Creator:
Bayle, Pierre Gottsched, Johann Christoph La Croze, Maturin Veyssiere
PURL:
https://dibiki.ub.uni-kiel.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:8:2-9549

Fulvia .
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w einzige , die mich abhielte , völlig überzeuget zu seyn , daß die Worte quaerere condiciones , von eben derselben Bedeutung , und nichts ter gewesen , als unsere Redensarten , eine Partie , einen Liebsten , eine Liebste , sticken , erwählen . Das erste vom Manutius ange - führte Exempel beweist es augenscheinlich ; denn wenn sein Vorgeben statt hätte , so würde Sueton , in Augufto , cap . LXIX . den Worten , conditiones quaefitas per amicos , nicht die andern Worte beygesüget haben , qui matres faniilias , et adultas virgines denudarent atque perfpicerent tanquain Thoranio mangone vendente . Dieser Zusatz zeiget , daß die vorhergehenden Worte keinen andern Begriff nach sich ziehen , als diesen : er hat seinen Freunden aufgetragen , ihm eine Jlitblh aufzusticken ; und wie dieses nicht das Schandbare enthalt , das man ihn» vorwerfen wollen , so ist es dieserwegen nöthig gewesen , auf die besondere Erklärung der Untersuchungen zu kommen , die Aug» - stus seinen Freunden vorgeschrieben hatte . Also wäre es nicht genug , die Gewohnheit in Moseau vorzustellen , die in Absicht auf die Wahl einer Frau beobachtet wird , welche der Großfürst Heirathen soll , wenn man sagte : daß nian Leute durch die Provinzen abschickte , die angenehm - sten Partien , die liebenswürdigsten Mägdchen zu suchen und sen ; sondern man müßte auch weiter gehen unb sagen , wie diese chen gesucht , ausgelesen und besichtiget werden . Solent autem Mos - chouitae , quum de vxore ducenda deliberant , omnium toto Regno puellarum virginum deJechun habere , ac forma , virtuteque animi praeftantiores ad fe perduci inbere , quas demum per idoneos ho - mines , fidelesque matronas infpiciunt , ita diligenter , vt fecretiora quoque ab iis contreÖari explorarique fas fit . Ex iis vero magna , atque lolicita parentum exfpe & ationc , quac ad Principis animum re - fponderit regiis nuptiis digna prontinciatur . Caeterae vero , quae de formae pudicitiaeque , et morum dignitate contenderant , faepe eadem die in gratiain Principum , proceribus atque tnilitibus nii - bunt , fic vt mediocri loco natae plerumque dum Principes , regiae ftirpis clara ftemmata contemnunt , ad fummum regalis thori fafti - fiuin , vti et Turcas Ottomannos folitos eile videmus , pulchritudi - «is aufpiciis euehantur . Paulus Iouius , in Mofcouia , p . m . z - , zz . Ich kann mich nicht genug verwundern , daß Manutius sein ander Bey - spiel so ausgelegt , wie er gethan hat : hat er wohl glauben können , daß Casar jemals , so wenig Herze und so wenig Ehre gehabt ? Denn die Gewalt ungerechnet , die er der schamhaften Octavia hätte anthun müssen ; wäre es nicht eine Niederträchtigkeit gewesen , die vermögend gewesen wäre , den Cäsar verächtlich zu machen ; wenn man dem Pompejus , da man ihm diese kleine Muhme