Creator:
Bayle, Pierre Gottsched, Johann Christoph La Croze, Maturin Veyssiere
PURL:
https://dibiki.ub.uni-kiel.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:8:2-10452

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Gregoriusder Vll .
die Anmerkung ( E ) zu dem Artikel Xenophanes . Also haben diejeni , gen selbst , welche am gewissesten überzeuget sind , daß der Pabst der Stadt - Halter ^esu Christi ist , alles dasjenige als einen MiSbrauch der halterschaft ansehen müssen , welches nach der weltlichen Herrschaft und der Bestrafung der Körper schmecket . Und daher haben , natürlicher weise , unendliche Hindernisse gegen die Eroberungen de« Bischofs zu Rom ent - stehen müssen . Es ist nicht unnützlich , alles zu erkennen , ob man gleich nicht die Gewalt hat , mit allem nach Gefallen zu schalten . Es ist genug , daß die Religion dasjenige auf eine sichere Art zu erkennen giebt , was man glauben muß , und was man rhun muß : es ist genug , daß sie den Jrrlhum klarlich widerlegen kann ; und bloß in diesem Sinne kömmt chr die Gewalt zu , die Ungeheuer der Ketzerey und der Gottlosigkeit zu Boden zu schlagen . Wenn die Menschen ihrem Lichte widerstehen , so kömmt es Gott zu , sie als Boshafte , die keine Entschuldigung haben , zu strafen . Dieß ist die Sache der Religion nicht , noch ein Theil des von Jesu Cbristo eingesetzten Predigramts . Nun wollen wir auch den andern Theil von der Betrachtung des Ungenannten befthen .
„ Wir wollen nicht so hoch fliegen , und menschlicher reden : ich sehe „ nichts so erstaunliches in der Hoheit der Päbste . Sie haben durch Hül - „ fe einiger Stellen der heil . Schrift , die Welt von ihrer Göttlichkeit über - „ redet ; ist denn aber dieß etwas neues ? wie weit lassen sich die Menschen „ nicht in Religionssachen ziehen ? Sie wollen vornehmlich ihres gleichen „ gern vergöttern . Das Heidenthum bestätiget es : allein wir wollen ein - „ mal seken , daß die Päbste die göttlichen Vorrechte ihres Amts leichtlich „ haben einführen können : war es nicht natürlich , daß sich die Völker . . für sie wider alle die andern Machten erklaren müssen ? Jchsür meine „ Person , anstatt daß ich über ihre Erhebung erstaunen sollte , verwundere „ mich vielmehr , wie ihnen die allgemeine Monarchie fehl schlagen kön - „ nen : die Zahl der Prinzen , die das römische Joch abgeschüttelt haben , „ verwirrt mich ; wenn ich die Ursache davon suche , so kann ich mich wei - „ rer an nichts , als an diese zwo so allgemeine und bekannte Ursachen hat - „ ten , daß der Mensch nicht allezeit seinen Grundsätzen gemäß handelt , „ und daß das gegenwärtige Leben in sein Herz viel stärkere Eindrückun - „ gen , als das zukünftige machet . „ L' Efprit des Cours de I' Europe , Nov . 1699 , Pa§ - 665 . Wir wollen diesen seinen und scharfsinnigen Scribenren glauben lassen , di« Pabste hätten leichtlich überreden können , daß sie Gölter auf Erden wären ; das heißt , daß sie als sichtbare Häupter der Kirche auf eine glaubwürdige Art erklären können : dieses ist recht - gläubiq , dieses ist ketzerisch ; daß sie die Ceremonien anordnen und al - len Bischöfen der christlichen Welr befehlen können . Wurde aber dar , aus folgen , daß sie ihre Gewalt über die Monarchen leichtlich einführen , und sie mit der äußersten Leichtigkeit ihrem Joche hätten unterwerfen können ? Das sehe ich nicht ! Im Gegentheile sehe ich , daß ihre geistliche Gewalt aller Wahrscheinlichkeit nach , wegen der Herrschsucht , qrvße Gefahr laufen müssen , die sie sich unrechtmäßiger Weise über das Zeitliche der Kö - nige anqemaßet haben würden . Hütet euch wohl , sagte man einsmals zu den Athen iensern . daß euch die Sorge für den Himmel nicht um die Erde bringe . Man sehe die