Creator:
Bayle, Pierre Gottsched, Johann Christoph La Croze, Maturin Veyssiere
PURL:
https://dibiki.ub.uni-kiel.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:8:2-10075

6ro Göll
in dieser Unwissenheit bleiben könnm ? Gieb« es nicht noch eine andre Gewohnheit , die durchgängig herrschet ? Thut man nicht den Tag nach der - öocbjeit tausend Fragen an die Neuvermählten ? Wenn sich anch ja ihre Mütter dieser Fragen , Wohlstandes halber , enthalten ; brauchen sie nicht andre Frauen dazu ? Können sich die Basen und Muhmen , die Freundinnen u . d . wohl enthalten , sie diesen Fragen zu unterwerfen ? Man kann sich also nicht einbilde» , daß unsre . Herzoginn von Urbino gan - zer zwey Jahre nach ihrer Hochzeit in der Unwissenheit geblieben seyn sollte , die ihr der Minorite zuschreibt .
( B ) Ihr Gemahl selbst hat ihr sein Unvermögen bekannt , da et wahrgenommen , daß sie vie Narur desselben wußte . ] Wir wollen uns dtr Ausdruckungen des Minoriten auf der 6^8 S ter bedienen : Der - Herzog , ihr Gemahl , va er wahrgenommen , daß Sie - Herzogin» Isabclla seine Schwachheit erkannr baue ; war gezwungen ihr sein Unvermögen mir sehr ehrbaren Xvor - teil rmv Ausörückungen slbst zu bekennen^ und durch seine Reden dasBetrubniß zu bezerigni welches er hatte , sich nicht iniStan - de zu sehen , Rinder zu Nachfolgern in seinem Staate zu hinter - lasten , und , daß er deswegen von seinen Untcrrhanen , wenn sie solches erkennten , weniger geliebt werden würde . Bey diesen kläglichen trotten hat tbn die weise und tugendhafte ^sabella Mit munterm und freudigem Gesichte zu trollen angefangen : mit öer Ermahnung , diese» Unglück mit einer vollkommenen Ver - leugnung nacl ) dem rvillen Gottes zu ertragen ; daß viele Roni - gc und große Prinzen in dieser Betrübn - ß gewesen , und noch war»n , und daß es öfters viel besser sev , keine Rinder , als böse und lasterhafte zu haben ; um so vielmehr , da nach dem alten la - teiniscden Sprüchworte , Heroin» filii no . vae , d . i . - Helden zeugen nur Misgeburten , undankbare und ausgeartete Rmdtr , Mord - fückeln , Verwüster ihrer Mauser , der Staaten und Republiken , und der Vater , die sie gezeuger haben . Daß er ihrentwegen ohne Sorge ftyn solle , und daß diesi g ihre Zuneigung und / Liebe nicht im geringsten vermindern werde ; daß sie ihre Jungftrschaft bis ins Grab bewahren wolle , damit sieh kein anderer rühmen könnte , dasjenige zu besitzen welches er wegei» eines natürlichen Gebrechens nickt genießen können , und welches für ihn bestimmt gewesen ; >« , es sollte kein Mensel ? jemals etwas davon erfahren .
