Creator:
Bayle, Pierre Gottsched, Johann Christoph La Croze, Maturin Veyssiere
PURL:
https://dibiki.ub.uni-kiel.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:8:2-10695

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Guebriant .
Partey zu verlassen . Daß sich damals die Marschallinn von Guebriant , entweder au« Geiz oder Ehrsucht , unberufen darein gemengt ; und weil sie sich bey Hofe durch die Erhaltung dieses wichtigen Platzes ein großes Verdienst machen wollen , ein heimliches Verständniß zu des Charlevois Verderben geknüpfet . Daß sie sich in Begleitung einer Frauensperson , die er geliebt , nach Brysach begeben , und , da er so unvorsichtig gewesen , aus der Festung zu gehen , um dieses Frauenzimmer zu sehen , ihn ange - halten und gefangen nach PhilippSburg geführt habe . Imponit hämo efcam , quam fciebat appetiturum Charloiioium : puella amata illicium fuit , cui inuifendae mifer arce exit . Ebendas . VIII B . VIII Cap . Daß diese Aufführung der Marschallinn einen Platzregen von Schimpftvor - ten zugezogen , der sie genöthiget , sich so eilig , als sie nur gekonnt , nach Basel zu retten , und daß sich Charlevois mit dem , über die Regierung mißvergnügten Grasen von Harcourt verstanden , und seinen Frieden un - ter vortheilhaften Bedingungen gemacht ; so daß die Dame von beyden Tl , eilen gehaßt gewesen , und vor Verdruß darüber gestorben ist . Gue . briantia vtrimque exofa , taedio et moerore vitam inquietam firtiuit .
Hier sieht man ein Exempel von demjenigen , was den Auszugsmachern fast bestandig begegnet ; sie lassen viele Umstände aus . ohne welche eine Geschichte nur eine rohe und ungestalte Sache ist : wie diejenigen erfah - ren , welche , wenn sie dieselbe in einer weitläuftigen Historie gelesen , den Begriff , den sie dadurch erhalten , mit demjenigen vergleichen , der ihnen einen Auszug davon gegeben hat . Diejenigen , welche in der Historie des Labardäus den Streich der Marschallinn von Guebriant lesen , werden erfahren , was ich sage . Allein , die Auslassungen des Priolo bey Seite gesetzt , so ist es doch gewiß , daß zwo Unrichtigkeiten in seiner Erzäh -
lunq sind . ^ „ ,
Die erste besteht in dem Vorgeben , daß Charlevois aus Brysach gegan - qen , die Liebste zu sehen , die ihm die Marschallinn zugeführt . Nichts ist falscher : er hätte ja nicht herausgehen dörsen , dieselbe zu sehen ; sie ist ja in dem Gefolge der Frau von Guebriant darinnen gewesen . Außerdem ist es eine Verwirrung für den Leser , wenn er sieht , daß diese Dame in Brisach ist , und daß die Liebste des Charlevois , vermittelst welcher man ihn wie mit Vogelleime fangen will , nicht bey der Dame ist , die den Anschlag führet , und sich der Kunstgriffe der Catharine von Medicis so wohl bedient hat . Die Historie bemerket , daß sich dieselbe der Schönheit ihrer Kammerfräulein bedienet , die Grölen nach ihrer Bedürfniß ins Netz zu locken . Ihre Tochter hat ihr darinnen nachgeahmt . Siehe den Mezerai , aufs 1579 Jahr , bey Gelegenheit von Oem Rriege der Ver , liebten . Es ist gewiß , daß sie darinnen gewesen , und daß der Kunstgriff , dessen sie sich bedienet , den Charlevois in die Falle zu bringen , gewesen , ihn darzu zu gewöhnen , daß er mit der Frau von Guebriant und der Liebste , davon die Frage ist , weit von der Stadt spazieren gefahren . Allein den Tag der Gefangennehmung , hat die Marschallinn , welche bey der ersten Zeitung davon in Brysach gegenwärtig seyn wollte , ich weis nicht was für ein Geschaffte vorgeschützt , das sie abhielte , bey der Spazierfahrt zu seyn , und gleichwohl hat sie gewollt , daß das ganze Gefolge , das sie begleitete , spazieren 'sollte . Die andere Unrichtigkeit betrifft den Tod dieser Dame . Priolo läßt sie vor Verdruß zu einer Zeit sterben , da der bürgerliche Krieg noch nicht geendiget war ; allein es ist gewiß , ( Labardaeus , de Reb . Gall . Libr . IX . pag . 