Creator:
Bayle, Pierre Gottsched, Johann Christoph La Croze, Maturin Veyssiere
PURL:
https://dibiki.ub.uni-kiel.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:8:2-9666

Garasse .
569
standener Rabelais sey . Man sehe , was man sich für einer Gefahr aus - sehet , wenn man von Büchern urtheilet , davon man nur den Titel
kennet .
( I ) Er bat wider die Poeren einen Grundsatz angewendet , der im Grunde sehr aur ist ; allein man hat ihn wider ihn selbst ge - drehet . ] In der " Widerlegung eines SonnetS des Theophile redet er so : „ Diese Gottlosigkeiten zu beantworten , muß ich zum voraus eine när« „ rische und rhörichte Vertheidigung entkräften , die verschiedene , wegen „ der Gottlosigkeiten dieses Scribenten , im Munde führen ; denn wenn sie „ nur haben sagen können , daß dergleichen Dinge poetisch gesaget wor - „ den : so scheint es ihnen , daß das Verbrechen vorteilhaft bedeckt sey , „ weil e« nicht in Prosa gesaget worden : gleich als wenn der Reim alle „ Gottlosigkeit auslöschen , und den Geistern Freyheit geben müßte , Got - „ teelasterungen vorzubringen . Es ist wahr , daß diese Gottlosigkeiten „ und Ungereimtheiten , die ich zu bestreiten habe , in Versen geschrieben „ sind ; ich sehe es wohl : allein deswegen halte ich sie für strafbarer , als „ wenn sie in Prosa geschrieben waren ; denn um so viel ausstudierter , „ ausgesuchter und tiefüberlegter sind sie , und folglich sind die Ausdrücke „ viel wirksamer , viel machtiger , viel ausgearbeiteter , und machen viel - . . mehr Eindruck in den Gmiüthern der Leser . Hat Cleanthes nicht oft „ gefaget : daß die Stimme , die durch eine Flöte und durch eine Trom - „ pere geht , viel mächtiger ist , als diejenige , die bloß aus dem Munde „ geht ; und daß die Gedanken , die eine wohlgemachte Poesie vorbringet , „ viel anziehender , dauerhafter und stärker sind , als diejenigen , die in ei - „ nem prosaischen Satze vorgebracht werden , wo die Worte gemeiniglich „ matt sind : ich habe diesen lächerliche« , Einwurf in dem XX Cap . ßner Schuhschrift weitlauftig beantwortet , wo ich gezeiget habe , daß ei - „ ne m Versen vorgebrachte Gottlosigkeit um so viel gefahrlicher ist . , » Garafie , Somme Theologique , p . 370 . Man gebe wohl Acht , daß ich gesaget habe , es sey diese Maxime im Grunde sehr gut ; denn ich verlange sie nicht so überhaupt anzunehmen , wie sie dieser Jesuit an - nimmt , auch nicht wegen aller der Ursachen , die er anführet . Ich bin fthr überzeuget , daß es bey tausend Vorfällen vielweniger böse ist , eine üble Moral in Versen , als in Prosa vorzubringen . , und daß man sehr viel von dem Gewichte einer Beurtheilung deswegen abziehen müsse , weil ein Poer redet . Ein Mensch , welcher ketzerische Sähe auf eine dogma - tische Art behauptete , würde hundertmal strafbarer seyn , als wenn er sie in ein poetisches Stück einmischte : es giebt Gedichte , worinnen der Ur - Heber desselben tausendcrley Dinge vorbringt , die er nicht glaubet , und die er nimmermehr gegen einen jeden würde behaupten wollen , und die er so gar nicht einmal in Versen sagen würde ; wenn er glaubte , daß sie seine Leser , nicht als witzige Einfälle , sondern als Glaubenslehren und Glaubensartikel ansehen sollten . Er nimmt sich freylich mehr Mühe , sie niehr auszuputzen und zu schmücken , als wenn er sie in ungebundener Rede sagte ; er wendet also seinen Geist viel stärker dabey an ; er denket dabey viel tiefsinniger nach : allein unterdessen ist dieses nicht allemal ein treues Bild von dem . was in seinem Herzen vorgeht ; er will weder ein Glau - bensbekennrniß , noch denen ein Muster zum Glauben geben , die sie lesen ; und man muß zugestehen , daß sich die Menschen nicht so leicht von einer Ke - tzerey , die von einem Poeten vorgebracht wird , als von einer