Creator:
Bayle, Pierre Gottsched, Johann Christoph La Croze, Maturin Veyssiere
PURL:
https://dibiki.ub.uni-kiel.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:8:2-8303

und zwischen dem Tode des Aesopus , und der Geburt des Sokrates . gefähr hundert Jahre verflossen . Man nrtheile , ob man hat sagen können , daß diese Fabeln kaum das Licht gesehen , als es Sokrates für gut befunden , sie in Verse zu bringen , l I . La Fontaine Hot den Zu - sammenhang seiner Erzählung so geführt , daß man darinnen nicht sehen kann , ob Sokrates die Fabeln des Aesopus , an dem Tage seines Tode - selbst , oder einige Tage zuvor übersehet hat ; und man findet darinnen das erste viel wahrscheinlicher , als das letzte . Nichts destoweniger ist das erster ? falsch . III . Der Verfasser giebt vor , daß der Traum seit der Verdammung des Sokrates wieder gekommen wäre ; gleichwohl sa - get dieses Sokrates nicht zum Cebes . IV . Der Verfasser setzet vor , aus , daß Sokrates im Traume ermahnet worden , sich auf die Musik zu legeil , und daß er . wegen der Unnützlichkeit der Musik , in Absicht auf die Sitten , über den Situ , 'eines solchen Traums bekümmert gewesen . Allein es ist aus der Erzählung des Plato augenscheinlich , daß sich So - krares niemals eingebildet , als wenn der Traumgott von ihm verlangt hätte , daß er singen und auf Instrumenten spielen lernen sollte . Dieser Philosoph hat beständig voraus gesetzet , daß ihn seine Traume , nach dem buchstäblichen Verstände , zur Dichtkunst ermahnten .
( E ) üßdiöcm die von Delphis den Aesopus hinrichten laß fcii . ] Diese Historie sieht man in dem Plutarch , de fem Numims vindi & a , pag . 556 . 557 . Er erzählet , daß Aesopus , mit vielem Golde und Silber beladen , nach Delphis gekommen , und Befehl vom Cröiu« gehabt , dem Apollo ein großes Opfer zu bringen , und jedem Einwohner eine ansehnliche Summe zu geben . Der Streit , der zwischen ihm und denen von Delphis entstund , ist Ursache gewesen , daß er dem Crösuö , nach verrichtetem Opfer , das von ihm erhaltene Geld , wieder zurück ge - schickt : nach seinem Urrheile hatten sich diejenigen , für welche es dieser Prinz bestimmt hatte , desselben unwürdig gemacht . Die Einwohner zu Delphis , haben eine falsche Anklage wider ihn geschmiedet , und ihn , unter vorgegebener Ueberzeugung , von einem Felsen gestürzet . Der über diese That erzürnte Gott strafte sie mit Pest und Hunger ; so daß sie zur Abwendung dieser Drangsale in allen Versammlungen Griechen , laudes kund machen lassen , daß sie , wenn jemand zur Ehre des AesopuS die Rache seines Todes suchen wollte , Genugthuuug zu geben , bereit wa - ren . Zur Zeit der Enkel hat sich ein Mensch von Samos gezeigt , der keine andre Verwandtschast mit dem Aesopus hatte , als daß er von sonen entsprossen war , die diesen Fabulisten zu Samos gekaust hatten . Er hat nach dem Plutarch , Jdmon geheißen , und Jadmon , nach dem ' Herodot , in des II V . CXXXIV Cap . welcher saget , daß er ein Sohn von dem Sohne des Jadmon gewesen , bey welchem AesopuS , zu glei - cher Zeit mit der Hure Rhodope , gedient harte . Die Delphier haben diesem Menschen eine Genüge gethan , und sich dadurch von den Krankheiten , und dem Mangel der Lebensmittel befreyt , die sie quälten , k * t«t« rtvif oixee ; Sivric 