Creator:
Bayle, Pierre Gottsched, Johann Christoph La Croze, Maturin Veyssiere
PURL:
https://dibiki.ub.uni-kiel.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:8:2-11222

Er setzet eben daselbst eine allgemeine Ursache dazu , die von großem Ge . Wichte ist : daß man nämlich besondere Historien von allen denen Regierun . gen hätte , die jünger , als Carls des VII seine sind , und daß es nach der gemeinen Meynung fast unmöglich »vare , denen Scribenten kommen , die einige von diesen Werken gemacht haben . Diese Betrach - tung muß einen ehrlichen Mann und berühmten Historienschreiber ruh - ren : er muß den Lesern den Verdruß ersparen , einerley Sachen zweymal zu kaufen : die Ehrerbiethung , die er dem gemeinen Wesen schuldig »st , erfordert dieses : die Gerechtigkeit erlaubet nicht , daß er die Historien schreibt , die schon andere gemacht haben ; dieß heißt , eines andern Gut stehlen . Sein eigener guter Name und seine Klugheit verbinden ihn , einen zwar beschwerlicher» , aber sicherern Weg zur Ehre zu suchen . Das - jenige abschreiben oder umgießen , was andere geschrieben halben , ist eine allzuleichte Arbeit , als daß sie rühmlich seyn sollte , und sie setzet uns zu - weilen der Schande des gelehrten Diebstahls aus . Man wird für eitel gehalten werden , wenn man dem Ruhme derer gleich seyn will , die für unvergleichlich geschähet werden , und man wird Gefahr laufen , allezeit für geringer angesehen zu werden , wenn man sie gleich erreichet , ja wohl gar übertrifft . Soll sich ein kluger Mensch mit den gemeinen Vorur - theilen in Zank einlassen ? Wollte Gott , daß diese Gegenstände bey der ganzen Welt solche Eindrücke machten , als sie beym Du Haillan gema - chet : zum wenigsten , einige Jabre ; ( siehe die folgende Anmerkung . ) so würden die Büchersäle nicht mit so vielen Buchern überladen werden , die einerley Sachen enthalten . Wir wollen hier die Beschreibung geben , die er von denen Schwierigkeiten machet , mit welchen sich die Urheber der Historien ihrer Zeiten überladen : „ Dasjenige betreffend , was inal - » , len diesen Historien , welche von besagtem Könige , Franciseus dem I , „ reden , die zu seinerzeit , oder zur Zeit des Königes Heinrichs , seines »»Sohnes , gemacht worden ; diejenigen , welche dieselbe geschrieben , haben „ sich weitlauftiger in sein Lob eingelassen , welches so wenig mit seinem „ Verdienste ( ob er gleich ein großer und vortrefflicher König gewe - . . sen , ) als mit der Pflicht des Geschichtschreibers und der Wahrheit „ übereinkommen . Dieß ist ein Laster aller derer , welche die Historie ih - „ rer Zeit und der Prinzen beschreiben , unter denen sie leben . Denn wer „ wollte sich wohl unterstehen , die Laster seines Prinzen zu berühren , „ oder ihre und ihrer Staatsbedienten Handlungen zu tadeln , oder die listige „ Sprache , die Betrügereyen und Ungerechtigkeiten zu erzählen , die sie unter „ ihrer Regierung begangen haben , oder zu sagen , daß ihr Prinz eine solche Un - „ gerechtigkeit , eine solche Hurerey begangen hat , oder in einer Schlacht gen ist ; daß jener eine solcl>e Verrächerey , dieser einen Raub , eine Untreue „ und andere dergleichen schändliche Thatausgeübet hat ? E« wird sich kein » . einziger finden , der so kühn wäre , dieses zu thun . Dieß ist es , warum „ diejenigen , welche die Historie ihrer Zeiten schreiben , von verschiedenen Lei - „ denschaften herumgetrieben werden , und gezwungen sind , entweder of - „ fmbarUch zu lügen , wenn sie ihre Prinzen durchgängig oder überall lo - „ ben , theils weil sie ihrer Nation gewogen sind , oder weil sie ihre Fein - „ de in allem tadeln : oder sie müssen die Wahrheit verschweigen , oder „ schminken , oder die Sachen mit andern Farben vorstellen , oder ihre „ Schriftm und die Thaten ihrer gemeldeten Prinzen mit schönen Wor - „ ten auszuschmücken und zu vergülden suchen ; oder l wenn sie die Wahr - , heit sagen wollen , ) so sind sie aenöthiget , ihren Namen zu verschwel -
