Creator:
Bayle, Pierre Gottsched, Johann Christoph La Croze, Maturin Veyssiere
PURL:
https://dibiki.ub.uni-kiel.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:8:2-10666

Guarin ,
669
Arbeit und Mühe weiter zu nichts dienen , als daß sie alles dasjenige un - sichtbar machen , was nicht einer außerordentlichen Leichtigkeit ahnlich ist , und ei» ungezwungenes und natürliches Ansehen hat ; so daß ihre Werfe , je mehr sie dieselben übersehen , den Lesern um so viel weniger umgegossen , verändert und mühsam zn seyn , scheinen . Dieß ist der Characrer des Guarini gewesen : nämlich , wenn man nach den hier oben angeführten Worten des ^mperialis von ihm urtheilet . Sein Geschmack bat ihn be - wogen , zu urtheilen . daß die Vollkommenheit eines poetischen Stückes in natürlichen Schönheiten , und einer ungezwungenen und fließenden Ein - kleidung bestehe , hierdurch hat er den Beyfall der Welt zu verdienen gesucht , und er hat mit vieler Scharfsinnigkeit wahrgenommen , ob in sei - nein Werke noch etwas gezwungenes war : und also sind seine Ueberfe - Hungen und Verbesserungen weiter auf nichts gegangen , als diese kleinen Ueberbleibsel der Verwirrung und des Zwanges auszustreichen . Er konnte es also nicht anders erlangen , daß seine Poesie fließend zu seyn schien , als wenn er sie wieder übersah und ausputzte . Andre Seribenren sind von ganz widrigem Geschmacks ; sie setzen die menheit in dem Denken , in einem gezwungenen schwülstigen Ausdrucke , der die Beschwerlichkeit eines tiefsinnigen Nachsinnens zu erkennen gie - bet . Sie würden nicht glauben , sich glücklich und scharfsinnig drücken , wenn man sie verstehen könnte , ohne daß man viel Witz und eine große Aufmerksamkeit dazu nöthig hätte ; und sie sind niemals gnügt , als bis sie alles dasjenige aus ihrer Schrift weggeschafft haben , was einfältig , natürlich und gemein zu seyn scheinen kann . Quid q»od nihil iam proprium placet , dum parum creditur difertum , quod et alius di - xifi'et ? - - - tum detnum ingeniofi fcilicet , fi ad intelligendos 110s opus fit ingenio . Quint . Lib . VJII , in Prooem . p . m . 354 . Dieser - wegen geben sie ihren Lesern , je mehr sie ihre Werke verbessern , ihre dabey gehabte Arbeit immer mehr zu erkennen . Sie ist ohne Zweifel sehr groß ; allein sie ist manchmal derjenigen nicht gleich , die diejenigen anwenden , die in ihren Werken durchgängig ein großes Ansehen der Leichtigkeit er - halten wollen . Einige Personen , die es von guter Hand haben wollen , haben mich versichert , und ich habe es vor einigen Tagen in de» Melange» d'Hiftoire et de Literature de Mr . de Vigneul Marville p . 2»z , roueni - sche Ausg . gelesen , daß Voiture seine Verse und Briefe , nachdem er lange über derselben Verbesserung geschwitzet , erst in den Stand gesetzet hat , darin - nen wir sie haben . Sein Bertheidiger saget dieses nicht : allein er giebt gleichwohl zu erkennen , daß die Geschicklichkeit , mit welcher dieser aufge - weckte Kopf seinen Werke» das Ansehen einer großen Leichtigkeit gegeben , ihm viel gekostet hat . Ich glaube , man wird hier gern ein Stück aus dieser Schuhschrift sehen . Die Materie ist artig genug , daß sie wohl ver - dienet , sie hier mit dem Gutachten etlicher guter Kenner zu zeigen . Vor allen Dingen hat Voiture diejenige Nacklaßigkeit gesucket . die sckonen Personen so wohl ansieht , welcke Sie Vorrheile ihrer Geburt in solchen XCettb setter , und welcke , nachdem sie die Au - gen bezaubert hat , der Einbildung noch da« Vergnügen läßt , sich dasjenige vocjuliellen , was SieRunst annock SenAnnehmlickkei - ren SerNamr hatte beifügen können . iL« erscheint bey allem , was er thttt , icl ) weis nickt etwas so leicktes , so ungezwungenes , so narürlickes , Saß sick ein jeder anfanglick vermögend halt , nur gleickem Fortgänge ut arbeiten ; und erstlick nack lange , » und unnützlicken Bemühungen ausruft : Querto facile , quanto e diffi - cile ! ' jck erinnere mick , wie er es ehmals nickt gemisbilliger , daß ick mick für ihn eines L . obspruchs bediente , welcken Tasso einer von seinen - Heldinnen giebet .
