Creator:
Bayle, Pierre Gottsched, Johann Christoph La Croze, Maturin Veyssiere
PURL:
https://dibiki.ub.uni-kiel.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:8:2-4472


Capriata .
verfallt niemals in die Behutsamkeit eines Schmeichlers , noch in die Bosheit eines verdrießlichen Tadlers . Er rühmet sich , das Gleichgewicht , ohne die geringste Parteylichkeit , weder aegen Frankreich noch gegen Spanien , beobachtet zu haben ; und er aiebt vor , daß diejenigen , welche seine Uneigennützigkeit nicht genuasam erkennen , sich die «schuld selbst beymessen müssen ( C ) . Die Venetianer haben sich beklagt , daß er ihnen in seiner Historie übel begegnet wäre : er hat sich mit einem Grunde gerechtfer - tiget , welcher angeführt zu werden verdient ( D ) . Er hat sein Werk keinem Prinzen , sondern Privatpersonen zugeschrieben ; denn er hat befürchtet , es möchte eine Zuschrift an einen Machtigen das Vorurtheil erwecken , daß er den Regeln der historischen Kunst nicht wohl gefolgt wäre ( E ) .
( A ) Man findet keine Eigenschaft eines vortrefflichen Sack - «valrersdie ihm nickt zukommt . ] Hier ist der Anfang des Gedichtes , welches er vor des Capriata Buch gesehet hat :
Qui eonfulta patrum , & nodofi dogmata Iuris ,
Atque vagos Legtim anfraehis , dubiosque recefius Ingenio folitus celeri fcrutaricr , et quem Iurisconfultum infignem MENOCHivs olim Teftatur , fcriptis commendans laudibus , . . . .
Paulus Amandus , in Carmine ad Atuftorem Hift . et ad Librum .
©n wenig darauf findet man folgende« .
Tu , feu iura doces , iuris penetralia quaeuis ,
Seu patronus agis caufas , dubiumque clientem Subleuat , arguto quem promis peftore , fenfus ,
Vnde audet dubiae melius confidere caufae ;
Seu iuris rcfponfa refers eonfulta petenti ,
Seu lites dirimis certantes arbiter inter ;
Tam rite & redte peragi tibi cunfta videntur ,
Tam facile , atque breui interie & o tempore , quantum Per tarda , perfedta moras vix quisque dedilfet .
Hin ist ein Mann , der in Auslegung der allerstachlichsten Fragen der Rechtsgelehrsamkeit , in Bertheidigung der Rechtssachen , in Beantwor - tung der Rathfragenden , und in Endigung der Proeesse durch den Weg «ine« fchiedsrichterlichmAusspruchs gleich glücklich gewesen . Was kann man von einem Rechtsgclehrren rühmlicher« sagen ? _ , ,
( B ) Die historiscken Arbeiten viese« Scribenten sinvsedrhock Msckäncn . Z Sie betreffen das>cnige , was zu seiner Zeit , und vornehm - lich in Italien vorgegangen ist . Er hat als einen Versuch die zwey er - sten Bücher im Jahre >6 - 6 herausgegeben . I due primi libri dell' Hiftoria fopra i movimenti d'arme fuccefli in Italia dall' anno 1613 . fino al 161g . Man bemerket in dem Bücherverzeichnisse Thuan« auf der 305 © I Th . die Ausgabe von Mailand >6 - 7 in 8 . Diese , 2 Bu , cher erstrecken sich vom Jahre >6 . z bis aufs Zahr 1634 . und sind zu nua 1644 in 8 . wieder gedruckt worden . Er hat sie 1638 , mit den 10 folgenden zu Genua in 4 . wieder drucken lassen . Der Urheber bat einen andern Theil zu Genua 1648 herausgegeben , welcher 1650 zu Genf in 8 . wieder gedruckt worden . Er hat zum Titel : dell Hiftona di Pictro Giovanni Capriata , Parte feconda in fei Iibn diitinta . Nel primierode'qualifi contingono alcuni movimenti d'armi fiiord Italia fucceduti . E ne' cinque fuflequenti la continuatione di quei d Italia dall' anno M . DC . XXXIIII . fino al M . DC . XLIIII . Man hat JU London im Jahre i66j , eine englische Ueberfetzung gedruckt .
