Creator:
Bayle, Pierre Gottsched, Johann Christoph La Croze, Maturin Veyssiere
PURL:
https://dibiki.ub.uni-kiel.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:8:2-10379

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Gregorius .
ter allemal anführen ; und sie sagen auch , daß die Entdeckung dieser Un - Ordnungen manchmal genöthiget , das harte Gesetze des ehlosen Standes zu widerrufen . Hier ür eine sehr lange Stelle vom Dionysius Sam - marthanus : „ Ich will hier nicht unternehmen , eine Fabel zu widerle - „ gen , welche die magdeburgischen Cenruriatoren ( Cent . VI . cap . VII . ) „ vorgebracht haben ; sie widerleget sich selbst . Man will , daß der h . Gre - „ gorius , nachdem er einen Schluß gemachet , allen Priestern ihre ler zu nehmen , genöthiget worden , denselben zu widerrufen , weil sich „ folgendes zugetragen hat . Kurze Zeit nach dieser Verordnung , hat der „ Pabst , saget man , in einem Teiche fischen lassen , den er gehabt , und „ man hat anstatt der Fische , 6000 kleine Kinderköpfe aus den , Wasser „ gezogen . Gregorius , welcher also erkannt , daß dieses Früchte von der „ Unkeuschheit der Priester wären , die er ihrer Frauen beraubet hatte ; „ bat seinen Beschluß wiederrufen , und wegen seiner begangenen Sünde „ Buße gethan , indem er zu so vielen Missechaten Anlaß gegeben . Man „ setzet dazu : daß Udalrich , Erzbischos von Augspurg , dieses an den „ Pabst Nicolaus geschrieben hatte . Diese ganze Erzählung ist nichts „ als ein verwirrter Haufen von übelerdachcen Unwahrheiten . Aus was „ für Grunde hat man den Teich des Pabstes eher erkiest , als die Tyber , „ oder die andern öffentlichen Oerler , die sechs raufend Kinderköpfe hin - „ ein zu werfen ? Was hat man mit ihren Körpern gemacht . davon „ man nichts saget ? Ist e« glaublich , daß diejenigen , die sie umgebracht „ haben , und die Theil daran gehabt , sie zu verbergen , ihnen zur Lust die „ Köpfe abgeschnitten , und dieselben in den Bezirk de« päbstlichen Palla - „ stes getragen , damit ihre Verbrechen bald entdeckt werden sollten ? Ha - „ bei , sie nicht befürchtet , daß sie auf dem Wasser schwimmen würden ? „ Wie sind sie alle mit einander einig geworden , die Köpfe an einen Ort „ zu tragen ? Denn man bemerket nicht , daß dergleichen anderswo jge - „ funden worden . „ II B . IV Cap . 206 S . Hier sind Schwierigkeiten , die weder Baroniu« , noch BellarminuS eingewendet haben , wenn sie die Centuriaroren von Magdeburg widerlegen . Ich weis nicht , ob sie nicht vom Dionysius Sammarthan erfunden worden : er wird es nicht übel nehmen , wenn ich ihm sage : daß dieselben , so scheinbar sie auch den - jenigen vorkommen können , die bey den ersten Eindrücken stille stehen , eben so großen Mangel der Gründlichkeit , in Ansehung derjenigen , ha - ben , welche die Sachen aufmerksam untersuchen . Alle Welt wird mir gestehen , daß bey Geschichten diejenigen , welche widerlegen , solche würfe machen müssen , die dem Endzwecke ihrer Gegner entgegen sind . Nun wollen wir sehen , ob die Einwürfe des Sammc>rthans diese Eigen - fchaft haben . Ich finde , daß sie sehr gut seyn würden , wenn Udalrich und diejenigen , welche seinen Brief anführen , vorgegeben hätten , daß diese Mörder der Hurkinder ihnen die Köpfe abgeschnitten . und sie allein in des Pabstes Fischhalter geworfen hätten . Dieses Vorgeben würde den großen Beschwerlichkeiten unterworfen seyn , die der Urheber vor - bringt , und es würde sehr schwer seyn , seinen Fragen eine gute Wahr - scheinlichkeit entgegen zu setzen . Allein man muß sich nicht einbilden , daß man dieses vorgiebr . Man hat nur dasjenige erzählen wollen , was in dem Behälter des Gregorius entdecket worden ; und wenn man nicht von der Tyber und andern öffentlichen Oettern geredet hat , so ist es nicht dar - um geschehen , weil man geglaubet , daß kein einziges von den geistlichen Hurkindern dahin geworfen worden : sondern darum , weil man nicht gewußt , daß eben dergleichen Verbrechen daselbst entdecket worden ; oder weil man sich mit den Folgeningen begnüget hat , die aus demjenigen ge - zogen werden konnten , was man in dem Fischbehälter des Pabstes gese - hen harte . Man hat vorausgesetzet , es konnte ganz leicht dieser Schluß daraus gezogen worden : der einzige Fischbehälrer des Pabstes hat sechs tausend Kinder enthalten ; also ist die Zahl der Kinder , die zur'Verber - gung des Verbrechens ihrer Väter und Mütter erstickt worden , fast zahlig : denn wie viele wird man nicht in die Tyber , in die Kloake , in die Brunnen geworfen haben ? wie viele wird man nicht vergraben ha - ben u . sw ? Ein Mensch , der erzählet , daß man bey Grabung des Grün - des zu diesem oder jenem Pallaste , viel Münzen oder Gebeine gesunden hat ; verlanget ja deswegen nicht , daß dieß der einzige Ort gewesen sey , wo man dergleichen Dinge hat antreffen können . Und können seine Geg - ner , unter den , Verwände , daß er nichts von den andern Oettern gesa - get , dasjenige bestreiten , , xas er bejahet hat ? Man merke auch noch , daß man aus einer besondern Ursache dieses Behälters viel eher , als der Tyber gedacht hat , u . s . w . die Flüsse werden nicht geräumet , allein die Teiche räumet man von einer Zeit zur andern , um alle Fische heraus zu bekommen ; und alsdann kann man entdecken , ob Kinder sind hineinge - worfen worden . Die Zahl zu wissen , zählet man bloß die Köpfe ; ein einzige« Theil bey jedem Kinde , und welches gar leicht zu unterscheiden ist . Dieß ist die Ursache , warum man in dem Briefe lldalrichS nur der Köpfe gedenken dürfen . Sammarthan muß es nicht übel nehmen , daß nian nichts von den Körpern saget . Dieser Einwurf wäre gut denen bevollmächtigten zu machen , welche dahin abgeschickt worden waren , den Zustand des Fischteiches zu untersuchen . Sie wären zu tadeln gewesen , wenn ihre Registratur nicht mehr Umstände enthalten hätte , als Udal - richs Brief . Sie wären verbunden gewesen , zu bemerken , ob man außer den Köpfen , noch andere Gebeine gefunden hätte ? ob alle Körper ohne Fleisch gewesen ; ob einige nur halb verwest , oder von den Fischen nur halb verzehret gewesen , und dergleichen andere besondere Umstände . Al - lein ein Schriftsteller , der diese Entdeckung , als eine dem Gesetze des eh - losen Standes entgegen gefetzte Sache , anführet , hat nicht der geringsten Umstände nöthig : es ist ihm genug , überhaupt zu bemerken , daß man 6boo Köpfe gefunden hat . Wenn dasjenige , was Sammarthan von der Beschaffenheit des Fifchhälters versichert , wahr wäre , so würde eS eine sehr gute Schwierigkeit senn : allein , wer hat ihm gesaget , daß die - ser Teich in dem Bezirke des Pallastes gewesen ? Würde es BaroniuS vergessen haben , sich dieser Ursache zu bedienen , wenn sie guten Grund gehabt hätte ? Würde er sich wohl begnüget haben , zu sagen , iß diese Fischhalter nicht öffentlich wären , sondern wohl verwahret würden ? Cum ccrtum fit pifcinas illas , in qiiibus pifces afleruari folent , non fuifle omnibus publica , , fed optime cuftoditas . aufs 59« Jahr , NilM . 21 . p . m . 29 . Gewiß , ein schlechter Grund ; denn nian stellet des Nachts keine Schildwachten um dergleichen Oerter : man machet nur solche An - stalten , daß die Fischer , ohne Vorwissen dcS Herrn , nicht hinein gehen können , eine Vorsicht , die nichts wider diejenigen hilft , die des Nachts ein klein Kind hineinwerfen wollen .
