Creator:
Bayle, Pierre Gottsched, Johann Christoph La Croze, Maturin Veyssiere
PURL:
https://dibiki.ub.uni-kiel.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:8:2-11521

unsrer Seele entstehen , ehe wir Zeit gehabt haben , uns vorzubereiten , die Dinge zu beurteilen ; allein es ist gewiß , daß man bey vielen Gele - genheiten nach einer reifen Ueberlegung also redet . Diejenigen , welche nicht gründlich untersuchen , was in ihnen selbst vorgeht , überreden sich leichtlich , daß sie srey sind , und daß , wenn ihr Wille zum Bösen geneigt ist , solches ihr Fehler ist , und vermöge einer Wahl geschieht , darüber sie Herren sind . Diejenigen , die ein ander Urtheil fällen , sind Personen , che die Triebfedern und Umstände ihrer Handlungen sorgfältig ausstudiert , und über den Fortgang der Bewegungen ihrer Seele reiflich nachgedacht haben . Diese Personen zweifeln gemeiniglich an ihrem fteyen Willen , und bilden sich so gar ein , daß ihre Vernunft und ihr Geist Sklaven sind , welche der Gewalt nicht widerstehen können , die sie dahin zieht , wohin sie nicht gehen wollen . Nun sind es gemeiniglich solche Personen sen , die den Göttern die Ursache ihrer bösen Thaten zugeschrieben . Sie ha« ben sich erinnert , wie sie wohl erwogen , daß sie einen Weg nähmen , der ihrem Glücke schädlich und ihrem guten Namen schimpflich wäre , und daß sie viele Kräfte daran gewendet , die Leidenschaft zu ersticken , die sie denselben zu gehen antrieb ; allein sie haben noch weit besser empfunden , daß alle diese Bestrebungen unnützlich gewesen , und daß die Vernunft , wel - che tausendmal angerufen worden , und die Gelübde und Gebethe eine sehr ohnmächtige Hülse gewesen . Sie haben also geschlossen , daß eine geheime Ursache und höhere Gewalt sie gereizt und gezogen : mit einem Worte , daß die Götter die Ursache so wohl der Leidenschaften , die sie empfunden , als der schädlichen und lasterhaften Folgen dieser Leidenschaften gewesen sind . Dieß ist die Entwickelung des Knorens ; hier ist etwas göttli« ches , hat man gesagt : eben wie bey gewissen Leibeskrankheiten , welche alle Wissenschaft und Erfahrung der erleuchtesten Aerzte zu Schanden mach - ten . Wir wissen , was man thun soll , was uns nützlicher , gemächlicher und rühmlicher wäre ; und gleichwohl ergreifen wir die Gegenpartey . Dieß kömmt von den Göttern . Jupiter ist es , den der Poet Persius anredet , und nm die Gnade bittet , es so einzurichten : daß die Tyrannen die Tugend erkennten , und den kränkendsten Verdruß empfänden , daß sie derselben nicht gefolget wären .
Magne pater diuum , faenos punire tyrannos Hand alia ratione velis , cum dira libido Mouerit ingenium feruenti tinäa veneno ;
Virtutem videant , intabefcantque relifla . Per£ Sat . III , v . 35 . Plutarch führet einen poetischen Spruch an , welcher bezeuget , daß man also geurtheilet hat : Diejenigen , die das Gute kennen , thun es nicht , also sind die Gotter Ursache daran . Hier ist das Griechische .
A< dl TbV vtäl ) 0£1OV hotkov ,
ÖVav rn ciSij rieyaOov , Ss fiij .
Ehen maluin mortalibus diuinitus Venit , vt bonum videant , non vtantur tarnen .
Plutarch . de audiend . Poetis , p . zz , E .
Und dieß ist die Uebersehung :
O weh ! dieß Unglück kömmt von den erhabnen Göttern Indem der Mensch das Gut weis und vor Augen sieht ,
Und sich doch jederzeit zum Gegentheile zieht .
Medea hat auf diese Art geurtheilt , da sie begriffen hatte , daß sie der ge - gen den Jason gefaßten Liebe nicht widerstehen konnte ; da sie derselben nicht widerstehen konnte , sage ich , ob sie gleich die schimpflichen und straf - baren Folgen ihrer Aufführung , und daß ihre Vernunft sie verdammte , gesehen hat .
Concipit interea validos Aetias ignes Et lu & ata diu , poftquam ratione furorem Vincere non poterat : Fruftra Medea repugnas ,
Nefcio quis deus obftat , ait . *
Ouid . Metam . Lib . VII , v . 9 .
Excute virgineo conceptas pedtore flamnias ,
Si potes , infelix ! Si pofleiri , fanior eflem ;
Sed trahit inuitam noua vis : aliudqut Cupido ,
Mens aiiud fuadet . Video meliora , proboque Deteriora fequor , Ebend . i ? B .
Sie hat alles zu sich selbst gesagt , was sie von dicftr Leidenschaft heilen konnte : sie hat sich die Abscheulichkeit des Fehlers vorgestellt , den sie be - gehen wollte ; und zu gewissen Minuten haben diese Bilder der Pflicht bey nahe den Sieg erhalten wollen : allein Jasons Anblick riß alles ohne Mühe wieder ein , was sie gemacht hatten .
