Creator:
Bayle, Pierre Gottsched, Johann Christoph La Croze, Maturin Veyssiere
PURL:
https://dibiki.ub.uni-kiel.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:8:2-11516

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Helena .
Ibi Nim alia excogitaiiit Helena e Ioue nata .
Protinus fane in vinum mifit pharmacum ynde bibebant .
Absque dolore et ira , nialoram obliiiionem inducensomnium ,
Qui illnd deglutierit poftquam crateri mixtum erit . v . 219 .
Helena hatte dieses wunderbare Mittel aus Aegypten gebracht ; Poly - damna Theons Gemahlinn hatte sie dasselbe gelehret . Homer saget nicht das geringste von dem Gesässe , worinnen der gemischte Wein sen ist , und also haben Apulejus und Philostratus dabey weiter auf nichts , als die Tugend des Nepenthes gesehen ; und folglich reden sie nicht von demjenigen schönen Gefäße , dessen Diogenes von Laerz gedacht hat , ich will sagen , von dem Hochzeitgeschenke , das Pelops vom Vulean erhalten hatte , u . f . w . Man erinnere sich hier desjenigen , was ich in der ersten Anmerkung gesaget habe , da ich eines Bechers gedacht , welchen Helena der Minerva geweihet hat : und wenn man wissen will , warum ich das barbarische Wort Trater gebraucht habe , so muß ich sagen , daß es darum geschehen ; weil die Wörter , Glas , Reich , Schale , Becher , dasjenige nicht zur Gnüge ausdrücken , was man zurzeit Homers durch Ctatet verstanden hat . Tracer ist ein großes Gefäß gewesen , dessen man sich bevienet bar , nicht daraus 5» trink» ; sondern nur das U ? assir und denU ? ein darinnen ; n vermischen » - - und aus diesem Gefäße hat man den also gemischten rvcin mit einem Be - cher geschopfet , woraus sie ihn erstlich in die Topfe und Fla - schen gegossen , und daraus in die Schalen geschenkt haben . Me - ziriac , über den OvidiuS , pag . wo er dieses beweist , und den Amiot und Vigenere tadelt , welche Crater durch Schale oder Becher übersetzet haben Man merke , daß das Gesäß , davon Diogenes von Laerz redet , vor dem trojanischen Kriege ins Meer geworfen worden , und daß dasje - nige , davon die andern reden , seit diesem Kriege beym Menelaus gewe -
^Jch muß nicht vergessen , baß verschiedene Gelehrte das Nepenthes der Odyssee , zur Materie ihres Wachens und Nachdenkens erkiest haben . Sie haben viel Muthmaßungen gemacht ; sie haben viel Meynungen er - dacht . Man sehe die Dissertation des Peter Petit , Hotneri Nepenthes betitelt , welche zu Utrecht >689 in 8 gedruckt worden ist . Man findet Witz und Wissenschaft darinnen . Der Verfasser redet von einem litanischen Rechtsgelehrren , der eben diese Materie abgehandelt , und sich aller Uebermaße eines ausschweifenden Geistes preis gegeben hat . Ich führe diese Abschilderung an , weil sie die Eigenschaft d«s gezwungenen Wesens , alles , was man gelesen hat , auszukramen , sehr natürlich vor , stellet , und weil man darinnen auch viele leere Erfindungen , das Nepen - thes betreffend , sehen kann . Non morabor hic ftudiofos variis quaeftio - nibus , vt Petrus la Sena , an Nepenthes ex eorum numero esset medi - cainentorum , quae chimica arte parantur , an fimplex quid et Colitis tiaturae proprietate effieax . Vt fcilicet habeat occafionem , quae de artis eius origine et antiquitate legerat , effundendi : qua in difputa - tionc plures onerat paginas , abutiturque patientia Iettorum . Nee minus inanis et fuperfluae operae arguendus ; cum tarn follicite de gemmarum viribus diflerit , cell non fatis exHomeri deferiptione conftaret , Nepenthes plantis efle annumerandum , quod ipfe poftea fa - tetur . Cum etiam profefliis non efle hominis frugi , tempus terere inueftigando , an forte haec Helenae potio ( verba eius refero ) ßayi - u & t , huiusmodi curationis efficaeiam rednuerit , multa nihilo fecius fubiungit de Magia Aegyptiorum , veterumque Medicorum incanta - tionibus , locaque Horner» profert ex Odyflea , quae ad magiam per - tinere exiftimantur , eorum fcilicet teftimonio , qui vt Plinuis , Libr . XXX . cap . L . refert , Protea et Sirenum cantus apud Homeruni non aliter intelligivoluerunt . Tum multa interponit de cratere Helenae , captata occafione fermonis ex quodam Caelii Rhodigini Ioco . Et quid magis ccxfisStewirov , quam de Clematide Aegyptia dicere , quo fcommate Zenonem Cittiaeum folitum peti , quod procero gracili . que et fufco corpore esset , tradit Laertius ? His igitur ( inquam ) quae nihil ad rem attinent , praetermiffis , aio Nepenthes fuifle vnum e ra nafeentibus ; quoddam fcilicet herbae , aut virgulti genus . Petrus Petims in Horner ! Nepenthe , cap . III . zu Anfange , p . 6 . Der Ritter von Mere bildet sich ein , daß das Nepenthes nichts anders , als die zende Unterredung der Helena gewesen ist . Er redet in einem Tractate , da er den Discurs an ein Frauenzimmer richtet , also : „ Ob sich gleich „ Homer von der Beredsamkeit der Helena nicht heraus läßt , da er so viel „ von des Ulysses und Nestors ihrer redet ; so unterläßt er doch nicht , durch „ einen poetischen Kunstgriff zu verstehen zugeben , daß man sie gern aehö - „ ret . Hier ist dasjenige in wenig Worten , was mich so muthmaßen läßt : „ Ulnsses ist lange Zeit nach der Eroberung von Troja unvermögend ae - „ wesen , wieder nach seiner Insel Ithaka zurück zu kommen : sein Sohn „ Telemach hat sich darüber bekümmert , und , um zu erfahren , ob er tobt „ oder lebendig wäre , den Nestor besucht , der ihm nicht berichten können , „ wo er hingekommen war . Von da hat dieser junge Mensch seine Reise „ fortgesetzet , und sich zum Menelaus begeben , wo er die Helena gesehen , „ und mit ihr gespeist hat . Er ist sehr traurig gewesen , und weil diese Prinzeßinn Mitleiden mit ihm gehabt , so hat sie sich einer Zauberkunst bedienet , wodurch ihm das Andenken seiner Widerwärtigkeiten benom - men worden . Diese Zauberkunst , saget Homer , ist ein Saft gewesen , " den sie unter den Wein gegossen , ehe er zur Tafel gebracht worden , und 'dieses Getränke ist von solchem Vermögen gewesen , daß er denselben „ ganzen Tag über unmöglich eine Thrane veraiessen können , so bald er „ dasselbe genossen hatte . Sie hat noch ein Geheimniß gehabt , welches „ sie von der Göttinn der Annehmlichkeiten erhalten hatte . Ihr wisset , „ daß keine Dame den Ton eurer Stimme nachahmen kann : allein wenn „ sie euch gesehen hätte , so würde sie eure Töne und eure Manieren so » . vollkommen nachgeahmet haben , daß man sie für euch gehalten hätte . „ Chcval . de Mere , Difcours des Agremens , p . 140 . Holl . Ausg .
