Creator:
Bayle, Pierre Gottsched, Johann Christoph La Croze, Maturin Veyssiere
PURL:
https://dibiki.ub.uni-kiel.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:8:2-11269

Haillan .
7 - 9
„ deucht nicht , daß ihr eine goldene Feder habet ; denn ihr hättet euch „ dieselbe schon längst durch den Schnabel ziehen lassen . , » ^
( ^l ) Man konnte über das Sildniß Ves Du - Haillan , eine so große Anzahl Vetrachmiigen machen , daß es niemand übel men rvird i wenn ich einige darüber mache . ]
Betrachtung über den gewinnsüchtigen Geist derer , die dem gemeinen Wesen dienen .
Man kann dieses nicht leicht ohne Beysügung einiger Betrachtung vorbeygehen lassen . Wenn jemand fragen sollte , ob diejenigen , welche öffentliche Aemter verwalten , so gewinnsüchtig sind , als die Diener ei - ner kleinen Privatperson ; so möchte es anfänglich scheinen , als wenn eS eine abgeschmackte Frage wäre . Allein nach einer guten Prüfung wird man hier eine wichtige Frage finden , man wird sich so gar für die beja - hende Meynung erklären . Man betrachte nur ein wenig die gedruckten oder ungedruckten Erzählungen der Zeitungsschreiber , und die Unter« - düngen solcher Personen , welche die große Welt lange Zeit gesehen ha - ben : man ziehe die Geschichtschreiber zu Rathe , die sich am meisten in eine umständliche Beschreibung einlassen , vornehmlich aber lese man die - jenigen wohl , welche Nachrichten herausgeben . Wenn man alles dieses wohl verrichtet , so zweifle ick nicht , man werde zugeben , daß ein armer Lackay gewisser maßen weniger gewinnsüchtig und eigennützig ist , als die meisten Personen , die entweder in dem Hause der Prinzen sind , oder in dem Staate große Aemter besitzen . Diese kann man fast niemals ver - gnügen ; sie sind allezeit bereit , neue Ebrenstellen und größere gen zu erbetteln , sich über die geringen Belohnungen zu beklagen , ihre Dienste herauszustreichen , zu murren , wenn man sie vergißt , da man doch an andre gedenket , zu drohen , daß sie weggehen wollen , ihr Misver - gnügen durch schnödes und verwegenes Verfahren zu zeigen , u . d . m . Solche Herren halte« , es sich für desto erlaubter , prächtige Belohnungen zu erpressen , da sie in der Einbildung stehen , daß ihr Herr , ein König oder Regent , mit einem Worte , das gemeine Wesen nicht in Armuth fallen wird , ob man gleich auf seiner Haut eine heißhungrige Blutegel abgiebt , welche aufs stärkste sauget .
Nec mifliira cutem nifi plcna cruoris hirudo .
Horat . de Arte Poet , vertu vlt .
Man führe mir diesen oder jenen nicht an , die im Dienste ihrer Prinzen arm geworden , und manchen großen Herrn , dessen sämtliche Güter und der Pallast selbst im Proeesse find . Dieß sind keine Beyspiele der Unei - gennützigreit . Der Eifer für das Vaterland ist nicht die Ursache einer solchen Armuth : das gewinnsüchtige Gemüth , oder die Pracht und die Verschwendung haben sie hervorgebracht . Man hat geglaubet , wenn man bei ? Hofe oder bey der Armee , mit einem großen Gefolge und Geräthe schiene , welches doch in Absicht auf das gemeine Beste unnützlich ist , daß man viel leichter zu den Belohnungen gelangen würde : und wenn man sich endlich zu Grunde gerichtet hat , so ist es nicht zum Nutzen des Staats geschehen , sondern seiner Pralsucht , und andern besondern Lei« denschasten eine Genüge zu thun . DieAristiden und die Fabricier , wel - che , nachdem sie die größten Aemter genossen , und ihre ganze Lebenszeit in einer wunderbaren Sparsamkeit zurück gelegt , ihren Kindern fast nichts hinterlassen hatten , das sind gute Beyspiele eines uneigennützigen Geistes . Allein , wo findet man dergleichen Leute ?