anaebothen , die Freyheit gelassen hatte , ihr den Korb zu geben , wenn sie ihm nicht gefallen , nachdem er sie schon ohne Hemde gesehen hätte ? Allein , um zu zeigen . wie abgeschmackt dieser Gedanke des Manutius ist , so darf ich nur auf diese Worte Sue - kons , im LXIII Cap . des Lebens Augusts verweisen : Hoc { Agrippa ) quoque defundto raultis ac diu etiam ex equeftri ordine CIRC VM - S r E C TIS conditionibvs , Tiberium priuignum fuum ele - git . Er hätte , nach dem Manutius , sagen müssen , daß August , da er seine Tochter Julia , des Agrippa Witwe . wieder verheirathen wollen , eine ansehnliche Zeit angewendet . viele römische Ritter nackend auszie - hen zu lassen , und endlich den Tiber darunter ausgelesen . Ich will mich nicht aufhalten , die Ungereimtheit einer solcher Meynung zu zei - gen , noch weniger Kundert Stellen guter Schriftsteller anführen , daß conditio , wenn die Frage vom L>eirathen ist , nichts anders bedeutet , als was wir eine Partie , bona conditio , eine gute - Heirath , eine gute par , tie nennen . Ich will nur einige Worte aus der CCLVII Rede Quin - tilians anführen . Sie sind so gut , als ein Endurtheil wider den Ma - NUtiuS : Sed neque in nie ille Qfocer ) probauit aliud , quam pieta - tem : vidit fletus meos , vidit totius animi atque etiam corporis de - feöionem : fic hoinini inter principes noftrac ciuitatis numerando coepi bona efle conditio . Man sehe die Beobachtungen des GronoviuS im VI Cap . des I B . auf der 6» und 6z S . Man muß be - kennen , daß Manutius der alten Gerichrsschreibart eine sehr häßliche Formul würde zugeeignet haben ; denn nach der alten Rechtsgelehr - samkeit hat man sich bey der Ehscheidung dieser Redensart bedienet : conditione tua non vtor . Man ziehe die Auslegung des Torrentius , über den Sueton , im XXVII Cap . des Lebens Cäw - s , zu Rathe . Ich wundere mich , daß ein gelehrter Zesuir diese Gelehrsamkeit des Manu - tius nicht falsch befunden hat , da er so viele schöne Exempel vou der Be - deutung des Wortes conditio angeführet . Qiiid fit autem ante per . fpicere conditionem , malo te ex Pauli Mannt» in hunc locum , quam ex meis verbis addifeere . Also redet der P . Abram in seiner gung über die z Philippica des Cicero , auf der S .
Allein wir wollen zur Sache schreiten . Sollen wir glauben , daß Ci - cero habe sagen wollen : es hätte Marcus Antonius eher ein Auge auf die Fulvia gehabt , ehe er die Antonia verstoßen ? Ich will gerne die - ser Meynung beytreten , ob es gleich scheint , daß die Hochzeit der Ful - via , der Ehscheidung der Antonia auf dem Fuße gefolger ist . Dieß ist die Materie der folgenden Anmerkung . Maturantius und Lambin haben sich hier verirret : jener hat sich eingebildet , es habe Marcus An - tonius an die Calpurnia gedacht ; dieser läßt ihn an die Octavia denken . Ich weis nicht , wer diese Calpurnia ist ; allein die Octavia betreffend , so weis ich , daß sie des Augustus Schwester gewesen , und daß sie sich erstlich nach der Fulvia Tode , mit dem Marcus Antonius vermah - let hat .