( V ) Äs bat sie ein U ? underrverk errettet . ^ Es hat eine starke Pest in der Stadt Lacedämon gewüthet ; die Götter offenbarten , daß die Gesundheit wieder kommen würde , wenn man alle Jahre eine vornehme Jungfer opferte . Das Loos ist einmal auf die fthone Helena gefallen : allein da man sie zum Altare geführet , so hat ein herzugcflogener Adler das Opfermesser entführet , und es auf eine junge Kuh fallen lassen . Dieß ist eine Ursache gewesen , daß man der Helena Leben geschonet hat . Plut . in Parallelis , p . 314 .
( X ) Man hat sich bemühet , ihre Abbruche ; u entschuldigen , indem man gesagcr , daß sie von den Gottern da ; » geredet wor da» . } Ich habe diesen Punct bereits in der Anmerkung ( I )
rühret z allein es mangelt daran noch etwas . Wenn einige sägen , daß Ve - nus die Entführung dieser Frau angestellet habe , um ihre Erkenntlichkeit ge - aen den Richter zu bezeugen , der ihr bey einem Wettstreite der Schön - heit den Gewinn zugesprochen hatte : so versichern andre , daß sie es ge - than habe , sich wegen einer Beleidigung zu rächen . Menelaus hatte ihr eine Hekatombe versprochen , wenn er die Helena erhalten würde ; allein da er erhalten gehabt , was er gewünscht , so hat er seine Gelübde nicht er - füllet . Venus ist darüber zornig geworden , und hat es zu seiner Be - strafung soangestellet , daß man ihm seineGemahlinn entführet hat . Pta - lem . Hephaeßion . beym Photius , p . 480 . Andre holen die Sache etwas weiter her : sic geben vor , ( siehe den Artikel Egialea , in der Anmerk . ) daß Tyndarus die Venus bey einem Opfer vergessen habe , das er allen Göttern gebracht , und daß es die Venus zur Bestrafung dieser Verachtung , so an - gereget hätte , daß die Töchter dieses Prinzen , zween und drey Männer zu - gleich haben , und ihre Gemahle verladen müssen . DaS kurzweiligste dabey ist , daß eben dieselbe Göttinn , die des Tyndarus Töchter in diese Unordnun - gen qestürzet , demselben ihre Ehbrüche auch vorgeworfen hat . Man will , es Härten ihn diese Vorwürfe so empfindlich gerühret , daß er , um sich zu rächen , ihre Füße mit Ketten habe belegen lassen . Pausanias kann nicht glauben , daß Tyndarus so lächerlich gewesen wäre , sich einzubilden , daß er sich dadurch an der Venus rächte , wenn er eine Bildsäule machen ließ , die er Venus nennte , und an den Füßen fesselte . Allein hierinnen hat die - ser Geschichtschreiber seine Religion nicht gewußt . Er weis nicht , daß die Heiden , bey vielen Begegnungen , ihren Zorn an den Tempeln und Bild - faulen derjenigen Götter ausgelassen , die sie für die Urheber eines un - glücklichen Erfolgs gehalten haben . Siehe die Gedanken über die <£w meten 132 Num . auf der 459 S . der deutschen Ausgabe . Und überdieß , heißt dieses nicht einen Prinzen beschimpfen , wenn man seinen Bildnissen und Bildsaulen übel begegnet ? Man denke an den Zorn deöTheodo - sius wider die Stadt Antiochia . Nichts ist ihm empfindlicher gewesen , als die Beschimpfungen , die man der Bildsäule der Kaiserinn unter wäh» rendem Aufstande angethan hatte . Man sehe auch dessen vom Flechier geschriebene Historie , pag . Z41 . 342 . des Z87 Jahres , Holl . Ausg . Uebri - aens melde ich , daß . wenn ich von denen Vorwürfen geredet habe , die dem Tyndarus von der Venus gemacht worden , ich nur die Meynung einiger Neuen» vorgebracht habe , denen die Übersetzung deö Pausanias zum Steine des Anstoßes geworden ist : es ist gewiß , der griechische Text enthält nicht , daß diese Göttinn dem Tyndarus dergleichen Vorwürfe ge - machet hätte . Diejenigen , welche die griechische Sprache verstehen , wer - den sehen , daß ich mich nicht bekriege , tov yx ? $ , j irtgov * iym , «c ? > , »
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uhm & cm njv 0£ov . Dieß heißt nach des Amajaus Dolmetschung . Narn veam vleifei vohtifle compedibus ( funt enim qui hoc etiam memo - riae prodiderint , ) exprobrantem ( * ) illi filiarum adulteria , vt eres dam , adduci non polTum . Quam enim ridiculum , fi putafl'et ab effi - gie , quam e cedro feeiflet Veneris nomine , inieöis compedibus poe - nas expeti pofle . Sylburgius übersetzet dieses so : Narn profeÄo tto . lidiim omnino foret , fadto e cedro fimulacro , et Veneris nomine ei indito , putare fe hac ratione vlcifci .
