Creator:
Bayle, Pierre Gottsched, Johann Christoph La Croze, Maturin Veyssiere
PURL:
https://dibiki.ub.uni-kiel.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:8:2-11338

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Hamadryaden .
ein Sohn Jupiters und der Callisto hat in einem Holze gejaget , als er eine Hamadryas angetroffen , die ihrem Untergange nahe war ; denn der Baum , mir welchem sie war gebohren worden , hatte an den Wurzeln , durch das Wasser eines Flusses , großen Schaden gelitten . Sie hat den Arkas gebethen , sie zu retten : er hat ihr diese Gunst zugestanden , indem er den Lauf dieses FlnsseS abgeleitet , und den Baum wieder beschüttet hat . Die Nymphe ist nicht undankbar gewesen : sie har ihm alles er , laubet , was man die letzte Gunst nennet , und zwei ) Kinder von ihm ge - habt . Sie hat Prospelea geheißen . Aus des Natalis Comes Mythol . Libr . V . cap . XI . p . m . 465 . 466 . Er saget , daß Charon von Lampsakus dieses geschrieben hatte ; allein , da alle Schriften dieses Autors verloh - ren sind , so hätte Natalis Comes denjenigen nennen sollen , der den Cha - ron von Lampsakus anführet . Man findet in des Paufanias VIIIB . IV Cap . 604 S . weiter nichts , als daß Arkas mit einer dryadischen Nymphe verheirathet gewesen , die Erato geheißen , und ihm drey Knaben gebohren hat . Man könnte hieraus schließen , daß , ob gleich die Hama - drynden ihre Eiche , ihre Fichte , u . s . w . nicht zu überleben vermocht ; sie doch zuweilen sich von denselben absondern können : und wenn diese Fol - gernng zweifelhast wäre , so könnte man sie durch eine Stelle Homers be - stängen , die uns belehret , daß diejenigen Nymphen , die zugleich mit den Baumen entstehen und untergehen , die Wollust der Liebe in den Holen mit den Silenen genossen haben .
Tfti Si £ / Ai»vb< re hsh1 futr * ° * o< Afy«$6vTijC Miayovr' ev / ■ " >%« ffwf / oiv igthrav .
Cum his gutem Silenique et bonus explorator Argicida , Mifcentur in amore in recelTu fpeluncarum amabilium .
Homer . Hymn . in Vener . p . m . 85 ? .
( C ) Diejenigen , die keine Acht ans ihr - t - Bitten ten , f > , find deswegen gestraft ! worden . Z Apollonius er - zählet , daß des PeribäuS Barer über sich und seine Kinder einen sehr harten Fluch geladen habe , weil er einen Baum umgehauen , den eine Nymphe zu verschonen gebethen hatte . Diese Nymphe hatte viele Jahr - hundert in diesem Baume gelebet . Wir haben oben die Bitte gesehen ; hier ist die Folge :
Aurscf S Ttjy yi
«tfttfjev , ceytfveglif vUmrot .
Tm S' iget ntxegifi y itbgi - j Autü tetrftetiv .
Eam tarnen ille Incogitate fuccidit per iuuenileni peftilantiam .
Qjamobrem inutile deinde manupretinm nympha Et ipfi perfoluit et generi .
Apollon . Rhod . Libr . II . v . 482 . p . 193 .
( D ) iBs bat i t t nidbts so lange gelebet , als diese Gat , tung von Lymphen . ] AnsoniuS berichtet uns dieses in folgenden Versen , die eine Übersetzung des Hesiodus sind :
Ter binos deciesque nouem fuper exit in annos ,
, Iufta fenefcentnm quos implet vita virorura .
Hos nonies fuperat viuendo garrula cornix :
Et quater egreditur cornicis fecula ceruus .
Alipedem ceruum ter vincit coruus : et illum Multiplicat nouies Phoenix , reparabilis ales .
Quam vos perpetuo decies praeuertitis aeuo Nymphae Hamadryades : quarmn longiffima vita eft . Hi cohibent fines viuacia fata animantum .
Caetera fecreti nouit deus arbiter aeui Tempora . Aufon . Edyll . XVIII . p . m . xzz .
Das Gedichte des Hesiodus , darinnen sich diese Lehre befindet , besteht nicht mehr ; allein man kann ein mangelhaftes Stück davon , in einem Tmetate Plutarchs sehen : ein mangelhaftes Stuck , sage ich , das nur fünf Verse enthält . Wir wollen diese Stelle Plutarchs nach der la - teinischen Übersetzung anführen : wir werden darinnen erfahren , daß es Heiden gegeben , welche die Sterblichkeit der Gottheiten , von dem an , dern Range , behauptet haben : Hefiodus pure et diftinck primus quatuor genera praeditorum ratione expofuit : " primum deos , deinde genio» , poft heroes , denique homines - - - vero certis tem - poruni conuerfionibus mortem geniis obtingere cenfet , et tempu» ctiam fub inuolucro proponit , haec fub Naides perfona loquens :
Quanta homini eft aetas vegeto dum corpore durat ,
Ter tres aetates humanas garrula cornix ,
Viuax cornicis complet ceruus quater aeuum :
Triplicat et cerui viuendo tempora coruus .