( C ) Er giebt vor , Vaß viesenigen . rvelcke seine Uneigennützig - keit nickt genugsam erkennen , sick die SckulS seldjt beimessen müssen . ] Diese Anmerkung ist sinnreich , und kann vielen Leuten die - nen , welche einen Gefchlchtschreiber nur darum der Patteylichkeit beschul - digen , weil sie von einem unbilligen Vorurtheile eingenommen sind ; sie bilden sich ein , daß er in die Schmei6>eley verfallt , wenn er von denen gutes redet , die sie aus einem Vorurtheile der Nation , oder aus Par - teylichkeit hassen , und daß er sich einer boshaften Leidenschaft überläßt , wenn er von denen Uebels redet , die sie aus einem gleiäxn Bewegung« - arunde lieben . Sie untersuchen sich nicht selbst , und sehen nicht , daß ihre eigne Patteylichkeit Ursache ist . daß sie diesen Geschichrschreiber für parteyisch halten . Diese« stellet Capriata gewissen Lesern vor , welche sich beklagt haben , daß er nicht feine Gleichheit zwischen den beyden Kronen richtig gehalten . und daß er die Thaten einiger Prinzen allzusehr erho - ben , und die Thaten einiger andern allzusehr nieder geschlagen hatte . Wenn die Leser , saget er , mehr Leidenschaften als der Schreiber haben , so finden sie das Lob allzu klein , das er der Partey giebt , welche sie lie - ben , und dasjenige allzustark , welches er der Parten giebt , die ihnen ver - haßt ist . Sie beschuldigen ihn , daß er die letzte Partey nicht genug , und die andere zuviel geradelt habe , und sie urtheilen auf diese Art davon , wenn sich gleich der Geschichtschreiber in einer vollkommenen Gleichheit erhal» ten hat . Ihre Klagen und ihre Bedaurunqen sind die Wirkung ihrer Leidenschaft , und nicht , wie sie vorgeben , die Wirkung von der Leidenschaft de« Geschichlschreiber« . Wir wollen die Worte de« Cavriata anführen , sie stellen diesen Gedanken viel besser vor . Ma perchc fra molti affettio . nati lodatori fi fentono qualche piü prefto doglienze , che dettratio - ni , parendo ad alcuni , che io fia piu dell' una , che dell' altra Corona partiale , e che de' Principi nella parte primiera interefl'ati ; altvi venghino inalzati , altri depreffi piu di quel , che la via meziana , che han gl' Iftoriografi a tenere . Diro per tanto in rispofta , piu che in difefa di fimili doglienze , primieramente , che tanto riefche difficile tener la via di mezzo allo Scrittore , quanto al Lettore , & ehe pero tanto puo l'uno , quanto lalfro . trapaflare la medioerita , quello nello ferivere , e quello nel giudicai e . Imperciocche il Lettore tocco per avVentura da maggior paflione , che l'Autore , e perö piu all'una che all' altra parte inclinante riputera lempre corte lc lodi , e abbondanti gl'abbaflämenti della parte , nella quäle inclina , e per lo contrario maggiori le lodi , c minori gl'abbaflämenti delle contrarie , per quan - to lo Scrittore fi fia ugualementc con tum diportato : onde la dogli - enza procedera per avventura püi dalla pafiione di chi legge , che da quella di che ferive , conforme al Proverbio Latino ,
Arquatis omnia lurida videri .
Capriata in der Vorrede zum II Th . feiner Historie .