737 . aufs 1652 Jahr . ) daß sie sich wegen des ubeln Er - folgs ihrer Unternebmung von Brysach , nicht gekranket , sondern ihre heim - lichen Streiche zu Basel selbst fort gespielet , und sich solche weirläustige Anschläge in den Kopf gesetzt hat , um sich bey der königlichen Frau Mut - ter , und dem Cardinale Mazarin in Ansehen zu setzen : mit einem Worte , daß sie erstlich 1659 gestorben ist , nachdem sie bey Hofe eine so große Fi - gur gemacht , wie es für die erste Staatsdame der Kömqinn Maria The - resia gehörte . Wie hat doch ein Geschichtschreiber , wie Priolo , der so viel Umgang mit der großen Welt gehabt , daß er die Karte derselben ganz wohl wissen können , und der sein Buch nur wenig Jahre nach dem Tode dieser Dame herausgegeben , ihren Tod so übel setzen können , der ihr fünf bis sechs Jahre des allerglänzendsten Wohlstandes raubet ? Vielleicht hat er ihr aber einen guten Dienst geleistet . .
Labardäus beobachtet , daß diese Dame mir der Bedienung einer Abge , sandtinn nicht vergnügt gewesen , sondern , als eine Sache von größerm Glänze , gewünscht habe , sich auch iu ein Kriegsgeschassce zu mengen . Legati . . . perfonam fuftinuerat , quod tametli amplum ipfi , magnificuinque vifum , tarnen magis fupra foeminam eile videbatur , quidpiam quod ad militiam pertineret , attingere , cum» fibi faculta - tem dari in Charleuofii negotio eft arbitrata . Labard . p^20 . Man saget auch , daß sie nach der Stadthalterschaft von Brysach , und dem Be , sitze der Länder getrachtet , die der König im Elsas gehabt . Sie hat sich Die Summen wollen bezahlen lassen , die ihr der König schuldig war , und in dieser Festung einen kleinen Staat angeleget . La tempeftate vulga - tum Dubecam non modo Brifiacum expetere fibi , cui Praefeöa eilet , fed et praedia , quae Rex in Alfatia poffidet omnia , quibus huic per - miffis aere fe alieno liberaret , quo fatis grandi Dubecae obftriöus erat : ita mulier nihil nifi ingens animo volucre folita , fibi fpeciem Principatus aliquam in hac ab Aula remota regione fingebat . Ebend .
( G ) Diefi kann zum Verwahrung - , mittel wider einige üble dachte dienen . 1 Ich habe aesaget , daß man ihr vielleicht einen guten Dienst geleistet . Der gute Dienst , wenn es einer gewesen , würde darin , nen bestehen , daß , wenn der Schriftsteller die Marschallinn von Gue , brianr nicht vor dem Ende der Unruhen todt vorgestellet hatte , er bey vie - len Lesern den Verdacht erwecket haben würde , daß sie eine von denen vier Frauen gewesen wäre , von denen er sehr nachrheilig redet . Er saget , daß dieses vier Frauen gewesen , die den bürgerlichen Krieg durch ganz Frankreich angezündet : daß sie mehr Geist als Tugend gehabt , und , da sie in ihren Anschlägen nicht glücklich gewesen , andächtig geworden , und ins Kloster gegangen wären : dieß ist was gewöhnliches , saget er , wenn der Spiegel zu erkennen giebt , daß man nicht mehr wohl im Stande ist , seine Rolle in der Welt zu spielen . Tunc quatuor , non quidem abfur - dae ingenio , fed quae plus moribus nocebant , quam ingenio prode - rant , omncm Galliam commiferunt . - - - Ipfae pofteaimprofpe - ris , vt fit , rebus fe praedamnantes Numini fidem obligarunt per reli - gionis mendacem fimulationem et fucolä fuperftitione ; effoetis vidi» ianua clausa , cum fpeculo damnante , fe putris fene & us , praecilä eius fententia reforniidat . Libr . II , num . . 43 . Ad arbitrium quatuor foe - minarum noftra diu refla . Illac neqiie Regno neque fibi felici» ri , dum fua magnitudinepeccandilicentiam metiuntur , Galliamomncm in fuinmum difcrimen vocaucre , etc . Ebendas . Libr . VUI , num . »< ? .