0 ! aeacpo ) räv xxkuv cciry'k & yitftru . Huic pro deli ( F ) XVenn Aesopus als ein - Hofmann geredet , so hat Solon «ls «in wahrer Philosoph geredet . ^ Solon hat bey dem Cro>u6 von seinen strengen Grundsätzen nichts nachgelassen ; er hat mit ihm von der Eitelkeit der menschlichen Hoheiten , aus eben demselben Tone ge - sprechen , als wenn er einen armen Kranken zu trösten hätte ; und nicht die geringste Gefälligkeit gegen das Vorurtheil dieses Monarchen ge - habt , der von dem Gedanken eingenommen war , daß die Schatze eine Quelle der Glückseligkeit wären . Dieß hat dem Crösus sehr misfallen , so daß er den Solon , ohne Bezeigung der geringsten Hochachtung , zu - rück geschickt . Aesopus , der von diesem Prinzen verlangt worden war , ward an diesem Hofe sehr geehrt : er war verdrießlich darüber , daß So - lon in Ungnade kam , und sagte , als ein Freund zu ihm : Siehst du wohl , mein lieber Solon , entweder muß man sich den Römgen nicht nähern , oder man muß sich von Dingen mit ihnen bf , sprechen , die ihnen hockst angenehm sind . So muß es nicht feyn ; versetzte Solon , man muß ihnen entweder gar nichts , oder lauter gute Dinge sagen , d st loyo - raiot jüunmt ( Myx• * » * r * ? ««
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fcc ixifcc $ sfirx . Erat eadem tempeftate Sardibus fabula - rum feriptor Aefopus , quem Croefus accitum in honore habebat . Hic vicem Solonis doluit illiberaliter dimifli , monensque eum , cum regibus Solon ( infit ) eft , aut nequaquain , aut quam iueundiffime agendum . Cui Solon , Minime , inquit , imo nequaquam aut quam optimc . Plutarch . in Solone , pag . 94 . Man kann nicht leugnen , daß diese Erinnerung de« Aesopus nicht einem Hofmanne ähnlich sieht : allein Solons Antwort ist die wahrhafte Lehre derGottesgelahrten , welche dl« Aufsicht über die Gewissen der Prinzen haben .
( G ) Aesopus hat sich wider die Fehler der Menschen , der allervernünftigsten und scharfsinnigsten Lehren bedient , die man nur erdenken kann . ) Kann man wohl glücklichere Erfindun - qen , als die Bilder , sehen , deren sich Aesopus zur Unterweisung deö menschliche« Geschlechtes bedient hat ? Sie sind sehr dienlich für die Kinder , und sind doch auch den alten Leuten nützlich : sie haben alle« dasjenige , was zur Vollkommenheit eines Geborhes nöthig ist , ich will sagen , die Vermischung von dem Nützlichen und Angenehmen .
Ornne tulit pitnöum , qui mifeuit vtile dulei ,
Leöorem delcdlando pariterque monendo .
Horat . de Arte Poütica , v . 34J .
Ilulus Gellius drücket dieses in des II B . XXIX Cap . seiner attische» Nackte sehr wohl aus . Aesopus ille e Phrygia fabulator haud imme - rito fapiens exiftimatus eft ; quum quae vtilia monitu fuafuauc erant , non feuere , non impenofe praeeepit et cenfuit . vt philofophis mos eft ; fed feftiuos deleäabjlesque apologos commentus , res falu - briter ac profpicienter animaduerfas , in mentes animosque homi - num , cum audfendi quadam Ulecebra induit Man hat sie zu allen Zeiten den Mährcken der quren Ammen folgen lassen . Aefopi las , quae fabuS Sicularum proxime puro et nihil fe fupra modum extollente , B
tem ftylo exigere condifeant . Quintil . InftU - Ub - 1 , «K . MJÖ sie sind niemals in Verachtung gefallen . Unsre Zelt , so zärtlich und aus II Sand .
