Creator:
Bayle, Pierre Gottsched, Johann Christoph La Croze, Maturin Veyssiere
PURL:
https://dibiki.ub.uni-kiel.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:8:2-10091

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Gonzaga .
* Es ist ein Wunder , daß Herr Bayle hier nicht da« sinnreiche Gespracke des Herrn von Fontenelle cmgesühret , darinnen sich diese Fürstinn im Reiche der Tobten , mit dem türkischen Kai , er Svlymann unterredet . Es ist im II Theiie der fonrenellischen Todtengesprache , unter den Gesprächen neuerer Tobten , das erste . Solymann fraget diese« Frauenzimmer , warum sie sich nicht wollen entführen lassen ? Sie dankt ihm dagegen , daß er ihr so eifrig nachgestellet hat ; und gesteht ihm , daß ihr diejenige Nacht , als der Seeräuber Barbarei sie mit Gewalt aufzuheben gesucht , die angenehmste in ihrem Leben gewesen . Dieses nimmt den Solymann Wunder : sie aber versetzt ihm : „ Ich freuete mich , daß man mich suchte ; aber noch mehr , wenn man mich nicht finden konnte . Nichts machte mich stolzer , als wenn ich dachte , daß der große Solymann ohne mich nicht glücklich seyn konnte ; und daß es in dem Serail , einem Orte , der mit so vie - len Schönheiten angefüllet ist , an mir noch fehlte . Mehr verlangte ich nicht . Das Serail ist nur denen angenehm , die man dahin wünschet , aber nicht denen , die man darinnen verschließt . , , Hierauf geräth das Gespräche auf die Eitelkeit , die theils eine Tugend seyn , thcils auch zum Laster werden kann . Siehe die 157 und f . Seit» , meiner deutschen Übersetzung , oder die 8 ; und f . S . der großen
zösischen Ausgabe in 4 . Was an diesem Gespräche aber zu loben ist , das ist dieses : Herr von Fontenelle hat die Tugend dieser Prin - zeßinn besser , als der von dem Herrn Bayle angeführte Schrift - steller geschonet ; und sie durch keinen Argwohn verdächtig zumachen gesucht , wie er wohl bey andern Gelegenheiten gethan hat . Es ist aber eine schädliche Art von Schriftstellern , die bey den vortrefflich - sten Handlungen berühmter Leute , noch allemal etwas auszusetzen haben müssen ; und wenn sie auch nur durch ungegründete Muth - maßungen einen Verdacht wider sie erregen sollten . Man kann die Absicht gar nicht ergründen , die solche Scribenten dabey haben . Wollen sie denn die Tugend gar aus der Welt verbannen , indem sie zu verstehen geben , es sey nicht möglich , tugendhaft zu seyn ? Sind sie neidisch , daß es noch Personen gegeben hat , die ihnen selbst , oder denen , die sie gekannt , überlegen gewesen ? Oder wollen sie den un - züchtigen Buhlschwestern ihrer Zeiten einen Trost dadurch fen , daß sie zeigen : es wäre an allen Schönen viel auszusetzen ge - wesen . Zn Wahrheit , so werden sie der Welt nicht viel Nutzen schassen . Und sie würden viel besser thun , wenn sie durch ein billi - ges Lob der Tugend , andere ehrliebende Seelen zur Nachfolge rei - zeten . G .
Gonzaga ( Lucretia von ) eine von den allerberühmtesten Frauen , die im XVI Jahrhunderte gelebet haben . Sie hat den Adel ihrer Geburt durch den Glan ; ihres Geistes , durch ihre Wissenschaft ( A ) , und durch die Zärtlichkeit ihrer Feder erboben . Die aufgeweckten Köpfe derselben Zeit haben nicht ermangelt , sie deswegen zu loben ( B ) . Sie hat so schöne Briefe geschrieben , daß man sie mit einer großen Begierde gesammlet hat , dieselben der Welt bekannt zu machen . ^>ch habe die Sammlung gesehen , die 1552 davon zu Vmedigerschienen ist . Man erfahrt darinnen , daß ihre Ehe mit dem Io - Hann Paul Manfrone sehr unglücklich gewesen . Er war ein Man»» , der bey allen seinen Reichthümern ihrer nicht würdig war , und den sie , da sie noch nicht vierzehn Jahre alt war , mit Widerwillen geheirathet hatte « . Sie tröstete sich leichrlich , daß sie bey ibrcin Ehmanne nicht mit allem Schimmer leben konnte , den lhr ^tand erforderte . Man kann keine schönere lehre sehen , als diejenige , die sie in einem Briefe angebracht , den sie an einen Mönch geschrieben^ , welcher sie