Vielleicht finden sich eine große Anzahl Religionsstreiter , die sich bey der Beantwortung des Benedictiners , für die Eenturiatvren von Mag - deburg in diefe Schutzschrift einschränken würden ; ich kenne einige , die
so verfahren , und welche noch unter Triumphliedern sich mit einer hock - müthigen Mine rühmen würden , daß sie alle die neuen Maschinen in Staub verwandelt hätten , womit man die Erzählung dieser deutschen Schriftsteller widerlegen wollen . Allein , ich für meine Person , der ich es für eine Ehre halte , eine Aufführung nicht nachzuahmen :
Longe mea difcrepat iftis Et vox et ratio . Horat . Sat . VI . v . 92 . Libr . I .
die der Redlichkeit so entgegen ist , erkläre mich : daß Dionysius San , - marthan andere Ursachen angewendet hat , die unendlich gründlicher sind , als diejenigen , die ich widerleget habe . Hier sind sie : Hift . de St . Greg , p . , 207 . Allein , mit welcher Unverschämtheit erkühnet man sich zu sagen , Saß 0er heil . Gregorius in Oer Folge , wegen der haltung Oer Priester , viel gelinder geworden 1 Xvelclicr Pabst hat wohl mehr iLifer und Standhaft , gkeit gehabt , als er , die« selbe beobachten zu lassen i Man kann seine wahren Meynun« gen aus der Antwort erkennen , die er dem heil . Augufim , wegen verschiedener Schwierigkeiten gegeben , die er ibm vorgetragen hatte . Denn bey der Beantwortung de» andern puncces , schließt er diejenigen Geistlichen , welche die heiligen Grdcn erhalten , ausdrücklich von der Zahl derer aus , die beirathen können . Man hat , um Vi e ketzerischen Scribenten destomchr 5» beschämen , welche dieser tilgen glauben wollen , bereits gezeiget , dafi Pabst Nicolaus der I eher gestorben , als der heil . Udalrich auf der Xvelt gewe - sen , und daß Nicolaug der II ccfilicb lange nach dem Tode die , se» - Heiligen , pabst geworden ist . Dieß sind zween gute Veruunst - schlösse , wider dasjenige , was die Centuriatoren «vorgeben : Baronius , aufs 59» ^ahr . Num , 19 , 20 und 21 . und Bella , - minus , de Clericis , Libr . I . cap . XXII . pag . m . >>24 , 1125 . haben sich derselben mit großem Nachdrucke bedienet . Der Benedietiner hätte wohl gethan . wenn er weiter nichts , als diese« , angewendet hätte ; denn das wahre Mittel , die Antworten und Gegenantworten unendlich zu vermehren , ist , wenn man falsche Gründe mit guten vermenget : ein Widersacher wird allezeit tu was finden , das Gezänke zu unterhalten , so lange man ihm falsche Be - weise zu widerlegen darbiethet ; und er wird viel Leute von seiner Partey überreden , welche niemals die Werke der widrigen Partey lesen , daß sei - ne Sache einen beständigen Sieg erhalte . Hiervon kömmt es , daß ein« Sache , in Ansehung unzähliger Leute , niemals klar ist , und daß viele an - dere , die Sachen , welche am meisten verdienen , verworfen zu werden , als eine Aufgabe ansehen . Mir deucht , daß man in diese Classe der Geschichte dasjenige setzen muffe , was die Cenruriatoren von Magde , bürg und ihr Udalrich erzählen ; denn eine« Theils sieht man an keinem andern Orte die geringste Spur , weder von der Widerrufung , noch von der Reue , die sie dem heil . Gregorius beymessm ; und andern Theils er - hellet es offenbarlich aus den Schriften diese« Pabstes , daß er niemals , in Ansehung des EhverbothS der Priester , gelinder geworden . Sein« ganze Gelindigkeit hat darinnen bestanden , nicht darauf zu dringen , daß die Unterdiakoni , die vor der Deeretale , kraft welcher Pelagiuö der II , sein Vor - fahr , den Unterdiakonis in Sicilien , verordnet hatte , ihre Weiber zu verlas - sen , sich von ihrenWeibern zu scheiden gezwungen würden ' . allein er hat vcr - Kothen , sie zu den hoher» Orden zu erheben , und gewollt , daß die Vi , schoft keine neuen Unterdiakonos ordiniren sollten , bis sie sichrer» sprechen lasten , daß sie ehlos leben wollten . St . Marthe , Hift . de St . Greg . p . 205 . 206 . Wenn man also nicht zum wenigsten tüchtige Be - weise , sowohl wegen der Widerrufung des Gesetze« von dem ehlosen Stande , als der Reue des heil . Gregorius . anführet ; und überdies ; klär - lich darthut , daß ein Udalrich Bischof zu Augspurg gewesen , der mit ei - nem Pabste Namens Nicola»« , zu gleicher Zeit gelebet hat ; so wird man nimmermehr Glauben verdienen , wenn man uns den Brief eines Udalrichs , und diese sechs tausend Kinderköpfe anzieht , die in des H . Gre - goriu« Fischbehälter gesunden worden .
