Creator:
Bayle, Pierre Gottsched, Johann Christoph La Croze, Maturin Veyssiere
PURL:
https://dibiki.ub.uni-kiel.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:8:2-11555

758
Aloise .
tische Reuschheit kleidet die - Helden schleckt , und ihre L . iebemuß von allen denen gewissenhaften Formalitäten abgesondert seyn , welche die edlen Regungen , und die angenehmen Ennückun - gen aufhalten . ES ist merkwürdig , daß man voraussetzet , der Verfasser habe auf die Klage der Chariklea nichts zu antworten gehabt . Was kann man aber in der That auf einen so wohl gegründeten Vorwurf antworten ? Ist eine Romanheldinn , die ihren Liebhaber küssen will , und zur Belohnung dieser Gunst eine Ohrfeige von ihm bekömmt , nicht eine lächerliche Person in diesem Lande ?
( * ) Es ist nicht wahr , daß Heliodorus Bischof gewesen ist , da er sen Roman gemacht hat . Er hat ihn in seiner Zugend verfertiget , wie Sokrates versichert .
Hiermit habe ich diese Anmerkung in der ersten Ausgabe dieses terbuchs beschlossen . Ich habe voraus gesetzet , daß Gueret , der viel Geist und guten Geschmack in seinem verbesserten Parnaß gezeiget hat , keine Lügen von seiner Erfindung zum Grunde seiner Spöttereyen genommen hätte : denn nichts wäre den Regeln der Critik und Satire mehr zuwider gewesen . Man ziehe die Anmerkung ( C ) des Artikels Colomies zu Rache . Da ich ihn also dieses Fehlers unfähig zusein geglaubet , so habe ich nicht gezweifelt , daß die Sache vollkommen so wäre , wie er sie erzählet hat ; und deswegen habe ich mir nicht die Mühe genommen , das Original zu untersuchen . Allein kaum hat Du Rondel die Anmerkung ( C ) ses Artikels gelesen , als er mir geschrieben , daß die Sache nicht so vorge , gegangen wäre , wie sie Gueret vorgiebt : er hat mir die Umstände der That bemerket und gezeigt , daßTyeageneS nicht den geringsten Tadel verdienet hat . Ich habe die Stelle gelesen , wo Heliodorus diese Begeben - heit erzählet ; und mich durch meine eignen Äugen überzeuget , daß Du Rondel Recht hat , und der Urheber des verbesserten Parnasses die Welt trogen , und sich bey seinen Spöttereyen zu viel Freyheit genommen hat , welche viel besser verdienten , Belriegereyen genennet zu werden . Thea - genes und Chariklea , welche durch diejenigen wunderlichen Streiche des Glücks , die in den romanischen Büchern so gänge sind , getrennt worden , nahten sich zu gleicher Zeit der Stadt Memphis . Sie hatten nichts mit einander abgeredet ; sie hatten nicht einerlei ) Weg gehalten : das Glück hat die Chariklea bey der Stadt ankommen lassen , als Theagenes um die Mauern spazierte , wegen einer Gelegenheit , die den Einwohnern ein großes Schauspiel darbolh . Sie hat ihn von weitem erkannt ; denn die Augen der Liebhaber sind sehr scharf , wie Heliodorus beobachtet . o'£3 n * git hrt .
yvwar : igarixiin x / vtffxa , ■no^Aaxit t / jfj novo»' xcev xipßuSw i }
uav ix vwtuv tfit b [ Lt>ib~ . yto ; ri ) v ( pxvracixv nzffcwr» . Acris eftenim in co . gnofcendo amantium afpcöiis , faepiusque motus taiitum et habitus , quamuis e longinquo , aut eliaina tergo , fimilitudinis opinionemprae - buit . Heliodor . Libr . VII , pag . zu . pariser Ausgabe von 1619 . Sie hat bey Erblickung dieses Gegenstandes so viel Bewegung empfunden , daß sie , als wenn sie von einer Biene gestochen worden wäre , mit der größten Geschwindigkeit auf den Theagenes zugelaufen , und ihm , ohne ein Wort zu sagen , um den Hals gefallen ist . Sie ist aber sehr übel be - kleidet , und in dem Gesichte ganz besudelt gewesen , so daß er sie für eine Landläuferinn gehalten und sie zurück gestoßen , und , da er sich dennoch nicht von ihr loswickeln können , ihr endlich eine Ohrfeige gegeben hat .