Worte des Erasmus in der Anmerkung ( ? ) zu dem Artikel Olympia« . Umgekehrt hätte man zu den Päbsten sa , gen sollen ; hütet euch , damit euch die Begierde , die Erde zu erlangen , nicht den Verlust des Himmels zu wege bringe : man wird euch die geist - liche Gewalt entziehen , wenn ihr euch bestrebet , die zeitliche unrechtmaßi - aer weise an euch zu reißen . Man weis , daß die aller rechtgläubigsten Prinzen wegen der Angelegenheiten ihrer Oberherrschaft viel eifersüchti - aer sind , als wegen de« Nutzens der Religion . Tausend alte und neue Beyspiele bezeugen dieses , , Es war also nicht wahrscheinlich , daß sie er - dulden sollten , daß sich die Kirche ihrer eigenthümlichen Guter und ihrer Vorrechte bemächtigte ; und eö war wahrscheinlich , daß sie viel eher ge - arbeitet haben , ihre Gewalt zum Nachtheile der Kirche zu erweitern , al« daß sie zugelassen haben sollten , die Macht der Kirche , zum Nachtheile ih - rer zeitlichen Gewalt , weiter auszudehnen . Die Prinzen , welche zu re - aleren wissen , haben fast allezeit den Adel und die Soldaten in ihrem horsame , und wenn dieser Theil ihrer Unterthanen ihnen getreu ist : , 0 scheint es nicht , daß sie die Unternehmungen der Clerisey zu furchten ha , ben . Man schlägt sich für sie gegen alle Galtungen von Feinden . Die - ses haben die Kriegsvölker Carls des V , gegen Clemens den VII ge - than . Dieses haben die französischen Soldaten für Ludwig ben XU , ge« gen den Pabst , Julius den II , gethan , und sie sind bereit gewesen , sol - ches mit einem ungemeinen Eifer für Ludwig den XIV» gegen Alexan - dern den Vll , kurz zuvor zu thun , da der Friede von Pisa , der 1664 ge . Wessen worden , diesen Pabst vor dem Ungewitter bewahrte , das über ihn ausbrechen wollen . Ich war 167 ; in Paris beym Herrn Justel . al« ein Zeitungsschreiber versicherte , daß der Graf vonVignori , Sradthalter zu Trier , den Mönchen , die ihm vorgestellt , daß die Klöster , die er zur Befestigung der Stadt niederreißen ließ , von Carln dem großen gestiftet worden wären , diese Antwort gegeben hat : Ich thue anders nichts , als daß ich die Befehle des Roniges ausführe , und wenn er mir befohle , eineGchicßschan ; e wider das heil . Sacrament auftufüh , vetii so würde ich auch das rhun . Franeiscus Mendoza vo» Lordua ist nicht so hitzig in der Antwort gewesen , die er den 30 des Christmonats , 598 auf einen Brief des Kaisers gegeben ; allein es fehlesnicht viel daran . Er hat ihm geschrieben , daß , wenn Sr . basserUche Ma , estat nurse» , ner Macht an einer Seite , und der pabst m . t seinem Banne an bcc anöevtt märe , und ihm noch einmal gebotye , aufzubrechen , «r dennoch nicht gehorchen würde ; weil er einen Herrn hatte , der ihm seine Rriegsvcrrichtungen zu rhun anbefohlen , weswe , qen ihn niemand als durch die Gewalt der Xvassen ; u einem an , dern Entschlüsse bringen könne . S . den Urheber von der ^chutzschrift für das Haus von Nassau p . 184 . Ausgabe von 1664 , er fahret den von Meteren 456 Dl . an . Wir können dazu setzen , daß die Könige und Kai - ser eine große Anzahl Personen mit so vielen Wohlthaten und schönen Belohnungen überhäufen können , und daß es ihnen leicht ist , viele laten und viele Mönche in ihre Angelegenheiten zu ziehen , und sie zu verbinden , wider die Ansprüche de« römischen Hofes zuschreibe» . Dieser Federkrieg muß der Wahrscheinlichkeit nach , den Päbsten unglücklich seyn , welche die zeitliche Gewalt unrechtmäßiger weise an sich gerissen ; denn e« ist so wohl durch klare Texte der H . Schrift , als durch den Geist desEvan , aelii , und durch die alten Traditionen und Gebräuche der ersten Jahr - hunderte leichtlich zu beweisen , daß die Pabste nicht im geringsten wegen ihrer Ansprüche gegründet sind , über die Kronen gebiethen , und die Rechte der Souverainität in so viele Sachen zu theilen Dieses kann so zar den Weg bahnen , ihre geistliche Gewalt zweifelhaft zu machen ;