N011 fo ben dire , s'adorna , o fe negletta ,
Se cafo od arte , il bei volto compofe z Di natura , d'amor , del cielo , amici Le negligenze fue fono artefici .
3n der Chat ist dasjenige , was Nachlässigkeit bey ihm 5» feyjt sckeinr , eine verborgene Runst , welcke sick unter der Gestalt sei - nes U ? iverspiels versteckt , um mit mehrer Geschicklichkeit und mit mehr Gewißheit zu wirken . Und gewiß , wie SieNatur nie - mal« mehr zu bewundern ist , als wenn es sckeinr , daß sie Sie lvcrke der Runs ? nackscliilvern wollen ; unv Saß sie begierig ge - wesen , sick utm Scküler ihres Lehrlings , und zur Nackabme - rinn ihres gcwohnlickcnvlackabmers zu macken ; so iß aueb die Runsk ihrerseits nickt vollkommen , wenn sie nickt dem lichen nackahmer , ihre Demühungen , ihr Nackdenken und ilire heftigen Zöestrebungen niclit unter einer sckeinbaren K . eicktigkeir bedecket . Die grieckiscken Maler haben die Göttinnen der An - nehmlickkeiten ohne Rleider und Ropspuy gemalt , unS wenn sie ihnen zuweilen lange Ziocke anlegen , so sinv es Rocke ohne Gür - tel gewesen , ohne Zweifel vadurck anzuvettten , Saß Sie Annehm - lickkeiten , die am meisten reizen , nickt von gekünstelten Atwzierun - rungen und in die Augen fallendem Aufputze herkommen ; und daß hauprsacl'lick jedermann , der gefallen will , das Bild unS auck gar den Schatten alles Zwanges vermeiden muß . Die na - türlicke ü . iebe , die wir alte qegen die Freiheit haben , erstrecket sick auck bis auf die sinnreichen Sckriften , und wir werden als solcke Feinde der Unterthanigkeit und Dienstbarkeit gebohren , daß nickts so schon seyn kann , welckes nickt alle seine Annehm - lickkeiten verliehrt , so bald es gezwungen zu seyn sckeinr . Nie - mals bar jemand diese noqhrheir besser begriffen , als Voiture , und mchr Fleiß angewendet , die Maschinen zu verbergen , weh cker er sick bedienet hat , die sckonen Dinge au« dem Grunde sei - ner Einbildungskraft hervorzubringen , die er uns hinterlassen hat . Man sollte sägen , daß die Blumen unter seinen Tritten ge» wachsen , oder daß er sie unter seiner - Hand von ungefähr , und ohne daran zu denken , gesunden ; daß ihm das Besse in seinen Sckriften nichts koste , daß ihm alles dieses ^fälliger XDeife auf Sas Papier gestoßen , und ohne Mühe in Sie Feder gefallen ; daß alles dieses , sage ick , lustig , ohne die geringste Arbeit , aus der Pelisson , der sich so wohl auf alle Gattungen der ge , streichen Werke verstanden , ist schr überzeugt gewesen , dap öfter - emewi Schriftsteller mä'l - saurer wert« als der Schein , daß ihm fein Werk nicht viel Mühe