( C ) Gleichwohl ist dieses Geheimniß der N ? elr bekannt ge - worden Nachdem Hilarion Coste auf der 699 S . eine Ausrufung wi - der diejenige« aethan , welche sagen : daß die Frauen nicht vermo - g»n>sinS , ; u scliweigen , so setzet er dazu , daß die Hei - zoginn von Urbino , ihre Verschwiegenbeic und die ihrem Gemakle aetkane Verspre - chung viel treulicher gehalten , 'als dieser Prinz selbst gerhan ; in - dem sie 14 Jahre so mit ihm gelebt . daß sie nicht durch die ringsten Rlagen den Mangel ihres LLHstande» blicken lassen . In den ersten fahren bar sie es aus Jugend und Unwisscnyeir verhee - 1er , nach diesen aus res - Hofes haben gewußt , daß dieser Mangel und diese Unfruchtbarkeit von dem - Herzoge herkäme ; sondern jie haben solches vielmehr der - Herzoginn bey - gemessen . Man harre auch niemals etwas davon erfahren , wenn es der - Herzog nicht selbst gesagt , da er vom Casar Borgias , Sem - Herzoge von Valenunois , aus seinem Staate verjagt war , und un - serm Rönige Ludwig dem XII sie Aufwartung machte , der da , mals i» seiner Stadt , und in seinem - Herzogrbnme Mailand war , zu welchem er Zuflucht nahm , um wieder in seinen Ländern cm , gestnr und hergestellt zu werden ; von welchem er aber nickt er - halten können , was er verlangte , weil er mir dem Pabste Alexan - der den : Vi dem Varer des . - Herzogs von Valenrinois , im BünS - niste stund , und den Haß derer vom - HaustBorgia wider sich und sein - Haus befürchtete : so gab er ihnen - Hoffnung , sich von seiner Gemahlinn zu scheiven , und ein Geistlicher zu werden , m : c der Versicherung ; daß er wegen seines Unvermögens die Lhe nie - mals vollzogen hätte , und solches , auf befragen des Roniges , ob es wahr wäre , versichert . Da also das Geheimniß selbst durch den Gemahl offenbarer war , fo ist es durch das ganze Fürsten - rhum Urbino und durch Italien ausgebreitet worden wo die ge - ringsten vom Volke erfuhren , daß Veit Ubalds von la Rovere ( er ist nicht aus dem Hause de la Rovere , sondern aus dem Hause Feltri , oder Monrefeltro gewesen ) - Herzog von Urbino , nur dem Gfichte nach ein Mann war , öder , wenn er ja einMann wäre , doch wenigstens keinen Play unter den Ehmannern nehmen konnte : und jeder - - mann Har die Beständigkeit und Reuschheit , der weisen und keu< sehen Prinzeßinn , Isabella von Gonzaga , bewundert . Ihre 23e» standigkeit , weil sie , da sie diese Ehe lcichtlich für nichtig Hätte können erklären lasten , solches nicht gewollt , sondern lieber schweiam , als ihre Lippen besudeln wollen . Ihre Keuschheit aber wegen dieser heidenmäßigen Scbamhaftigkeir , da sie über Zwanzig Jahre gelebt , ohne über die Schande desjenigen z« erro - Iben , den die Welt für ihren Ehmanne h . elt .
( v ) Sie ist sehr gerrieben worden . auf eine andre Refrath z» denken - - - Nichts hat sie wankend gemacht . ] Hier ist es , wo Hilarion von Coste aus vollem Halle Ichreyet , und seine Stimme , als eine Posaune , erhebet . 0 wunderbare Reuschheir einer Frau ! ruft er auf der 70ö S . aus , 0 unglaubliche Bestand , gkett ! 0 vottkomme» ne Tugend ohneErempel ! auf diese Art zwanzig Jahre bey einem Gemahle , in einem Hause und in einem Pallaste zu wohnen . Dieß ili ein wahrhafter Ausbund der Reuschheit , und ein rer Beweis , daß der Geist und die Tugend mehr Gewalt haben , als das Fleisch und die Sinnlichkeit , und daß derGlaube und die ehliche Liebe viel stärker seyn , als die niederträchtige Begierde , und die UneHrbarkeir sind . Wie viele andre würde es wohl geben haben , die ohne Bekanntmachung eines Geheimnisses , ich will nicht jagen , vierzehn Jahre , sondern nur vierzehn Monate geblieben wären , wie diese e» nicht nur zwan , igMonate . sondern zwanzig Jahre , und bis an den Tod ihre» Gemahls bewahret hat , ohne daß sie sie Ehe vernichten wollen ; 0» sie Sech von