„ gen , und ihre Werke , ohne Vorsehung desselben , drucken zu lassen . „ Diejenigen , welche , die Historie ihrer Vorfahren schreiben , können nicht „ ( wenn sie nicht wollen , ) in dieses Laster fallen ; also können sie kühnlich „ in der Gesellschaft der Wahrheit fortlaufen , und ihrer Zunge Kühnheit „ und Freyheit lassen . „ Du Haillan in der Vorrede zu der Historie von Frankreich , folio o i verfo , nach der Ausgabe von >577 . Viele Leute werden sich hier der Gedanken des Kaisers PescenniuS Nigers erinnern . ZNan lobe den Marius , oder den Hannibal , oder einen großen Leldherrn , der nickt mehr lebet , sagte er zu einem Redner , der sich anborh , eine Lobrede vor ihm zuhalten ; denn dieß isteinGespotte , wenn man die Lebendigen loben will , und vornehmlich , rvenn sie Raiser sind : man erwartet Belohnungen von ihnen ; man fürcktet sie : sie können rodten ; sie können verbannen . Quam im - ftratori faflo quidam panegyrico recitare vellet , dixit ei : Scribe lau . des Marii vel Annibalis , vel alicuius ducis optimi vita funfli , et die , quid ille fecerit , vt cum nos imitemur . Nani viuente« laudare irri . Co eft , maxime imperatores ; a quibus fperatur , qui timentiir , qui oraeflare publice pofliint , qui poflunt necare , qui proferibere : fe autem viuum placere velle , mortuum ctiam laudari . Aelius Spartian . in Pefcennio Nigro , cap . XL p . m . 673 . Tom . I .
In welchem Lalle es erlaubet ist , eine - Historie zu machen , die bereits von andern abgehandelt worden .
Beyläufig wollen wir sagen , daß man sich keine allgemeine Regel aus der andern Ursache des Du Haillan machen darf : ( sie ist nicht die ande - re in seinem Buche , sondern in dem Auszuge , den ich hier oben von seiner Erzählung gegeben habe . ) denn eö giebr sehr viele Fälle , wo es höchst billig ist , die Historie eben derselben Regierungen zu machen , die bereits andern «Aeschichtschreibern zur Materie gedienet haben . Dieses ist höchst billig , I . wenn man viel neue Dinge zu sagen hat , oder wenn man die vorher - sehenden Historien an verschiedenen Orten erläutern oder verbessern kann ; n . wenn es darauf ankömmt , alle Geschichte , die zu einer Hi - storie gehören , und davon etliche in diesen , und etliche in andern Bü - «Hern gesunden werden , in einer Sammlung zu verbinden ; III . wenn der Geschmack der Leser eine neue Sprache und eine neue Einkleidung erfordert . Heutiges Tages , zum Exempel , würden die meisten Leute die Historie lieber nicht wissen , als die Schriftsteller lesen , die sie im XV «der XVI Jahrhunderte geschrieben haben . Wenn auch also ein Histo - riensckreiber nichts sagen könnte , als was schon gedruckt wäre , so würde er weaen derHerausqebung einer Historie , zu loben seyn ; wenn die Ein - tms die Schreibart den Leser an sich zögen , und man das gemei - ne W - sen vor den andern Historien einen wirklichen Ekel haben We . hieraus «St daß , wenn es so viele Bücher giebt , die einerley Sa . chen mtbalren der Fehler nicht allezeit bey den Urhebern ist ; die Leser Aid Ä ? am meisten Schuld daran , die sich nicht die Muhe nehmen
berausgiebt , die nichts neues meldet^ mid weiter nMv An , als daß sie die verschiedenen Stücke anderer Verfasser zusammen bringen und m
Haillan . 72 ;
einer bessern Schreibart vortragen . Wenn man einige neue Sache» entdecket hat , wird man sagen ; so gebe man dieses allein heraus : warum nimmt man dadurch Gelegenheit , ein großes Buch zu machen , worein man alle die alten Dinge flicket ? Diese Beurteilung ist bey vielen Vorfällen billig ; allein alsdann nicht , wenn sich die neuen Entdeck , « , - gen über eine sehr lange Folge der Begebenheiten erstrecken . Sie müs - sen alsdqnn neben den alten Berichten eingeschaltet werden : der Nutzen und die Bequemlichkeit der Leser erfordert dieses . Wir wollen bald je - hen , daß unser Du Haillan aus diesem Grunde den Emschluß dert hat .
