Creator:
Bayle, Pierre Gottsched, Johann Christoph La Croze, Maturin Veyssiere
PURL:
https://dibiki.ub.uni-kiel.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:8:2-11574

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Heloise .
nicht Väter seyn können : sie verbergen diesen Sta»id unter dem Oheims - »amen , und erziehen ihre Kinder unter dem Titel der Neffen . Dieses könnte man vermuthen ; allein dieses muß weder zur Regel der art dienen , noch verhindern , daß man den Leuten nicht die Titel giebr , unter welchen sie der Welt bekannt sind . Fulbert muß in einem Buche niemals etwas anders , als ein Oheim seyn . Man merke , daß derjenige Domherr , der die Heloise erziehen , und den Abälard verschneiden lassen , beym Papyrius Mass» Johann heißt . Also giebt dieser schreiber nicht vor , daß diese Frauensperson eines Domherrn Nichte ! , und eines andern Domherrn natürliche Tochter gewesen ist . Er will , daß der Domherr , den alle Schriftsteller Fulbert nennen , und für der Heloise Oheim ansehen , der Heloise Vater gewesen sey , und Johann ge - heißen habe . Ioannes Canonicus Parifiniis Hcloyfam naturalem fili - am habebat praeftanti ingenio formaque . Aiinal . Libr . III , p . m . 256 .
( * ) Man sehe die vom Lambin über diese Worte der i - Ode des III B . HorazenS , Metuentes patruae verbera linguae , angeführten Zeugnisse .
( v ) Sie rvurde - - ? so geschickt , daß sich ihr Ruhm durch das ganze Ronigreich ausbreirere . ] Wir wollen den Abälard hören , Oper . pag . lc> . Qui ( Fulbert tu ) eani quanto amplius diligebat , tanto
mit sie sich überflüßig flttigen können . Ein Mann , der keusch gelebt hat , übernimmt sich eher mit feiner Ehfrau , als ein liederlicher . ( E ) ? * - Ohne Unterscheidung der Zeit und der Oerrer . Z
»iederum selbst in einem Br
Man muß ihn wiederum selbst 1
Briefe hören , den er an Heloisen
lange Zeit nach ihrem gethanen Klostergelübde beschrieben hat . Er erin - nert sie darinnen ein wenig ihrer vergangnen Aufführung , und wie er sie in einer Ecke des Taselzimmers der Nonnen zu Argenteuil lieb gehabt , weil er keinen andern bequemen Platz finden können , und nicht die ge« ringste Ehrerbiethung gegen die Jungfrau Maria gehabt , welcher dieser Orr gewidmet gewesen . Nofti poft noftri confoederationem coniugii , cum Argenteoli cum Sanöimonialibus in clauftro conuerfabaris , nie die quadam priuatim ad tc vifitandum venifle , et quid ibi tecum meae libidinisegeritintemperantia , in quadam etiam parte ipfius refeftorii , cum , quo alias diuerteremus , non haberemus . Nofti , inquam , id im - pudentiffime tunc adhim efle , in tarn reuerendo loco et fumniae Vit - gini confecrato . » - . Quid priftinas fornicationcs et impuden - tiflimas referam polhitiones quae coniugium praeceflerunt ? Ebendas . 69 S . Ein wenig hernach , saget er , sie wisse gar wohl , daß ihn weder die größten Festtage , noch die Paßionszeit selbst abgehalten hätten , sich in diefemSchlamme herum zuwälzen , lind daß er sie , wenn sie deswegen
diligentia in omnem , quam poterat , fcient^mlkterarumprc^n^iieri ^ ^u ( mac^m roojjen mit Drohungen und so gar mit der ftuduerat . Quae cum per faciem non eilet inhma , per abimaantiam n „ , n> ; c mrlini .
