Creator:
Bayle, Pierre Gottsched, Johann Christoph La Croze, Maturin Veyssiere
PURL:
https://dibiki.ub.uni-kiel.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:8:2-9637

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Ganymedes .
Wenn man dem Sprachlehrer Servius , über diese Worre Virgils , et rapti Ganymedis honores , im I B . der Aeneis - 8 V . glauben darf , so ist rapti Ganymedis im Virgil eben so viel als ftuprati , corrupti . Ich übergehe viele Stellen Marrial« , und namentlich diese vier Verse :
Oeprenlum in puero tetricis me vocikns vxor
Lorripis , et . . - te quoque habere refets .
Dixit idem quoties lafciuo Iuno tonanti ?
Ille tarnen gracili cum Ganymede iacet .
Martial . Epigr . XL1V , Libr . XI , siehe auch das XXVII desselben BucheS .
Ich halte Lucian« Zeugniß für keine geringe Sache ; denn ob dieser gleich ein Gottloser gewesen , der nur Lust hatte , die Religion lächerlich zu ma< chen , so haben doch seine Spöttereyen einigen Grund haben müssen : er würde sich selbst lächerlich gemachet haben , wenn er über Meynungenge - kurzweiler hätte , oder über Ceremonien , die in seinem Kopfe erdichtet , und den Heiden auf eine verleumderische Art beygemessen worden waren . Er hat also aus mündlichen Nachrichten , und dem Götterdienste der Heiden die Materie zu seinen Sariren genommen ; da er also vorausgesetzet , daß Ganymedes zugleich der Mundschenke und Liebling Jupiters gewesen , so muß man schließen , daß dieses in dem Heidenthume eine ganz bekann - te Meynung gewesen . Man sehe sein Gespräche der Juno und Jupi - ters , Oper . 1 " om . I , pag . m . i - z , Ich führe eine Stelle daraus in der Anmerkung ( D ) des Artikels Longus an . Allein es ist unö an seinem Zeugnisse nichts gelegen : des Plato seines de Legib . Libr . I , p . m 776 . E . wird schon zureichend seyn . Dieser große Philosoph hat da« Gedichte ver - dämmt , welches die Cretenser , den Ganymedes betreffend , eingeführt har - ten , welche aus Eigennutz darzu angetrieben worden , um ein großes Bey - spiel zu finden , daß ihre Knabenschänderey rechtfertigte : nun >var die Säbel Jupiters , und des Ganymedes sehr geschickt zu ihrer Absicht , weil man geglaubt , daß ihre Gesetze vom Jupiter gekommen waren . Sie haben also gelehrt , daß sich diese Gottheit des Ganymedes zu ihren Lie - besergetzlichkeiten bedienet har . Ich kann mich hier nicht enthalten , den Seneea anzuführen , welcher diese That Jupiters unter die Thorheiten gesetzt , welche die Poeten von diesem Gotte gesungen , und zu nichts ge - dient hätten , als allen denen die Schande des Lasters auszureden , die sich «inen svlcben Begriff von der göttlichen Natur gemacht hatten . Sic ve - ftras hallucinationes fero , saget er , de Vita beata , cap . XXVI , p . m . 639 . quemadmodum Iupiter optimus niaximus ineptias poetarum : quo . rum alius - • - adtilterum ipfum induxit - ■ - alius rapto - rein ingenuorum , corruptoremqiie et cognatorum quidem - - • quibut nihil aliud adhim eil , quam vt pudor hominibus pcccandi de . meretur , fi tales deos credidifient . Es ist außer Zweifel , daß er ( ein Augenmerk auf die Erdichtung der Entführung des Ganymedes gehabt , »ine dem Jupiter um so vielmehr schimpfliche Erdichtung , da er der Ur - ältervater dieses jungen Menschen war . Diese Verwandfthaft hat den Lactanz zu Ende deS I B . zu sagen veranlasset , daß Dardanus . des Ga - nymedes Aeltervater , nicht des Jupiters Sohn gewesen ; denn wenn er es gewesen wäre , wie hätte Jupiter diese Schandthat begehen können ? Sed authores quidam tradunt , Dardanum , et Iafium Coriti filios fuif - fe , non Iouis ; nec enim ( fi ita fühlet ) ad vfus iinpudieos Ganyme - dem pronepotem fuum habere potuifiet .
