Creator:
Bayle, Pierre Gottsched, Johann Christoph La Croze, Maturin Veyssiere
PURL:
https://dibiki.ub.uni-kiel.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:8:2-11305

„ Stunde zurück halten können , ja warum nicht noch länger ? Ein an - „ dächtiger Papiste kann wohl , nach eingenommenem Frühstücke , mit sei - „ ner Mittagsmahlzeit bis Nachmittage warten , warum sollte er denn nicht „ eine ganze Woche sastcu können ? Warum mcht einen Monat ? Warum «nicht so lange Zeit , als Eva , des Meurs Tochter ? , , Nach diesem ant - worret er unter andern Dingen , daß derApostel Paulus , i Corinth . VII , 5 . da er den Verchlickten erlaubet , sick eine Zeitlang mit beyver Se , willigung einander zu entziehen , daß sie zum Lasten und Bechen Muße haben , ihnen befiehlt , auch wieder zusammen zu kommen , daß sie ver Saran nickt verführe um ihrer Unkeusckheit willen . Die Voraussebung , daß man sich etliche Tage enthalten kann , machet keine Folge , daß man sich seine ganze Lebenszeit enthalten könne . XPo eine Unmoglickkeit , wirst man dem Hall , pag . 76 . ebendaselbst ein , oder eine Nothwendigkeit ist , da ist keine Sünde , kein Rath ; eben wie kein Mensch sündiget , daß er keine neuen Sterne ma - ckcr , »Oer tvunder rhut . Cr antwortet pag . 77 . „ daß dieses ein altes „ Argument sey ; das dem Augustin und Prosper von den Pelagianern „ oft vorgerückt worden . , . Man wirft ihm auch noch diese« pag . 78 . vor . Der Vater kann fein Rind nickt der Unkeusckheit beschuldigen , die Enthaltung ist etwas unmögliches . Sich mit einem Ehman - ne oder nur einer Uihfrau zu versehen , ist kein Xverk , da« nur in einer Stunde geschieht ; und was werden sie unterdessen machend Man ziehe den XXI Brief der allgemeinen Critik des Maimburg p - 707 . zu Rothe . Gewiß , antwortet er aufder 78 S . der Schuhschrift für den Eh - stand der Geistlichen : „ diese Person scheint von denjenigen Landschaften „ seiner Religion zn reden , wo sie so hibig sind , daß man zum wenigsten „ einem von beyden Geschlechtern Hurhäuser erlauben muß : was ist es nicht „ überdieß für eine seltsame Gewalt , die er sich vorstellt ? Wie unser Ju - „ nius seinem Bellarmin in vergleichet« Falle geantworter hat : Hic ho - „ mo fibi videtur agere de equis admiflariis ruentibus in venerem , et „ de hippomane , non de hominibus ratione praeditis . Er redet , als „ wenn er mit Hengsten zu thun hätte ; nicht mit Menschen , nicht mit „ Christen , unter welchen man eine geziemende und anstandige Ordnung „ und eine gehörige Acht auf die Zeit und Dinge voraussetzen muß , wie „ sie sich schicken und nützlich sind . , , Endlich wirft man ihm die Fälle der Ehscheidung vor : Der Mann und die Frau werden wegen ei - nigcr Awierrackt oder Rrankheit gesckieden : was sollen sie nun thun i Es ist diesem Manne unmoglick , in der Enthaltung zu le - den : ick antworte , wenn sie sick bloß nack ihrem lvillen schei - den , so muß er der Norhwendigkeir weicken . Die Zwietrackt darf sie nickt von dem nothwendigen Mittel der Sünde befreien oder abhalten : wenn es die Notwendigkeit ist , so finden sie in ihrem Gcbcthe Trost , wenn sie denjenigen anrufen , der sie durch seine - Hand zur Enthaltung ruft , so wird er sie auck erhören und wird ihnen Mittel geben , darinnen zu beharren . Und warum denn nickt auck in der Nothwendigkcit unserer Gelübde i Diest ist eine Notbwendigkeit , die nur von unserer Erfindung her - kommt , jene kommt von ihm selbst her . Er iff verbunden , seine eignen Versprechungen zu halten , und nicht die unsrigen . Eben - daselbst . 79 , 80 S .