XaglxAnx . . . irifpuüiv Uvuy / ugisxsa töv Gexyivtp . . . un - ftfg ohgijSsitx viti rij ; oipsutf imucvij ; iir' aäriv Inotf vjrf tttgtyüsx r5
angi% t " t%tTO vjf ) 11 - ijgTyTO« yjrf yoifci ; Tin xxTwnu^tTo ägii - »o< { . i Si , ein tlne ( b'4 " v ri pvxärzv npot to ala%goTtt>cu sTcnny - iiuftfatiu ( lim ) dj / ) irSfjra rergt / xi / fUintv icf ) KarippuyCix» , wenig tivx rüv icyngtv Ao« ineioi ) ov fuSi« , ü ( ivox^Sraj IIS , ' t ? B ( x tm K«Aigigiv Ip .
wo3u - j hxßiyvt x & t sufpiristv . Chariclia . . . cum e longinquo cognouitlet Theagenem . . . tanquam i£ta illius afpectu , furi . bunda ad ipfiun fertur , et haerens in amplexu , e collo nulla voce edi - ta pendebat , lugubribusqiie quibusdam lamcntis cum falutabat . Ille autem , vt eft verifimile , vultmn fqtialidum , et ex induftria containi - natum et pollutum videns , et veftem vilem ac laceram , veluti ali - quam ex circulatricibus , et reiiera vagabundam repelleba : , ac reiieie - bat : et ad extremum , cum non defilieret , tanquam fibi inoleftae et fpecVaciihim illud Calafiris impedienti , etiam alapam inflixit . dor . Libr . VII , p . zil . par . Ausgabe von >6iy . Allein sobald er erkannt hat , daß es seine liebe Chariklea gewesen , hat er sie zärtlich umarmet .
Ebendas . zi - , S . Es ist aus dieser Erzählung leicht zu schließen , daß der Verbesserer des Parnasses die ganze Gestalt der Sache verändert hat , und daß alle seine Spöttereyen dadurch unschmackhaft und ungereimt werden .
Ich bekenne eö , Chariklea hat eine Ohrfeige bekommen : allein man kann mit Billigkeit nicht sagen , daß Theagenes der Chariklea eine Ohrfeige ge - geben hat : er hat eine von denjenigen Weibern zu schlagen geglaubt , die wir Zigeunerinnen nennen . Man wende hierbey an , was die Rechtsge - lehrten und Casuisten von der Unwissenheit sagen , welche entschuldiget .
( D ) Nack der Uebersetzung mußte man glauben , daß - Heliodor einen Roman von Ver L . icbe eines Ehmanns und seiner Llifrau gemackt hatte . ] Hier sind die Worte de« Uebersetzers : Dramatis hu . lus argumentum auöori praebuere Theagenes et Chariclea carte in -
Heloise , die Beyfchläferinn und nachmalige Ehfrau Peter Abälards , eine Nonne , dann Driorinn ! U Araenteuil unk» endlich Aebtißinn zu Paraclet , hat allzuviel von sich zu reden gemacht , als daß sie nicht einen ettvaö langen Artikel in die . fem Werke verdienen sollte . Sie hatte einen mutterlichen Oheim , Fulbert genannt ( A ) , welcher Domherr zu Paris war und sie zärtlich liebte . Er sorgte ungemein für ihre gute Erziehung ; und wie sie viel Verstand hatte , so wurde sie in kurzer Zeit so geschickt , daß sich ihr Ruhm durch das ganze Königreich ausbreitete ( B ) . Außer diesem war sie ziemlich schön ( C ) . Es befand sich um diese Zeit ein berühmter Lehrer zu Panö , der Mit einem erstaunlichen Ruhme öffentliche Vor esunaen hielt Dieß war Peter Abälard der allerfeinste Dialekticus seiner Zeit , der die Philosophie und spastisch - 'Theorie in Uung zu bnngen , angefangen hat . Er genoß von allen das Ansehen , das ein Mensch von seiner Profeßion wünschen konnte ; e ? hatte eine unend . che Anzahl Schuler : er wurde siir einen sehr großen