Ketzerey , die man auf dem Lehrstuhle , oder in einer dogmatischen Schrift saget , hin - ters Licht führen lassen . Ich nehme also die Gründe des P . Garasse nicht an , ob ich gleich überhaupt und im Grunde mit seinem Lehrsatze ei - nig bin : daß nämlich eine böse Maxime , entweder wider die guten Sit - ten , oder wider die speeulativischen Lehren des Glaubens , sehr verdamm - lich ist , man mag sie in einer Gattung von Gedichten vorbringen , in welcher man will . Ich bekenne auch , daß die Freyheit , die sich ein Poet nimmt , verschiedene Gedanken wieder die Sittenlehre und Religion vor - zubringen , böse Wirkungen hervorbringen kann . Ich bekenne welter , dap die Annehmlichkeiten der Poesie zuweilen das Gift viel gefährlicher machen , als wenn es in Prosa gesager würde . Man kann das Böse nicht genug beweinen , welches von Homers und seiner Nachahmer pve - tischen Gottlosigkeiten , in dem Heidenthume eingeführer worden . Er - leuchtete Personen baben diese Quelle sehr wohl erkannt , und sich öffentlich darüber beklaget . S>e haben mit Recht darüber gemurret , daß die Poeten den Göttern eben dieselben Laster zugeeignet haben , die sie ans Erden begiengen . Siehe im Anri - Baillet , des Menage , auf der Seite , des I Bandes , etliche Verse desXenophanes , welche Sex - tus EmpiricuS auf der 57 undzq , S . aduerfus Mathematicos , ange» führet hat . Man sehe auch den Foreatulus , de Gallorum Imperio et Philof . Libr . IV . p . m . 5Z7 . Jch habe in der Anmerk . ( I ) , bey dem Artikel Juno , eine Stelle desPlato angeführer , und hier isteine schöne Srelle des Cicero , äe^Zat . veornm , Libr . I . c . XVJ . Nec enim multo abfurdiora funt ea , qiiae poeta - nun voeibus fufa , ipfa fuauitate nocuerunt , qui et ira inflammatos , et libidine furentes induxerunt Dcos , feceruntque , vt eorimi bella , praelia , pugnas , vulnera videremiis : odia praeterea , dilfidia , di - fcordias , ortus , interitiis , querelas , lamentationes , effufas in omni inteniperantia libidincs , adulteria , vinciila , cum humano genere coneubitus , mortalesque ex imniortali proereatos . Die theatralischen Stücke , wo die Götter so schändlich vorgestellet wurden , haben tausend unordentliche Begierden erreget . Cicero hat es nicht verheelet : der heil . Augnstin hat sich auf desselben Zeugniß berufen . Quomodo tanta aniini et mortim mala , bonis praeeeptis et legibus , vel imminentia prohiberent , vel infita exftirpanda curarent Dii tales : qui etiam fe - niinanda et augenda flagitia curauerunt , talia vel fiia vel qua . fi ftia facta per theatricas celebritates populis innotefeere cupientes : vt tanquam autoritate diuina fiia fpontc nequiflima libido accendere - tur human a : fruftra hoc exclamante Cicerone , qui cum de poetis agcret , ad quos cum acceffit , inquit : Clamor et approbatio populi , quafi magni cuiusdam et fapientis tnagiftri , quas illi obdueunt tene - bras ? quos inuehunt metus ? quas inflammant cupiditates ? Augu . ttin . de Ciiiit . Dei , Libr . II . cap . XIV . p . m . izz . Dasjenige , was' Cicero hier saget , findet sich nicht in denen Büchern , die wir von ihm übrig haben ; allein , was er wider die theatralischen Stücke saget , sehe man Tufcul . Qiiaeft . Libr . IV . c . XXXII . Cicero beklaget sich , Tufcul . Quaeft . Libr . II . cap . XL daß das Lesen der Poeten das Herz erweiche , und alle Kräfte der Tugend schlaff mache . Videsne poetae quid mali afferant ? Lamentantes indueunt fortidimos viros . Molliunt animos noftros , ita fimt deinde dulces , vt non legantur modo , fed etiam edifeantur . fic ad malam doinefticam difeiplinam , vitamque vmbratilem , et de - licatain quum acceflerunt etiam poetae , neruos omnis virtutis eli - dimt . Refte igitur a piatone edueuntuj . ' ex ea ciuitate , quam finxit II £«nö .