Ein jeder , der diese Antworten Halls ohne Vorurtheil prüfet , wird sie ziemlich schwach finden . Dieses ist in Wahrheit ein Gefechte , wel - che ? dem Gefechte eines Feldherrn gleich ist , der allzuweit in da« feind - liehe Land gegangen , und sich nicht anders , als mit Verlust des Nach - truppes , zurück ziehen kann . Ein jeder Geistlicher , welcher bekennet , daß die Enthaltung die menschlichen Kräfte übersteigt , und diesen Grund an - führet , warum er sich verheirathet hat , wird die Zeit sehr verdächtig ma - chen , die vor seiner Hochzeit hergegangen ist , eine Zeit , da er noch viel jünger gewesen , als da er eine Frau genommen hat . Denn wenn er sich zu dieser Zeit zu rechtfertigen , anführte ; daß er ohn : Liebe gelebt harte , daß er aber endlich , da ihn eine gewisse Frau durch gewisse in der Natur befindliche Mitleidenschaften und durch gewisse Gleichheiten unter den Gegenständen und den Kräften gerührt , ( Siehe die Anmerkung ( l ) des Artikels Larel ) der Stärke beraubt worden , sich zu enthalten , die er zuvor gehabt ; wenn er sich , sage ich , einer solchen Vertheidigung be , dienle , so würde er sich sehr beschwerlichen und verwirrten Fragen aussehen . Wie habet ihr es , würde man zu ihm sagen , seit dieser unvermeidlichen Begegnung angestellt , die euch verliebt gemacht hat ? Vielleicht seyd ihr fünf oder sechs Monate , auch wohl ein Jahr beschäftiget gewesen , um den geliebten Gegenstand anzuhalten , und mit den Anverwandten die Bedingungen in Ordnung zu bringen . Eure Liebe hat euch der Enthalt tung beraubt ; also müsset ihr in Unordnung gefallen seyn ; allein was hat - tet ihr gethan , wenn euch eine verheirathere Frau durch dergleichen Mit , leidenschaften , oder durch dergleichen Gleichheiten gerührt hatte , davon ihr redet ? Hättet ihr euch da wohl enthalten können ? Wenn dieses ist , so können die Liebe und die Enthaltung nicht bey einander stehen , und ihr fallet in einen Widerspruch . Hättet ihr euch nicht enthalten können , so wäret ihr entweder in einen wirklichen Ehbruch , oder wenigsten dem Willen nach verfallen . Allein wenn nach eurer Heirarh eure Magd , die vielleicht jün - qer und schöner , als eure Ehfrau , seyn könnte , sich in Ansehung eurer in solchen Gleichheiren befände : so würdet ihr in sie verliebt und folglich un , vermögend seyn , euch zu enthalten ? Eben dieses wird sich eräugen , wenn sich eine verheiratete Frau in denselben Verhältnissen befindet ; und also kann man aus eure Tugend feine Rechnung machen : man muß alle Tage einiges Aergerniß von eurer Aufführung befürchten , oder wenigstens euch als eine Person ansehen , deren Tugend von einem bösen Grunde unterstützt ist . Es ist gewiß , daß ein Mensch , den seine Profeßion ver - bindet , nicht allein unsträflich zu leben , sondern auch für keusch gehalten zu werden , nicht ohne Schaam bekennen kann , daß er sich verheirathet , weil es il , m unmöglich gewesen , sich zu enthalten . Man muß sagen , daß man es wobl gekonnt hätte , und daß man nur eine Frau genommen , um Kinder und eine häusliche und vertrauliche Gesellschaft u . d . m . zu haben . Wir wollen schließen . daß die Streitigkeit vom ehlosen Stande Nicht wohl
St xÄrunq Heinricks des III , Robert
te , re , ' der berühmte Älsckof zu - ^ncoln , ^7 s " ner Be^ckung der Rloster gezrvunqen gewesen , die JiMgfcrschaft ihrer Nonnen durck Drückunz ihrer Zeitstc 5» prüfen , «g
Matthäus Paris schreibt Hift . Angl« . Hcnr . IM , pag . 1085 . Et
Halt . 733
quod indigtutm est feribi , ad domos religioßnim veniens facit expri - mi niammillas earundeni , vt fic Phyfice , etc .