Ich habe in der Anmerkung ( H ) , bey dem Artikel Amphiaraus , gee saget , daß c« manchmal viel leichter ist , ein ehrlicher Mann zu ftyn , al« e« zu scheinen ; und hier sage ich , daß es manchmal viel schwerer ist , ein getreuer Geschichlschreiber zu scheinen , al« e« wirklich zu seyn . Ich sage nicht , daß es leicht sev , eine Geschichte zu verfertigen , welch« mit einer
gleichet , Aufrichtigkeit die Fehler und Klugheit , da« Recht und Unrecht , die Einbußen und Vortheile der beyden Parteyen vorstellet . Man müßte ein Mensch ohne Leidenschaften oder ein Stoiker seyn , ein Mensch , den man niemals finden wird , und der nur in der Einbildung besteht ; man müßte , sage ich , zu dieser Unempfindlichkeit gelangen , wenn man sich sichern wollte , diese richtige Mittelstraße bey Verfertigung einer Historie bestandig zu erhalten . Es ist nicht . zureichend , aus einem Lande zu seyn» welches weder die Partey von Frankreich noch Spanien , unter wahren - den Kriegen dieser zwo Kronen , gehalten . Diese Unparteilichkeit vcrhm , dert nicht , daß man nicht der einen Partey gewissermaßen oder wenig - stenS durch Wünsche mehr Gewogenheit erzeigen sollte . als der andern . Man sehe in den historischen Briefen vom Weinmonate 1702 . aus der z ? 4 u . f . S . Die Heftigkeit , mit welcher die Einwohner zu Rom ihre Parteylichkeit entweder für den Kaiser oder für Frankreich sehen lassen . Man sehe mich die Nouvelles des Cours de 1' Europe vom Weinmo - nate 1704 , 380 » . f . S - und in den historischen Briefen vcm ebendemselben Monate die 318 S . Der wahrhafte Nutzen des Vaterlandes oder der Eigensinn dieser Nation blasen diesen Verzug ein ; allein man kann nicht sagen , wie übel geneigt dieses einen Geschichtschreiber gegen die ver« haßte Partey machet ; wie viel geheime Leidenschaften er sich zuzieht , die sein Unheil verderben , und wie sehr er sich angewöhnet , die VMheile dev weniger verhaßten Partey mit Freuden zu erzählen . Ich sehe dazu , daß eine Privatperson , vermöge ihres eigenen Temperaments , mehr Freundschaft gegen die eine fremde Nation , als gegen eine andere , haben kann , und daß sie wegen ihres Glückszustaudes von Seiten dieses Pnn - zen mehr zu fürchten'und zu hoffen hat , als von Seiten des andern . Dieß sind die Hindernisse der vollkommenen Aufrichtigkeit eines Ge - schichtfchreiberö und der Mittelsiraße , die er halten soll . Man könnte derselben noch viel andre anführen , und wenn man alles absonderlich de - nennen wollte , was einen Schriftsteller hindern kann , der die Historie feines Landes beschreiben will , würde das Verzeichniß sehr groß wer - den . Wir wollen also bekennen , das ; es eine sehr schwere Sache ist , eine Historie ohne die geringste Parteylichkeit zuschreiben .
Allein , wenn es ein Schriftsteller so weit bringen könnte , alle Hin - dernisse , alle Netze und Ucbereilungen feiner Leidenschaften , die Vorur - theile der Kindheit , die vorhergefaßten Meynungen , die Art . die er sich angewöhnet hat , ehe er sich vorgenommen^ eine Historie zu machen , zu übersteigen ; wenn er endlich das Gute und Böse einer jeden Partey , ohne auf eine Seite zu hinken , beschreiben könnte : wo würde er so billige Leser finden , die ihm die verdiente Gerechtigkeit widerfahren ließen , wirr - den sie sich wohl mit so vieler Mühe , als er , angelegen feun lassen , alle Vorurtheile abzulegen ? Würden sie dasjenige nicht mit Verdruß anse , hen , was er zum Nachtheile der Partey , die sie lieben , und zum Vor - theile der Partey , die sie nicht lieben , erzählet ? Würden sie es glauben , daß die Sachen auf diese Art vorgegangen wären ? Würden sie daeje - nige nicht als falsch verwerfen , was ihre Vorurtheile bestritte ? Und folglich würde dieser Schriftsteller mehr Mühe haben , uneigennützig zu scheinen , als es in der That znfeyn .
