Creator:
Bayle, Pierre Gottsched, Johann Christoph La Croze, Maturin Veyssiere
PURL:
https://dibiki.ub.uni-kiel.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:8:2-10655

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schuld Steine de« Anstoßes in den Weg zu legen , selbst indem man wider die Reizungen zur Wollust eifern will . Herr Bayle thut dieses beydes sehr oft zugleich , und reißt also mit der Linke» mehren - theils nieder , , vas er mit der Rechten bauen will . Nun will er sich zwar , als einen Geschichtschreiber , aus der Zahl derer auSneh - men , die sich anstößiger Erzählungen zu enthalten , und der Reinig - keit der Sitten zu befleißigen hatten . Allein wer zwingt einen Geschichtschreiber doch , alle unflätige Dinge seiner Personen so sorg - - fältig zu stimmten , sie mit einer verführenden Beredsamkeit auszu - kramen , und seine Leser alle Augenblick , auch bey den entfern testen Gelegenheiten , wieder darauf zu verweisen , und derselben zu erin - nern ; wie er es mit gewissen schmutzigen Artickeln machet , die ich nicht nennen mag , damit ich nicht in eben den Fehler verfalle , den er damit begangen hat . Oder was hatte doch die Weit daran ver - lehren , wenn kein Brantome uns die Geilheit ehrloser Weibsbilder , aufbehalten hätte ? Gewiß , nicl>ts mehr , als daß auch Herr Bayle sie nicht hätte wiederholen , und also durch seine Zusätze ungleich schädlicher machen können , als sie an sich selbst schon waren .
Doch kann ich hier nicht unerinnert lassen , daß der Pastor Fido des Guarini auch bey uns leider . ' im vorigen Jahrhunderte sowohl vom Hoffmannswaldau , als von Abschätze : , ins Deutsche übersehet worden : allein , , velches das Beste ist , in einer so unangenehmen und wilden Versart , daß er bereits ganz ins Vergessen geräthen , und schwerlich von jemanden mehr gelesen wird .
Sonst hätte Herr Davle auch noch erinnern sollen , daß dieses Stück in Welschland , zu Einführung der Opern viel beygetragen , indem es musikalisch aufgeführet worden , und also dadurch noch ver - führender geworden ist . G .
Sie lernen diese Dinge eine von der andern : die Alten unterweisen die Jungen ; und wenn die Unwissenden begierig nach der Wissenschaft sind , so haben die Gelehrt« , nicht weniger Begierde , ihnen ihr Licht mit - zutheilen : man sollte sagen , daß sie den Lehrsatz für canonisch hielten , daß alles Wissen zu nichts dienet , wenn man nicht auch andern dasjenige zu erkennen giebt , was man weis .
Vsqtie adeone Scire tuirni nihil eft , nili te feire hoc feiat alter ?
Perf . Satir . L verf . 2j .