At feclutn corui nouies compleflitur aetas Phoenicis , ftd vos , foboles formofa Tonantil ,
Nymphae , Phoenicis decuplos duratis in annos .
Hoc tempus in numerum ingentein extendunt , qui aetatem feu ae . mim non refte aeeipiunt . eft enim annus intelhgendus ; et fit totura fpatium vitae geniorum anni 1 x ciZ 1 zccxx . Acmulti quidemMa - thematicorum minus id ponunt : longius ne Pmdarus quideiti , diu Nymphas ait viuere aeuum tanti temporis , quantum durare arbor poteft , indeque Hamadryadas , quafi cum querutbus viuentes , dich Plutarch . de Oracul . Defefl . pag . 520 . 521 . Tom . I . Ausg von 1592 . Plutarch verdienet einigen Tadel , weil er den Vers nicht angefuhret har ; worinnen Hesiodus die Dauer des menschlichen Lebens bemerket hat ; denn dieses wäre die Richtschnur aller folgenden Rechnungen gewesen . Ich kann voraussetzen , daß Hesiodus diese Dauer bemerket gehabt , weil sein Uebersetzer im Anfange saget , daß das Alter des Menschen 96 Iah - re begreife . Nachdem dieses Ziel einmal fest gesetzt ist , so kann man rech - nen , wie lange die Hirsche , die Raben u . s . w . leben ; und man findet , daß die Krähe «64 Jahre , der Hirsch Z456 , derRabe ioz63 . der Phönix 9ZZ12 , und die Hamadryas , neunmal hundert und drei ) nnd dieyßig tausend , hun - den und zwanzig Jahre lebet . Alle« dieses ist lächerlich , und Plinius hat Grund , eS als fabelhaft zu venverfen . De fpatio atque longin - quitate vitae hominum , non locorum modo fitus , verum exempla , ac fna cuique fors nafeendi incerttnn fecere . Hefiodus , qui primus aliqua de hoc prodidit , fabujofe ( vt reor ) multa de hominum aeuo referen» , coinici nouem noßras attribuit aetatei , quadruplum eiu»
ceruis , id triplicatum coruis . Et reliqua fabulöfius in phoenice , ac Nymphis . Plin . Libr . VII . cap . XLV'III . p . 75 . Wenn man die Sache auf die kleinste Rechnung bringen wollte , nämlich dasjenige , daß man dem Alter eines Menschen nur ein Jahr gäbe , ( das heißt voraus - zusetzen , wie in der Stelle Plutarchs , daß Hesiodus durch das Wort ge . nea , ein Jahr verstanden habe , ) so wird man des Hesiodus Lehre , in Ansehen der Hamadryaden , falsch befinden ; sie können nur so lange , als die Bäume leben . Nun findet man keinen Baum , der 9720 Jahre stehen könnte . Was Plinius von der langen Dauer auderer Bau - me , in des XVI B . XLIV Cap . anführet , dasjenige , was andere von der Eiche zu Mamre sagen , ( siehe die Anmerkungen ( G ) , bey den keln Abraham und Barcochebas . ) und hundert andere Mährchen von dieser Art , wenn sie auch so wahrhaft wären , als sie zweifelhaft sind , würden nichts wider wich beweisen .
Man merke , daß der Poet Statius voraus setzet , daß die dem Tode unterworfenen Halbgötter , nicht so lange leben , als die Bäume . Er ge - denket eines Holzes , welches die Erneuerung seiner Dryaden und seiner Faunen gesehen habe ; nyd daß man es mit denjenigen alten Schlössern vergleichen könne , die den Vätern , den Söhnen , den Enkeln u . s . w . zur Wohnung gedienet haben .
Stat facra fene & ae Numine , nec folos hominum transgrefla veterno Ferturauos , Nymphas ctiam mutafle fuperftes , Faunorumque greges . Stat . Theb . Libr . VI . v . yz .
Er redet an einem andern Orte ein wenig anders ; denn er setzet voraus , daß der Baum sterbe , wenn die Hamadryas zu leben aufhöre :
Quid te , quae mediis feruata penatibtis , arbor ,
Tefta per et poftes liquidas emergis in auras ?
Quo non fub dömino faeuas pafliira bipennes ?
Et nunc ignaro forfan vel lubrica Nais ,
Vel non abruptes tibi demet Hamadryas annos .
Ebendas . Silua III . Libr . I . v . 59 . p . m . 14 . 15 .