Das allerverdrüßlichste ist , wenn man sieht , daß sich auch die Gelehr - ten vor der gemeinen Krankheit nicht verwahren können . Da der Hof und der Krieg , die Schulen des Ehrgeizes und der Verschwendung , und folglich des Hungers und Durstes nach Reichthürnern sind : so darf man sich so sehr nicht verwundern , daß man daselbst lernet , nichts umsonst zu thun ; sondern wegen seiner Dictvfce reichliche Belohnungen zu verlangen . Und wie dieses eine Leidenschaft ist , die nicht leichtlich zu vergnügen steht , wenn man dasjenige nicht sehr rühmet , was man gethan hat , und wenn man keine Klagen ausstößt , daß man dafür noch keine billige Vergeltung erhalten , so hat man eben nicht Ursache , sich über diese Aufführung so sehr aufzuhalten . Allein nian wird sich jederzeit mit Grunde beklagen nen , daß die Studien und Profeßion eines Gelehrten in dem Herzen des Du Haillan nicht eine Weisheit hervorgebracht , die ihn abgehalten , so viel Aufhebens von seinen Arbeiten zu machen , und sich über die Mittel - Mäßigkeit seines Glückes zu beklagen . Wenn er der einzige Schriftstel - ler wäre , der es so gemacht hätte , so dürfte . man sich nicht so viel darum bekümmern . Das liebet ist nur , daß er in diesem Stücke einer sehr großen Anzahl Scribenten nachgeschrieben hat , und daß ihm hundert an - dre nachgeschrieben haben , und noch nachschreiben . Dieses gereichet den Musen zum großen Nachtheile ; dieß beraubet sie des Ruhms , den sie ge - nießen sollten , ihren Anhängern eine wahrhaste Uneigennützigst , und eine großmüthige Verachtung der Neichthumcr , und der öffentlichen De - lohnungen einzugeben . Sie gleichen den andern Menschen ; saget man , sie sind nicht weniger als andre dem Ehr - und Geldgeize , den zwoengemei - neu Krankheiten des menschlichen Herzens unterworfen . Es ist gewiß , daß die Begierde , vermittelst eines guten Gehalts , nach seiner Gemäch - lichkeit zu leben , nicht die einzige Ursache der Pralereyen , und der Kla - qen des Du Haillan , nnd seines gleichen ist . Der Hochmuth hat viel Theil daran . Sie bilden sich ein , das gemeine Wesen wird eine große Hochachtung so wohl gegen ihre Person , als gegen ihre Werke haben , wenn man erfahrt , daß sie große Besoldungen gezogen haben : ( man sehe die Anmerkung ( G ) bey dem Artikel Akt« ( Andreas . ) ) Es ist ein großer Jrrthum hierbei ) : einige Privatpersonen , ich gestehe es , las - ftn sich von diesem äußerlichen Scheine überrascheln , und machen diesen sophistischen Vernunftschluß : ( Bin solcher Schriftsteller hat schone Bedienungen erhalten , und ist in Rutschen gefahren ; also hat er ein großes Verdienst , und seine Xverke sind gut : allein das gemei - ne Wesen geht selten in dieses Garn , und allenfalls dauert dieses Blend - werk nicht'lange Die Nachkommenschaft nrtheilet von den Büchern durch die Bücher selbst : sind sie gut , so verachtet sie dieselben nicht , wenn sie auch zu Anfange der Vorrede lesen sollte , daß der Urheber vor Hunger gestorben ist : sind sie böse , so verachtet sie dieselben , wenn sie auchaus den ersten Seiten lesen würde , daß der Verfasser zum Grafen oder Marquis gemacht worden , nnd daß er eine Million verlassen habe . Was furchtet ihr . ? Warum martert ihr euch ? hätte man den Du Haillan fragen können : , hr könnet zwar sagen , daß ihr weder Fleiß noch Mühe gespart , »uerWerk gut zu machen ; eure Pflicht hat euch ju sehr großen Beschwer ,
Ii 2$aiid .