beklagt hatte , daß sie mir einen : so kleinen Landjunker verheirathet wäre ( C ) ; allein wegen der ubeln Aufführung ihres Ehmanns war sie sehr verdrießlich und trostlos . Er war sehr kühn , und stolz c , und hat gewisse Thaten begangen , die nicht unaestraft bleiben konnten . Der Herzog von Ferrara ließ ihn aufheben , und hielt ihn viele ^ahre in einem harten Gefängnisse < Er wurde durch den wider ihn angestellten Proceß der Todesstrafe werthgeschaßt ; allein er brauchte Gnade , und wollte ihn nicht hinrichten lassen Unsere Lucretia . arbeitete so viel , als sie konnte , an der Erhaltung seiner Freyheir . Sie bemühte sich , den Herzog von Ferrara durch einen sehx beweglichen Brief zu rühren f ; sie flehte den Vorspruch Paulus des III * , Julius des III h , des Cardinals Collegii , des Kaisers , des Königes von Frankreich , und aller andern Potentaren der Christenheit an . Sie nahm zu dem Beystande der himmlischen Hofstadt durch ihre eigenen , und diejenige Gebethe Zuflucht , die sie in allen Klöstern und in den andern Kirchen halten ließ ; und da sie sah , daß dieses alles nichts half , so faßte sie den Schluß , sich zu dem Großsultan zu wenden ' , und schrieb ihm einen schmeichelhaften und ehrerbiethigen Brief * , worinnen sie ihn ersuchte , sich der Festung zu bemächtigen , worinnen ihr Ehmann gefangen saß , und außer diesem der Christenheit kein Leid zuzufügen . Sie harre dem Herzoge von Ferrara auf das demüthigste gedanket1 , daß er das Leben eines Gefangnen ^verschont ( D ) , den die Richter des Todes würdig geschätzt : allein sie hatte gern gesehen , daß sich diese Gnade weiter erstreckt hätte . Man setzte ihren Ehgatten nicht in Freyheit : sie'hatte nicht die Erlaubniß , ihn zu besuchen , sie konnten nur an einander schreibenund dieses vergnügte sie nicht : dieserwegen bewegteste Himmel und Erde , die Loslassung ihres Ehmanns zu erhalten . Alle ihre
Mühe war vergeblich . Er ist im Gefängnisse gestorbm nachdem er bey seiner Widerwärtigkeit eine Ungeduld gezeigt , welche urtheilen läßt , daß er den Verstand verlohren gehabt Die Antwort , welche seine Witwe denen gab , die ihr vor - schlugen , sich wieder zu verheiratben , verdienet unsere Bewunderung ( E ) . Von vier Kindern , die sie gehabt f , waren nur zwo Töchter übrig 1 , die sie in Klöster that r . Man hat gegen alle Geburten ihrer Feder so viel Hochachtung gehabt , daß
man so gar die Zettelchen gesammelt , die sie an ihre Bedienren geschrieben ( ? ) ; man findet derselben viele in der Ausgabe von ihren Briefen . Man findet auch viel Merkmaale ihrer Tugend und Gottesfurcht darinnen . Die Verweise , welche sie einigen unkcuschen , oder geizigen , oder hochmüthigen Personen giebt , sind sehr schön ( G ) , und verdienen nicht weniger sen zu werden , als diejenigen , die sie an einen Priester gerichtet , der sich den venerischen Wollüsten ergab . ( Ii ) . Man kann auch dasjenige mit Erbauung lesen , was sie an eine Mutter geschrieben , die Trost nöthig hatte , weil sie ihre Tochter nicht überreden können , das Kloster mehr , als die Heirath zu liebenSie hat ihr in wenig Worten die vortrefflichsten Grund - lehren vorgelegt , deren sich die Protestanten bedienen , den Adel und die Heiligkeit des Ehstandes zu erheben . Wir müssen nicht vergessen , daß sie deö PyrrhuS von Gonzaga Tochter gewesen , und daß sie Brüder und Schwestern gehabt
a ) Siehe ihre Briefe 151 , » - 4 S . h Er ist an den P . Bändel geschrieben , und steht auf der 61 S . O Siehe die Briefe der Lucretia von Gonzaga , 57 , 105 S . <0 Siehe die 59 S . derselben Briefe . O Ebendas , ; 8 S . / ) Er steht auf der 16 S . g ) Ebend . 99 S . h ) Ebendas . 101 S . 0 Siehe ihre Briefe , 104 S . * ) Er steht auf der - ! 7 S . ihrer Briefe . / ) Ebendaselbst i ; 8 , i ; ^ Seite . m ) Ebendas . 156 S . » ) Ebendas . 221 u . f . S . 0 ) Ebendas . 208 S . p ) Lettre» de Lucrece de Gonzague , pag . 100 , izi . Ebend . 151 S . r ) Ebend . 141 S . - 0 Ebendas . 34 , z ; S . O Ebendas . 87 S .