( L ) Marcus Antonius ha» einiqe Zeit in der Liebe , gegen ei , ne Se>'«cklafcrinn , verharret . ] Qiese Benschläferinn ist eine Co - mödiantinn gewesen . Cicero nennet sie Cytheris , und bemerket , daß sie Marcus Antonius in einer offenen Sanfte mit sich geführet hat . Hic tarnen Cytheridem fecum leäica aperta portat , altera vxorem ; feptem praetcrea coniunöae leäicae ainicarum funt , an amicorum ? yide quam turpi leto pereamus . Cicero , Epift . XI . Libr . X . ad Attic . '• * dem XVI Br . desselben B , redet er also : Hoc quidem melius quam collega nofter Antonius , cuius inter lifloresleöica mimapor - tatur . S . auch den XXII Br . des XV B . wo hic autem Cytherius tier stehr , welches nach der Ausleger Menuung , Marcus Antonius ist . C>cero hat dieses unter wahrender Zeit . geschrieben , da Cäsar nach Spa - men , wider die Verweser des Pompejus , gegangen , das heißt , im ersten ^ahre des Krieges . Marcus Antonius ist damals Zunftmeister des Volkes gewesen , und war in Rom gelassen worden , Italien im Zaume m »t ? Casare Partey j» erhalten . Hier ist der Aufzug , mit welchem
er gereiser ist . Hier sind die Leute , denen Gott alles dasjenige , was in der römischen Republik das vortrefflichste war , Preiszugeben , für dienlich gefunden hat . Allein , hiervon ist die Rede nicht . Dieser Auf - zug des Marcus Antonius ist ihm in der II Philippica , im XXIII und XXIV Cap . mir diesen schönen Worten ins Gesicht vorgeworfen worden : Ecquid enim vnquam in terris tan tum flagitium exftitifle auditmn eft ? tantam . turpitudineni ? tantum dedecus : vehebatur in eiTedo tribunus plebis : liöores laureati antecedebant : inter quos aperta leölica mima portabatur : quam , ex opidis municipales honiincs ho - nefti , obiiiam neceflario prodeuntes , non noto illo , et mimico mine , fed Voluinniam confalutabant . Sequcbatur rheda cum leno - nibus ( f ) , comites nequiflimi : reiedb mater amicam impuri filii , tamquam nurum , fequebatur . O miferae mulieris fccunditatem calamitofam ! Horum flagitiorum ifte veftigiis oinnia munieipia , praefe & uras , colonias , totain denique Italiam impreflit .
( t ) Einige berühmte Kunstrichter wollen , daß man leonibus lesen müsse , weil es gewiß ist . daß Marcus Antonius bey diesen Reisen einen mir Löwen bespannten Wagen gehabt hat . Siehe den Artikel Lykoris , in der Anmerkung - 0 ) .
Man merke wohl , daß man dem Marcus Antonius , unter andern Unanständigkeiten , hier vorwirft . daß er seine Mutter genöthiger hat der Cytheris Sänfte in einem andern Wagen zu folgen . <>« dem von mir angeführten Briefe saget Cicero dieses nicht von der Mutter , son - dern von des Marcus Antonius Gemahlin«» . Cytheridem fecum Ie . äica aperta portat , altera vxorem . Cicero , Epift . XI . Libr . X . ad Atticum . Es ist schwer zu begreifen , warum Cicero nichts von denen seiner Gemahlinn wiederfahrnen Unanständigkeiten gesaget hat ; war« um , sage ich , er sie in einer Rede unterdrücket hat , da er sich auf das äußerste angelegen ftyn lassen , seinen Gegner mit Schande zu bede - ( fen . Er hätte in drey Worten sagen können , daß Marcus Antonius weder seiner Mutter , noch seiner Gemahlinn , einen Platz in seinem Wagen verstattet , sondern sie in andere Wagen verwiesen hätte , die der Sänfte folgen müssen , wo seine Beyschläserinn gesessen . Die Angele» genheiren der Gemahlini , waren nicht weniger dienlich , als der Murrer ihre , die Aufführung dieser Person verhaßt zu machen ; also wüßte man keinen einzigen guten Grund von dem Stillschweigen des Redners an , zugeben , als diesen , daß die Gemahlinn des Marcus Antonius nicht mit bey dieser Reift gewesen , und daß man in dem Briese an den Atticus , alteram vxorem , anstatt altera vxorem lesen müsse ; und alsdann wurde der Sinn seyn , daß dieser Zunftmeister des Volkes , die CytheriS mit sich gefuhrct , als wenn sie seine Gemahlinn , als wenn sie seine an - dere Gemahlinn gewesen wäre . Bosius , über den oben angeführten Brief des Cicero an den Atticus ; und Lipsius . Epiftolicar . Quaeft . XI . Libr . IV . haben diese Verbesserung angenommen . Popma , über eben diesen Brief , behauptet das Gegenrheil : er will nicht nur , daß Cythe , riS und die rechtmäßige Gemahlinn in verschiedenen Fuhrwerken gewe - sen ; sondern auch , daß die rechtmäßige Gemahlinn Fulvia gewesen wä - re . Dieß ist auch des Manutius Meynung . Man führet die andere Philippica aus Irrthume an , ( dieß thut Popma , ) weil diese Rede nicht saget , daß Marcus Antonius seine Gemahlinn unter das Gefol . ge der Cytheris gesetzet . GräviuS hat des Popma Meynung des Li - psius seiner vorgezogen . Sed redtius Popma , cui adftipulantur etc . Graeuius , in Ciceron . ad Atticum , Tom . II . pag . 164 . So viel ist gewiß , daß Fulvia damals des Marcus Antonius Gemahlin , , nicht ae - wesen ist : ich habe bewiese» , daß sie es erstlich nach der Antonia Eh - fcheidung ! geworden ; weit gefehier nun , daß Antonia zu derselben Zeit verstoßen gewesen wäre , daMarcu« Antonius mir seiner Cn - tlmis durch die italienischen Srädte spazieren gefahren ; so ist U vielmehr wahrscheinlich , daß sie noch nicht einmal seine Gemahlinn gewesen . Er hat sie zu der Zeit verstoßen , da er des Dolabella An - schlagen zuwider war ; das heißt , einiqe Zeit hernach , da er nach der pharsaliscken Schlacht wieder nach Rom gekommen war . Diese« ist aus dem Plurarch , im Antonius , 9 , 9 S . klar . Seine Reisen nun , die er mit der Cytheris gethan , sind vor dieser Zurückkunft nach Rom hergegangen ; es ist also sehr glaublich , daß er damals mit seiner Muh« me , Antonia , noch nicht verheirathet gewesen , da er diese Reisen ge - rhan ; denn er hat sie nicht lange behalten . Wir wollen noch dazu se - hen , daß Fulvia keine solche Frau gewesen , die da erdulden können , daß eine Beyschläserinn , bey den Reisen ihres Gemahls , die Ehrenb«eiaun - gen einer rechtmäßigen Gemahlinn genossen hatte . Sie ist viel tu hochmüthig gewesen , als daß sie in einer absonderlichen Kutsche der Sänfte dieser Cytheris hätte folgen sollen . Wir wölk« b ? 8Ä maßung des Bosius und Lipsiiis bekräftigen . Wenn man in dem Briefe an den Atticus gesager Härte ' : Cytheridem p " E ram vxorem , fo wurde man nichts gesaget Haben , das nicht mit andern Ausdruckungen übereu , käme , die man in der II Philip - pica sieht . Ad etiam quodatn loco facetus effe voluifti : quam id te , . du bau , nondecebat : in quo eft tua culpa nonnulla , aliquid enim falls ab vxore mima trahere potuifti . Cap . VIII . Wenn Cicero erzählet , daß Marcus Antonius mir der Cnrheris gebrochen , fo bedienst er sich der Worte , die man bey der Verstoßuna seiner Ehfran gebraucht hat . Frugi faftus eft : illarn fuamfuas res fibi habereiu ( T , t ex duodeeim tabu Iis : claues ademit : exegit . Qua™ porro fpe & atus ciuis , quam probatus , cuius ex omni vita nihil eft honeftius , quam quod cum mima fecit diuortium . Eben das . XXVIII . Cap , Es ist also wahrscheinlich , daß man alteram vxorem , in den , Briefe an den AtticuS lesen müsse . Wir müssen nicht vergessen , daß die Abdankung der Cytheris , nicht allein viel jünger , als die pharsalische Schlacht , son - dern auch , als der alexandrinische Krieg , gewesen ist . Marcus Ante« nius ist nach der pharsalische» Schlacht , nach Italien zurück geschickt worden , um daselbst die

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