Meister gehalten ; er gewann viel Geld : allein er lieb - te nicht ; er glaubte , daß dieses e . n ansehnliches Loch m sein Gluck machen würde . Endlich , da an seinem Glücke nichts mehr fehlte , so beschloß er , verliebt zu werden , und die Deloise zu seiner wbste zu erwählen . Wir haben die Ursachen anderswo ae - saget - , die ihn zud . eser Wahl bewogen , und wie er sich bey dem Domherrn als ein Hauspraceptor eingeschlichen hat . Der ehrliche Fulbert hatte sich eingebildet , daß Heloise unter e . nem solchen Meister , in den Wissenschaften m . t einer wunderbaren Geschwindem zuneymen wurde ; allein er erfuhr , daß sie weiter nichts lernte , als die Liebe . Ihre Gelehrigkeit in diesem Stucke war unvergleichlich ; man hatte sie m kurzer Zeit so weit darinnen gebracht , daß ihr Meister von der ersten Gunst bald zu der letzten kam ; und zwar so , daß man nicht die geringste Heirathsversprechung von ihm forderte . Abälard ließ die Freude sein Herz dermaßen einnehmen ( 0 ) , daß er seine Lehrstunden darüber versäumte . Er bekennet selbst , daß er nicht baß geringste Maaß gehalten , und daß er «ich m diesen Wollüsten ohne Ansehen der Zeit und des Orts ( E ) vertieft , ohne Unterschied der
Feyer -
ter fe ac pudice amantes , cum vitro citroque iaflati errarunt , et capti etiam idemtidem , fidem tarnen CONIVGALEM conftanter ferua - runt . Es ist hier ein tarnen , welches nichts tauget , und ein Zusatz des Dolmetschers ist . PhotiuS hat nicht allzuunrecht geuttheilt , wenn ersa« get , daß , obgleich das widerwärtige Glück den Theagenes und die Eha - riklea in verschiedenen Orten herum zu irren gezwungen , und sie zu Ge - fangenen gemach« , sie sich dennoch von einem neuen Liebesverbündnisse enthalten hätten . Jedermann begreift , daß diese herumschweifende Le - bensart dieser zwey Verliebten , wobey sie manchmal Gefangene gewesen , vielmehr eine Ursache gegeben , warum der Held die Liebste , und die Hel - diun den Liebhaber nicht verändert hat ; als eine Ursache , warum sie sich in einen andern Gegenstand verliebt hätten . Die Untreue ist weniger bey der Weichlichkeit eines vollkommen ruhigen und mit allen Glückselig - feiten überhäuften Lebens zu verwundern . Allein der vornehmste Schni , her des Uebersetzers besteht in dem Vorgeben , daß sie die ehliche Treue genau bewahrt hätten . Wie kann dieses seyn , weil sie nicht verheirathet gewesen sind ? Sie verheirathen sich erstlich , wie es gewöhnlich ist , bey dem Schlüsse des Buchs . Dieß ist das Ende von Heliodors Romane . Hier ist die wahre Übersetzung der Worte des Photius . " En« uut *
it tb igxpocTOt vxtätsis . XxgixAfix @euyi\ni ( , ca$ ( ? ovt ( «i» igaix ) , y^ ) thtuv , njrf äixl - tuAualx itavToSuiri ) , <5v QiiAaxi ) t ? «
fftnQgotSunt ipfi argumentum dramatis Theagenes et Chariclea , pudice inter fe amantes , et eorum errores , ac captiuitatis oinnimoda , et cuftodia caftitatis . Photius , num . 73 . pag . 157 . Opsopäus hat die - sen Fehler den ich tadle , vorlängst begangen , conivgalis amo - ris ac fidei et conftantiae pulcherrimum exemplar in Theagene et Chariclea adumbrauit . Opfopaeus , Epift . Dedicat . bevm Gesner , Bi - blioth . foliojoi .