und wenn man sie über diesen Pnnct zumVertheidigungsstande brmget , in was für Verwirrungen stürzet man sie nicht' ( welcher Gefahr setzet man sie lücht auch in Ansehung derjenigen Artikel aus , die sich die Völ , ker unvermerkt haben überreden lassen ? Man muß die Neigung nicht für etwas geringes halten , welche die Geistlichen aller Vermuthung nach haben werden , den Prinzen zu dienen , die der römische Hos zwingen will , sich nicht zu verehlichen . Die Anzahl derer ist unzählig , die dieses Joch für allzuhart halten : die ehrbaren Unkeuschen find diejenigen , denen die Freyheit , sich zu verheirarhen , am meisten zu Herzen geht : denn diejeni - gen betreffend , die kein Gewissen haben , erhohlen sich ihres Schadens durch die Kebsweiberey . Dem sey , wie ihm wolle , so scheint das Gcsetzdes ehlosen Standes unzähligen Leuten beschwerlich zu seyn : der Ehstand ist für sie unter allm Sacramenten dasjenige , dessen Genuß das Liebste und Kostbarste zu seyn scheint ; und wer über diese Materie ein Buch schreiben wollte , das dem Buche von dem öftern Gebrauche des Nachtmals lich wäre , der würde sich eben so verhaßt machen , als Arnauld , da erun - ter diesem Titel , aber über eine andere Materie , ein Werk herausgegeben hat , das viel Lärmen gemachet . Man hätte sich also einbilden sollen , daß die Kaiftr und die andern Prinzen Legionen von Priestern , Dom , Herren und Mönchen gefunden hätten , die ihrer Sache gegen die Päbste , als eifrige Beförderer des ehlosen Standes , gewogen gewesen . Allein , was können sich diejenigen nicht versprechen , die außer den großenKriegS - Heeren , «inem einzigen Bischöfe von Rom so viele Geistliche entgegen stel - len können , die dem andern Geschlechte nicht absagen können , und eine außerordentliche Begierde haben , Vater und Ehmänner zugleich zu seyn ?
Allein zu erkennen , ob diejenigen , die dergleichen Muthmaßungen we< - gen der Schwierigkeiten gemacht , die sich der Absicht der Päbste wider» setzen können , gute Wahrsager gewesen sind : so muß man zu den Beze - benheiten Zuflucht nehmen ; man muß die Historie zu Rache ziehen . Man wird durch dieses Mittel sehen , daß sie in Änsehunq der Hindernisse sehr wohl gemuthmaßet hätten , und daß aufs höchste ihr Jrrchum nur darinnen bestanden , daß sie diese Hindernisse für unüberwindlich ausge , geben hätten . Man lese das Buch , welches DuPleßiS , das Geheim , niß der Bosheit , oder die Historie des pabstthums , betitelt hat , so wird man den Fortgang und die Hindernisse in jedem Capitel finden . Die Päbste müssen erstlich alle Hindernisse zu Boden werfen , die ihnen bey jedem Schritte begegnen , ehe sie auf ihrem We§e fortgehm und festen Fuß fassen . Man hat ihnen Kriegsheere und Bücher entgegen gestellt : man hat sie so wohl durch Predigten , als Schmähschriften und Prophe - zeyungen , bestritten ; man hat alles angewendet , ihren Eroberungen Ein , halt zu thun , doch zuletzt hat man alles unnützlich gefunden . Allein warum ? >veil sie sich aller ersiunlichenMittel bedient haben . DieWaf - fen , die Kreuzzüge , die Ketzergerichte haben zu ihrem Besten den apostoli , sehen Bannstral unterstützet ; die Arglist , die Gewalt , dieHerzhaftigkeit und die Kunstgriffe haben sich zu ihrer Beschützung Vereiniget ; ihre Er - oberungen haben bey nahe eben so vielen Leuten das Leben gekostet , als die Kriege der alten Römer . Man sieht viel Scribenten , welche dasje - «ige auf das neue Rom anwenden , was Virgil in der Aeneis I B , v . 5 . von dem alten bemerkt hat .