Dasjenige , was man hier , die historischen Bücher betreffend , gelesen hat , kann auch auf andere Werke angewendet werden . Man thut dec Sache zu viel , wenn man bekennen muß , daß sie nur dasjenige ten , was man in hundert ander» findet ; allein außer diesem würde es eine der Republik der Gelehrten nachtheilige Aufführung seyn , wenn man sich nicht erkühnen wollte , dasjenige in ein einziges Werk zu setzen , was bereits in andern Büchern bekannt gemacht worden . Man sehe die I . Ausgabe der Pensees diverfes für les Cometes . Ein GotteSgelehrter von Leiden will , daß es nützlich sey , verschiedene Werke über einerley Ma - terie herauszugeben , wenn dieselbe nur wichtig ist . Er versichert auch , daß dieses ein sehr gutes Mittel sey , die Menge der Bücher zu vermin - dern , unter deren Last so viele Leute seuften mußten . Die Ursache dieses seltsamen Satzes ist dieser : weil eine ansehnliche Anzahl Bücher nicht geachtet werden , und einen Sprung aus dem Buchladen zu dem Wünkra - mer thun würden . Wir wollen die Worte dieses Schriftstellers sehen ; wir werden darinnen eine vortreffliche Stelle des heil . Augustins finden : id ( Jcribenäi cacoetbes ) nunc his temporibus in immenliun eft au & uni vt omnera inedelani fuperaffe videatur , nec alio modo poffit coerü ceri , quam fi plures diuulges libros ; quam rationem agendi forte pa . radoxam aliquis dixerit , optimam tarnen nemo iure negauerit . De multitudine librorum vtihum immenfo numero n®n eft quod iure conqueramur , qui non facilc nimis augentur . Qiiamuis enim de re . bus iisdeni feribunt plures , modo illae fint cognitu dignae , nulluni id nocumentum veritati videtur inferre , quae Tic ad plures fibi viant pandit , cum leclorum alii his potius , quam illis feriptoribus dele - äentur , quamuis de eodem argumento commentatis . Quod reöe obferuauit Auguftinus , Lib . I . de Trinitate , cap . III . A'eque enim omnia , quae ab Omnibus confcribuntur , in omnium manus veniunt . Et fit . ri potejt , vt nonnulli , qui etiam baec noßra intelligere valent , illos planiores non inueniant libros , et in ißos J'altem incidant . Ideoque vti . Je eß , plures a pluribus fieri , diuerfi ßy / o , non diuerfa fide , etiam de quaeßionibus eisdem , vt ad p / urimosres ipfa perueniat , ad alios fic , ad alios autem ßc . Qua ratione inutiles libri fenfim eliminantur , vt alii poftea non lint vfui , quam vt piperi et thuri inuoluendo inferuiant . Chriftophorus Wittichius , in Praefat . Confenfus veritatis , vor der andern Ausgabe .
