Creator:
Bayle, Pierre Gottsched, Johann Christoph La Croze, Maturin Veyssiere
PURL:
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„ in ihrer Aufführung viele Dinge waren , die nach der Scharfe der Ge - „ setze hatten können untersuchet werden . Es ist leicht zu sehen , daß die „ Herzoginn von EstampeS in diesem Puncte glücklicher gewesen , als die „ ganze Welt und sie selbst geglaubet hat ; weil es keinen einigen Hof - „ mann gegeben , der nicht auf ihren Untergang gewettet hatte . Si« „ hat sich auf eines von ihren Landhausern begeben , das sie gekauft hat - „ te , und daselbst die Abwesenheit und den Haß des Herzogs von Estam - „ pes , ihres Gemahls , um so viel leichter erduldet , da sie niemals viel Hoch - „ achcung gegen ihn gehabt . Die besonder» Relationen entdecken die „ Ursache davon nicht ; wenn eS aber erlaubt ist , dieselbe aus den straturen diese« Herzogs gegen sie zu errathen , die sich unter den Ma - „ nuseripten des Lomenie befinden : so könnte man urtheilen , daß er we - „ nig Witz gehabt haben , oder sehr unempfindlich gewesen seyn müsse , „ ( diese Worte sollen in der Anmerkung ( K ) untersucht werden , ) weil „ er zu seiner eigenen Schande etwas beygetragen , indem er seine Gemah - „ linn mit eben so vieler Sorgfalt verschrieen , als Personen von seinem „ Stande , wenn sie klug sind , anwenden , ihren guten Namen zu erhalten „ und ju vermehren . „
( H ) Man sager : Saß sie daselbst nach den Meinungen der Reformieren geleber hat . ] Wir haben gesehen , was Mezerai von dieser Sache gesaget hat : Er ist dabey nicht so weitläuftig gewesen , als Varillas , welcher die Bewegungsursachen derselben aufsuchet , und dene Umstände davon erzählet . „ Die Gerichte Gottes . saget er auf der „ 34 S am angezogenen Orte , sind entsetzlich über die GewohnheitS - „ sünden , und vornehmlich über diejenigen , welche derReinigkeir zuwider „ sind . Die Herzoginn von EstampeS hat 21 Jahre in einer öffentli - „ chen Unordnung gdebet , und es hat ihr unter allen Secten keine ge - „ schickter zu seyn geschienen , die Bi»e ihres Gewissens zu ersticken , als „ die calvinische ; weil sie einestheils die Notwendigkeit der Beich - „ te aufhebt , und anderntheils lehret , daß alle Menschen auf eine „ gleiche Arr Gottes Feinde , und mir durch eine zugerechnete Gerech - „ tigkeit voneinander unterschieden sind . ES ist nichts geschickter gewe> „ sen , als diese zween Grundsätze , die Herzoginn von EstampeS in ihrem „ Verbrechen zn unterhalten , und sie hat sich davon so stark überredet , daß „ sie nicht allein eine Calvinistinn geworden ; sondern auch , so viel als sie „ gekonnt , und ohne sich allzusehr bloß zu geben , diejenigen beschützt hat , „ die man wegen der neuen Ketzerey gefangen gesetzt , und unwiederruf - „ lich zum Feuer verdammt harte . Sie hat hierzu aller ihrer Reizungen „ und aller ihrer Kunstgriffe nöchig gehabt ; denn obgleich die Liebe , wel - „ che FranciscuS der I auf sie geworfen , da er sie zum erstenmale am „ Berge Marfan gesehen , wohin sie die Herzoginn von Angouleme , sei - „ ne Mutter , als Staatsfräulein begleitet hatte , sich nicht gemindert ; „ so ist eS doch wahrscheinlich , daß , wenn er erfahren hätte , daß sie eine „ Calvinistinn geworden , er sie eben so wenig geschonet haben würde , „ als er seinem Kammerdiener , Mitron , wegen eben dieser Ursache übel „ begegnet , und ihn dermaßen gescholten hat , das ; er den Verstand darü - „ ber verlohren , und sich , bey Verladung des Louvres , in den ersten „ Brunnen gestürzet , den er angetroffen . Allein , nach dem Tode FranciscuS „ des I , hat sich die Herzoginn von EstampeS zu einer so tiefen keilung nicht verbunden geglaubet , als sie bis hieher beobachtet hatte . „ Sie hat in ihrem Landhause als eine Calvinisiinn gelebet , und ihre „ ganze Behutsamkeit hat darinnen bestanden , daß sie keinen reformirten „ Prediger unterhalten . Sie ist nicht in die Messe gegangen , als nur „ an großen Feyertagen , und sie hat sich nicht begnüger , diejenigen von „ ihren Hausgenossen zu verkehren , welche die Schwachheit hatten , ihr „ zu Gefallen die Religion zu verändern , und die andern wegzujagen ; „ sondern sie hat auch über dieses von dm Einkünften der großen Güter , „ die sie , unter währender Gnade erworben hatte . nicht mehr verthan , „ als was sie zur Erhaltung ihrer Familie nöthig hatte , und das übrige „ an einen Ort geleget , welches man damals der Perrette Sparbüchse „ genennet ; das heißt , in die Hände derer , die es unter die armen Cal - „ vinisten auStheilten , oder die sie zur Verführung der annen Hand - „ werks - oder Landleute gebrauchte , die sich kein Gewissen machten , der „ alten Religion gute Nacht zu geben ; weil man sie , bey Gebung des „ Geldes versichert , daß ihnen in Zukunft nichts mangeln sollte , wenn „ sie die neue Religion annähmen , und dabey behalten . „
Betrachtungen über die Erzählung des Varillas , wegen der calvinischen Religion der Herzogin» von Estampes .
Ich mache zwo Betrachtungen über diese Erzählung : Die I ist meine Verwunderung über das Stillschweigen des Theodor Beza . Wenn es wahr ist , daß die Herzoginn von Estampe« so ungemein mildlhätig gegen die Reformirten gewesen ist , und daß sie so viel zu dem Wachs - thume der Anzahl von den Reformirren beygetragen , fo hat er es un< fehlbar gewußt . Woher kömmt es denn , daß seine Kirchenhistorie , worinnen man doch so viel Dinge , von weit geringerer Wichtigkeit , det , nichts von dieser Dame enthält ? Ich gebe zn . daß er sich auS StaatSursachen verstellt hätte , um sie nicht mir der Köniqinn von Na - varra zn vereinigen , wie Maimbourg in dem I B . des Calvinismus , auf der 22 Seite , bey mir gethan hat , um FranciscuS den l zu überre - den . die reformirten Prediger zu hören . Ich gebe es zu , er habe geglau - bet , daß man der GlaiibenSverbesserung eine Schande anthäte , wenn man bekennte , daß diese Dame , die sich wirklich in einem öffentlichen Ehbruche gewälzet , der neuen Religion günstig gewesen ; allein ich fta - ge , warum er eben dieselbe Behutsamkeit haben sollen , da die Frage von den guten Diensten ist , die sie der Sache in währender ihrer Ein - samkeit geleistet hat ? War eS der reformirten Kirche schimpflich , daß sich eine solche Frau zu derselben bekannt ; eine Frau , sage ich , welche auf eine lasterhafte Art ihre Jungferschaft verlohren hatte , die nach diesem ihrem Ehmanne , ihrem Buhler ( ♦ ) , ihrem Könige , ihrem Va - terlande ungetren geworden war ; die sich ihrer Gnade gemisbrauchet , tausend Ungerechrigkeiten auszuüben ; welcher endlich ganz Frankreich das Unglück so vieler an den Bettelstab gebrachten Familien , und so vieler geschändeten Frauen , die Schande eines nachtheiligen Frieden - fchlusses . und den Verlust einer höchstvorrheilhaften Gelegenheit , Carls des V KrieaSheer zu Grunde zu richten , und sich an diesem Todfeinde des französischen Namen« , wegen aller erlittenen Beschimpfungen , zu rächen , beymessen können ? Allein , außer daß Theodor Beza nichts von den abscheulichen Verstandnissen dieser Herzogin« mit Carln dem V , und von der schändlichen und widerrechtlichen Undankbarkeit wissen
konnte , wodurch sie sich wider den König versündiget , der sie so zärtlich geliebet ; wollen wir denn , daß dieser Prediger zärtlicher gewesen seyn soll , als die heil . Schrift ? Haben denn die Evangelisten Schwierig - keit gemacht , bekannt zu machen , daß Magdalena Jesu Christo gefolget ist 1 Haben nicht die Apostel die Hure Rahab l Hebr . XI , 51 . ) in die Menge der allerberühmtesten Zeugen gefetzt , welche uns das alte Testa - ment zur Stütze unferö GlaiibenS darbiethen kann ? WaS für ein Uebel konnte den reformirten Kirchen das Bekennrniß ihres Gefchicht - schreibers bringen , daß eine Beyschläferinn des großen