Multa quoque et Kella pafius , dum conderet vrbem Inferretque Deos Latio . . . .
tantae moli s erat romanam condere gentem .
Zipora hat zum Moses gesagt : gewiß , du bist mir ein Blutbröuri« gam . 2 B . Moses IV , 25 ; allein wenn die römische Kirche die Braut Jesu Christi ist , so wird ihr Bräutigam mit viel mchrerm Grunde zu ihr sägen können : VDavlidb , dl , bist mir eine Blutbraur .
Dieß ist meines Erachtenö genug , die Sähe zu rechtfertigen , die ich bey der ersten Ausgabe dieses Wörterbuches in der Anmerkung ( B ) zu diesem Artikel gesetzt hotte . Ich bleibe beständig überzeuget , daß die Gewalt , wozu die Päbste gelanget sind , eines von den größten Wunder - werkender menschlichen Historie und eines von denen Dingen ist , die nicht zweymal geschehen . Wenn es nicht schon geschehen wäre , so glaube ich nicht , daß es noch geschehen würde . Eine so günstige Seltsamkeit der Zeit für diese Unternehmung , wird sich eben so wenig in den zukünftigen Zeiten eräugen , als sie sich in den vergangenen eräuget hatte ; und wenn dieses große Gebäude einfallen und wieder angefangen werden sollte , s» würde man niemals damit zu Stande kommen . Alles , was der Hof zu Rom gegenwärtig thun kann , ist , daß er bey der allergrößten Staatslist , die man in der Welt sieht , nicht weiter , al« auf seine Erhaltung , denket . Die Erwerbungen haben ein Ende . Man verstehe dieses nach der Un - terscheidung der Schule , inteniiue und nicht extenfiue . Er hütet sich wohl , ein gekröntes Haupt in den Bann zu thun , und wie vielmal muß er nicht seine Empfindlichkeit gegen die katholische Partey verstellen , wel - che den Päbsten die Oberherrschaft und Unfehlbarkeit streitig machet , und die Bücher verbrennen läßt , die ihnen am vortheilhaftesten sind ? Wenn et heute zu Tage in die Verwirrung eines Gegenpabstes verfallen sollte , ich will sägen , in die Verwirrungen der Spaltung , darinnen er sich so oft befunden , und wo man Pabst wider Pabst , Kirchenversammlung wider Kirchenversammlung gesehen , infeftique obuia fignis figna , pares aqui - las , et pila rainantia pilis , Lucan . Pharf . Libr . I , verf . 6 . so würde er nimmermehr mit Ehren herauskommen , er würde aus seiner Gelassen - heit darüber kommen , er würde nichts anfangen können . Eine solch» Veränderung in einem Jahrhunderte , wie das Unsrige ist , würde die Maschine gar verwüsten . Beyläusig bemerke man , um die Größe und die Natur der Hindernisse recht zn erkennen , davon ich hier oben geredet ha - be , daß sich die Päbste zum Herrn vieler allgemeinen Kirchenversamm , lungen machen müssen . Dieß ist eine sehr schwere Sache gewesen ; dem , je zahlreicher ein Coneilium ist , um so vielmehr ist es einem von widrigen Winden herumgetriebenen Schiffe ähnlich , welches von denen gewaltsam - sten Stürmen verschlagen wird , davon uns Virgil im IB . der Aeneis 58 . 43 . diese Beschreibung gelassen hat .
Incubuere man , totumque a fedibus imi«
Vna Eurtisque Notusque ruunt , creberque procellis Africus ; et vaftos voluunt ad littora fhidhis .
Infequitur clamoraue virutn , ftridftrque rudentum .
Eripiunt fubito mibe« coeluraque diemque Teucronim ex oculis : ponto nox incubat atfa .
Intonuere poli : et crebri« micat ignibus aether .
Mau

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