iiiiuuwxait y^iiuv . . — r—
litterarnm erat fuprema . Nam quo bonuin hoc , litteratoriae fcilicet feientiae , in mulieribus eft rarius , eo amplius puellam commendabat , et in toto regno nominatiflimani fecerat . In diesem Jahrhunderte hat ein Frauenzimmer bey einer sehr mittelmäßigen Gelehrsamkeit für ein Wunderwerk gelten können . Dieß muß man in Acht nehmen , wenn man die Begriffe nicht vergrößern will , die man sich von unserer Heloise machet : gleichwohl muß man es für gewiß halten , daß sie einen rühm - liehen Platz unter den wohl gelehrten Frauenspersonen verdienet . Sie hat nicht allein die lateinische Sprache , sondern auch die griechische und hebräische verstanden : dieses bezeuget Abälard gleichfalls in dem an die Nonnen zu Paraclet geschriebenen Briefe , p . ao6 . Oper . Magifterium habetis in matre , quod ad omnia vobis fufBcere tam ad exemplum fcilicet virtutum , quam ad doörinam litteraruin poteft , quae non fo - lum Latinae , verum etiam tam Hebraicae quam Graecae non expers litteraturae . fola hoc tempore illam trium linguarum adepta peritiain videtur , quae ab onmibus in beato Hieronymo tanquain Angularis gratia praedicatur . Franciscus von Amboise erzählet in der apologeti - schen Borrede , daß Heloise den heil . Bernhard auf eine feine Art ein Ge - nügen gethan habe , der sie geftaget , warum man in dem Kloster Paraclet bey Sprechung des Vater unsers nicht sagte ; panem noftrum quo - tidianum , sondern panem noftrum fuperfubftantialem . Sie hat ihm eine aus den Original«» genommene Ursache angegeben und gesager , daß man der griechischen Dolmetschung des Evangelii folgen müsse , wel - ches Matthäus hebräisch geschrieben hätte . Jä ) weis nicht , ob eine che Antwort dem heil . Bernhard gefallen haben würde ; allein ich zweifle nicht , daß sie ihn nicht hat irre machen und bewegen können , still zu fchwei - gen : und ich wollte von Herzen gern , daß dieses Mahrchen wahr wäre . ES würde uns belehren , daß eine Frau einen sehr großen Bücherkeld über eine Religionsstreitigkeit durch Anführung des griechischen Textes in ziem - liche Verwirrung hätte setzen können . Ich bin also recht verdrießlich wesen , ich gestehe es , daß ich , da ich den vom Franciscus von Amboise angeführten Brief ( nämlich den V des II B . ) zu Rathe gezogen , darin - nen gefunden habe , daß Heloise nichts darinnen hat , und daß die ganze Anmerkung Abälards ist : der deswegen an den heil . Bernhard geschrie - ben ; nachdem er von der Heloise erfahren hatte , was man an dem drucke panem fuperfubftantialem auszusetzen gefunden . Dieses sey ohne Nachtheil der Gelehrsamkeit dieser Aebnßinn gesaget . Wollte sich je - maud einbilden , daß sie erstlich in ihrem Klosterleben gelehrt geworden , den will ich auf einen Brief Peters des Ehrwürdigen , Abt« von Clugni , verweisen , welcher bezeuget , daß sie schon vor dieser Zeit viel verstanden : Nec dum , saget er in AbälardS Werken pag . 337 . metas adolefcentiac excefleram , needum in iuueniles annos euaferam , quando nomen non quidem adhuc religionis tuae , fed honeftorum tarnen et laudabilium midiorum mihi fana innotuit . Audiebam tunc temporis mulierem , licet needum faeculi nexibus expeditam , litteratoriae feientiae et ftu - dio faecularis fapientiae fummam operam darc , quo efferendo ftudio tuo et mulieres omnes euieifti , et pene viros vniuerfos fuperafti . Der Mond , von Auxerre versichert , daß sie das Latein und Hebräische wohl verstanden habe , und der Kalender von Paraclet saget von ihr : Sie Mutter - Heloise und erste Aebtißinn hicrinncn , iff wegen der Ä . ehre und Reliqion sehr berühmt . Siehe die Noten des Andreas Du Chesne , über Abälards Brief de Hift . Calamitat . p . 1187 .