Um desto besser zu begreifen , wie sehr die Marschallinn diesem Geschichd - schreiber verbunden ist , daß er sie aus der Bande dieser vier Damen gezo - gen hat , so muß man sich erinnern , daß er sie als unfruchtbar vorgestellet , ( Siehe das Ende dieser Anmerkung . ) die ihre Freyheit zu sündigen nach ihrer Größe gemessen ; die sich beständig mit großen Anschlägen genähret ; die sich ingeheim durch Vermittelung ihrer Buhler an den Cardinal er - aeben und einander verrathen ; so daß diese Eminenz nicht der Richter über drey , sondern über vier verbuhlte Gottheiten gewesen . Sic Maza - rinus non trium fed quatuor Dearum lifoidinantium iudex fuit . In wahrender Zeit , da diese seine Partey gehalten , sind ihm andere sehr zu , wider gewesen , und sie haben nichts höher gehalten , als wenn sie ingehciim listige Streiche spielen können . Sie haben mit ihrer Person bezahlt , Pars fui copiani facere , vt aulae arcanum quodlibet rimarentur , ( Priolo Libr . II , num . 42 . ) und dieß ist denen fast unvermeidlich , die sich in bürgerliche Kriege mengen wollen . Sie haben das Vertrauen des Haupts von der Partey nöthig ; es ist ihnen daran gelegen , daß ihnen die - se Herren mit ihrem Degen , und mit ihrer Slaatskunst Beystand leisten ; allein sie thun nichts umsonst , und ihre Galanterie weis sich der Gelegen , heit wohl zu bedienen . Die Verbindungen , die sie eingehen , werden über kurz oder lang Verbindlichkeiten in Ansehung des Körpers , welcher mm , sich nicht anders , als auf diese Art , entledigen kann . Man giebt den Gläubigern den Wechsel nicht : sie thun die Execution über die Hypothek . Dieß ist der Zustand einer Dame , welche die Regentinn der Staatsver , änderungen seyn will . Turenne , saget man , hat mit aller seiner Klug , heir der Gewalt des Stromes nicht widerstehen können ; er hat selbst auch gewollt , daß man dasjenige durch den persönlichen Dienst erkennen sollen , wa« er für die Fronde gethan hat . Ich hätte geglaubt , daß dieses vielleicht das erste und lehremal gewesen , da Nim , von seinen Buhlereyen geschwatzt hat ; allein ich habe von einer Perjyn erfahren , die es wohl wissen konnte , daß er sehr oft in dieses Handwerk gepfuschert hat . Da« Alter der Marschallinn von Guebriant würde nicht alle Leser abgehal , ten haben , sie für eine von den vieren zu nehmen , wenn man solchem nicht besser auf die Art , wie ich gesaget habe , abgeholfen hätte , als durch die Eigenschaften , die man ihr giebt , davon ihr nur einige nicht men : das Alter , sageich , würde nichts dazu thun ; denn nicht bis auf die Aspasia und Lamia zurück zu gehen , noch bis auf die Herzoginn von Va - lentinois ; sehen wir denn nicht fast zu eben derselben Zeit , davon Priolo redet , eine ziemlich alte Herzogin» ( * ) , die gleichwohl große Eroberun - gen in der Liebe gemacht hat ? Der von niir angeführte Labardäus ist in diesem Puncte mit dem Priolo einig , nämlich daß sich unter den Stur , men der letzten Minderjährigkeit die Frauen ungemein in die Regierung gemischt haben . Der Urheber von den Gedanken über die Cometen kövn - te diese Anführung , seinen Stellen des 236 Artikels , und nicht allein diese , sondern auch eine unzählige Menge andere dergleichen beyfügen , die man in den Büchern findet .