( ä ) Sie hat den Adel ihrer Geburt durch « - - ihre senschaft erhoben . ^ Es ist keine Gelehrsamkeit in ihren Briefen , gleich - wohl erfährt man darinnen , daß sie gelehrt gewesen ; denn sie erkläret sich , da sie an den Robortel schreibt : daß er ihr durch seine Auslegungen viele dunkele Stellen des Aristoteles und des Poeten Aeschylus verständlich gemacht . Egli e gran tempo , che vi fono affettionata per i beneficii chi mi fento haver rieevuto dai voftri divini componimenti , i quali m'hanno illuminato l'intelletto in molti ofeuri luoghi , et diAriftotile , et di Efchilo , dove il voftro nobil ingegno s ? niolto affaticato . tere della Signora Lucretia Gonzaga da Gazuolo , pag . 78 . Sie halte darüber gespottet , daß der Doctor Ludwig Picco , ihr Vetter , stine Tech , ter in der SterndeutkuNst unterwiese ; allein da sie den großen Dienst er - fahren , den SulpitiuS Gallus und Perikles , der eine den Römern , der andere de>l Griechen , durch die Erkcnntniß der Sternkunst , erwiesen hat - ten : so hat sie dieselbe gleichfalls studieren wollen , und denLudwiq Piceo gebethen . sie in dieser Wissenschaft zu unterweisen Der Brief , den sie an ihn geschrieben , steht auf der <0 S - Unter allen Dinge» hat sie die Redekunst am meisten studiert . Ebendas . 5Z S Es scheint auch auf der 5 : S . daß sie viel aus Bändels , ihres Lehrmeisters Logik , gelernt , und daß er ihr den EuripideS erklärt hat . Ebendas . 61 S .
( B ) Zvie aufgeweckten Ropft derselben Zeit haben nicht erman« gelt , sie deswegen zu loben . J Hortensio Lands ist derjenige gewesen , der sich mit größten , Eifer darauf geleget . Er hat eine sehr schöne Lob , rede auf diese Dame gemacht . Man sehe den Brief auf der zo S . im» gleichen auf der 161 S . wo sie sich deswegen aus eine bescheidene Art be - danket , und wo sie ihm vorstellt , ( * ) daß er besser gethan haben würde , seine sinnreichen Begriffe und seine schönen Ausdrückungen für die Lob - rede della Signora Marchefana zu bewahren . Dieß ist die Marggräfinn von Padula gewesen , aus dem Haufe von Cardonne . Ebendaselbst 31 S Ich sage dieses , um den Namen einer andern sehr berühmten Dame der« selben Zeit , bekannt zu machen .
( * ) Molto meglio havrefte voi fatto trapportando nel Panegirico della Sign . Marchefana tutti i bei concetti , et tutte le fcelte parole che deftinafte al Panegirico compofto per üluftrare il mio nome oC - curo . Lettere di L . Gonzaga , pag zo .
Eben dieser Hortensio Land« hat unserer Lucretia sein Gespräche del tem - perar gli affetti dell' animo zugeschrieben . Ebendas . 140 S . Es ist ein großer Briefwechsel zwischen ihm und ihr gewesen , sie hat mehr als dreyßig Briefe an ihn geschrieben , die gedruckt worden sind . Wir wollen ein Wort von demjenigen sagen , der auf der au S . steht . Man findet da , rinnen den Hortensio Lando deswegen ein wenig getadelt , daß er sich un - - gemein über seine Armuth bekümmert hat . Man tadelt ihn , daß er sich über eine Sache betrübe , deren Gemächlichkeiten man ihm erklärt hat . Eljendo voi perfona dotta ; et tanto bene efperta nci mondani cafi ; nii maraviglio che di fi ftrana maniera vi attriftiate per la poverta ; quafi non fappiate la vita dei poveri efler fimile ad una navigatione ^reflo il lito ; et quella de ricchi , non efler differente da coloro che Ii ritrovano in alto mare : a gli uni e facile gittar la fune in terra , et condur la nave a ficuro luogo ; et a gli altri e fornmamente diffi - eile , etc . Hieronymus Rufcelli ist auch einer von den Lobrednern dieser Dame gewesen . Dieß erhellet aus einem Briefe , den sie an ihn geschrie , ben , und davon der Anfang dieser ist : Infiemc col Panegirico fatto da non fo cui ; in mia commendatione , hö ancho letto la bella , et pro - lifla lettera che per voi vi fi e aggiunta ; nella quäle , m'havete ri - tratta col penello della voftra facondia , tale , quäle io doveri eflere per haver quella perfettione che non hö . Lettera di L . Gonzaga , p . 76 . Man lese auch den andern Brief , den sie an ihn geschrieben , auf der 131S . Eine Nachricht , die von guter Hand kömmt , belehret mich , > . daß ihr Bändel „ eine von seinen Nouvellen , nämlich die 21 des ll Theil« , zugescbrie - „ ben hat . Daselbst saget er zu ihr zum Beschlüsse : Spero ben tofto „ darvi del mio il Jibro de le mie Stanze tutto compofto in voftra „ lode , ove vederete come io mi flforzo a farvi immortale ; und auf „ diese Stanzen hat Julius Cäsar Scaliger , Bändels großer Freund , ein
»sehr

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