( C ) Sie war ziemlich schon . Z Ich sehe , daß ihr eine Menge Schrift - steller eine bezaubernde Schönheit bevlegen ; allein verdienen sie wohl niehr Glauben , als Abälard , welcher , ob ihm gleich am meisten daran ge - legen war , die Sachen eher zu vergrößern , als zu verringern , nur gesaget hat , daß sie in der Schönheit nicht die letzte von ihrem Geschlecht ? , aber die erste in der Gelehrsamkeit gewesen , cum per faciem non esset infi - ma , per abundantiam litterarum erat fuprema . Redet man wohl auf solche Arr von einer vollkommen schönen Frauensperson ? Bedienet sich ein Liebhaber , dem daran gelegen ist , seine Wahl und die Stärke seiner Liebe zu rechtfertigen , einer solchen rhetorische» Figur ? Einige bemerken , ( Hiftoire abrege'e d'Elpife et d'Abelard , im Haag 1693 . ) daß Heloise achtzehn Jahre alt gewesen ist , da sie Abälard geschwächer hat : ich habe diesen Umstand in keinem einzigen alten Schriftsteller gefunden . Es ist wahr , daß das Wort adolefcenmla , dessen sich Abälard , pag . 10 . seiner Werke , bedient bat , sich sehr wohl zu dem Alter von achtzehn Jahren schicket . Das Wore iuueneula , das sie p . 47 - brauchet , kommt auch mit diesem Alter überein : allein ein solcher Beweis Meßt nichts . Es ist eine Hirngeburt , wenn man saget , daß Abälard in seinem Romane von der Rose , das Bildniß der Heloise unter dem Namen der Schönheit Aemachet hätte . Man saget es in der gleich angeführten Hiftoire Abregee . Dieser Roman ist erstlich nach seinem Tode in die Welt gekommen .
( v ) Abälard überließ sein - Her» der Freude dermaßen . ) Man muß ihn selber hören , um nichrs von der Starke seiner Ausdrnckungen zu verlieren : NuIIu« a cupidis intermiflus eft gradus amoris , et fi quid infolitum amor exeogitare potuit , eft additum . Et quominus illa fueramus experti gaudia , ardentius illis infiftebamus , et minus in fafti - dium vertebantur . Ebend . 11S . Er vergleicht sich mir denen , die ei - nen langen Hunger ausgestanden haben , und endlich etwas finden , wo -
Ruthe zur Einwilligung genöthiget habe . Nofti , quantis turpitudim - bus immoderata mea libido corpora noftra addixerat , vt nulla hone - ftatis velDei reuerentia in ipfis etiam diebus Dominicae palfionis , vel quantarumeunque folemnitatum , ab huius luti volutabro nie reuoca - ret . Sed et te nolentem et prout poteras reludtantein et diffuadentem , quae infirmior natura eras , faepius minis ac flagellis ad confenfum trahebam . Da sehen wir einen Mann , der sehr weit von dem Aber - glauben derer abgeht , welche die Tage und Feste , die Neumonden und Sabbathe beobachten . Siehe die Epistel an die Colosser , 11 , 16 B . '■ ( F ) Seine Geburten des Geistes liefen auf verliebre Verse aus . ] Er selbst berichtet uns dieses p . 12 . Ita negligentem et tepidum le & io tunc habebat , vt iam nihil ex ingenio , fed ex vfu cun<äa pro - ferrem , nec iam nifi recitator priftinoruni eflem imientorum , et fi qua inuenire liceret , carmina eflent amatoria , non philofophiae fe - creta . Ebendas . Er setzet dazu , daß diese Verse noch in verschiedene» ; Provinzen und vornehmlich unter verliebten Personen gesungen werden : Qiiorum etiam carminum pleraque adhuc in multis , ficut et ipfä nofti , frequentantur et decantantur regionibus , ab his maxime , quos vita fimilis oble & at , Heloise berichtet uns noch mehr davon . Sie saget , ihr Abälard habe zwey Dinge , welche die andern Philosophen nicht hät - ten , wodurch er das Herz aller Frauenzimmer schleunig besiegen könne , nämlich daß er zierlich geschrieben und sd ) ön gesungen hatte . Er hat Lie - besverse und Lieder gemacht . die so wohl in Ansehung der Worte als Melodien so artig und angenehm gewesen , daß alle Welt dadurch bezau - bert worden , und von nichts , als von ihrem Erfinder , geredet hat . Die Frauenspersonen wurden nicht nur