( * ) Huic erat Nouerca Maria Auaucuria ( von Avaugour ) quam Hercules Rohanus Mombafonus pater dudum vxorem duxerat exi - mia per adolefcentiam pulchritudine ; tantaque vis boni in ipfa erat forma , vt ne hanc quidem aetas extingueret , quo fiebat , vti multi do - mum eius frequentarent mulieris amore capti , atque inter hos Hen - ricus Guifius vir e Lotharingica gente Princeps . Prius Henricus Aur relius Longauilla apud hanc multus fuerat frequensque . Labardaeus , Libr . II , pag . 72 . aufs 1644 Jahr .
Man merke , daß , wenn ich gesaget habe , eS habe der Geschichtschreiber die vier Damen als unfruchtbar vorgestellet , deren Ansehen so groß ge - wesen , ich dieses nur in Ansehung vieler Leser verstanden haben will : denn diejenigen , welche wissen , daß diese Worte des Priolo , neque regno , ne . que fibi felicis vteri , ein Wortspiel auf eine Sache sind , die PatereuluS von der Julia , des August» ? Tochter gesaget hat , werden sie für kein Merkmaal der Unfruchtbarkeit nehmen . Hier ists , was Parereulus Libr . ll , cap . XLIII . saget : Filiam Cacfaris Inliam . . . fCmi - nam neque fibi , neque reipublicae felicis vteri .
( H ) Man darf nicht alles gleich glauben , was Veit Patin von ihr gesaget hat . Hier sind zwo Stellen aus seinen Briefen . Die Frau Marschallinn von Guebriant , saget er in einem Briese vom 9 des Herbst - monats 1659 , ist ; u Perigueux gestorben ( * ) , sie ist nur dreyjchi» Stunden krank gewesen , und ohne Beichte verschieden ; sleisteine Anhängerinn diese« Landes gewesen , und daselbst sehr verflucht . Zehn Tage darauf redet er auf diese Art von ihr : Es ist die Feirung eingelaufen , daß die Marschallinn von Guebriant in dem Gefol - ge des - Hofes gestorben iß . Sie ist de« Marquis von Varde» Vaters Schwester gewesen . und hat niemal« Rinder gehabt . Mich dünkt , daß ihre iEcbfcbaft gut ist . Sie ist in vier Tagen« ohne Seichte gestorben . Man kann von ihr sagen , was mus von einem Lranciscanerinonche , der plönlich gestorben war , im Scherte saget , obiit fine lux , finc crux , fine'Deus ( « ) . Man sa get . daß sie viel schuldig ist ; dagegen ist ihr die Roniginn 40000 Pistolen schuldig , die sie ihr unter währender Belagerung von Paris geliehen hat .
( * ) P . Anselme , Hiftoire des grands Officiers , Tom . II , pag . 626 . und nach ihm das Wörterbuch des Moreri unter dem Artikel , des Mar - schalle von Guebriant , setzen ihren Tod unter den - des Herbstmonai . s 1659 .
§ ( « ) Dieses Wort findet sich in den Schwänken des Bebelius , Fol . $6 . der Ausgabe von >54 * . Und Luther har es auch im I Bande Fol . z< ; . seiner Tischreden gebraucht . Omnes , saget er von einer großen Anzahl seiner Widersacher , mortui funt fine crux , et fine lux . Crit . Anmerk . .
Wie in Patins Briefen viele Zeitungen sind , die er gesammlet , wenn er die Runde bey feinen Kranken gehalten hat , ( siehe die Mena« gianen , p . 279 . der ersten Holland . Ausgabe ) so wollre ich nicht auf alles dasjenige bauen , was ich ihm abgeborgt habe . Ich wollte gern glaube n , daß sich diese Dame in die Parteyen gemischt hätte , und daß der unm^s - sige Aufwand , daran sie einen Gefallen gehabt , und ihr Geist , der die Beschädigung geliebt , sie zu dieser Quelle deö Gewiunstes gezogen hät< ten , und daß sie sich also an den Oettern verhaßt gemacht , wo sie i'yr« Kunst ausgrübet : allein meines Erachtens ist dieses nicht in Pcri - gord geschehen . Man merke , daß ich , seit dem dieses in dem Entwürfe gedruckt gewesen , den Aufsatz von dem Leichenbegängnisse des Marschalls von Guebrianr gelesen , C den le Laboureur in der Historie dieses Mar» schalls anführet . ) wo er Graf von Guebriant und von perigueux zeuennt wird . Ihr Tod hat sie ohne Zweifel , da sie bey der Reise des
Hofes

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