( ? ) har Heinrichen dem I V versprochen , diese Historie bi» auf seine Zeit fortzusetzen . ] Ich beweise es mit diesen Wortm in der Vorrede zu dem Etat et Succes des affaires de France , Ausgabe v , n 1594 . Ich habe auch ein rverk von der französischen LNonar - chie geschrieben , welches bald vor lLurer Majestät Augen kom - men wird , mit der Beschreibung aller Geheimnisse uno Angele - - genheiten , von der Errichtung , Große und N ? acl ) t dero Staats und dero königlichen Vorfahren . Ihre - Historie , die ich ge - macht , geht mir dem Tode Carls des VII z» <£nöe , und ( oll bald von den folgenden Ronigen fortgeführet werden , bis«» eurer Majestät , so dann wird die eurige fslgen , wenn ihr wob let , daß sie an das Tageslicht kommen soll . Dieses schreibt Du Haillan dem Könige Heinrich dem IV in einer Zueignungsschrift , welche im Weinmonate , 1594 , gestellet ist . Es war bereits , o Jahre , daß er seinen Lesern die Veränderung seiner Entschließung bekannt gemacht hat - te ; denn da er >584 Heinrich dem III die zweyte Auflaae seiner verbesser - ten und vermehrten Historie von Frankreich zuschrieb , so redet er il , n auf folgende Art an : , , Ob ich wohl in meiner Vorrede und ZueignuugS - „ fchrift an eure Majestät , und in der Vorrede meiner erster , , Ausgabe „ gesaget habe , baß ich nicht weiter gehen , noch die Historie von dem Kö - „ nige Ludwig dem XI schreiben wollen , weil bereits Philipp von Co - „ mines , Herr von Argenton , solche geschrieben ; so habe ich doch diese „ meine Entschließung geändert , und sie , in Hoffnung selbige nächsten Win - „ ter zu Ende zu bringen , angefangen , weil ich wußte , daß euch solche „ Arbeit angenehm seyn wurde . . . ES ist gut , die wahre Ursache seiner Veränderung zu sehen ; denn über dem , daß man finden wird , was er von dem Philipp von Comineö gehalten , so wird man auch sehen , daß er sich in einem von den Fällen befunden , in welchen es erlauber ist , an einer Historie zu arbeiten , die schon andere herausgegeben haben Zn eben dieser seiner Zueignungsschrift der französischen Historie , in der Aus - gäbe von 1584 , . saget er : Das , was mich bewogen , meine schließung zu andern , und Sie Beschreibung dieses Röniges Lud - wigs vor die - Hand nehmen , ist gewesen , öaß angeführter - Herr von Argemon , seine Hijiorie , die er 57acbricbren nennet , nur mit dem V Jahre der Regierung gedachten Roniges , ange , fangen hat , und daß alle die Ursachen der Rrieae uno großen Thaten , welche dieser Ronig gehabt , von dem Anfange seiner Re - gierung , bis dahin , wo besagter - Herr von Argenron zu schreiben angefangen , begriffen sind : und daß »m übrigen in seiner ange - führten - Historie er viele Sachen verheelct , die ich entdecket und au« vielen Suchern , Nachrichten und Ausfertignnqen aezoaen habe , die z - u diesen Zeiten geschehen , und aus vielen aebeimcn Schriften , die in wahrender seiner Regierung , oder ftir * nacd seinem Tode , ohne alle Lurcbt , ohne allen - Haß , Schmeickeley , SLob oder L . e . denschaften aufgeseyet sind ; welchen oster» die Schriftsteller unterworfen sind , welche von ihren Zeiten ben , und von welchen beyden lelzrern , Comines sieh derheit hat einnehmen lassen , und hierzu entweder von einer großen NeigtMg gegen seinen - Herrn , oder durch die rvobltha - ren welcl ? e er von ihm erhalten , oder aber ans Furcht vor sei - nem Nachfolger angetrieben worden . Auch hat er niclit gesa - get , ^was andere - Historienschreiber hatten sagen können und ge - säget haben , von den Tharen , Lastern und listigen Griffen ( in der Ausgabe von 1576 , waren auch noch Grausamkeiten hinzugefüget , ) besagten Röniges : und indem er ihn mehr lober , als er sollte , so stellet er an verschiedene , » rren einen Redner und Lobred Vy yy Z ner'

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