Also hebt die italienische Auferziehung , diese große Sorgfalt , den ledigen Frauenspersonen den Umgang mit dem Mannsvolke zu entziehen , da« Uebel nicht . Ueberdieß erlaubet man ihnen , auch in de» strengsten Lä» dem , sich dennoch bey den Hochzeiten mit Mannspersonen einzufinden . Allein kann man auch wohl eine ärgerlichere Schule der Unreinigkeit , als die Gesellschaften , Lustbarkeiten und Mahlzeiten , bey Hochzeiten sehen ? Wie viel Alberkeiten , ja wie viel Unflätereyen werden nicht dabey ge - sagt ? Man sehe die nachfolgende Stelle des H . Cyprians . Er hat mit Recht nicht gewollt , daß die Jungfern denselben benwohnen sollen : er er - kläret ihnen , daß sie nichts , als eine verstümmelteIungserschaft davon zurück bringen würden . Cyprian , de difeiplina et habitu Virginum , cap . XIV . Quäsdam non pudet nubentibus interefle , et in illa lafciuientium li - bertate fermonum colloquia incefta mildere ; audire quod non licet dicere : obferuare et efle praefentes inter verba turpia et temulenta conuiuia , quibus Libidinum fomes accenditnr , Sponfa ad patientiam ftupri , ad audaciam fponfus animatur . Quid illic difeitur ? quid vi - detur ? Quantum a propofito fuo virgo deficit ; quando , pudica quae venerat , impudica difeedit ? Corpore licet virgo ac niente perma - reat : oculis , auribus , lingua , minuit illa , quae habebat . Barth über den Claudian 766 S machet hier eine Note . die nicht unrecht ist . ha etiam , saget er , vltimo editafunt faneti viri verba ; Scripiifie tarnen arbitror , Corpore licet virgo permaneat . - at mente , oculis , auribus , Ii» , euu , minuit illa , quae habebat . Sane nifi mens tangerehir per fenfus , minitne minuerentur pofl'eflä . Man sehe was bey dein Artikel Lykur , aus , in der Anmerkung ( G ) , gesaget wird , und erinnere sich desGnind . satzes Xenophons : er will , daß eine Verlobre das Haus ihres EhmannS betreten soll , da sie noch sehr wenige Dinge , weder gesehen noch gehöret
hätte . Ö Eevo ! päv o' / erett Suv } > ßSrctv , Ii « * «' -
taexv i% InSf0« ßxX & v , Xenophon cenfet fponfani ita debere in ma - riti doraum venire , vt quam Minimum viderit , quam Minimum aiu diuerit . Plut . de Pythiae Orat . p . 405 . C .
( E ) ( Es wird darinnen eines von den unbeareiflichste» Ge - heimnijsen vcr Xlatuc berühret . ] Er führet ein Mägdchen ein , wel - ches , da es sid ) der Willkühr zweener feindseligen Tyrannen , ( die Liebe und Ehre : siehe das Sonnet über die unzeitige Geburt , ) preisgegeben gefühlt , das Glück der Thier« beneidet , die in ihrer Liebe keine andre Re - gel , als die Liebe selbst haben . Sie kann den Streit nicht begreifen , der sich unter der Natur und dem Gesetze findet . Die eine verbindet mit gewissen Dingen die Wollust , und das andre verknüpfet die Schärfe der Strafe damit . Ihr Beschluß ist dieftr :
Entweder die Natur ist ungerecht zu nennen ,
Die uns mit Trieben füllt , die das Gesetz verdammt : Wo nicht , so muß ich doch den Satz für hart erkennen , Der Neigungen verwirft , so die Natur entflammt .
Ohne die Offenbarung des Moses , ist es unmöglich hierinven etwas zu begreifen , und ich habe mich hundertmal gewundert , daß die alten Phi - losophen hierauf so >ve»ig Aufmerksamkeit gewendet haben . Ich rede nur von denen Philosophen , die Gottes Einheit erkannt haben ; denn diejenigen , die , nach ihrer Landesreligion , die Vielheit der Götter zuge - lassen , haben dabey keine Schwierigkeiten finden können : sie durften nur voraus setzen , daß ein Gott die Ursache von der Neigung der Natur wäre , und daß uns andre Gottheiten die Triebe des Gewinns , und die Begriffe der Ehre einprägten . Die Schwierigkeit betraf nur diejenigen , die über - zeugt waren , daß das ganze Weltgebäude das Werk eines einzigen aller - heiligsten Gottes ist . Tie geht es zu , daß das menschliche Geschlecht unter einem Ursprünge von dieser Narnr , durch eine fast unüberwindliche Reizung , ich will sagen , durch die Empfindung der Wollust , zum Bösen gezogen , und durch die Furcht der Gewissensbisse , oder der Schande , oder vieler andern Sttafen davon abgewendet wird , und seine ganze Lebens - zeit unter so widerwärtigen Leidenschaften zubringt ; da es bald auf die «ine Seite , bald auf die andre gezogen , bald von der Wollust , bald von der