Königes . ciscuS des I , nachdem sie die Eitelkeiten des Hofes fahren lassen , und den päbstlichen Aberglauben erkannt , der Wahrheit die Ehre gegeben hält» , um ihre vergangene Fehler zu versöhnen ? Ich schließe hieraus , daß , da Theodor Beza und seines gleichen nicht von einer Sache geredet , die ihivn nicht unbekannt seyn können , und die sie zu unterdrucken , keinen tüchtigen Grund gehabt , man noch so lange anstehen müsse , dieselbe zu glauben , bis man starke Beweise deswegen anführet . Ich weis , daß der neuere Verfasser der Historie des Edicts von Nantes , im I Bande IB . auf der 8 und 9 S . versichert , daß diese Herzoginn den Luthe - ranern öffentlich Vorschub gerhan , und nach Oes Röniges de sehr eingebogen , in allen Uebunqen der protestantischen Re - ligion gelebt , und diejenigen nach ihrem Vermögen beschulet hat , die sich dazu bekannt haben : Wie ich mich aber versichert ha ! - te , daß er dieses bloß auf des Mezerai Wort saget : so ändere ich meine Meynung darum noch nicht .
( * ) ES ist sehr wahrscheinlich , daß der Graf von Bossu bey ihr schlafen . Man erwäge die oben angeführten Ausdrücke des Mezerai wohl . Man sehe auch die Anmerkung ( I ) , und ziehe des Brantome Le - den , Heinrichs des II , aus der 6 S . zu Rothe .
Meine II Betrachtung betrifft die Religionsstreitigkeiten , welche Va - rillas zu berühren , sich auf eine solche Art eingelassen hat , die vollkom - men geschickt ist , ihm lausend Unfreundlichkeiten von einem gallsüchligen Gottesgelehrten zuzuziehen . Ich glaube nicht , daß eine einzige christli - che Secte Lehren hat , welche einer im beständigen Ehbruche , vor aller Welt Augen und Ohren , ersoffenen Frauen Vorschub thun : Allein , un - ter allen abendlandischen Secten hat keine weniger nach dem Geschma - cke der Beyschläferinn FranciscuS des I seyn können , als die so te calvinische ; denn sie führet den heftigsten Krieg , nicht allein widec den Ehbruch und die Buhlerey , sondern auch wider die Eitelkeiten deS Hofes , das Tanzen , das Spielen , die fteyen Gespräche u . s . w . Man urrheile , ob dieses Evangelium unsere Herzogin» von EstampeS sehr reizen können . Die zween von dem Geschichtschreiber angeführt ? Gründe sind sehr schlecht ; denn das Glaubeusbekenntniß ist nicht das einzige Mittel , das Gewissen aufzuweckeii , und eS weit darinnen zu bringen . Die Seneschallinn der Normandie ist nicht besser gewesen , als die Herzoginn von EstampeS , ob uns gleich Varillas , auf der z6 S . des angezogenen Ortes , versichert , daß sie einen entsetzliche» Abscheu vor den Unkatholischen gehabt . Noch mehr : dieser Schriftsteller bekennet , es habe diese Herzoginn bey Lebzeiten FranciscuS des I , ihre Meynuu - gen an den Tag zu legen , sich nicht erkühnet ; also muß sie sich der Härte der römischen Kirchenzucht , den Fasten , der Beichte , u . s . w . terworfen haben ; was würde sie denn gewonnen haben , wenn sie dem Lehrgebäude Calvins in geheim gefolget wäre ? Wen» sie etwas be« queme« dabey geftrnden hatte , so wäre es ihr doch nicht erlaubt gewe - sen , sich desselben zu bedienen : also ist die Reizung gehoben gewesen , und die Lockspeise hat ihre Stärke verlohren . Man setze darzu , daß si» der calvinischen Religion innerlich nicht anhängen können , ohne zu ben . daß sie durch Beywohnung der Messe das allergrößte Verbrechen begienge : und folglich ist nichts geschickter gewesen , ihr Gewissen zu peini - gen , als wenn sie der Lehre der Glaubensverbesserer an einem Hofe ae - folger wäre , wo sie ordentlich die katholischen Uebungen mitmachen mus - sen . Denn was die Lehre von der zugerechneten Gerechtigkeit betrifft , so redet VariUa« davon , wie der Blinde von den Farben ; denn alle Pro - testanren bekennen , daß diese Gerechtigkeit , ohne die Buße , nichts hilft : also ist es nicht wahr , daß sie das einzige ist , welches die Frommen von den Gottlosen unterscheidet .