Dieses rechtfertiget die Kirchenväter , die den Heiden diese Schaydthat des größten von ihren Göttern vorgeworfen haben . Siehe oben die Anmerkung ( B ) des Artikels Chrysippus , eines natürlichen Sohns des Pelops ; und den heil . Augustin von der Stadt Gottes im VII Buch XXVI Cap . Man kann über diesen Punct keine Zänkerey anfangen , als wenn Clemens von Alexandrien , Arnobius , LactantluS Betrug , oder gar Verleumdungen wider die Heiden angewendet hätten . Sie haben ihnen eine wohl hergebrachte Sage vorgeworfen , die sich so gar bis auf den Götterdienst erstrecket har ; denn eben derselbe Jupiter , den man in den Tempeln angebethet , ist darinnen nebst dem Ganymedes und mit dem Adler vorgestellt worden , der diesen jungen Knaben entführt hat . Man lese diese Worte des Lactanz , Diuin . Inftit . Libr . I , cap . XI , pag . m . 34 . Nam qnod aliud argumentum habet imago catamiti , et effigies Aqui - Iae , cum ante pedes Iouis ponuntur in Tempiis , et cum ipfo pariter adorantutynifi vt nefandi sceleris , ac ftupri memoria maneat inaeter - num ? Man ziehe den Tatian zu Rathe . Siehe die Anmerkung ( G ) . Ich habe etwas in Juvenals IX S . 22 V . gesehen , welches bedeutet , daß zu Rom entweder ein Tempel des Ganymedes oder wenigsten« ein pel gewesen , worinnen die Bildsäule dieses Mundschenken Jupiters ge» standen hat . Die Ausleger erklären diese Stelle nicht sehr :
Nuper enim , vt repeto , fanum Ifidis et Ganymedem Pacis , et adueftae fecreta palatia matris ,
Et Cererevn ( nam quo non prostat foemina templo ? )
Notior Aufidio moechu« celebrare folebat .
Pausanias gedenket einer Bildsäule Jupiters und des Ganymedes , die ein gewisser Mensch aus Thessalien , Namen« Gnvthis , dem berufenen Tempel von Olympus gewidmet hat . Libr . v , cap . xxiv , p . m . 440 .
( C ) Einige sagen , Vafi er von einem Adler entführt worden , andere , daß er selbst der Rauber unter der Gestalt dieses Vogels gewesen . ] 6oraz und Hygin , Poetic . Afiron . Libr . II , cap . X VI , sind der ersten Meynung . Siehe auch den Avvllodor im III B . - 21 Seite bey mir . Ovidius und Lucian , halten e« mit der andern . Hier sind des Horaz Worte : Od . I V . Libr . IV .
Qualem miniftrum fulminis alitem ,
Ctii Rex Deomm regnum in aueis vaga»
Permifit , expertus - fidelem Iuppiter in Ganymede flauo .
Ovidius Metain . Libr . X , Verf . 157 . drücket sich auf folgende Art au« :
Nulla tarnen alite verti Dignatur , mfi quae portat fua fiilmina terrae .
Nec mora • percuflö mendacibus aere pennis Arripit Iliadem , qui nunc quoque pocula mifcet ,
Inuitaque loui ne<3ar lunone miniftrat .
Man wird die Worte Lucian« in dem Gespräch« Jupiters und de« Ga - Nymedes finden . Oper . Tom . I , l - 4 u . f . S .