( E ) ( £s hat semand vorgegeben , - Heliodorus wäre kein Christ gewesen , allein er grünSer sich auf sehr scbrvacke beweise . ^ Der erste ist , daß Amyot gesaget hat , es habe philostrams eines Sophi« ffert mir Namen - Heliodorus gedacht , und daß man geglaubt , er habe von diesem geredet . Der andere , daß dieser Sctirifrsteller zu Ende seines Vucbs gesetzt , daß er ein phonicier , aus der Stadt iLme^ä gebürtig , uns von dem Gescklechre der Sonne gewesen , und uns dadurä ? die Meinung nimmt , daß er ein Christ gewe , sen sc^ ; Venn es ifk kein Zweifel , daß ein Christ , und was noch mehr ist ein Bischof , unsinnig seyn müßte , weun er sagen wollte , daß er einer von den Nachkommen des Gestirns wäre , das uns de» Tag giebt . 8oreI , Remarq . für le Livre XIII , du Berger gant , pag . 685 . Ich habe nicht nöthig , zu sagen , daß der erste Grund nichts beweist : der andere hat mehr Stärke ; allein doch nicht so viel , daß er einen tüchtigen Beweis abgeben könnte . Es ist gewiß , daß viele Christen des IV Jahrhunderts des Alterthums ihres Adels gedacht ha - ben . Siehe Balzacs Dissertation hinter dem christlichen Sokrateö . Man findet darinnen unter andern , daß der h . Hieronymus die H . Paula vom Aga , memnon abstammen laßt , und daß sich Synesins seiner Abkunft vom Her - kules rühmet . Warum sollten wir also nicht glauben , daß Heliodor der seinigen gedacht hat ? Er hat nicht geglaubt , daß er der Sonne seinen Ursprung schuldig wäre ; allein er hat glauben können , daß er ihn dadurch bemerken müsse : dieß ist ein Titel gewesen , der ihm seit langer Zeit An - sehen und Ehre gemacht hat ; und obgleich der Grund falsch war , so hat man doch sehr vortheilhafte Folgerungen für seine Familie in Ansehung des Alters daraus ziehen können . Dieß hat verursachen können , daß ein Christ den Adel seiner Herkunft also bemerkt hat . Man füge dazu , daß Heliodor noch nicht Bischof gewesen ist , da er seinenRoman gemacht hat . Er ist in dem ersten Feuer seiner Jugend gewesen ; und da er sich nicht genennt , so hat er sein Geschlecht nach der alten Sage seiner Familie um so viel freyer bezeichnen können .
( ? ) ! Lin neuerer Schriftsteller hat L . eute gekannt , die dasjeni - ge gerban haben wurven , was man dem Prälaten von Trica ; u - eignet . ] Ich rede vom P . Bavassor , de Didtione ludicra , pag . 149 . er glaubet nicht , was NicephoruS erzählet : es scheint ihm lächerlich , so wohl in Ansehung derer , die eine solche Wahl vorschlagen , als in Ansehung der erwählten Partey . Lepida vero optici data praefuli , vtrum faluum vcllet , iocularemne librum , quem feripfiflet olim , an ampliflimum fö - cerdotium , cui tum praeefiet ? Lepidius etiam iudicium et eledtio epifcopi , facrae dignitatis iadhira commune et peruagum feriptoris nomen redimentis . Ebendas . Gleichwohl versichert er , daß er Leute ken - ne , die so verliebt in ihre Werke sind , daß sie lieber die besten Pfründen de« Königreichs verliehren , als dem Lobe absagen würden , das sie durch ihre Rcmane verdient zu haben , glauben . Cuius tarnen fadhim ne magno , pere vituperetur , aut ne reprehendatur ex toto , nonnulli obftant , quos ego fcio , fi ifto loco efTent , fieretque poteftas cligendi , hoc idem et amplius fa & uros ; talesque partus ingenii , qualiaHeliodori Acthi - opica funt , non Thraciae modo , fed opimis Galliae facerdotiis bus antepofituros , et loco graduque , et quauis dignitate cefliiros po - tius , quam laboris , et induftriae , et bonae exifti : hunc qualemcumque amitterent . Ebend . ijo S .
timationis frudlun»

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.