Seit der ersten Ausgabe diese« Wörterbuchs habe ich entdeckt , daß Florimond von Remond etwas von dem vorgegebenen Luther» thume der Herzogin» von EstampeS gesaget hat . Er setzet sie in die Zahl der Damen , welche die Lutheraner an ihrem Seile ange - führet , und welchen sie Zugang bey der Königinn von Navarra , der Schwester FranciscuS des I , geschafft hat . Er setzet in eben dieselbe Classe die Frauen vonCani , die von peisseleu , die Schwester dieser - Herxoginn , . und versichert , daß diese leyrern noch einige an * dere gewonnen hatten . Die Eroberung dieser einfältigen See - ten , fetzet er darzu , und dieses schwachen Geschlechtes ist sehr leicht gewesen ; denn die Scharfe der Gesetze und Regeln der Rirche , und vornehmlich der Arvang der Beichte ist vielen unter ihnen unerträglich gewesen . Florimond de Remond , Hift . de la naill fance et progres de l'Heref . Livr . VII . chap . III . p . m . 847 . Allein , außer daß er nicht einen einzigen Schriftsteller anführet , so bestehr er auch so wenig auf dieser Sache , und giebt so wenige Umstände davon an , baß er mich nicht zur Veränderung der Meynnng bringt . Ich glaube , seine ganze Einsicht läuft auf ein eiteles Hörensagen hinaus , welches er sich zu Nutze machen wollen , um einen ! gesammleten Lehr - spruch anzubringen : nämlich die List der alten Schlange , welche die erste Frau verführet hat . Dieser Geschichtschreiber hat hierüber , ich weis nicht , wie viel , Sittenlehren und Zeugnisse zusammen geraffet . Dieser Plunder ist erbarmenswürdig : er hat den Fehler , daß er verdreht , verde» kann ; es ist keine einzige Secte , die sich desselben nicht bedienen könnte . Siehe die allgemeine Critik ber Historie de« Calvinismus , im , z Absätze , de« iz Briefes , z Alisgabe . Siehe auch die Anmerkung ( II ) , des Artikels Gregorius des I .
( . 1 ) Der - Herzog von Estampes hatte gerichtliche chungen wider sie anstellen lasten . ^ Wir werden den Varillas noch einmal auf dem fahlen Pferde finden : Sie hat in so übelm ständnisse mir dem - Herzoge von Estampe« , ihrem Gemahle , ge , lebet , saget er im XI B der Historie FranciscuS des I . auf der 9 * S . daß er einen gerichtlichen Aufsatz von ihrer Aufführung , seit ihrer - Heirarh , mache» ! lasten : »velches man keiner andern Sache , als der Eifersucht beymessen kann , d , e ihn genothiget , so schimpfli , che Entschließungen ? u fasten ; um sich an seiner Gcmahlinn ; u rächen , wenn sie den Schuy de« Roniges verlohren haben
würde .

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