Creator:
Bayle, Pierre Gottsched, Johann Christoph La Croze, Maturin Veyssiere
PURL:
https://dibiki.ub.uni-kiel.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:8:2-8756

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Farel .
Theilchm hat . Man empfindet die Wirkung , ohne daß man die Thätigkeit derselben kennt . Siehe les Nouvelles Lettres contre le Calvinifxnc de Maimbourg , pag . 557 . Es giebt Leute , die 20 Jahr über UN - jahlige Frauenspersonen gesehen , ohne daß sie jemals Lust gehabt , sich zu verheirathen . Eben diese Menschen treffen von ungefähr eine in ei - nem Schisse , bey einem Gastgebothe , bey einem Besuche an ; sie werden so von ihr gerührt , daß sie ganz bereit sind , sich sogleich mit ihr zuverheira - then . Sie ist weder so schön noch so jung , als diejenigen , die diesem Man - ne nicht gefallen haben ; sie ist mit Leuten umgegangen , die viel eher Liebe fangen können , als diese , und hat sie nicht gerührt : Das gehörige Verhältniß zwischen beyden Personen war nicht da ; es hat sich nur in diesem allein gesunden , und also ist die Heirath bald geschlossen . Ein glei - chcs kann man von einem betagten Manne sagen , welcher nach einer langen Folge von Vernunftschlüssel , beschließt , dem ehlosen Stande abzu - sagen , und sich durch eben dieselbe z»r Wollust geneigt findet . Er wird an dem Orte des Gehirns leicht gerührt , welcher der Liebe den Schwung giebt . Der Gegenstand , der ihn an diesem Orte rühret , gefallt und be - zaubert ihn ; er denkt alle Augenblicke daran , er will denselben genießen ; dieses beraubet ihn der schönen Gabe der Enthaltung , die ihm die Natur gegeben hatte ; er findet sich in der Brunst , und verheirathet sich nach demRathe des Ap . Paulus . E« ist also nichts in der Schutzschrift , die ich wegen der Heirath unsers Greises angeführt habe , das der Wahr - fcheinlichkeit zuwider wäre ; wir finden vielmehr darinnen ein schönes Excmpel , zu beweisen , daß nichts verwegner« ist , als das Gelübde des ehlosen Standes . Die Gabe der Enthaltung ist keine Sache , worauf der Mensch Staat machen kann . Er hat die Probe gegen tausend sehr liebenswürdige Gegenstände ausgehalten ; er hat dieselbe , sage ich , durch eine lange Reihe von Jahren ausgehalten : allein , folger denn hieraus , daß er solches ewig thun werde ? kann man wohl dafür stehen , daß einem
nicht endlich ein " andrer Gegenstand in die Augen fallen wird , der mit den Zäsern des Gehirns besser übereinkömmt ? Dieses kömmt wie ein Dieb in der Nacht , zu einer Stnnde , da man es am wenigsten vermu - thet . Man bewahre also seine Freyheit allezeit , und besitze seine Gabe , als wenn man sie nicht besäße ; man denke , daß man sie verlieren kann , und daß man sie vielleicht verlieren werde , wenn man es am wenigsten denket . Es brauchet darzu weiter nichts , als daß man eine Person an - treffe , die einen verliebt machet . Dieft wird die ganze Keuschheit zu Grunde richten .