Die Beschwerlichkeit , davon ich rede , ist vornehmlich zu fürchten , wenn man die Historie seiner Zeit aufsetzet ; denn je älter die Zeit der Sachen ist , desto besser kann man mit den Lesern inngehen : allein in Ansehung der neuern Zeiten geben sie der Vernunft kein Gehör . Sie halten die Zeitung« - schreibe ? öffentlich für Soldner und Feinde , welche ihren Verlust kleiner machen , als sie andre kund gemacht haben , und welche ihre Vortheile nicht verringern . Unzählige Leute sind so unbillig , daß sie diejenigen für Gönner des Feindes halten , die sich den vorrheilhaften Zeitungen zn widersprechen unterstehen . Also machet sich ein Geschichtschreiber gleichfalls verdächtig , wenn er gleich im Grunde höchst aufrichtig ist . Sallustius hätte diese« unter die Schwierigkeiten der Profeßion rechnen können . Ich verstehe die Schwierigkeiten , welche , nach seiner Meymmg , von den Neigungen de« Lesers herkommen . Ac mihi quidem , tametfi haud quaquam par gloria fequatur feriptorem , et auetorem rerum ; tarnen imprimis arduum videtur rei gellas feribere : primum , quod fadla dictis exaequanda l'unt : dein quia plerique , quae deli & a reprehen - deris , maliuolentia et inuidia di<5la putant : vbi de magna virtute , que gloria bonorum memores ; quae fibi quisque facilia faöuputet , aequo animo aeeipit ; fupra , veluti fifta pro falfis ducit . Salluilius , in Praefat . Belli Catilinarii .
Ich komme wieder auf den Capriata , und beobachte , daß er in der Vomde des II Th . zum Beyfpiele seiner Unparteylichkeit dasjenige an - giebt , was er von den zweenen . Kriegen im Montferrat geschrieben hat . Der Herzog von Mantua , welcher in dem ersten von dem Herzoge von Savoyen angegriffen worden , hat Beystand von dem Könige von Spa - mm erhalten : allem in dem andern ist er von diesem Könige angegrif - fen und von dem Konige von Frankreich umerstü^et worden . Unser Gefchlchtschreiber , welcher den Köniq von Spanien in Ansehung de« er - sten gelobt hatte , tadelt ihn in Ansehung des andem , und streicht die Aufführung Ludwigs des XIII , mit so vielen Lobeserhebungen heraus , daß sich em Franzose zu seinem Abschreiber aufgeworfen hat . Che na Cavaglier Francefe dell' Ordine dello Spirito , nel fuo Politico Chri . ftianilfimo , dato alle ftampe , sc compiacciuto per pompa di quella Reggia attione di regiftrarlo parola per parola , fenza pero nominar l'Autore . Capriata , ebend . der Urheber des Politique tres - Chretien ist deswegen kein gelehrter Dieb ; denn er saget auf der 202 S . der gabe von >645 in 12 . daß er erzähle . was ein iralieniscixr Schriftsteller geschrieben hätte . Ich beweise auch seine Unparteylichkeit und U»>ab - hänglichkeit durch ein lateinische« Sinngedichte , da« er anführet , und welche« ein Verfasser ( Paganinus Gaudentius , in einem Buche Obfte - trix Librorum betittelt . ) der ihm von Ansehen unbekannt gewesen , her . ausgegeben hat . Hier ist ein Stück davon :
Detegis arcanos Regum fenfusqirc dolosque , Nec belli caufas practeriiüe finis .
Venalem

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