ConiugiiiiTine putas ? Speciofaque nomina culpae Imponis , Medea , tuae ? Qiiin afpice quantum Aggrediare nefas ; et , dum licet , eflüge crimen .
Dixit , et ante oculos reöum pietasque pudorque Conftiterant , et vifta dabat iam terga Cupido .
Ibat ad antiquas Hecates Perfeidos aras ,
Quas nemus vmbrofum , fecretaque fylua tegebat :
Et iam fradhis erat , pulfusque refederat ardor , Cum videtAefonidcn . extinäaque flamma reluxit .
Ebend . 69 V .
Sic iam lenis amor , quem iam languere putares ,
Vt vidct iuuenem , fpecie praefentis inarfit . Ebend . S»V .
* Herr Bayle führet hier einen verliebten Poeten in seinen pfrigen Beschreibungen einer ausschweifenden Prinzeßinn an , um einen wichtigen Lehrsatz daraus herzuleiten , daß nämlich Gott die Ur - sacke des Bösen sey . Wem seine Neigung , den Manichäismus zu vertheidigen , sonst aus andern Stellen dieses Wörterbuchs bekannt ist , der wird den Zweck leicht merken , dahin dieses zieler . Er will durch die küklichsten Exempel , und darinnen die Menschen am liebsten die Schuld ibrer Fehler von sich abwälzen , seinen Leser vorbereiten , nachmals seinen manichäischen Einwürfen desto besser Gehör und Beyfall zu aeben ; wie wir nicht längst , r . dem Artikel Guarm . eine Probe davon aesehen haben . Siehe die Anmerkung ( v ) . Al , lein wenn man die Sache unparteyisch ansieht , st beweist a^s . was «hier sager und anführet , so viel als nichts . I . Jst es keinSchwß . Die alten Heiden die nicht begreifen konnten , warum die Menschen
JI Band . '
Helena . 755
Böses thaten , schoben die Schuld auf irgend eine Gottheit : also kann man mit allem vernünftigen Nachsinnen keine andre Ursache davon ergründen . Die Gottheiten waren nämlich bey den Heyden ein Afyhim ignorantiae , eine Zuflucht ihrer Unwissenheit . Wenn sie nicht wußten , wo die Flüsse herkamen , so erdichteten sie sich einen Flußgott , der das Wasser aus einem großen Gefäße gösse . Wenn sie den Ursprung des Windes , des Regens , des Donners , des Weines nicht wußten , so mußte ein Aevlus , ein Jupiter , ein Bacchus der Ur« Heber seyn . Eben so gieng es in der Erkenntniß der Seele . Weil sie die Beschaffenheit ihrer Kräfte und Wirkungen nicht kannten , so ten sie oft die Einfälle ihres Witzes , die Geburten ihrer Einbil - dung für Eingebungen eines Gottes . z . E . der Pallas , des Apollo , der Musen , die Triebe ihrer Neigungen für Wirkungen der Nemesis , der Venus , u . d . gl . Was schließt nun diese Unwissenheit der Heiden aus uns , die wir die Seele mit ihren Leidenschaften besser kennen ?
Hernach ist auch , die Wahrheit zu sagen , in der Medea Worten ausdrücklich angedeutet , daß die sinnliche Begierde , nicht aber ein Gott der Vernunft zuwider sey . Aliudque Cupido , mens aliud fuadet . Was wollen wir noch mehr ? Cupido ist hier nach der Mythologie zwar ein Gott ; aber nach derPhysik oder Morde eine böse Begierde , die aus der sinnlichen Lust entsteht . Was kann nun also der Medea , und aller Verliebten Schwachheit anders bedeuten als daß ihre Sinne starker sind , als ihre Vernunft und Einsicht - und die viehischen Begierden heftiger treiben , als der freye Wille ? Hievon fällt aber die Schuld nicht auf Gott , sondern auf die Gewöhn - heit , Auferziehung , böse Erempel , Nachläßigkeit in Anwendung dien - licher Mittel u . s . w . Man sehe übrigens , was von diesen Worten der Medea video meliora proboque , deteriora fequor , der Herr von Leibnitz in seiner Theodicee , II TH . der lübingischen lateinischen Ausgabe , auf der 848 S . sehr gelehrt und gründlich erinnert hat . G .