lichkeiten verbunden , und es ist eine Höflichkeit gegen das gemeine sen , wenn man in einer Vorrede erkläret , daß man alles gethan hat , was man gekonnt , seinen Beyfall zu verdienen . Aber hier hattet ihr auch stille stehen , und die Größe und den Werth eurer Arbeiten , als eine mäßige Ursache , größere Belohnungen zu fordern , vorstellen iind euch de - klagen sollen , daß ihr nicht zur Genüge bezahlet worden . Habet ihr euch gefürchtet , es möchte den zukünftigen Zeiten unbekannt bleiben : daß eure Wachen und eure Untersuchungen die Historie von Frankreich in ein schönes Licht gesehet , euch aber nicht reich gemacht haben ? Was kann dieses eurem Nachruhme für Schaden thun ? Saget man , daß ihr nicht die Geschicklichkeit besessen , viel Geld zusammen zu häufen , fo wird man voraus fetzen , daß es euch an einer Eigenschaft gefehlt , die nicht allzugut ist Euer Ruhm wird deswegen nichts leiden , schlafet nur in Ruhe . Saget man , daß dieser Fleiß eure Kräfte nicht überstiegen hat , daß ihr euch aber nicht bekümmert habet , euch derselben zu bedienen ; sondern mit euren Bü - chern und Studien vergnügt gewesen , und eure Zeit der Unterweisung des gemeinen Wesens gewidmet habet : hieße dieses nicht euch ein schönes Lob geben ? Würde dieses nicht ein Vorurtheil zum Besten eurer Werke seyn ? Wenn euch die Verachtung der Reichthümer , und euer ger Fleiß , gute Bücher zu jchreiben , der Gefahr ausgeseket , arm zu ben , so hättet ihr dieses vielmehr in eure Grabschrist zu sehet , verlanaen sollen . Titulo res digna fepnlchri . Dieses würde euch so auk nta Lr beste Adelbrief in der Republik der Wissenschaften gegolten haben - dieser Weg zur Unsterblichkeit , hac itur adaftra ! würde sehr schön äewesen seyn . Fürchtet deswegen das Urtheil der Nachkommenschaft nicht . Wenn man die Undankbarkeit und die Ungerechtigkeit derer tadelt , die für die Belohnung eurer Mühe nicht gesorget haben , was liegt denn euch daran'» Dieses ist ja ein Tadel , der nicht auf euch fallt .
Eine rühmliche Eigenschaft des Cartestus .
Man muß hier , zum Ruhme des Cartesius , sagen , daß er sich von dieser schändlichen Krankheit rein und sauber erhalten hat , obgleich einer von seinen Freunden die allergesährlichsten Mittel angewendet , ihn damit an - zustecken . Hier ist die Art , mir welcher dieser eifrige Freund ihn auf - gemuntert , sich zu rühmen , und öffentliche Belohnungen zu fordern Sie steht in den , ersten an den Cartesius geschriebenen Briefe , vor seinein Traetate von den Leidenschaften . , , Ihr müsset wissen , daß es nicht ge - „ nug ist , etwas von dem gemeinen Wesen zu erhalten , wenn man , in der »Vorrede eines Buches , nur beylauflg ein Wort darvon berühret - ohne „ ausdrücklich zu sagen , daß ihr es verlanget und erwartet , noch die Ursa - „ chen zu erklaren , welche beweisen können ; daß ihr es nicht allein verdie - „ net , sondern daß man auch sehr große Ursache habe , euch solches zu ver - „ willigen , und daß man daraus viel Nutzen erwarten müsse Man „ sieht gemeiniglich , daß alle diejenigen , die sich einbilden , etwas zu gelten , „ s»viel Larm davon machen , und was sie verlangen , mit solcher Unge - „ stumigkeit fordern , und weit über ihr Vermögen versprechen : daß , „ wenn einer nur mit Bescheidenheit von sich redet , und von niemanden „ was fordert , noch sich etwas mit einer kühnen Versicherung verspricht , „ man nicht die geringste Acht auf ihn hat , und gar nicht an ihn denket ; „ er mag auch so viel Proben von seiner Fähigkeit geben , als er will . „ Vielleicht werdet ihr sagen , daß euch eure Gemüthsart nicht reizet , et - „ was zu bitten , noch vortheilhaft von euch selbst zu reden ; weil das eine „ einMerkmaal der Niederträchtigkeit , und das andre des Hochmuths zu „ seyn scheint . Allein , ihr müsset eure Gemüthsart hierinnen bessern in , „ dem sie vielmehr aus Jrrthum , und aus einer Schwachheit , als aus ei , „ ner ehrbaren Schamyast . gke . r und Sitrsamkeit , herkömmt . Ihr könnet „ auch sagen , daß eure Werke zur Genüge reden , ohne daß ihr die Ver - „ sprechungen und Pralereyen darzu zu sehen nöthig hättet , welche , weil „ sie den Markt , chreyern gewöhnlich sind , die bekriegen wollen , einem ehrli - „ chen Manne nicht anstandig zu seyn scheinen , der nur die Wahrheit suchet . „ Allein dasjenige , weswegen die Marktschreyer zu radeln sind , machet „ nicht , daß die Sachen , die sie sagen , nicht an sich selbst groß und gut „ wären ; es kömmt bloß daher , daß sie falsch sind , und daß sie dieselben „ nicht beweisen können : dahingegen diejenigen , die ihr nach meinem Wil - „ len von euch sagen sollet , so wahrhaftig und so deutlich durch eure „ Schriften bewiesen sind , daß alle Regeln des Wohlstandes euch erlau - „ ben , sie zu versichern ; und die Regeln der christlichen Liebe selbst euch „ darzu verbinden . weil andern daran gelegen ist , sie zu wissen Dem» „ ob gleich eure Schriften in Ansehung derer zur Genüge reden , wiche „ dieselben aufmerksam prüfen ; uud vermögend sind , sie zu verstehen - so „ ( t d . ch m , , u d - - Absich - mch , M - ich - nd , dl . ^32» „ len haben sollet , weil sie nicht ein jeder lesen kann , uud diejeniaen mcht „ Muße genug darzu haben , welche die öffentlichen Geschäfften verwalten . „ Es eräuget sich zwar vielleicht , daß wohl jemand von denen , die sie aelesen „ haben , mit ihnen davon redet : allein man mag ihnen davon saaei^ „ was man kann , so erlaubet das wenige Gerüchte , das ihr von euch „ machet , und die große Sittsamkeit , die ihr beständig beobachtet habet , „ wem , ihr von euch redet , so erlaubet dieses nicht , sage ich , daß sie es in „ große Betrachtung ziehen . Auch darum , weil man bey ihnen oft die „ allervortheilhaftesten Redensarten brauchet , die nian nur erdenken „ kann , Personen zu loben , die nur sehr mittelmäßig sind : so haben sie „ nicht Ursache , die großen Lobeserhebungen , die euch von euren Bekannren „ gegeben werden , für ganz richtige Wahrheiten zuhalten . Hingegen , wenn „ jemand von sich selbst redet , und wenn er sehr außerordentliche Dinae „ von sich saget : so höret man ihn mit mehr Aufmerksamkeit , vornehmlich
„ wenn es ein ansehnlicher Mann ist , und wenn »nan weiß , daß er »veder „ von der Art , noch von dem Stande ist , einen Marktschreyer abmaeben „ Und weil er sich lächerlich machen wurde , wenn er bey einer solchen Ke' „ legenheir Hyperbolen brauchte , so »verden seine Worte in ihrem wahren „ Verstände angenommen ; >md diejenigen , welche sie nicht glauben wol - „ len , werden zum wenigsten durch ihre Neubegierde , oder durch ihre Ei - „ ferfucht gereizt , zu untersuchen , ob sie wahr sind . . . . Da nun „ dieses ganz gewiß ist , und durch die Schriften zur Genüge bewiesen „ werden kann , die ihr bereits habet drucken lassen : so könnet ihr es eben " so ossen^ich sagen es mit solcher Sorgfalt bekannt machen , und es so „ ausdrucklich aus alle Titel eurer Bücher sehen , damit es in Zukunft manden unbekannt bleiben kann . „ Hätte' man auch wohl die Beschei - denheit des EartesiiiS mit scheinbarem und stärkern Gründen angreifen können ? Man hat nichts vergessen , man hat allen feinen Entschuldigun - gen vorgebeuget , und gleichwohl ist es vergeblich gewesen . Man sehe vor eben diesem Traetate , von den Leidenschaften , die Antwort des Cartesins aus die Briese dieses Freundes . Man merke , daß man mit vielem Grunde Li ii gemel -

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