( v ) Er bat diesen jungen Rnaben vergöttert , und seinen V» ter sehr fcbon befclxnhr . ] Tros ist über den Verlust dieses lieben Sohl , es untröstlich gewesen ; allem nachdem er einige Vergütung und di» Zeitung erhalten , daß derjenige , den er beweinte , ewig unter den Göttern leben und niemals ältern sollte , so hat er sich getröstet . Jupiter hat ihm einige Pferde geschenkt , die sehr geschwind liefen , und von der Zahl derer waren , die die Gotter trugen . ( Aus Homers Lobgefange auf die Venus . ) Man merke , daß Laomedon , des Tros Sohn , dem Herkules versprochen , ihm die Pferde zu «eben , die er vom Jupiter , statt der Wicdervergeltung , erhalten hatte ; allein da er sein Wort nicht gehalten , so ist er in Troja belagert worden , und hat dabey das Leben verlohren .
AS>x «»ivi» Twuiltas .
Dedit pro filio compenfationem Ganymede .
Homer . Iliad . Libr . V , Ver£ 266 .
Herkules hatte diese Pferde zur Vergeltung des Dienstes verlangt , die He - sione LaomedonS Tochter zu befreyen . welche einem Meerwunder ausge« setzt gewesen . Aus ApollodorS II B . auf der 12z und 137 S . bey mir . Man merke auch , daß Anchises , ohne daß es Laomedon wahrgenommen , die Geschicklichkeit gehabt , die Art von diesen Pferden zu bekommen . Homer . Libr . V , Vers . 262 . Endlich merke man , daß nach einigen Schriftstellern das Geschenk , welches Jupiter dem Vater des Ganyme» des gegeben hat , in einem goldenen Weinstocke bestanden , welchen Vulcan geschmiedet hatte . Siehe den Tanaq . Faber , Epill . LVI1I , Libr . II , " pag . i ; z . Er führet den Scholiasten des Euripides im Orestes an . sen ? kann man , wenn die oben in der Anmerkung ( B ) und in tiger Anmerkung angeführten Zeugnisse , wegen der Vergötterung dieses jungen Menschen nicht zureichend sind , das Zeugniß des PindaruS Od . X , Olymp , und Sudans in loue Tragoedo , Oper . Tom . II , pag . 105 . und in Charidemo ebendas pag . 1019 . nebst dieser Auslegung des Servius , dazu fugen . Honores dixit , vel propter minifterium poculorum , ad quod receptus eft , remota Hebe filia lunonis , quae loui bibere mini , ftrabat , vel ob hoc quod inter fydera collccatus , aquarii nomen ac - cepit , et non ob hoc tantum irafcitur Iuno , fed quod violatus fit , vt diuinos honores confequeretur . Seruius in Virgil . Aeneid . Libr . I , Verf . 28 . Man siebt in diesen Worten des Servius zwo merkwürdige Sachen : eine ist , daß die Hebe , welche da» Amt gehabt , den Göttern ein - zuscheuken , dieser Bedienung beraubt , und Ganymedes an ihre Stelle gesetzt worden ; die andere ist , daß er unter die Sterne gesetzt , und daöje» Nige Zeichen des Thierkreijes geworden , welches wir den Wassermann , und die Lateiner Aquarius nennen . Hygin beobachtet dieses im ( XXXIV Cap . und Poet . Aftron . Libr . II , cap . XVI und XXIX . Was für ein Herzeleid für die arme Juno , daß sie den Liebling ihres Gemahls den Platz hat müssen einnehmen sehen , den man ihrer Tochter Hebe geraubt hatte ! Das Unglück , welches der Hebe begegnet war , ist zwar der Vor - wand ihrer Absetzung , aber nicht die wahre Ursache gewesen . Sie war unter währender Mahlzeit der Götter gefallen , und hatte alles gewiesen , was die Schaamhaftigkeit verborgen haben will . Siehe oben die An , fuhrung Jupiter , welcher den Ganymedes zu seinem Mundschenken eifrigst verlangte , hat sich dieses Zufalls bedienet , dieses arme Mägdchen abzusetzen .