allen vermoaenven Personen , und die ihr verwandt gewesen , ge - berben , geplaget , und fast gezwungen worden , sich wegen sehr wichtiger Betrachtungen , die ihr vorgeleger worden , von ihrem Gemahle zu scheiden . Sie har es aber niemals hören wollen , dern vielmehr behauptet , daß dieser Fehler nicht von ihm käme , und es also übel genommen , wenn man das Gcgcnrbeil davon gesägt , und sich sehr erzürnt , da die Wahrheit der - Historie offen bar geworden . en schon Im Bette befunden hätte . Erano adunque tutte l'hore del giorno divife in honorevoli et piacevoli efiercitii , coli del corpo , conie deU'aninio : rna perche il S . Dnca coiuinuaniente per la infirniita , dopo eena . afläi per tempo fe n1 andava a dormire , ogn' uno per ordinarip , dove era laS . DucheiiäEliiabetta Gonzaga , a quell' hora l , riduceva . Wir len dasjenige anfuhren , was er von der Kraiiklichkeit des Herzogs beob - achtet : dieß giebc Anlaß , zu glauben , daß Hilarion von Coste solchen Seri - Kenten gefolgt ist , die allzusehr vergrößert haben . Man gebe aus dasje - »ige wohl Acht , was ich sagen werde . Der Herzog ist sehr wohl gemacht von Person , bey guten Kräften und inunter gewesm ( * ) : allein in seinem zwanzigstel , Jahre Ct ) , wurde er auf eine solche Art gichtbrüchig , daß er sich nicht rühren können . Er hat sich ohne Zweifel eher vermählet , als er in diesen Zustand versetzt worden : ei ist also sehr wahrscheinlich , daß er die Ehe vollzogen har . Es ist wahr , es wird uns eben dieser Schriststel - ler beriä ) ten , daß man der Herzoginn sehr angelegen hat , sich vci , ihrem Gemahle zu scheiden , well ihre Ehe ein Witwenstand wäre . Dieß ist ein Merkmaai , daß man sie für eine Jungfer gehalten hat ; denn ein Unver - mögen , das »ach vollzogener Ehe dazwischen kömmt , ist keine gerechte Ur - fache derEhscheidung . Non poflo piu tacere una parola della Sigtiöra Duchefla noftra , la quäle elTendo vivuta XV anni . in cornpagiiia del tnarito , coninie vedoa , non folaniente , ftata conftantc di non palefar iuai quefto a perfona del rnondo , ina effendo da fuoi proprii ftiniu» lata da ufeir di quefca viduita cleffie piu prefto patir effilio , poyerta , ct ogni altra forte d'infelicita , ehe aeeettar quello , ehe a tum gli altri pa - rea gran gratia , et profperita di fortuna : et feguitando pur Mcfler Cefare circa quefto , diile laSignora Püchefiä : Parlate d'altro et non intrate piu in tal propofito , che afl'ai d'altre cofe havete che dire . Corteg . Lib . III , p . 460 . Man sieht in diesen italienischen Worten einen un - vergleichlichen Riß von der Sittsamkeit dieser Dame : sie hat nicht gelobt seyn wollen ; sie hat das Gespräche geändert , wenn man im Begrijse ge - standen , ihre ganze Keuschheit auszubreiten .
Man merke , daß Christoph Vronzmi , der das Lob dieser Dame aufgesekt , eben diese Dinge , und mit eben denselben Ausrufungen , als der Minor , te , ft - get . Man sehe la Giornara quinca seiner Gespräche della DignitaeNobilitä delle Donnc . Dieses Buch ist zu Florenz 1625 , in 4 gedruckt worden .
( * ) Non elTendo ancora il Diica Guido giunto alli XX anni , g'in - fernio di podagre , lequali eon atrocilfinii dolori proeedendo , in poeo fpatioditenipotalinentetutti i meinbrigli iinpedirono che ne ftare in piedinemöverfepotea : etcofi reftoun de i piii belli , et difpofte corpi del mondo deforuiato et guafto nclla fua verde eta . Balc . Caftiglio - ne , il Cortegiano Lib . I , p . 8 .
Ct ) Odariuö , in der Leichenrede dieses Prinzen saget , daß dieses im 21 Jahre seines Alters geschehen .
( E ) ! Ss fehlet wenig , Saß ihre Bclrübniß , nicht wirklich töd - lich gewesen . ^ Der P . Hilarion Coste har sich sehr gehindert funden , Beweise von der Liebe und Rlugbeir zu geben , die sie bep Oer Trauer über den Tod ihres Gemahls gehabt : denn - . - so lange , als er am Leben gewesen , har sie niemals Thranen gossen - - - damit ihre äußerlich durch THranen ausgedrückte Berrübnißihmnicl ) tdcrgleiclien verursaclien sollen ; allein sobald er den Geist aufgegeben gehabt , so gleicli bar sie ihrem Schmerze den freyen Lauf gelassen , daß sie auch auf ihn gefallen , und mir laurer Stimme geschrieen : Ach nieinl^'bfter Gemahl , warum verlas - set ihr mich so , und wo gehet ihr hin ? 5 ? ach diesen ausgesprochenen Xvorren siel sie in VHnmacht , ohne daß sie ein ander Ä ? orr vor - bringen können , und ist halb rodt liegen geblieben . Es haben sie auch einige für wahrhaftig todt gehalten , da sie unvermögend gewesen , sie wieder zu sich zubringen , und sie beyöc als lodt weint . Allein Gott , der sie nicht auf einmal so sehr betrüben «»ollen , hat zugegeben , Saß sie sich nach und nach wieder erbolr ,

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