Creator:
Bayle, Pierre Gottsched, Johann Christoph La Croze, Maturin Veyssiere
PURL:
https://dibiki.ub.uni-kiel.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:8:2-10474

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Gretserus .
Gretseru^ ( Jacob ) ein sehr gelehrter Mann , gebohren zu Markdorf in Deutschland , wurde 1577 , in einem zehnjährigen Alter ein Jesuit . Er ist sehr lange ! ) ahre Professor auf der Akademie zu Ingolstadt gewesen ( A ) . Man giebc vor , daß ihn sein fleißiges Studieren vom eifrigen Gebethe nicht abgehalten habe , und daß seine große Wissenschast mit einer unvergleichlichen Bescheidenheit begleitet gewesen . Die Einwohner zu Markdorf haben sein Bildm'ß verlangt , es auf ihrem Rachhause auszuhängen ; allein so bald er ihr inständiges Anhalten deswegen bey seinen Obern erfahren , so ist er verdrießlich darüber geworden , und hat ihnen gesaget , daß sie nur einen Esel malen lasten dörften , wenn sie sein Bildniß ha - den wollten . Diesen Verlust zu ersetzen , kauften sie alle seine Werke , und widmeten sie dem gemeinen Wesen . Er hat niemals sein Ansehen angewendet , für seinen Neffen , welcher studierte , das geringste Merkmaal eines Vorzugs zu erhalten . Er ist zu Ingolstadt den 39 Ienner 1625 gestorben K Sein Leben ist ein bestandiger Krieg wider die protestantischen Schriftsteller und zur Vertheidigung seines Ordens gewesen . Seine Schreibart gegen dieselben ist sehr scharf ; man hat ihm aber auch aus gleichem Tone geantworter . Die Anzahl der von ihm geschriebenen oder übersetzten Bücher ist erstaunlich ( ö ) . Einige Schriftsteller haben ihm viel Lob beygeleget c . Der Cardinal du Perron hat ihm zugestanden , daß er viel Witz ge - habt ; allein er setzet einen sehr schandlichen Anhang dazu , der einer sehr berühmten und gelehrten Nation zu nahe tritt ( C ) . Ein Neuerer hat die UnHöflichkeit dieses Cardinals noch übertroffen , und sich dadurch einigen höchstbilligen Verweisen ausgesetzt d .
a ) Indignatus ille eft , vbi refciuit , monuitque tum demum illos fuatn imaginem habittiros , fi piöiim in tabtila afinum habe - rent . Sotuel , Bibl . Script . Soc . Iefu , pag . 369 . b ) Aus dem Nathanael Sotuel Ebendas . c ) Siehe die Anmerkung ( B ) . <0 Siehe die Anmerkung ( C ) .
( A ) Er ist lange Jahre Professor ju Ingolstadt gewesen . ) Er hat daselbst drey Jahre die Philosophie qelehret ; sieben Jahre die mora - lische GotteSgelahrrheit , und vierzehn Jahre die scholastische Theologie . Loluel , Bibl . Script . Soc . Iefu , pag . 369 . 4
( B ) Die Anzahl Oer von ihm geschriebenen - - - Sucker ist erstaunlich . ] Das Verzeichniß davon ist >674 , in 4 . zu München durch die Besorgung des Jesuiten , George Hesers . herausgekommen . Dieses Verzeichniß ist sehr richtig , und man hat es nach der Urschrift des Verfassers herausgegeben . Ebendas . 372 S . Ich werde nur die Titel von einigen seiner Bücher bemerken . De Sandla €ruce Tomi III . De facris Peregrinationibus Libri IV . Drey Schutzfristen für das ben des Stifters der Jesuiten . Die Widerlegung der Historie von den Jesuiren . Diese Historie ist von einem gewisse» Hasenmüllerus . De Iure et More prohibendi Libros noxios Libri II . Controuerfiarum Roberti Bellarmini Defenfio Tomi II , in folio . Bafilicon doron , feu Commentarius Exegeticus in Sereniflimi Magni Britanniae Regis Ia - cobi Praefationcm monitoriam : et in Apologiam pro iuramento fi - delitatis . Verschiedene Bücher wider den Goldast , und unter andern eines , das zum Titel hat : Arnoldi Brixienfis in Mclchiore Goldafto Caluiniite rediuiui , vera Dcfcriptio et Imago . Man sehe den Titel eines gleichen Werkes wider den Arnauld oben in dem Artikel , ArnaulS ( Anton ) Doctor der