ille quum mores optimos , et optimum reip . ftatiim exquireref Gleich darauf beobachtet er , als einen großen Miöbrauch , die heit , die man 'gehabt , die römische Jugend dergleichen Schriftsteller lesen zu lassen . At vero nos doöi fcilicet a Graecia , haec et a pueritia le . gimus et difcinnis . Hanc eruditionem liberalem et doflrinain puta - mus . Ebendaselbst . Plucarch , de audiendis Poetis , hat nicht auf diese Art davon geurtheilet : er hat geglaubet , daß das Lesen der Poeten sehr nützlich sevn könnte : allein er muß gleichwohl bekennen , daß es nur dar - um geschieht , weil sie sich widersprechen . Dieses erinnert mich wiederum desjenigen , was Saurin auf der 372 Seite feines Examen de la logie de Mr . Jurieu gesaget hat : Jurieu hat sich über nichts mehr Glnck zu wünschen , als über seine immerwährenden Widersprechungen ; denn vermittelst dieser Widersprechungen ist er rechtgläubig . Ihre Leh . ren , saget er , sind bald gut . bald böse , bald gottlos , bald gottesfürchrig . Dieß verurlachet , daß ihr Zeugniß zweifelhaft ist . und nicht Gewicht ge - nug hat . zu schaden ; es kommt auf uns an , dasjenige zu wählen , was sie für die Partey der Tugend angeführet haben : hl ii Tßv r^rä ,
umvmnurui xgoe airtK iVTtnuQffufui t$v mlfiv . h'x iSttv } %u ( uv po - ti ) v yai£w xfot to ßhiitlof am fiiy jy re rtiheu evrfyyvt
Jic ( pa / «r« «rg , Ü tIc ; etvTiAoylxt , Se7 rm ßtKritnt tumyo ? i7v . Poetarum quoque contradi & iones quibns fidem di & erum dubiam faciant non finunt ea ad nocendum fatis momenti habere . Vbi ergo iuxta fe pofita contraria diäa apud illos euidenter funt , meliori parti adfti - pulandum est . Plutarch , de audiendis Poetis , pag . so . C . Dieses Mittel Plutarch« ist kein recht gutes Hülfsmittel ; denn die Verderbniß des Herzens reizet uns vielmehr , dasjenige zu wählen , was die Poeren zum Besten desLasters auskramen , als dasjenige zu erkiesen , was sie zum Vorrhei - le der Tugend vorgeben . Ueberdieß veranlassen sie , mehr zu urtheilen , daß ihre ernsthaftesten und andächtigsten Grundfitze nur witzige Einfälle , und nicht ihr Ernst sind . Man bildet sich ein , daß sie dieselben nur darum auskramen , weil sie dabey eine Materie gefunden , die eine schöne Forme und alle Majestät der Poesie anzunehmen , fähig ist . In der Thar giebt es Poeten , die weder die geringste Gottesfurcht , noch den ge - ringsten Glauben haben , und dennoch die prächtigsten und unvergleich , lichsten Verje über die erhabensten Materien der Religion gemacht ben . Sie haben diese Materie erkiest , weil sie ihnen Gelegenheit gege - ben , die schönsten Redensarten und Figuren der Kunst anzubringen . Ein andermal haben sie eine ganz entgegen gesetzte Materie erwählet , weil sie den Entzückungen ihrer Einbildungskraft vorteilhaft gewesen , ich will sagen , weil sie ihnen Begriffe dargebothen , die sie sich wohl aus - zudrücken , vermögend gehalten . Was für ein Gewicht könnte die gute Leh - n haben , die man in den Schriftstellern findet , welche so gesonnen ge -
Beylaufig wollen wir sagen : daß die neuere Poesie viel Murren er - reget hat . Ich habe die Klagen in den zufälligen Gedanken , über die Comeren , Num . 1 - 6 . auf der 4 - 6 Seite , deutscher Ausgabe , erzählet , wel - che Thuauus und Mezerai , wider die Hofpoeten Heinrichs des II , ge - gefuhrer haben . Ich hätte auch den de la Planche anführen können ; denn hier ist eine schone Stelle aus seiner Hiftoire de PEftat de France tant de la Republique que de la Religion fous le Regne de Francis II . p . 