Uebrigens hat man nicht allein in den protestantischen Gemeinschaften die Unmöglichkeit der Enthaltung geglaubt : es sind auch Römischkatho , lische gewesen , die eben diesen Gedanken gehabt ; denn sie haben der Geist« lichen gespottet , die sich des Ehbruchs und der Hurerey enthalten , und sie entweder für Verschnittene oder für Sodomiten gehalten ; und es hat Kirchspiele gegeben , wo man von dem Pfarrer erfordert hat , daß er eine Beyschläferinn haben müssen : man hat nicht geglaubt , daß die Ehre der Frauen ohne dieses in Sicherheit sey , und auch dieses hat sie noch nicht außer Gefahr gesetzt . Nicolas von ClemangiS erzählet uns diese Dinge : Taceo de fornicationibus et adulteriis QClericorum' ) , a quibus qui alieni funt , probro caeteris ac ludibrio efl'e folent , fpadonesque aut Sodomitae appellantur , denique Laici vfque adeo perfuafum babent nullos Coelibcs efle , vt in plerisque parochiis non aliter velint Pres , byterum toierare , nifi Concubinam habeat ; quo vel fic fnis fit con . fultum vxoribus , quae nec fic quidem vfque quaque funt extra peri - culum . Nicol . de Clemangis , de Praefulibus Simoniacis , p . m . i6y . col . 1 .
( G ) Man eignet ihm ein Buch ZW , betitelt , Mundus alter et idem . 1 Dieses ist eine finnreiche und gelehrte Erdichtung , worinnen er die bösen Sitten verschieden ? Völker beschreibt , die Völlerey der einen , die Un - keuschheit der andern , u . s . w . ; der Hof zu Rom wird darinnen nicht ae - schont . Der Urheber hat dieses Buch ausgelebt , in währender Zeit ee sich auf die schönen Wi»enschaften gelegt , da er sich nach diesem der Got - tesgelahrtheit beflissen , so hat er es liegen lassen , und es als eineKleinia - feit angesehen ; allein Wilhelm Knighr , sein Freuud , hat : nicht auf diese Art davon geurtheilt ; er hat es so würdig gehalten , das Licht zu sehen , daß er es herausgegeben , ob er gleich demjenigem zu misfallen befürchtete , der es verfertiget , und ihm das Manuscript davon anvertraut hatte . Dieses leget er weitläuftig in seiner Vorrede aus . Ich kann nicht sagend in welchem Jahre er es heraus gegeben hat . Ich habe nur die Ausgabe von Utrecht , >6qz , in 12 . davon , welcher man wegen Aehnlichkeit der Ma - terien die Sonnenstadt des Campanella , und die neue Atlantis des Kanz - lers Bacon beygefüget hat . Das Werk Joseph Halls ist in vier Bücher eingetheilt und mit Landkarten versehen , es enthält 213 Seiten irr dieser Ausgabe von Utrecht . Man wird vielleicht das Urtheil des Naude mit Vergnügen sehen . Er saget , nachdem er der Utopia des Thomas Morus und der Sonnenstadt erwähnet hat : Vltimum vero AnaIi nefcio cuius Mundus alter et idem , non ita dudum prodiit aut venu® Satyra aduerfus deprauatos praefentis feculi mores ; in quo dum fingulas ftationes finguli« vitiis adfignat , gentesque illas incolentes ac loca ipfa , contorticulatis ingeniofe , fiflisque ex cuiusque rei natu» voeibus adpellat , non inepte raeo iudicio Poneropolitn inftituif , quae ad hilaritatem non minus homines excitare , quam ad virtutem inflam - mare polfit . Naudaeus , Bibliograph . Politic , pag . 517 . des CreniuS Ausgabe , von
( H ) Er hat die Reist» der englisckcn Edelleute in fremde der nickt gebilliget , und hat ein 25uck gemackt , welches er dem Adel zugesckriebcn . ^ Dieses Buch ist in der Uebersetzung JaquemotS , 1628 zu Genf gedruckt , also betitelt : Quo Vadis ? ou Cenfure des Voyages ainfi qu'ordinairement ils font entrepris , par les seig - nevrs et gentils - hommes . Es ist dem Eduard Denny , Baron von Waltham , dem Vater desMylordHaym , zugeschrieben , wel - clxr Abgesandter in Frankreich gewesen , und in seinem Gefolge bey dieser Gesandtschaft unter andern Personen auch unser» Joseph Hall gehabt hat . Es giebt Schriften für und wider diese Materie : der llrheber ist nicht der einzige , der sich über das Uebel beklagt , das die Reisen verursa - chen . * Thomas Lansius , in seinen Reden de Principatu inter Pro - uincias Europae , hat etlichemal wegen dieser Materie geeifert , Justus Lipsius hingegen hat in seinen Briefen das Reifen gebilliget , und des - wegen sehr gute Unterweisungen gegeben . Man sehe seinen XXII Brief be« ersten Hunderts .