Sorbonne . Noten über die Historie des ThuanuS . Ein Tractat Über das Compelle intrarc , an Heterodoxi ad fidem co - gendi fint ? Eine Antwort auf das Buch des Du Pleßis Mornai , >ly . ttcrc ä'Iniquite betitelt . Diese Antwort ist weit kürzer und nicht so lehrreich , als desCoeffeteau seine ; allein de« Coeffeteau seine war leichter zu beantworten , als Jacob Gretsers seine . Dieser hat die Anführungen und die allerkleinsten Zeitrechnunqsfehler erbärmlich geputzt . Ich habe bey dem Artikel Gregorius der VII , in der Anmerkung ( R ) von seinen Arbeiten für dieses Pabstes gereder . Einige Schriftsteller von seiner Gemeinschaft haben ihn den Hammer der Ketzer , und das Schrecken der Lästerer der Jefuiten genennet . Magnus Lutheranorum domitor , ac malleus Haereticoruin et calumniatorum Societatis terror . Nathan . Sotuel , Bibl . Script . Soc . Iefu , pag . 368 . Er hat das Griechische wohl verstanden , und etliche grammatikalische Werke über diese Sprache , und Noten über die griechischen Schriftsteller geschrieben , als über den Ge - orge Codinus Curopalata , über den Johann Cantacuzenus . u . s . w . Wir müssen nicht vergessen , daß er die Ausgabe einer sehr guten Anzahl Ma - nuscripte verschaffet hat .
( C ) fDev Cardinal du Perron hat ihm zugestanden , daß er Ver - stand gehabt ; allein er hat einen sehr unhöflichen Zusan daM ge - füget , der einer - - - Nation zu nahe tritt . ] Gretser ist sehr zu'loben , er hat für einen Deutschen , viel Witz ( < * ) ■ Perron , p . m . 163 . Der P . Bouhours hat sich auf dieses Zeugniß gesteift , wenn er den fchö - nen Witz der Deutschen in Zweifel gezogen hat . Es hat sich ein Fran - zose gefunden , der sich der beleidigten Nation angenommen hat . Er ta - delt den P . Bouhours folgendergestalt : „ Es ist in eben diesem Discurse , „ da der Urheber fraget , ob ein Deutscher ein aufgeweckter Ropf „ seyn kann^ ! Mir deucht nicht , daß man noch aus den Einsall gerathen „ ist . an dieser Möglichkeit zu zweifeln ; und vermuthlich ist dieser Schrift - „ steller der erste , der diese Frage gethan hat . Er antwortet darauf mit „ diesen Worten : dafi es gleichsam ein Wunderwerk sey , wenn ein „ Deutscher sehr geistreich wäre ; und er führet deswegen den Carbi - „ nal du Perron an . - , - Allein aus allem diesen folget nicht , daß „ man deswegen die Frage auswerfen dürste , ob ein Deutscher ein aufge - „ weckter Kopf seyn kann ? und bieg ist das Mittel , sich in Deutschland viel „ Schimpfworte zuzuziehen . „ Barbier Daucour , Sentirnens deClcanthc für les Entreticns d'Arifte et d' Eugene , pag . 91 , 92 . brüßler Ausgabe . Auf der 78 S - redet er also : „ dieses machet keine große Zierde , eben so „ wenig , als die Frage , die er thut . ob ein Deutscher cm aufgeweckter „ Ropf seyn tannl Ich kann euch versichern , mein Herr , daß dieses sehr „ vernünftigen Personen misfallen hat , die mir gesaget haben , daß , wenn „ der Verfasser der Gespräche verständiger gewesen , er Leuten besser begeg - . . net seyn würde , die eine absonderliche Neigung gegen die Wissenschaften „ haben ; welche sie mit den Waffen verbinden , und welche unvergleichli - »che Dinge in den Künsten und Wissenschaften erfunden haben ; die „ Feuerwerkerkunst , die Buchdruckerey , den Proportionalzirkel ; die über „ dieses unsere Freunde , unsere Bundesgenossen , unsere Nachbarn sind . „ Man hat sich durch den Cleanthes nicht genugsam gerachet gehalten : Cramer hat deswegen eine schöne Schubschrift für seine Nation in einem Buche gemachet : Vindiciae Nominis Germanici contra quosdam Ob - trcöatoresGallos betitelt , welches 1694 zuAmsterdam gedruckt worden , und davon Beauvall im Heumonate 1694 , 499 u . fS . eiuenAuszug gegeben hat .