Diesem allen ungeachtet ist es doch noch ein wenig seltsam , daß un - ser Farel bis ins Alter , als ein Junggeselle gelebt hat . Sein so feuri - ges und starkes Temperament , daß er von einer betagten Ehftau in sei« nein 75 Jahre einen Sohn gehabt , scheint eine frühere Heirath erfordert zu haben . Er hat 76 Jahre qelebt , und einen Sohn hinterlassen , der nur ein Jahr alt gewesen . Siehe den Ancillon in Farels Leben p . 272 . Die mit allem Nachdrucke angefüllte Beredsamkeit , mit welcher er die vorgegebene Gültigkeit der Klostergelübde bestritten , hat es nicht weniger erfordert : weil man zur selbigen Zeit mitExempeln predigenmußre , wenn man nicht wegen einiger übergebliebenen Jrrglaubigkeit verdächtig seyn wollte ; siehe den Artikel Bucer in der Anmerkung ( E ) . Erasmus , wenn er von dem Fortgange der Glaubensverbesserer redet , saget unter andern , daß sich viele Mönche und Nonnen verheirathec : er hatte kurz zuvor gesagt , daß Farel im Lande Mümpelgard geprediget : In montein Belli' caräi vocatiis c ( tPharellas ad praedicandum Euangelium hoc nouum : cuius hic mirus eft fuccefllw . Iam intilti repudiarunt Baptilmuin , et reuocarunt Circumcifionein . Miflam abominantur plurimi : funt qui publice doceant , in Euchariftia nihil eile nifi panem et vinuin : VeUim et Cuculla deponitur paffim . Nubunt et dueunt vxores wo - nachae et monachi . Erafmus , Epift . XIV , Libri XXX , pag . 1907 : Sie ist den - 0 Hornung 1 * 15 unterschrieben ; aber man muß 15 - 5 lesen . Maimbourg bemerket , daß Farels Predigt an die Nonnen zu Genf mit Vermahnungen zur Heirath angefüllt gewesen . haben - - - die Schwestern derh . Clara , welche die einzigcnNoimen in Genf waren , die Stadt verlassen müssen , doch ohne das ? man diesen Nonnen die geringste Gewalt angechan . Man har ihnen nur die nachdrücklichsten Vorstellungen getban , Sie man gekonnt , sie 51t überreden , Sie Nonnenfchlever zu verlassen , und diejenigen an - zunehmen , die man ihnen zu Ehmannern angebothen ; ja sie Ha' den eine lange und lacherliche predigt anhören müsseil , die ih , nen der reformiere Prediger Farel in ihrem Rlostcr , in Gegen - wart der Synoiken über'diesenText des tLvangelii gehalten : ex - furgens Maria abiit in Montana , um ihnen zu berveiscn , daß sie nach dem Beyjpiele der Jungfrau Maria , welche ihre Ntvhme Elisabeth . auf dem jüvischen Gebirge , besucht , nicht sen ftyn sollten , sondern verbunden waren , in der Xvelr zu leben , und sich wie die andern zu verheirathen . Maimbourg , Hirt , du Calvinifrne , Livr . I , p . m . 48 .
warum die reformieren Prediger im Anfange der Glaubensver - hesserungauf der Nothwendigkeit des Ehstandes bestanden sind .
Ich will im Vorbeygehen sagen , daß diejenigen , welche dafür halten , eS hätten die Prediger derselben Zeit allzusehr darauf bestanden , die Vor - treMichkeit des Ehstandes herauszustreichen , und wider die Gelübde der Enthaltung los zu donnern , nicht Achtung auf die Umstände der Zeit gegeben . Man muß ivissen , daß der ehlose Stand der Geistlichen seit et - liehen Jahrhunderten eine unerschöpfliche Quelle von ärgerlichen Unrei - nigkeiten geworden war , die den christlichen Namen verunehrten . Man mußte alio die Axt an die Wurzel des Baums legen ; man mußte die Quelle durch Abschaffung der Gelübde verstopfen . Man mußte den ge - fährlichsten Lehrsatz aufs heftigste bestreiten , daß ein Geistlicher , welcher eine Kebsfrau hielt , weniger sündigte , als ein Geistlicher , der sich verhei - rarhete . Dieser Lehrsatz ist eine nothwendige Folge von dem Gesetze des ehlosen Standes ; denn nach den Grundsätzen des Stuhls zu Rom , bindet sich ein Geistlicher , der sich nach aelhanem Gelübde der Keusch - heit verheirathet , mit einem Eidschwure , seine ganze Lebenszeit einem verbrüchlichen Gejetze zuwider zu handeln : er ist also viel strafbarer , als wenn er manchmal in das Laster der Hurerey verfällt . Dieses ist ein flüchtiger Fehltritt : er verhindert nicht , daß er seinen Fehler nicht er - kennet , daß er nicht Reue darüber trägt , und daß er nicht wieder zur Beobachtung seines Gelübdes zurück kommen sollte ; allein wenn er sich verheirathet , so sehet er sich in die Nothwendigkeir , dasselbe ohne Ge - wissen und ohne Wiederkehr ju schänden . Es ist als« nöthig gewesen ,