Furcht der Folgen überwunden wirk Der Manicbaismus ist vermuth - lich aus einem scharfen Nachdenken über diesen beweinenSwürdigen Zu - stand entsprungen . *
* Ist es nicht eine seltsame Sache , daß Herr Bäyle auch eine so schlechte Gelegenheit , als diese , ist , nicht vorbey läßt , ohne uns die manichäische Lehre zu predigen ? Das wunderlichste ist , daß der Ein / fall eines verliebten Poeten , der noch dazu auf der Stelle , wo er steht , nämlich in dem Munde einer Schäferin , , , ein Fehler wider die Wahrscheinlichkeit ist , ihm so gründlich vorkömmt , daß er auch so gar einen erheblichen Einwurf , wider die Einheit des göttlichen Wesens , ausmachen soll ; m>d zwar einen solchen , den die Weltwei - sm nicht sollen zu heben wissen . Gleichwohl ist eben keine große Philosophie dazu nöthig , wem , man zeigen will , wie eben derselbe Gott dem Menschen eine fast unüberwnMche Neigung zur Liebe einpflanzen ; find gleichwohl durch feine Gesetze , die Aueschweifnn - gen der Wollust habe verbiethen können . Ich will die Sache kurz fassen .
Die Thiere auf dem Erdboden , und folglich auch der Mensch , soll - ten ihr Geschlecht fortpflanzen , damit sie nicht alle aussterben , und die Welt leer lassen mochten . Dazu war nun der so starke Trieb zur Beywohnuna »othig , ja unentbehrlich . Von den unvernünfti - gen Thieren ist dieses ohne Streit ; weil sie keine andre Treibfeder chreö Thuns haben , als die Begierden . Bey dem Menschen aber , der auch eine Vernunft hat , konnte dieser sinnliche Trieb gleichfalls nicht weg bleiben , wenn nicht das menschliche Geschlecht untergehen sollte . Die Bernnnft allein nämlich hätte die meisten eher vom Heirathen abschrecken , als darzu antreiben können ; weil sie bey der Erhaltung eines ganzen Hauswesens , , md der Erziehung der Kin - der , so viele Beschwerlichkeiten sieht . Die smnliche Begierde aber , und die Liebe zum andern Geschlechte reizet so stark , daß «ich die Schwierigkeiten , die die Verminst dagegen machet , überwunden werden , und der Zweck Gottes von Erhaltung des menschlichen Ge - schlechts , in allen Theilen der Welt dadurch unausbleiblich erreichet wird . Hier ist nun das eine , was Gott gethan hat , völlig gerecht - fertiget .
Hätte nun eben dieser weist Urheber , der den Thier« , diesen Trieb eingepflanzt , auch die ganze Liebe der beydm Geschlechter gegen« einander , dusch seine Gesetze , durchaus verbothen : so wäre er frey» lich sich selber zuwider gewesen . Denn was wäre ungereimte , ' , als etwas zu verbiethen , was man doch selbst auf eine unvermeidliche Art veranstaltet hatte ? Allein wo ist denn das Gesetz , welches die ganze Verbindung beider Geschlechter untersagt ? Schrift und nunft wissen nichts davon . Be , ) t>e wollen hingegen , daß Mann und Weib dieser natürlichen Neigung gegen einander , in einer ge - wissen Ordnung statt geben sollen ; um denjenigen Zweck desto besser zu befördern , weswegen sie ihnen eingepflanzct worden . Da min , die Bevölkerung des Erdbodens dieser Zweck ist . diese aber durch nen ordentlichen und keuschen Ehestand weit besser befördert wird , als durch die wilde Wollust eines ausschweifenden Beyfchlafs : so sieht man ja augenscheinlich , daß nichts besser übereinstimme , als der natürliche Liebestrieb , und das Gesetz wider die NB . dene Wollust der Unzüchtigen , die den Absichten Gottes zuwider läuft . Zweifelt aber hieran jemand , so bedenke er nur , daß aus der unehelichen Wollust die Erzeugung der Leibesfrucht entweder nicht erhalten , oder gottloser »veife verhindert , oder wenn sie ja ans Licht kömmtgcinemigkch verwahrloset wird ; wie die Erfahrung bezeuget . Alles dieses aber thut eine ordentliche Ehe nicht ; und zu deren derung sind die Gesetze wider die Unkeuschheit gegeben . Nun mag Herr Bayle hingehen , und mit sein« , Manichäern sophistisircn , so latKjc er will . Kein vernünftiger Mensch wird sich durch ein aua= rinisches Schäftrmägdchen bereden lassen , auf seine Seite zu treten - es müßte dem , em parisischer Stutzer seyn , der ihr an Weich Herzigkeit und an Verstände nicht überlegen ist . G .