Wir wollen noch zwo oder drey Beobachtungen machen : l . Die Er - Zahlung dieser Sache ist nicht wohl eingekleidet . Hier sind die Worte der Urheber der Cenrurien : Beatiis Gregorius Magnus Papa prinuig aliquando luv quodam dccrcto vxores facerdotibns ademit . Deinde paulo poft , cuni . idem Gregorius iuffifiet ex pifcina fua pifces aliquot capi , pifcatores pro pifcibus fex niillia capiturn infantium fuffocato - rum repererunt . Quam caedem infantium cum intelligeret St . gorius ex occiütis fornicationibus vel adulteriis facerdotum natain efle , continuo reuocauit dccretum , et peccatum fuurn dignis poeni - tentiae fruöibus purgauit . Centur . Magdeb . beym Baronius , aufs ; y> Jahr , Num . 19 . p . m . 27 . Sie setzen voraus , daß der Pabst rius einen Beschluß gemacht , die Ehen der Priester zu verhindern , und daß er kurz darauf befohlen , einige Fische aus seinem Behälter zu ziehen , daß aber die Fischer anstatt der Fische , 6000 Kinderköpfe darinnen qefun - den ; daß d Pabst darauf den Beschluß aufgehoben , und seine Sün - de durch »flu ie Bußfruchte ersetzet habe : er hat erkannt , daß der Mord so vieler Kinder aus der Unkeuschheit der Priester entstanden . Diese Erzählung , ich sage es noch einmal , ist sehr übel eingekleidet . Man setzet darinnen voraus , daß sechs tausend Kinderköpfe in sehr weniger Zeit in den Behälter des Pabstes geworfen worden , und daß die Fischer , welche die sechs tausend Kopfe dieser armen Kinder gefunden , keinen ein - zigen Fisch gefangen haben . Alles dieses ist ungereimt : eine so große Anzahl Kinder , die an einem einzigen Otte ersäufet worden , erfordert viele Jahre , ( Baronius . aufs 59 , Jahr , Num . 21 . bedienet sich . diese« Grundes , ) und wäre viel gedickter gewesen , die Fische zu vermehren , als sie gänzlich auszurotten . Man wurde die Erzählung viel beqneimr eingerichtet haben , »venn man gesaget hätte , daß der heil . Gregorius den vor langer Zeit eingeführten ehlosen Stand der Priester abgeschafft hätte , und daß die Ursache , warum er ihnen zu heirathen erlaubet , gewe - sen ; weil man bey Räumung seines FischhälterS , der in vielen Jahren nicht geschlemmet worden , sechs tansend Kinderköpfe darinnen gefunden hätte . Eine solche Erzählung läßt so viele Jahre zu , als man wünschen kann . Es ist zu schließen ; dieß ist meine II Beobachtung : daß man durch üble Ordnung der Umstände einer Sache ( * ) , dieselbe haft , unwahrscheiickch , lächerlich und abgeschmackt machet , so gewiß und wahrhaftig sie auch an sicr / selbst ist ; denn gesetzt , daß die Entdeckung der sechs tausend Kinderköpfe wahr wäre , so würden sie Udalrich und die Cenruriatoren , durch die Nachläßigkeit , mit welcher sie dieselbe erzählen , um ihre Beschaffenheit bringen . Ich beobachte zum III , daß Theo - philu« Raynaud in einer Stelle , die ich bey dem Artikel Vcllqrmin ,

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