( * ) Diese zweydeucigen Worte , die aber viel deutlicher die Vorwürfe bedeuten , die von der Venus gemacht worden , als die man der Venus macht hat , haben einige Schriftsteller betrogen .
( V ) ^ierxu bestimme ich eine Anmerkung . Z Betrachtung über die Gewohnheit unter den Heiden , zu sagen , daß die Götter zum Bösen reizten .
Menelau« hat in der Antwort auf die harten Vorwürfe des Peleu« sich erkläret : daß der Helena Wille nicht Ursache an den Abentheuer» wesen , die ihr in ihrem Leben aufgestoßen , sondern daß man sich dießsalls an den Willen der Götter halten müsse .
e'a & h ä * inSx9w' ix fxaff * eckf ! ix 0<«v .
Helenae verovenit in aernmnas non volens , fed diuinitui .
Euripid . in Andromeda , v . 680 . p . 522 .
Dieß ist eine fthr gewöhnliche Sprache unter den Heiden . Sie haben dem Glücke , das ist Gott , nicht allein ihre bösen Begegnungen , sondern auch ihre Fehler zugeschrieben . Diese Zlusflucht oder dieser schlimme Trost hat ihnen allezeit bereit geschienen ; sie haben so gleich Zuflucht dazu genommen . Plutarch belehret uns dieses , wenn er einige Verse anführet , die etwas , was ein Vater zu seinem Sohne sager , und die Antwort des Sohnes enthalten :
SouventmonFilsleshabitans Sehr oft , meinSohn , ist es deS HiM - -
des Lieux , Niels Schluß ,
Font trebuches les homzne« Daß auf der Welt der Mensch auch seh - foucieux . len MUß .
Die Antwort ist gewesen : ll n'ya rien pour fa faute ex - Nicht« leichter ist , von Schuld uns zu
cufer befreyen ,
Si a la main que les Dieux Als über die Gewalt der Götter ftech accufer . zu schreyen .
zu schreyen .
Ich bediene mich der Uebersetzung AmiotS , und ich will beyläufig beob - achten , daß das Beywort foucieux , das er in den andern Vers gesetzet hat , ein Flickwort ist , welches ihm die Notwendigkeit des Reims abgepresser , und nicht den geringsten Grund in dem Originale hat . Man halte das Griechische ein wenig gegen die französische Dolmetschung , so wird man finden , daß ich recht habe .
17s» . ' , i rfevov , rtpäAvftv ivfyaruf Gml .
Tc fSrov nsr« ; , cthi & tvctoban @c» ( .
Multis homines in rebus deeipiunt Dii ,
Mea proles , atque dura concihant mala .
FX L . Dixi id , nihil quo facilius didVu eft , Deos
Incufant . Plut . de audiend . Poeti« , p . 20 . D .
Vielleicht wird man sich einbilden , daß die große Leichtigkeit , die man daben gefunden , wider die Götter Klagen zu erheben , die Menschen ge - reizt hat , sich dieser Ausflucht ohne Untersuchung und ohne Betrachtung zu bedienen , und daß eS eine von den ersten Bewegungen gewesen , die in
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