( E ) Man ist nickt einig , weder wegen des Ortes , wo diese Entfuhrung aesckehen , noch wegen des Zustande« , worinnen der Rnabe gewesen , der entführt worden . ^ Lucian in dem Gesprä» che Jupiters und de« Ganymedes , Oper . Tom . l , p . 124 . setzet voraus , daß Ganymedes das Schäseramt aus dem Berge Ida verwaltet , als ihn Jupiter entführet . Virgil saget , Libr . V , Verf . 252 . daß er gejagt hatte :
Intextusque puerfrondofa regius Ida ,
Veloces iaculo ceruos , curfuque fatigat ,
Acer , anhelanti firailis , quem praepes ab Ida
Sublimem pedibus rapuit Iouis armiger vncif .
Valerius Flaccu« , Argon . Libr . II , VerC 414 . und Stativ« , Theb . Libr . I , Verf . 54» . haben diese Stelle der Aeneis »achgeahmt . Allein Strabo im XIII B auf der 404 S . versichert , man habe gesaget , daß Ganymedes an einem Orte entführt worden wäre , der Harpageia ge« heißen , welcher an den Grenzen des Gebiethes der Stadt Priapu« , und der Stadt Cyzikum gelegen ; und daß er nach andern auf dem darda» nischen Vorgebirge entfuhrt worden . Siehe auch den Stephan von Byzanz unter dem Worte aVt« ? / « Die Chaleidier ( Athen . Libr . XIII , pag . * 01 . ) haben behauptet , daß diese Entführung bey ihnen geschehen , das heißt , auf der Insel Euböa , und sie haben den Ort gezeigt , wo Ju» piter diesen Raub begangen hat . Dieß ist ein Ort voller Myrthen ge» wesen , und man hat ihn Harpagium genennt . Man merke , baß diese Leute von einer unmäßigen Neigung gegen die Sünde wider e . e Natur gewesen , ns * ) rä TaiSi * i # * tVt puerorum flagrant . Ebendaselbst . Es ist also sehr wahrscheinlich , daß sie diese Sage ausgebreitet haben , damit sie sich desto besser mit dem Zeugnisse und Beyspiele des größten von den Göttern beschönigen wollen . Dieses hat Plato von den Einwohnern der Insel Creta gedacht , wie ich bereits in der Anmerkung ( B ) gesaget habe . Suidas hat uns eine an - dere Meynung von dem Orte der Entführung erhalten ; siehe die folgen - de Anmerkung .
( ? ) E« giebt Scribemen , welcke - > - vorgeben , daß Ga , nymedes wirklick von einem Prinzen entfübrr worden , der sicl , in ihn verliebt gehabt . ] Herodian erzählet , daß der Orr , welcher Pes . sinunt in Phrygien geheißen , also genennt worden , entweder , weil das Götzenbild von der Mutter der Götter daselbst vom Himmel gefallen ; oder weil die Schlacht , die daselbst zwischen dem Jlus und Ta^ralus ge - halten worden , vielen Personen das Leben gekostet hat . Diese zween Prinzen , der eine ein Phrygier ; der andere ein Lydier , haben Krieg mit einander ge , führt , entweder , weil sie sich wegen der Grenzen ihrer Staaten nicht ver - gleichen können , oder vielmehr , weil Tantaluö den Ganymedes entführt hatte . In dem Herodian steht Mfiv de vm ; allein nach derMuth - maßung des Meziriac in der Auslegung über die Briefe de« Ovidius «84 S - muß man es verbessern . de fin«bus . Der letztere hat
das Leben auf der Wahlstadt unter de» Händen feines Br»ders und sei» nes Räuber« eingebüßt , da ihn dieser nicht fahren lasse» wollen , und der andere alle mögliche Kräfte angewendet hat , denselben zu behalten . Da man seinen Körper nirgends gefunden , jo hat man seinem Abentheuer
etwas

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