Esopus . 433
geblasen sie auch ist , schätzet sie so hoch , und bewundert sie , und giebt ih - nen hunderterley Formen . Der unnachahmliche la Fontaine , hat ihnen in unsern Tagen eine große Ehre . und einen großen Glanz verschaffet . Man redet mit großem Lobe voll der Arbeit eines aufgeweckten Kopfes in England , über eben diese Fabeln . Er heißt Lestrange . oder L'Estran - ge . Man sehe dasjenige , was Beauvall in seinem Tagebuche vom Christ - monate >69 - davon saget . *
* Daß auch bey unsern Deutschen Aesopus sehr beliebt sey kann man aus so vielen Uebersetzuugen und Nachahmungen dersel , ' ben schließen . Gleich nach Erfindung der Buchdruckerey . im 1487 Jahre , hat man sie zu Augspurg , unter dem Titel . Esopus , der hochberuhmte Fabeldichter , nebst etlichen Zusätzen . in 4 mir ren gedruckt . Zu Frankfurt am Mayn . hat Durchard Waldis , sie 1565 in Ver , en ans Licht gestellt . U»d zu Rostock sind sie gleich , falls von D . M . Luchem und Mathesio verdeutscht . 157' in 8 , mit D . Luthers nachdrucklicher Vorrede und Anpreisung , herauSgekom - men ; andrer neuerer Ausgaben zu geschweige« . An Nachahmun - gen hat es uns auch mcht gefehlt . Denn so wie die Franzosen den la Mothe , und de» zaerne auszuweilen haben , die nach Art de« Aesopus . und seines freyen Uebersetzers , la Fontaine , ganz neue Fa - beln gedichtet haben ; die HerrBayle wohl hätte anführen möaen - so haben auch wir des Herrn D . Trillers , und Herrn Stovven« neue Fabeln aufzuweisen , auf die wir als deutsche Originale stol» thun können . UebrigenS besitzen wir auch von des la Motte nen eine Übersetzung , und von dem Herrn von Hagedorn , als un - serm la Fontaine , eine Sammlung , die aus verschiedenen Sprachen und Schriftstellern entlehnet ist , und größten theils verbessert wor - den , indem sie in eitler weit edelern Schreibart und schönern Versen erschienen , als alle seine Vorgänger gebraucht haben . ( S .
( H ) Seine Lehrfabeln sind viel nünlicher , als alle die Fabeln des Altertbums . ] Plato hat dieses Urtheil davon gefällt : denn nachdem - Homer von seiner Republik verbannet worden , so hat er dem Aesopus eine sehr ansehnliche Stelle gegeben . Er rvün , scher , daß die Rinder diese Fabeln mir der Milch einsauaen möchten : er empfiehlt Ven Ammen , sie dieselben ; u lehren in , dem > man sich nicht zeitig genug ; ur Tugend und Lvrisheir ae , wohnen könne . Diese Worte habe ich aus der Vorrede des la Kon« taine entlehnt : er hatGrund , also zu reden ; denn obgleichPläto keinen einzigen Fabel , chre . ber genennet hat , dessen Erfindungen er die Kinder gelehret haben will ; so «st es doch genug , wenn er saget , daß man einiae Fabeln verwerfen , und einige behalten müsse , und daß er diejenigen un - ter dx verwerflichen Fabeln zahlet , welche die Götter als Urheber vieler lchandlichen Thaten vorstellen . Dergleichen sind , setzet er darzu . die $ ? a . beln Homers , und die Fabeln des Hcsiodus . Hieraus kann man fol - gern , daß er die Fabeln desAesopu« unter diejenigen gesekt , die man be . halten sollen : nun sehe man , wie er diese Arr anpreist : " de Republica Libr . II . pag . rn . 604 . B . T«< St iyK ? ähTa< ; G - Ittfac ) rij Tfo -
mus ( fabulas ) per nutrices et matres pueris narrandas curabimus , vt ipforum animi fabulis multo magis informentur , quam Corpora manibus . Apollouius von Tyana hat sich viel deutlicher , als Plato we - gen des Vorzugs der Fabeln des Aesopus , erklärt . Sie sind viel ae , schickter , saget er , ( Philostratus im Leben des Apollonius , V Buche V Cap . ) als die andern Fabeln , uns Weisheit einzuflößen ; denn der Poe . . r - n'hre verderben nur der Zuhörer Ohr : sie stellen die schändlichen Lie - beshandel der Götter , ihre Blutschanden , ihre Zänkereyen , und hun . dert andere Laster vor : sie zeigen uns Väter , die ihre Kinder fressen . Diejenigen , welche von dergleichen Dingen reden hören , welche die Poeten , als wahre Geschichte vorgebracht , lehren das Frauenvolk , den Reichthum , die Herrschsucht lieben ; und glauben , daß sie nicht sündigen , wenn sie ih - ren allerunordentlichsten Begierden eine Genüge thun , weil sie den Göt - lern lediglich nachahmen . Aesopus , hat nicht nur die Fabeln von die - ser Art zum besten der Weisheit verworfen , sondern er hat auch eine neue Art erfunden .