von der Ehrbarkeit des Ehstandes , von semer Würde und von der Be» wegenheit derer auf das nachdrücklichste zu predigen , welche denselben so weit vergringerten , daß sie ihm auch die Hurerey vorzogen . Außer dem hatte man zu befürchten , daß man auch in der reform irten Kirche , wenn die Priester und Mönche , die das Pabstthum verlassen , sich des Ehstan - des enthielten , eben dieselben Unreinigkeiten gar bald sehen würde , wel - che die römische Clerisey ehrlichen Leuten zum Abscheu und Fluche ge - macht hatten . Also mußte man , dieser großen Unordnung vorzubauen , diese Herren aufmuntern , sich zu verheirathen , wenn sie anders dazu ei« ner Aufmunterung nöthig hatten . Es mußten ihnen darinnen die be - rühmtesten Männer den " Weg zeigen , und zum Beyspiele dienen . Mau muß denjenigen großen Männern der ersten Kirche Gerechtigkeit wie« Verfahren lassen , welche den ehlosen Stand so sehr angepriesen haben . Sie sind dazu durch schöne Gründe bewogen worden ; denn e6 ist nichts geschickter , das Evangelium fruchtbar zu machen , als wenn man glaubet : daß diejenigen , welche es predigen , ihr Fleisch gekreuziget haben , und sich auch derer Ergetzlichkeiten berauben , welche die Weltlichen un - gestraft genießen können . Man hat erwogen , daß der Ehstand hundert irrdische und sinnliche Beschäftigungen nach sich zog , die eine allzugroße Zerstreuung bey den priesterlichen Hebungen machten . Mit einem Worte , man har sich von den schönen Seiten des ehlosen Standes blen - den lassen ; man hat ihn endlich in ein Gesetze verwandelt . Allein man kann sagen , daß die Beförderer dieser Rechtsgelehrsamkeit die menschli« che Narur nicht genugsam studiert gehabt : wenn sie dieselbe recht ge - kannt hatten , so würden sie den Dienern des Altars nimmermehr die« se« schwere Joch . ausgeleget haben ; ein jeder unter ihnen hätte zu den andern sagen können , wir halten uns bey der Schale auf , der äußerlich« Schein blendet uns :
Maxima pars vatuin , pater et iuuenes patre digni ,
Decipimur fpecie re<äi . Horat . de Arte Poetica , v . 34 .
Wenn sie die Folgen dieses Gesetzes voraus gesehen hätten , so würden , sie ihre schönen Begriffe vermuthlich für einen Fallstrick de« Versuchers gehalten haben .
Man merke , daß Florimond von Remond versichert , es hätte Farel schon eine Ehftau gehabt , als er sich so alt verheirarhet . Hier sind seine Worte : Nachdem er ( Farel ) den Play verlassen hatte , um sich als Prediger nach Neufchatel zu begeben , wo er in einem ganz ent# krästeren Alter von siebenzig Jahren , bey Gtein - und Gichcschmer« zen ( dem gewöhnlichen Erbrheile des Alters , ) sich wieder mit der Tochter seiner Rammerstau verheirathet , in einer hitzigen Brunst , nach Art der alten - Hirsche und mit Geringschätzung sei - ner Jugendhiye , die in ihren Armen viel öfters faul und un« nünlich , als bey seinen Büchern , seyn müssen . Flor^de Remond . Hilf , de l'Herefie , Livr . II , chap . XVIII , pag . m . 929 .
CK ) £Ec ist damals noch nicht so alt gewesen , als man vo«t giebt . 3 Beza versichert , daß Farel , ungeachtet seines hohen Alter« über achtzig Jahr , im »565 Jahre nach Metz gegangen . Beza , Hift . EccI . Lib . XVI , p . 456 . Er hat Farels Alter in dem Buche , de Iconibus , besser bemerket , wo er ihm nur 76 Jahre giebt . Ancillon hätte dieses Ver« sehen des Beza nicht abschreibet , sollen , weil er Farels Geburt ins >48» Jahr gesetzt hatte , in dessen Leben auf der 1 S . Man sehe , wie die Schriftsteller an einem Orre desselben Buchs vergessen , was sie an ei - nem andern Orte gesaget haben . Gott , saget er auf der 263 S . har den Farel , da er über Jahre alt war , ins - Her ; gegeben , ein» Reife nach Metz ; u thun : - - * Kr ist daselbst den l - Ma ? 156 * angekommen .
