Creator:
Bayle, Pierre Gottsched, Johann Christoph La Croze, Maturin Veyssiere
PURL:
https://dibiki.ub.uni-kiel.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:8:2-9315

534 Franciscus der I .
$WlttCifCU$ t>CV I , König von Frankreich , ist einer von denen großen Prinzen gewesen , deren schöne Eigenschaften mit vielen Mängeln vermischt sind . Die französischen Geschichtschreiber " erkennen diese Vermischring mir der äußersten Aufrich - tigkeit ; und es beklagen sich gar einige darüber , daß sich die spanischen Scribenten , anstatt solches zu erkennen , zwingen , die - sem Monarchen das Leb eines vollkommenen Prinzen beyzulegen ( A ) x Diese Aufführung - könnte von beiden allzusehr stelt seyn : allein es scheint , daß sie es von Seiten der französischen Schriftsteller weniger ist , als von Seiten der Spanier ; denn es müssen nur Blinde seyn , die in der Regierung Franciscus desl , nicht eine lange Folge von Fehlern und Unvorsichtigkeiten deutlich sehen könnten . Es hat wenig gefehlet , daß sich dieser Prinz nicht selbst des Rechts beraubet , Ludwigen dem XU zu folgen . Er gieng mit den zärtlichen Liebkosungen , damit er die junge Königinn bezauberte , schon gerade darauf los b ( k ) , als man ihm die Gefahr zu erkennen gab , der er sich aussetzete . Ob man gleich dieses Histörchen verschiedentlich erzählet ( C ) , so ist man doch darinnen einig , daß er sich diese gute Warnung zu Nutze gemacht ; allein , in Ansehung der andern Frauen hat er wenig Maaß gehalten c : und man will , daß ihm dieses so gar das Leben gekostet ( D ) . Ich habe anderswo gesaget d , daß ihn die vornehmste von seinen Beyschläferinnen fast um sein ganzes Königreich gebracht . Er hat keinen Argwohn von diesem lichen Anschlage gehabt ; und da er den bösen Lauf seiner Geschäffte gesehen , so ist ihm einiges Murren , wider die göttliche Vorsehung entfahren ( E ) . Dieses ist bey einem Kriege geschehen , den man viel eher endigte , als diejenigen geglaubet hat - ten , welche den Zustand der Sachen nicht aus dem Grunde kannten ( F ) . Er erkannte allzuspät , daß er zwo oder drey Per - sonen zu seinen Lieblingen erwählet hatte , die dessen höchfiunwürdig , und deren böse Rathschlage ihm ungeinein nachtheilig ge - wesen waren . Wenn er den Conneüabel Monmorency' , 12 Jahre eher von sich entfernet hatte , so würde er nicht in so harte Gefährlichkeiten gerathen seyn . Ueberdieß war bey seinem Schicksale , ich weis nicht was , unglückseliges , welches verursachte , daß er auch , wenn er , menschlicher Weise zu reden , sich nach den Regeln der Klugheit aufführte , weder Stern noch Glück hatte . Wenn man alles dieses wohl betrachtet , so ist seine Regierung sehr wunderbar : denn wer muß nicht darüber erstaU - nen , daß dieser Prinz , dem das Glück so ungünstig gewesen , für den feme eigene Mutter fo übel gesorget ( ( ? ) , der den unvernüns - tigen Lieblingen Preis gegeben gewesen , und von denjenigen verrathen worden , die er mit seiner genauesten Vertraulichkeit be - ehrte , doch Kaiser Carl dem V so rühmlich widerstehen können , als er noch gethan ; einem Feinde , dessen Staaten viel größer waren , als Frankreich ; der mehr Geld und Volk hatte , als er ; der so wohl ein großer Kriegesheld , als einsehr feiner Staatsmann war ; welcher von feinen Kriegshäuptern und Staatöbedienten treulich und sehr geschickt bedienet wurde ; und welcher fast allezeit , entweder England , oder andere mächtige Prinzen , wider ihn allein zum Beystande hatte ? Nach genauer Ueberlegung , ist es Franciscus dem I viel rühmlicher , bey dergleichen Umständen sein Königreich erhalten zu können , als es Carln dem V gewesen , daß er dasselbe nicht erobert hat . jch glaube , man könnte von diesen zween Prinzen sagen : daß einer , ohne Widersetzung des andern , zur allgemeinen Monarchie hätte gelangen können ; und daß man , wtil man öfterer zum Besten Carls des V . als zum Besten Franciscus des I , Bündnisse gemacht , diesen König von Frankreich mehr gefürchtet hat , als diesen König von Spanien . Weiter glaube ich , daß , wenn die Freyheit von Europa durch Carl den V nicht ganzlich un * terdruckt worden , man deswegen fast alle Verbindlichkeit der Tapferkeit Francifcus des I schuldig sey f . Ich weis nicht , ob das widrige Glücke dieses Monarchen sich in einem einzigen Geschaffte so sehr gezeiget hat , als in dem Bündnisse , daS er mit dem Soliman gemacht . Er hat nicht den geringsten Vortheil daraus zu ziehen gewußt , und seinen Feinden eine Materie zu großen Strafreden dargebothen , die ihn sehr verhaßt gemacht , und mehr Böses gethan , als ihm die Pforte Gutes verschafft hat . Man kann die Lugen , die wegen dieser Materie in Europa auSgestreuet worden , nicht ohne die Grundsäße einer chen Sittenlehre entschuldigen ( H ) . Man hat eine Eidesformel herumgehen lassen , welche , wie man vorgiebt , dieser Prinz dein Großsultan geleistet . Es kann nichts Abscheulichers , nichts Gottlosers , nichts Verdammters , als dieser Eidschwur , gese - hen werden ( ! ) ; und so wohl hieraus , als aus einigen Merkzeichen , muß man urtheilen , daß die ganze «sache ein unwahr - scheinlicher Betrug ist . Man hat nicht unterlassen , dieses Formular , als ein glaubwürdiges Stücke , in eine von den Schmähschriften einzurücken , die unter währendem Kriege wider Frankreich erschienen sind s . Es ist noch eine andere Lügen herumgegangen , die eben so abgeschmackt ist , als diese , und welche eine vorgegebene Erfindung betroffen , die Geiseln wieder zu erhalten , die Franciscus der I gegeben hatte ( K ) . Jch habe noch eine andere sehr grobe Lügen gelesen , welche sich auf die Verwirrung bezieht , darinnen sich dieser Prinz im 1544 Jahre befunden ( L ) . Ich rede anderswo » , von einer Fabel , welche die Reise betrifft , die der Kaiser durch Frankreich gethan hat , als er die Stadt Gent züchtigen wollen . Dieß ist nicht die einzige Fabel , die man , in Ansehung dieser Zeit , ausgesprenger hat ( M ) . Franciscus der I ist der Urheber einiger Neuerungen gewesen , unter welche man Haupt - schlich die Gewohnheit zählen muß , die das Frauenzimmer angenommen , nach Hofe zu gehen ( N ) . Dieses hat zwar den Artikel des salischen Gesetzes nicht verändert , welcher nicht erlaubet , daß die Krone von Frankreich auf eine Spindel falle ; lein man kann sagen : daß Frankreich seit dieser Zeit , bis zu Ende des XVI Jahrhunderts , mehr oder weniger , von Frauen gieret worden Man hat Franciscus dein I mit großem Unrechte beschuldiget , daß er so große Nachsicht gegen die Lutheraner seines Königreichs gehabt ( 0 ) . Dieß ist eine von denen Lügen , die unser Wörterbuch tadeln muß . Wenn man gesaget bät - te , daß dieser Prinz den Protestanten in Deutschland sehr nützlich gewesen ( P ) , so würde man sich nicht betrogen haben . Ich habe anderswo k die eireln Entschuldigungen bemerket , womit er dieselben , wegen einiger Lutheraner , befriediget , die er mit dein Tode bestrafet Hatte . Varillas hat hierbei ) einen Zeitrechnungsschnitzer gemacht ( QJ . Die letzten Jahre Franciscus des I . sind für ihn eine mühselige Zeit gewesen . Die Folgen seiner Unkeuschheit ' und das Andenken der Unglücksfälle , worein ihn die böse Aufführung seiner Staatöbedienten verwickelt hatte , stürzten ihn in einen grausamen Verdruß , welcher ihn verhin - derte , seinen wahrhaften Nutzen zu erkennen : denn er hat sich bis auf den Tod über eine Sache bettübet , die er als ein Glück hätte ansehen sollen . Ich rede von dem Tode Heinrichs des VJII , Königs von England eines Prinzen , der sich so vielmal wider Frankreich verbunden hatte , und beständig geneigt gewesen seyn würde , es um und um zu kehren , um dasselbe mit Carln dem V zu theilen . Das Misvergnügen Franciscus des l , wegen seiner Kinder , ist nicht die kleinste von seinen Beängstigun - gen gewesen ( R ) ; ich übergehe die Folgen seiner Thaten , weil ich dasjenige wiederholen müßte , was andere Wörterbücher schon zureichend erzählen . Der Zuname , des Großen , der ihm nach seinem Tode gegeben worden , ist von keiner Dauer gewe - fen ( 8 ) . Er hat ihn in gewissen Absichten verdienet , und vornehmlich wegen seiner HerzhafciZkeit und derjenigen offenherzigen und freymüthigen Großmuth , die unter Personen , von seinem Stande , so selten ist . Die Standhaftigkeit feines Heldenmu - thes ist gewissen Versinsterungen unterworfen gewesen . Sie hat ihn bey den Widerwärtigkeiten seiner Gefangenschaft nicht ge - nugsam unterstützet . Er wäre darinnen bald vor Verdruß gestorben ; und bey seiner Zurückkunft in Frankreich hat er ein we - nig zu viel Furcht gezeiget ( 1' ) . Jch halte dasjenige für eine fabelhafte Erzählung , was ich in einem kleinen Buche gelesen , daS vor einiger Zeit erschienen ist m , daß er immlich zu Madrit einen großen Herrn getödtet , der ihm nicht Ehrerbiethung nug bezeiget , und daß sich der Kaiser nicht darüber erzürnet habe .
Folgendes füge ich diesem Artikel dieser andern Ausgabe bey . Man hat falschlich vorgegeben , daß Franciscus der I . nach einer langen Unfruchtbarkeit seiner Mutter , gebohren worden ( V ) Man hat ihn unter die Prinzen «zählet , die sich , nach Besteigung de« Thrones , wegen der Beleidigung , nicht rächen wollen , die ihnen in ihrem Privatstande erwiesen worden . Man aiebt vor , daß er unter der Regierung Ludwigs des XII . von Carln von Bourbon zum Zweykampfe herausgefordert worden , der sich , gewisser Ursachen halber , bemühet hatte , ihn bey dem Könige anzuschwärzen , und man setzet darzu : er habe sich , nachdem er diesem Monarchen gesolget , der Feindschaft so wenig erinnert , die er ebengegen diesen Carl von Bourbon gehabt , daß er ihn so gar zum Connestabel erhoben hat Die Liebe , die er gegen die Wissenschaften gehabt , ist jedermann bekannt : al - lein die wenigsten kennen den besonder« Umstand , den man hiervon in einem Briefe Andreas Alciats hat sehen können der erstlich im 1697 Jahre herausgegeben worden ( X ) . Es ist noch eine besondere und wichtigere Sache , die erst vor kurzem be - kannt geworden , daß nämlich der Herzog von Orleans , der andere Sohn Franciscus desl , den protestantischen Fürsten in Deutschland angebothen , ihre Religion predigen zu lassen ( Y ) ; man muthmaßet , daß er diese Anerbiethungen , mit Einwilli - gung seines Vaters gethan habe ° . Jch rede in der Anmerkung ( N ) , von der Unordnung , welche die neue Mode verursachet , die Franciscus bey seinem Hofe eingeführet , da er gewollt , daß die'Frauenspersonen dabey erscheinen sollten . Man könnte diese Unordnung nicht besser vorstellen , als wie sie Meierai vorstellet ; deswegen will ich hier unten zeigen , welcher Ausdrückungen er sich bedienet hat ( Z ) . Der Urheber f etlicher Gespräche , die im 1700 Jahre , in Haag gedruckt worden , hat die Mänqel dieses Monarchen sehr wohl bemerket . Dieß ist in dem Gespräche , das er zwischen diesem Prinzen und Ludwigen dem XII
erdichtet

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