Uebrigens ist es den Heiden nicht schwer gewesen , ' sich einzubilden , daß es Nymphen von dieser Gattung gegeben hat ; denn sie haben sich ehr - würdige und andächtige Gedanken von den Bäumen gemacher , die sie für sehr alt gehalten , und deren außerordentliche Größe ein Zeichen ih - res langen Lebens gewesen ist . Ennium ficut facros vetuftate Iucos ad . oremus , in quibus grandia et antiqua robora iam non tantam habent fpeciem , quantam religionem . Qiiintil . Libr . X . cap . I . p . m . 471 . Es ist leicht gewesen , von da weiter zu gehen , und zu glauben , daß sie die Wohnung einer Gottheit gewesen . Man hat ein natürliches Götzen - bild daraus gemacht ; ich will sagen : man hat sich eingebildet , daß sich , ohne Hülse der Einweihungen , welche die Gottheit in die Bildsäulen vom Himmel herunter bringen , der sie gewidmet sind , eine Nymphe , ei - ne Gottheit , mit diesen Bäumen auf das genaueste vereiniget hätte . Die Eiche , die Erysichthon umgehauen , ist wegen ihrer Größe und ihres Al - ters verehret wordein man hat sie als einen geheiligten Ort geschmückt ; man hat die Zeugnisse von dem guten Fortgange seiner Andacht , und die Denkmäler eines erhörten Gelübdes daran aufgehangen :
Stab# in his ingens annofo robore quercus Vna , nemus : vittae niediam memoresque tabellae ,
Sertaque cingebant , voti argumenta potentis .
Quid . Metam . Libr . VIII . . v . 746 .
Darf man sich wohl verwundern , wenn sie für die Wohnung einer Ha , madyras gehalten worden ? *
* Daß diese Hochachtung gegen die großen , alten und dicken Ei - chen sehr alkgemein gewesen , erweist unter andern auch die alte preußische Historie . Zu Romove hat , nach dem Berichte der ältesten Geschichtschreiber , eine solche alte Eiche gestanden , die den alten Gö» . tzen dieses Volkes zum Tempel gedienet . Es hießen dieselben Per - kumus , Pikollus und PottimpoS ; und der berühmte Hartknoch bat in der Beschreibung dieses Gottesdienstes nicht vergessen , die Aehn - lichkeit desselben , mit der alten Griechen ihrer Hochachtung gegen die Eichen , zu zeigen . Erasmus Stella schreibt davon : Praecellen - tes Arbores , vt robora , quercus , Deos inhabitare dixerunt , ex quibus feifeitantibus refponfa reddi audiebantur : nec huiusce - modi arbores , caedebant , fed religiofe vt numinum Deos ( ich glaube , es soll domos heißen , ) colebant . Es nimmt mich Wun - der , daß man sich nicht auf die dodonaischen Eichen besonnen , die dem Jupiter heilig waren , und wo gleichfalls Orakel gegeben wur - den . Man sehe von den heiligen Eichen in Preußen , deren über - Haupt viere gewesen , Hartknochen , in Seledtis Din'ertationibus Hi - ftoricis de variis rebus Pruflicis , DilT VI . de Loc . diu . cult de . ftin . § . II . III . Bey dieser Gelegenheit kann ich nicht unange - merkt lassen , daß Peter von Duisburg , der Urheber des chronic ! Prufliae , ein Priester des deutschen Ordens , im vierzehnten Jabr - hunderte , den Namen des Stadtchens Romove , von Rom herleiten will . Seine Worte sind , Chron . Prufl : P . III . C . V . de Idolol . et ritu et mor . Pruthen . p . 79 . Fuit autem in medio nationis hu . 111s peruerfae ; faheet m Nadrouia , locus quidain diäus Ro - mow , trahens nomen fuuir . a Roma , in quo habitabat quidam , dictus Kriwe , 1quem colebant pro Papa etc . Eben das soll ein ungenannter Verfasser einer preußischen Chronike schreiben , wie Hartknoch im oben angeführten Orte , pag . 112 . seine Worte anfüh - ret : aber die Stelle , da die große Eiche war , darinnen die drey Abgötter waren , und der hohe Priester seine nung hatte , die hießen sie Romowe , nach Rom . Wer sichr hier nicht die Einfalt eines guten Papisten , der sich einbildet : sein Rom und sein Pabst sey auch unter den heidnischen Völkern so bekannt und im Ansehen gewesen , daß sie auch den Ort ihres Gottesdienstes nach Rom benennet ? Den alten Preußen hat man mit dieser Etymologie gewiß Unrecht gethan , und diejenigen , die das Littaui« sche , als die alte preußische Sprache verstehen , würden uns leicht eine andere Ableitung dieses Wortes anzugeben wissen .
Den Aberglauben , wegen der Hamadryaden anlangend , will ich eine Muthmaßung wagen , die vielleicht einigen Lesern nicht unange - nehm seyn wird . Einem philosophischen Kopfe kömmt hier leicht die Frage ein ; warum doch die Alten nur den Eichbänmen solche
Nymphen

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