Q>b die Alten der L . ehrfabel einen gottlichen Ursprung gegeben 1
Apollonius fährt mit seiner Vergleichnng fort , und zeiget durch viel - andre Gründe , wie weit des Aesopus Fabeln der Poeten ihre übertref . ftn , worauf er ein Mahrchen vorbringt , das er in seiner Kindheit von seiner Mutter gelernt : Daß nämlich Aesopus . da er ein Schäfer q " wesen , und seine Heerde bey einem Tempel Mcrcurs gnveidet , diesen Gott oft und mit den feurigsten Wünschen , um die Erlangung der Weisheit gebethen . Er hatte eiile große Anzahl Mitwerber . Was ist darauf erfolget ? sie sind alle mit wohl gefüllten Händen in den Tempel Mercurs gegangen : jeder hat seine reichen Gaben dargebracht . Der ar - me Aesopus ist der einzige gewesen , der nichts kostbares gebracht ; er hat nur ein wenig Milch und Honig , und etliche Blumen , dargebothen , die nicht einmal zusammen gebunden gewesen . Er hatte sich nicht die Mühe genommen , einen Strauß daraus zu binden : wäre es wohl billig , sagte er zum Mereur , daß ich in währender Zeit meine Heerde versäumte , da ich mich aufs Straußerbinden legte ? Philostratus , im Leben des Apollo - nius , im V B . V Cap . Mereur hat bey Austheilung der Weisheit auf den Werth der Opfer gesehen ; er hat nach diesem Verhältnisse , ei - nem die Philosophie , einem die Redekunst , einem andern die Ästrono - mie , einem andern die Dichtkunst gegeben . Er hat nicht eher als nach vollbrachter Austheilung an den Aesopus gedacht , und sich zugleich einer Fabel erinnert , die ihm die Stunden erzählt hatten , da er noch in deln gelegen ; also hat er dem Aesopus die Gabe Lehrsabeln ju erfinden , mitgcthe . lt , welche ' " dem Vorrathshause der Weisheit noch allein übrig war . Ein hitziger Kunstr . chter , der sich auf diese Erzählung des Phi - lostratus gründete , wurde dem la Fontaine bey Gelegenheit des folgen - den einen ^ roceß machen . Jch weis nicht , warum die Alten eben diese Fabeln nicht vom - Himmel kommen lassen , und ibnen kei , nen Gott angewiesen , der die Aufsicht darüber bätre , wie über die Poesie und Beredsamkeit . Fontaine in der Vorrede der auser - lesenen Fabeln . Man hätte sich dieser Stelle des Philostratus erinnern , und gleichwohl so reden können , wie la Fontaine gethan hat ; denn e« ist in dem guten Alterthume keine wohlgegründete Tradition von dem 2 i i chimmli -

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