§ 00 Ith dürfte fast versichern , daß dieser Ausdruck des Cardinals Du Perron nicht so unhöflich ist . als er dem Herrn Baylen geschienen hat . Dasjenige , was die Franzosen l'Efprit , den Witz , nennen , ist eine gewisse Gabe zu Kleinigkeiten , oder aufs höchste , ich weis nicht wa« für eine Leb - haftigkeit , die sich überhaupt mit der deutschen Ernsthaftigkeit , und mit dem gesetzten Charaeter dieser Nation nicht »erträgt . Wenh also der
dinal du Perron vom P . Gretser gesaget hat , daß er für einen Deutschen viel Witz gehabt , so scheint es , ev habe nur sagen wollen , daß ein Deutscher sehr selten so viel von derjenigen französischen Lebhaftigkeit habe , c - lS P . Gretser davon gehabt , ungeachtet dieser Jesuit ein Deutscher sen . Ich sage eben so viel von der Frage , ob cin Deutscher em witziger Ropf styn kann 1 Man macht der deutschen Nation die ge - lauterste Vernunft , die feinste Fertigkeit , die edelsten Einfälle des Geiste« nicht streitig ; und sie wird mir diesen Gaben vergnügt seyn , und den französischen Efprit als keinen gar zu großenVorzug ansehen . Crit . Anm . *
* So vorrheilhaft sich hier Herr Bayle , und der ungenannte Urheber dieser eritischen Anmerkung von der deutschen Nation er - kläret haben , so kann ich doch nicht unterlassen , noch einen andern Ausländer zum Zeugen anzuführen , und unsern Landesleuten da - durch einen größer» Muth zu machen , als sie insgemein zu haben pflegen ; wenn sie den Witz ihrer Nachbarn allein bewundern , und sich beynahe selbst für Dummköpfe erklären . Es ist dieses der rühmte Octaviuö Ferrarius , ein mäyländischer Patricius , der als Professor zu Padua 1653 eine eigene Lobrede auf die deutsche Nation «ehalten . Ich will aber nicht alle« , was er den Deutschen zum Lobe , gutes gesaget hat , anführen , sonst müßte ich seine ganze Rede abschreiben . Er selbst gesteht gleich anfangs , daß er weder Muth noch Kräfte genug habe , die martialische Stärke dieses unüberwind - lichen Volkes , womit es die römische Monarchie an sich gerissen , zu beschreiben : inuiätee genri» martiurn robur , imperii federn , au - guftale decus , laudesque immenfas - - . Romain illani inclitam , orbis dominam , deorum federn gentiumque deam , Germanorum armis rerum humanarum faftigio detraftain ; profugam Quiri - tium maieftatem ; Phrygios Penates itcrum vi & os iterum extor - res , gentisque iuleae facraria hoftium potita ; feptem collium ar - cisque tarpeiac verticem deieöum ; concuflum Capitolii culraen ; Rheno Tiberlm fanuilantem ; victrices aquilas vtrumque folem permenfas . cum imperii diis translatas ; romana pila , captiuos fafees , fraöos currus , palmatas ac trabeas , orbisque fpolia victo - ribus detra£te : ncc tarn redditas cladcs , ac refixa tropaea , quam pro cxtremaGermaniaelaciniatentata magis quam victa , in cipe terrarum orbisque doniitore populo , orbem totum fub gibus mifliim . Von allen diesen Lobsprüchen davon die