7 . Ausgabe von 1576 . in ? . Dasjenige , was dm 5orn Gone» in dieser Sacke schwerer gemacbr , ist gewesen , daß , da die Kr , kenntniß der guten rvissensciiasten , ( . ein besondere« von Gott vcr , ordnete« Mittel , ihn gehörig ; » erkennen , und folglich das menschliche Geschlecht ; u erhalten . ) unter dein Roniae . ^ran , «scus in Frankreich , wieder eingeführet , und er dadurch weit edler , als durch . rgend e . ne andere , ; u seiner Seit , vorgefallene Sacke , gemacher worden , auf boshafte , und bey Gelegenheit , geaen alle Sosheil neugierige Geister gefallen , welches sie vor , nehmlich bey einigen großen Geistern gefunden , die der snmjosi , sehen Poesie ergeben gewesen , die damals - Haufenweise emsprun , gen : deren garstige und unflatige , und mit Gotteslästerungen an - gefüllte Schriften , um so viel verdammenswürdiger sind , da sie mit allen Reizungen verbrämet sind , die nicht allem denen in alle unflätige und stinkende Geilheit , sondern auck in alle Gottlosigkeit >u verfallen , Anlaß geben , die sie unter - Händen haben . Man füge diesem allen noch die birrern Klagen Gabriels von Puy - Herbeau bey , in Theotimo , fiue de tollendis et expurgandis malis Libris , im IB auf der 77 S . pariftr Ausgabe von iS49 , in 8 . wobey man zugleich de« VoetiuS , IMputat - Theol . Tom . II . p . 1 - 74 - sehen kann , und dasjenige , was den Pabst Hadrian den Vi bewogen , den Poeten nickt ann - MS» seyn^Siehe die Anmerkung ( D ) , des Artikels - Hadrian derVL Will man Beyspiele von ihren Rucl , losigkeiten haben , so darf man nur Sorels Auslegungen über den schwärmenden Schafer . auf der 6u . 732 S . hin und wieder lesen .
Nunmehro wollen wir sehen , wie der Grundsatz des P Garasse , wider ihn angewendet worden Man tadelt ihn . daß er Verse gemachet , die eine gottlose Sache enthalten , und man ermahnet ihn , sich seiner Worte zu erinnern , daß der Reim die Gottlosigkeit nicht auslösche , t t 1 und daß eine in Versen vorgebrachte Gottlosigkeit um so viel gefahrlicher ist . S . Cyran , Somme de Faufletez capitales contenues en la , Somme de Garafle , Tom . IV . pag . 34 - Man delt ebendas . auf der 102 S . die lateinischen Verse , die er zum Lobe der Sonne gemacht , und darinnen er sich der allerabgöttischten Ausdrückun , gen bedienet hatte . Man verschonet auch die Verse nicht , wo er den Neptun und die Thetis anredet , die er mimina nennet , und wo er die Natur , als eine Göttinn anredet . Man verweist ihn auf seinen eigc» nen Grundsatz und auf die Widerrufungen des h . Augustinö . Es reuet diesen Heiligen , ( Retra & . Libr . I . cap . III . ) daß er den Musen den Namen Göttinnen gegeben , ob er es gleich nur als ein Wortspiel ge - than hat . Man tadelt auch den Garasse , daß er in dem Gedichte , da« er in Forme eines Hochzeitgedichtes de« Wortes und der menschlichen Natur gemacht , heidnische und unzüchtige Begriffe erwecket hätte . Ich sage nichts von denen Vorwürfen , die man ihm wegen seiner Gebethe in Prosa gemacht hat , wo er von den Verirrungen t>e«Ulysses , und von Thraeiens Lorbern , nnd seiner Gabe zur Poesie redet .
( K ) Man tadelt ihn t > s daß er unehrbare Stellen an , gcsuhret . ] Cr schenket es . saget man Jugem . de la Dotfr . curieufe , in dem Auszuge des Br . des L . R . L . nicht den geringsten Unfläthereyen und Unkeuschheiten ; die er nicht so qenau hätte wissen können , wenn er sie nicht geübt gehabt . Er hat , ( Garafl'e Apologie , cap . VIII . pag . m . 90 . ) geantwortet , daß dieses fehr schlecht geschlossen hieße , C c a und

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.