( L ) LLr hak nicht unterlassen , sich für einen Schriftsteller auf» znrverftn . ] Er hat einen lateinischen Bericht von einer Disputation herausgegeben , die er 153 . 8 in Bernvertheidiget . Melch . Ad . vit . Theol . ext . pag . »6 . Ancillon redet nicht davon , sondern nur von dev Summa und der kurzen Erklärung , die allen Chrisken nothiz ist , im Jahre , und von dem Buche , vom Nachtmahle und sei« nem Testamente 155z gedruckt , und von einem andern Buche , das Schwerdt des Geistes betitelt , zu Genf 1550 gedruckt , und zur Be« sireitung der Freygeister bestimmt . Ancillon im Farels Leben 444 , 212 Erasmus gedenket etlicher Schriften Farels , wo er sich nicht genennt : Hier sind seine Ausdrückungen . Oim Phallico fuit mihi congrefli - uncula perbreuis . Eins hiftoriam feribit cuidara Conßantienß , Ex . emplum dam ad me perlatum eft . Nihil vidi vanitis , nihil glorio - iius , nihil virulentius . Sunt ibi interdum decem verftis , in quibui ne fyllaba quidem vera eft . Idem edidit libellum de Parijienßbus . et Pontifice . Quantum illic inficetiarum , quantum ineptae viralen« tiae , quam multi noininatim traduöi ? et tarnen ipfe folus non ap - ponit nomen fuum . Idem vt audio auxit ftolidum Alberi iudicium , quod nondum videre lieuit . Vifi funt Conßantiae et alii duo Ii» belli , quos in me feripfit . Et profitetur nournn dogma , fic tradu - cendos qui obfiftunt Euangelio , inter quos me numerat , et Balaam paflim appellat . Erafmus , Epift . CXIII , Libr . XIX , pag , 951 . Sie ist den 6 des Wintermonats 1524 unterschrieben .
CM ) Bey Bemerkung der Irrchümer des LNoreri wollen wie die Unrichtigkeiten einiger anvererSchriftsteller zeigen . ] I . Mo» reri saget , es habe die Regerey durch Lareln auch den größten Fortgang im Delphinate gemacht . Er bekriegt sich ; den» Farels ganzer Antheil bey der Bekehrung dieser Provinz ist in diesen Worten Theodors Beza im V B . seiner Kirchenhistorie auf der 8 ? - - , «9' S . enthalten . Bey diesen Zwischenfällen ereignete es sick , daß XViU Helm Farel , da er von seiner Rirche zu Neufchatel in der Schweix nach Gap , seiner Geburtsstadt , gieng , und vurch Grenobel , ge« reiset , daselhst eine lebhafte und feurige Ermahnung gehalten ; wie er denn ein so eifriger Mann für Gott gewesen , als es ir - gend einen zu unserer Zeit gegeben hat ; unv va er sie geneigt ge« funden , guts zu thun , daselbst den AynarV pichon zum Prediger Hinterlassen , um ihnen einen N7urh zu machen . II . Farel istfrey - lich nach seiner Abreise von Genf Prediger zu Neufchatel gewesen ; al« lein ehe er Prediger zu Genf geworden , war er es bereits zu tel gewesen , und folglich ist Moreri der Zeitrechnung nicht gefolgt . III . Er fällt in einen gleichen Jrrthum , wenn er saget , daß dieser Pre« diger , nachdem ihm von den Genfern ein wenig hart begegnet worden , seit dem zu tNe« , zu Mümpelgard , zu Lausanne und ander , warrs gelehrt . 'Nach seiner Verbannung von Gens hat er nirgend , als zu Neufchatel und zu Metz gelehn . Seine ersten KriegSverrich«
tungen

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