* So viel Ursache der gute Hall gehabt haben mag , über die Reisesucht seiner jungen Engländer zu klaqen ; jö glaube ich doch , daß man bey uns noch größere Ursachen hat ; wenigstens heute zn Tage . I . Wenn junge Engländer in fremde Länder gehen , so ist es , in Ansehung der Unkosten , eine Sparsamkeit für sie ; weil sie allent - halben , wo sie hinkommen , wohlfeiler leben können , als zu Haufe' Bey uns Deutschen hergegen ist es ganz das Gegentheil ; weil man in Holland , England , Frankreich und Welschland so wohlfeil an . möglich davon kömmt ; sondern alles doppelt , ja dre , , «fach teurer be , zahlen muß . als bey uns . II . Ist die Verderbniß der Sitten in England , wo nicht größer , doch wenigstens eben so groß , als in Franko reich und Italien : folglich lernet ein junger Engländer in derFrem - de nicht viel neues , was er nicht zu Hause auch schon genmßr hätte . Ganz anders ist es mit unserer deutschen Jugend bisher gewesen ; die gewiß >N unserm Baterlande den Grad von Ueppigkeit , Ver - schwendung , und Ruchlosigkeit noch nicht gesehen , oberschen können , den sie in der Fremde antrifft , und als was ausiändijches begierigst lernet und annimmt . Nimmt man nun III , »och die Begierde , in parisischen Moden gekleidet zu seyn , dazu , die bey den Engländern bey weitem so groß nicht ist , als bey unfern Deutschen ; indem jene noch allemal nack ihrer Rückkunft bey ihrer englischen Tracht bleiben - so sieht man offenbar , daß unfre jungen Herren vielmehr Geldin Frank , reich sitzen lasten ; indem keine Thorheit ist . die sie nicht mir machen , «uifs theuerste bezahlen , und hernach , als die einzige Frucht ibrer Reisen , wieder mitbringen . Endlich IV wird ein junaer Enaländer , als ein Liebhaber der Freyheir und seines Vaterlandes , nimmermehr eine so närriw Hochachtung gegen diese zugleich eitle und sklavische Nation mit nach Hause bringen ; als unsere Deutschen mimibrin . gen pflegen , als denen hernach alles anstinkt , was nicht parisisch riecht , und die eine so niederträchtige Abgötterei , mit Frankreich trei . ben , daß sie sich auch ihres eigenen Vaterlandes schämen . Was noch in politischen Absichten für seltsame Folgerungen , aus dieser abgeschmackten Hochachtung gegen die französische Nation , Sprache , Lebensart , Speise und Kleidung erwachse , das leidet hier der Raum nicht auszuführen . Gute Patrioten sehen die Folgen davon in den itzigen Zeitläuften zur Gnuge . Es haben auch unsere Vorfahren daher diese Reisesucht schon zur Gnüge bedauret . Unter andern ist schon vor sechszig Jahren , nämlich lös - , ein Tractar davon heraus - 2i 33 3 gtkom -

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.