ganze Rede voll ist , schweige ich hier billig ; ich will nur von dem Witze der Deur - sehen etwas anführen . Pacis ftudia , schreibt Ferrarius , atque in . geniorum kruQum exfequi , praefens cura eft . In quo quidem inepta quorundain atque acerba iudicia fatis miiari et exeufare non pofliimüs , qtii effe Germanis opacas mentes , obtufum peüus , ple - bts abderitanae corda , lenta et ßdere fuo torpentia ingenia , et fi Deo place t , humeris demerfa , vaecordes 1 ps i atqve helleBoro cvrandi praedicant . ( dieses mögen sich der Cardinal Perron und P . Bouhours merken ) Quis enim ita irati * diis , ac Mufis viuit , vt ignoret , Germaniam , ficurolim informem terris , vt ait ille , afperain coelo , triftem cultu afpeäuque ; polt vicis ac pagis confitam , maximis ac florentiffimis vrbibus veluti coronatam , omnem humani cultus fpeciem aeeepifle ; ita ingeniis ac litteris mitigatam nouain veluti faciem induifle , artiumque omni - um ac dijciplinarum fludiis null ! prouinciarum , etiam quae mitiori coelo fouentur , fecund am - , prodigiofis nouorum operum atque incogni . tarum machinarum inuetttis ) gentes ornnes ac populos , ficut armis de . vicit , ita ingenio fuperaße ? Und hierauf führet er noch des Franzo , sen ÄodinU ! » Zeugniß an , der von den Deutschen geuttheilec habe , daß sie in weniger Zeit so zugenommen , vt humanitate Afiaticii , militari difeiplina Romanis , religione Hebraeis , philofophia Grae - eis , geometria Aegyptiis , arithmetica Phoenicibus , aftrologia Chaldaeis , opinciorum varietate populis Omnibus fuperiores eile videantur . Das übrige , worinnen dieses alle« weitläuftiger ausge - führet wird , muß man bey dem Verfasser selbst in seinen Operibu» yarns , die Joh . Fabrieius «711 in Wolsenbüttel in zween Oetav - bänden herausgegeben , Tom . I , auf der - ? 8 f . S - nachlesen . Will aber nach dem allen ein in sich selbst verliebter Franzose noch sagen , daß dieß alles wohl Efprit , aber keinen bei Efprit anzeige : der nach der gemeinen Art in einem gewissen windiglen flatterigten Wesen , in einer Art von Ungezogenheit ; in der Manier sich närrisch zu klei - - den , mit einer besondern Art zu pfeifen , zu singen . Tabak zu neh - men , die Beine übereinander zu schlagen , zu lachen , wenn andere weinen , oder ernsthaft zu seyn , wenn andere lachen ; und alles zu verachten , was man nicht versteht , oder waS nicht parisisch ist , besteht : so wollen wir ihm gewiß diesen Vortheil gar nicht streitig machen , sondern gar gern gestehen , daß Frankreich diesen bei Efprit ganz lein hervorbringe . Doch giebt eS auch unter neuern Franzosen schon solche gescheidte Männer , welche Deutschland besser kennen , darunter ich nur den einzigen Claville nennen darf , dessen Buch du vrai merite del'Homme , im Haag herausgekommen , und an verschiedenen len der deutschen Nation mit Ruhme gedenket . «L .
«reviu»

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