< ? ) Er ist ; u Venedig in einen , 'wirchshatlse gestorben . ] Er war wegen eines Rechtshandels imch Venedig gereiset , uud ist daselbst vor Kummer und Alter gestorben . Er ist seine ganze Lebenszeit über , wegen der Verfolgungen seiner Feinde unglücklich gewesen , wenn wir dem Nie . Erythräus glauben dürfen . Semper cum aduerfa fortuna iniquorum odio conti leiatus ( non enim tnaleuoli tanto viro deefle potvrant ) de . muin cum Veneria« litium quarundam caufa veniflet , et ad cauponetn diuertifiet , ibi fenio curisque con / e & us , exceffit e vita . Pinac . L p . 97 . Aub . MiräuS hat seinen Tod fälschlich ins 1590 Jahr gesetzet ; in Script . Saec . XVI . p . 177 .
< G ) Seine Verse haben ihm viel Arbeit gekostet . ] Zuerst wol - len wir sehen , was Jmperialis , in Mufaeo Hift . p . i - y . saget . Infuper mirandum etiam , quod licet expedita illa carminum pangendorum vbertas , illaborata penitus , et fponte fiifa videatur ; tarnen ab ipfo anxie afFe£tatam ac diutino quaefitam ftudio ipfimet ( . familiäres ) alle , mnt , praemonftrantes extrarias quasdam carminum fuorum fchedu - las , frequentiflimis expunöas ac immutatas locis , ex quibus hercule peracris quidam , ac implexus fcribendi arguitur labos .
Sammlungen wegen der so steinenden oder wirkli - wen Fertigkeit im Schreiben .
Dieß heißt uns zwey Dinge berichten ; das eine , baß diese Verse des Guarini mit außerordentlicher Mühe gemachet worden ; das andre , daß es scheint , als wenn sie mit der äußersten Leichtigkeit aufgefttzet wären . Diejenigen , welche vorgeben wollten , daß diese zwey Dinge nicht beyeilp der bestehen könnte , , , würden die Veränderungen des menschlichen Gei - steS nicht sehr kennen , und sich einbilden : daß keine andre Arbeiten viel kosteten , als diejenigen , davon ein Leser ebendasselbe Unheil fällte , was man von des DemostheneS Reden gefället hat , Olent hicernam . PIu - tarch . in Demofthen . pag . 849 . Allein man muß wissen , daß die Be - fchaffenheit der Geister , noch viel verschiedener zu seyn pflegt . Mancher Schriftsteller läßt fein ? Leser alle Mühe empfinden , die er gehabt ; und wenn er eine gewisse Stelle drey - oder viermal mit solchem Nachdenken ver - bessert , daß ihm der Schweiß ausbricht , so nimmt man wahr , daß diese Stelle weit mehr nach der Arbeit schmecket , als eine andre , die nur zwew oder dreymal verbessert worden ist . Allein es giebt Schriftsteller , deren
Arbeit

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