Unzählige Personen von beyderley Geschlechte , von welchen die Historie nichts saget , haben sich in gleichen Umständen befunden . Die Liebe hat sie verleitet , tausend Fehler zu begehen , davon sie so wohl die Schande als den Schaden deutlich gesehen ; denen sie vorzukomnien sich bemü - het , indem sie die Vernunft zu Hülse gerufen , und tausendmal gewünscht haben , daß sie nicht lieben möchten . Sie müssen natürlicher weise ge , schlössen haben , daß sie nicht die Ursache ihrer Übeln Aufführung wären , in so fern sie eine gesunde Vernunft und freye Seele belassen , welche die Herrschaft über ihren Willen hätte . Dieser erste Schluß hat sie zu fol , gendem geführt , daß eine äußerliche und alle ihre Kräfte übersteigende Ur , sache sie angetrieben : der zweyte Schluß hat sie einen dritten machen las - sen , daß ein Gott die äußerliche und zwingende Ursache sey . Dieß ist der Ursprung von der erdichteten Gottheit der VcnuS und des Cupido ; und weil man erfahren , daß die Eifersucht , der Neid , der Geiz , die Trunken - heit , die Nachbegierde , und viele andre Leidenschaften Anlaß geben . tausender - ley Dinge zu begehen , welche die Vernunft verdannnet , die auch den wahren Absichten >er Eigenliebe zuwider sind , und die man sich nicht wünschen würde : so hat man die Götter für die Anstifter solcher Dinge gehalten . Man hat sie also nicht darum angeklaget . weil man keine Betrachtungen darüber anstellte ; sondern vielmehr weil man sehr viel darüber nachgedacht , was in unsrer Seele vorgiena . Wenn die Heiden den richtigen Begriff von Gott gehabt hätten , den wir von ihm haben , der uns denselben , al« das allerheiligste Wesen vorstellet ; so würden sie sich vor diesem verwese - nen Urtheile bewahret haben ; da sie aber den Göttern eben dieselben Mängel zueigneten , denen die Menschen unterworfen sind , so hat sie nichts zu glauben gehindert : daß die Götter die Menschen zum Bösen an - trieben , und alles Licht der Vernunft , theils durch eine einnehmende Belustigung , die den Willen zwingt , theils durch einen beschwerlichen Ver , druß , der gleiche Folgen hat , untüchtig machten . Paris hat der Helena gefallen : Jason hat der Medea gefallen . Sie haben an ihre Vereini - gung mit diesen Gegenständen nicht ohne die Empfindung eines unglaub - lichen Vergnügens gedacht , und also haben sie sich nicht ohne Empfindung einer grausamen Marter als von ihnen getrennel ansehen können . Diese Eindrücke haben nicht von ihrer Freyheit abgehangen , und sind derselben nicht mehr unterworfen gewesen , als die angenehme oder unangenehme Empfindung bey dem Geschmacke des Honigs oder der Galle . Alles , was die - ft zwo Frauenspersonen thun können , war , daß sie diesen Regungen die Ver - nunft und Pflicht entgegen gesetzt - schwache Waffen , wenn Pari« und Ja - fön eben dieselben Begriffe und eben dieselben Eindrücke zu erwecken fort - fahren ; weil sie in diesem Falle den Willen über lang oder kur , gen , und dessen Beyfall erpressen werden , so groß auch die Begierde seyn mag . die er haben kann , nicht überwunden zu seyn , und von der Liebe zur Gleichgültigkeit überzugehen . Unnütze Wünsche , eitles Wollen bey sol - chen Empflndutilgen . davon ich geredet habe , und deren Ursache nicht von uns herkömmt . Woher kömmt sie denn ? die Heiden haben sie vergeblich zur Rechten und Linke , , gesucht ; sie haben sie auf dem Erdboden nicht gefun - den , und sie also den Göttern zugeeignet . Sie haben solches auf zwener - ley Art thun können , da sie entweder einen Cupido vorausgesetzt , der die Herzen verwundete , oder daß der Urheber der menschlichen Körper diese ! # ben Theile so künstlich eingerichtet hätte , daß z , E . der Körper Jasons in dem Herzen und Gehirne der Medea diejenigen Bewegungen der Geister reizen konnte , wovon die Liebe mechanisch und unvermeidlich abhanget . Wenn nach diesem letzten Grundsatze die Helena , wenn die Medea liebt geworden : so muß man sich deswegen an denjenigen halten , der die Theile ihrer Körper gebildet und geordnet hat ; eben auf die Art , wie man es . wenn es in einem Zimmer rauchet , wenn der Wind weht , nicht dem Winde , sondern dem Maurer beymessen muß , der den Camin gemacher
Dieß ist ein Abgrund'gewesen , daraus sich die Heiden nicht Helsen kön - nen , und darein sie allezeit haben fallen müssen , so oft als sie den Grund des Widerspruchs haben angeben wollen , der sich unter demjenigen befln - der , was wir thun , und was wir erkennen ; und folglich haben sie , fehl oft darein fallen müssen : denn das menschliche Leben ist fast nichts anders , als ein beständiger Kampf der Leidenschaften mit dem Gewissen , in wel« chem dieses fast allezeit überwunden wird . Das seltsamste und wunder - lichste bey diesem Kampfe ist , daß sich der Sieg sehr oft für diejenige Partey erkläret , welche zugleich die Begriffe , die man von einem ehrlichen Manne hat , und die Erkenntniß beleidigen , die man von seinem zeitlichen Nutzen hat . Ich will glauben , daß es so viehisch dumme Leute giebt , wel - che nicht sehen , daß ihr Leben glücklicher seyn würde , wenn sie die Leiden« schasten nicht in ihrer Brust nährten , die sie darinnen nähren ; allein ich C c e c c i kam ,

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.