haben . Scheint dieses nicht zu beweisen , daß man damals noch nicht geglaubet , daß das Gesetze des «hlosen Standes . für die geistlichen Personen niit einer Ver - bündlichkeit verknüpft gewesen ist ?
( I ) Ihre L . iebe hat alle Regungen der Ehre in ihrer Seele cr , stickt . ) Es geschieht sehr oft , daß eine verliebte Leidenschaft die Empfin . düngen des Gewissens erstickt oder überwindet ; allein es geschieht sehr selten , daß sie die Empfindlichkeit gegen die Ehre unterdrücket . : und alle Mägdchen , die unterliegen , bis auf einige wenige von niedriger Geburt , denen es die meiste Zeit an der ordentlichen Auferziehung gefehlet hat , spannen ihren Bogen mit einer oder der andern von diesen vier Sehnen Sie hoffen entweder nicht zu empfangen , oder ihre Frucht durch diese oder jene Quacksalberey abzutreiben , oder heimlich abzulegen , oder den Liebhaber zur Heirath zu vermögen : , und dieses beweist , daß , wenn die Liebe manchmal der stärkste Tyrann ist , der sie beherrschet , selbige wohl ein Tyrann ist , der die Ehre in dem Besitze ihrer Rechte läßt . Man sehe das berufene Sonnet , von der unzeirigen Geburt , wo man die Stärke der Ehre und der Liebe so schön vorgestellt hat , wie sie bald siegen , bald überwunden werden . Unsere Heloise hat so rasend geliebet , daß sie sich weder um die Ehre , noch um den guten Namen mehr bekümmert hat ; denn erstlich ist sie über die Empfindung ihrer Schwangerschaft vergnügt gewesen : Non niulto autem poft puella fe concepilfe com - perit , et cum fuinma exfultatione mihi fuper hoc illico feripfit , con - fulens quid de hoc ipfe faciendi»» deliberarem . Abxlard . p iz und zum andern hat sie alles gethan , was sie gekonnt , daß sie derjenige nicht Heirathen sollte , der sie ye . chwängert hatte . Dieß sind zwey Dinge , die nicht allem viel seltsamer sind , als die allerabscheulichsten Ungeheuer wenn sie mit einander verbunden sind : sondern auch das erste ganz allein sieht man niemals , als in dergleichen Fällen , wo die Liebe wenig Theil hat ; oder wo man nichts , als eine große Partey , zu erschnappen gedenket , worauf man sich sonst keine Hoffnung machen dörfte , wenn sich der Lär - men einer Schwangerschaft nicht darein mischte . Wie viele Frauens - Personen findet man nicht , die sich lieber einen Ehmann , wider seinen Willen , durch einen Parlementsspruch geben lassen , als geschändet blei - ben wollen ? Sie sind mehr , als zu gewiß , überzeuget , daß er sich mit Wucher rächen , und daß ihnen der Ausspruch theuer zu stehen kommen werde : allein dieß hindert nichts , wenn nur der Titel einer Ehftau den Schandfleck , den die Ehre erlitten , auslöschet . Unsere Heloise war so zärt - lich nicht . Man sehe die folgende und vornehmlich die Anmerk . ( V ) .
( K ) Sie ist niemals davon genesen . ) Heißt dieses genesen , wen» man viele Jahre hernach , da man , durch Annehmung des Klosterleben« der Welt abgesaget hat . spricht : daß man lieber perer Abälard» - Hure , als die Gemahlinn desRaiftrs der ganzen XTelt fevnwoU Ie 1 Nun hat dieses unsere Heloise , als Aebtißinn zu Paraklet , gesager : sie hat so gar Gott hierbey zum Zeugen nehmen wollen . Deum telfem muoco , fi me Augultus , vniuerfo praefidens mundo , matrimonii ho - nore dignaretur , totumque mihi orbem confirmaret in perpetuo praefidenduni , charius mihi et dignius mihi videretur t v a d1cI meretrix , quam illius Imperatrix . p . 45 Wie könnte man gen . daß ihre Liebe sie in der Abtey Paraklet verlassen hätte , weil sie darinnen ein so treuherziges Bekenntniß des verderbten Zustandes ihrer Seele geschrieben , welches bezeuget , daß sie die Liebesgluth bis auf das Mark auögezehret hat ? Ich erkühne mich nicht , alles das . dessen sie sich beschuldiget , französisch zu sagen . Sie bekennet , daß die Wollüste , die sie m AbalardS Umarmungen genossen , ihr so angenehm geschienen , daß sie Tag und Nacht , schlafend und wachend , und so gar bey Feyrung der Messe daran gedächte . Sie bat dieselben beständig bedauert , und in Ermange - lung von etwas bessern« in Gedanken wiederholet . Diejenigen , welche Latein Ddd dd verstehen ,

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