durch Abälard« Lieder und Verse , dern auch durd ) seine Person bezaubert , und liebten ihn inbrünstig : und wie seine meisten Verse von nichts , als von seiner Liebe gegen Heloisen , re - deren , so ist der Name dieser Geliebren gar bald in allen Provinzen be - kannr geworden , und hat unzählige Frauenspersonen auf ihr Glück eifer - süchtig gemacht . Ich habe die 'Ausdrückungen der Heloise gemildert , und ich glaube auch nicht , daß man sie nach dem Buchstaben nehmen müsse . Denn da sie sterblich in den Abälard verliebt gewesen , so hat sie sich eingebildet , daß ihn kein Frauenzimmer , ohne sich in ihn zu verlieben , sehen könne ; und daher hat sie gesager , daß es keine Frau noch Jungfer gäbe , die in Abälard« Abwesenheit nicht Verlangen nach ihm hätte , und die in seiner Gegenwart nicht in eine verliebte Brunst geriethe ; und daß auch die Königinnen selbst , oder die größten Damen über das Vergnügen neidisch waren , welches sie dey einem solchen Menschen genösse . Hier sind ihre eigenen Worte , welche mehr davon sagen , als meine . Oper . Abaelardi , pag . 46 . Quae coniugata , quae virgo non concupifcebat abfentem , et non exardebat in praefentem i Quae Regina vel prae - potens femina gaudiis meis non inuidebat vel thalamis ? Duo autem , fateor , tibi fpecialiterinerant , quibus feminarum quarumübet animos ftatim allicere poteras , di & andi videlicet et cantandi gratia , quae cae - teros minime Philofophos ailecutos efl'e nouimus . Quibus quidem quali ludo quodani labotem exercitii recreans philofophici , pleraque amatorio metro vel rythmo compofita reliquifti carmina , quae prae nimia fuauitate tam diöaminis quam cantus faepius frequentata , tuum in ore omnium nomen incefifanter teHcbant , vt etiam illiteratpt me - lodiae dulcedo tui non fineret immemores efle . Atque hinc maxi - mc in amorem tui feminaefufpirabant . Et tum horum pars maxima carminum noftros decantaret ainores , multis me regionibus breui tempore nunciauit , ( * j et multarum in me feminarum accendit inui - diam . Wenn der Roman von der Rose Abälards Werk gewesen wäre , und wenn er darinnen das Bildniß seiner Heloise unter dem Namen der Schönheit gemalt hätte , so würde sie davon nicht geschwiegen haben ; und hier wäre eben der Ort gewesen , e« zu sagen . Wenn wir also auch nicht ten , daß dieser Roman hundert Jahre nach dem Abälard gemacht wor - den , so könnte uns das Stillschweigen der Heloise belehren , daß man in dem kleinen Buche , Hiftoire d'Eloife , et d'Abelard , im Haag 169z gedruckt , dem Abälard diesen Roman mit Unrecht zugeeignet hat . Noch weniger Grund hat man gehabt , solches die Heloise in der Uedersehung ihres Briefes vorbringen zu lassen ; allein wir wollen wieder zu unserer Materie kommen . Man sollte nicht glauben , wenn man ohne Ersah - rung davon urtheilet , daß Verse , Briefe und Lieder die Kraft hätten , die Sachen eines Liebhabers so sehr zu befördern : allein hier ist ein Zeuge , der mehr als tausend gilt . Siehe den Ovidius de Arte Amandi , Libr . III , pag . »05 . Heuriges Tages beklagen sich die aufgeweckten Köpfe , daß ihre Hülfsmittel nicht mehr diejenige Wirkung thun , die sie zur Zeit unserer Vorfahren gethan . Die Zeiten haben sich freylich verändert , al - lein doch nicht gänzlich . Man sehe die neuen Briefe wider Maimburgs Calvinismus 590 u . f . und 746 u . f . S . Uebrigens wird dasjenige , was Heloise wegen der Schwaä ) heit der Personen ihres Geschlechts gegen den Abälard bekennet , durch den Prior Foulques , bestätiget , dessen Artikel nachzusehen ist .
( * ) Sie saget pag . 48 . Cum me ad temporales olim voluptates ex - peteres , crebris nie epiftolis vifitabas , frequenti carmine tuam in ore omnium Heloifiäm ponebas : me plateae omne» , nie domus firigulae refonabant .
CG ) D»e

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