pag . 30 , „ machen die Poesie vor allem unvergleichlich ; die Erfindung , „ woher sie auch ihren Namen genommen , und die Leichtigkeit , die ihr „ höchst i'othwendig ist . Ich verstehe nicht die Leichtigkeit zu verferti - „ gen ; Sie kann zuweilen glücklich seyn , aber sie muß allzeit verdächtig „ seyn : ich verstehe die Leichtigkeit , welche die Leser in den bereits gemach - „ ten Verfertigungen finden , die öfters für den llrheber eine der schwer - „ sten Sachen von der Welt ist ; so daß man sie mit denjenigen Kunst - „ gärten vergleichen könnte , denen man die Kosten nicht ansiehr , und wel - „ che , nachdem sie Millionen gekostet , ein bloßes Werk des ungefähren Zu - „ falls uiid der Narur zu sey» scheinen . „ Dasjenige , was er bereits von der Leichtigkeit gesagt hatte , die in den Werken guter Dichter erscheint , ist unvergleichlich . Man sollte glauben , sie hätten dasjenige nickt ande«s lagen können , was sie gesäget haben , wenn sie auck ge - wollt hatten : so leickt sind ihre'Ausdrückungen . Diese Worte sinv ihnen ohne Vorsatt aus ver Feder gestoßen ; sie haben jedes ihren plan ganz natürlick eingenommen . Amphions Lerer hak , wie es sckeint , nicht mehr Xvunver gethan . wenn Sie Vurck ren Wohlklang bewegten Steine sick von sick selbst über einan - Ver gestellet , Sie berühmten Mauern von Theben zu erbauen . Ebend , 2g S .
So urtheilen die Leser davon ; allein der Urheber weis das Geqentheil wohl , und er erinnert sich , daß die Verse , die am leichtesten oder fliessend' sten zu seyn scheinet , , diejenigen sind , die ihn am n , eisten geiwlhiget ha - ben , sich im Kopse zu kratzen und die Nägel abzubeißen .
Et in vcrfli facienda ,
Saepe caput feaberet , vino« et roderet vngucs .
Horat . Sat . X , Lib . I , v . 79 . Man ziehe die I Sat . des Persius v . 106 zu Rache .
Nec pluteum caedit nee demorfos fapit vngues .
Er erinnert sich , daß dieses die Sache ist , wobey er sich des Raches bei Horaz Ep . II , v . 224 , Lib . II .
Ludentis fpeciem dabif , et torquehitur mit der größten Aufmerksamkeit bedienet hat , und wo er denen alten Philosophen am meisten ähnlich gewesen , die ein tiefes Nachdenken ihren Sinnen entzogen hat .
Obftipo capite , et figentes lumine terram
Murmura cum fecum , et rabiofa filentia rodunt ,
Atque exporreöo trutinantur verba labello ,
Aegroti veteris nieditantes fomnia : Gigni
De nibilo nihil , in nibitum nil poJJ'e reuerti .
PerC Sat . IH , v . «0 . Dey allem diesem giebt es Ausnahmen ; denn etiiäx Poeten , als Ovidiut unter den Alten , und Meliere unter den Neuern , haben eine atißerordent - liche Fertigkeit gehabt , Verse zu machen , wonnnen die Leser diese groß» Leichtigkeit ohne Mühe erkannt haben .
Man merke , daß Pelisson beobachtet , es könne viese Arr der Fertig - keit manchmal glücklich sey» , sie müsse aber allezeit vervackrig sey» . Kedeamus ad iudicium et retraäemiis fufpeöam facilitatcm . Qiiint . Lib . X , c . z , p . 48z . Dieses erinnert mich eine« Gedankens des Gvdeau in der Vorrede zur Uebersetzung der Psalmen . Die L . eicktigkeit ; u schreiben , saget er , sckeint ein Vortheil zu seyn ; allein sie ist eine Art des Mangels : weil sie verhindert , Saß Set Geist , der von Natur Sie Mühe hasset , Sie Sacken nickt auf ven punct See Vollkommenheit dringt , worauf er sie zu fetten vermoaend wesen wäre . In SerThat iff die Verbesserung , welcke Sie erskn Aufsatze sauberr , Venen viel verdriefilicker , die diese Leicktigkeir haben ; als andern , welcke OicSackcn sckon vollkommen hervor - bringen , und bey welcken die Runsk mehr arbeitet , als die Natur . Dieses kömmt mit Q . uintilians Begriffen nicht übel überein . Dieser große Meister will , daß man ansaugen soll , langsam zu schreibe» . Durch dieses Mittel wird man so weit kommen , wohl zu schreiben , und von da geht man weiter geschwinde zu schreiben : allein wenn man im Schreiben eilet , oder welches einerley ist , mit großer Leichtigkeit schreibt , so wird ma« niemals so weit kommen , daß mau wohl schreibt . Hanc moram et fol - licitudinem initiis impero - . . cito fcribendo non fit , vt benc feribatur : bene fcribendo fit , vt cito . Quint . Lib . X , c . pag . 484 . Siehe unten die erste angeführte Stelle bei ) dem Artikel Gricellark« . Es mag diese Leichtigkeit ein so großer Mangel seyn , als er will : so ist es doch besser , demselben unterworfen zu seyn , als daß man sei» ? Begriffe mit m , ertraglichen Wehen zur Welt bringt ; und man ist weit licher , wenn man niemals das Ende seiner Verbesserungen findet , als wenn man es ein wenig zu zeitig findet . Balzac ist in die Reihe derer Schriftsteller gesetzet worden , die sich durch einen gar zu großen Eigen - sinn im Schreiben unglücklich machen . Man lese diese Worte CostarS , Apol . p . 37 . „ In Balzacs Schriften fließt nichts ohne Mühe . mchtS „ kommt natürlich . Die Arbeit etscheint darinnen so offenbarlich , daß „ die zärtlichen Leser dadurch abgemattet worden . >vie jener berufene Sy - „ barite , der die hellen Tropfen über die Bemühungen gefchwitzet , die er „ einen armen Tagelöhner anwenden sah . Und gewiß . er hat eS manch - „ mal selbst bekannt , daß er , wenn er die Hand an die Feder geleget , nicht „ weniger ausgestanden habe , als ein Galeerenstlave , der ans Ruder ge - „ schmiedet ist : Nicht darum , daß er keine Größe und Schönheit eines „ unvergleichlichen Geistes gehabt hätte ; sondern , weil er eben si> viel „ Mühe hatte , sich selber eine Genüge zu thun . als jene seltene Person , da - „ von Lisieux gesagt : Sie sckonen Sacken , Sie er heraus giebt , kom - „ men ihm theuer zu siehen ; so daß wenn ick an seiner Stelle wäre , „ ick lieber eine andre Verricktung zum Dienste des Nächsten er - „ kiesen und nickt glauben würde , daß Sott eben diese von mir „ verlangte . „ Siehe auch die Stucke pour la Defenfe de la Reine MereTom , I , p . m . 471 , 472 , wo man versichert , daß alles das , was Dal - zae rhu» kömien , gewesen , einen Satz in einem Tage ; u poliren . und daß er einen ganzen Tag gebraucht , e>n Verbindungslvort oder ein Vor , wörtchen an den rechten Ort zu setzen . Man hat einigen Grund zu sagen , daß die Leser leicht wahrnehmen , daß die Werke dieses berühm - ten Scribenren , ihn , viel gekostet haben . Sie bilden sich gar nickt ein , daß es ihnen sehr leicht seyn würde . eben so , wie er , zu schreiben . Wenn einen Schriftsteller liest , dessen Gedanken und Worte ein leichtes
gekostet habe VinS , ouaedani«n . ali foluenda de induftria Amt , ilk Fan «nMWcynMeller liest , dessen Gedanken und Worte ein leichtes quidem maximi laboris ne laborata videantur . Quintil . lib . IX , c . 4 , Ansehen haben : so bildet man sich ein . daß man es eben so machen wollte .
j> . nu 4J7 . Zwey Dinge , jaget er in der Vorrede zu Sarrasine Werken
Allein man findet sich in seiner Meynung sehr betrogen , wenn man zur P p p p z Probe

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.