Creator:
Bayle, Pierre Gottsched, Johann Christoph La Croze, Maturin Veyssiere
PURL:
https://dibiki.ub.uni-kiel.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:8:2-8292

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Sie ist , fährt er fort , auf dasjenige , was zwischen dem Xan - tus und Aesopus vorgeht , zum Theil gegründet : man findet darinnen allzuviel Narrenpossen . Er antwortet , daß dergleichen Dinge allen weisen Leuten begegneten . Allein wenn ihm diese Antwort sehr gegründet zu seyn geschienen ; warum hat er dasjenige denn von dem Werke des Planudes ausgelassen , was ihm allzukindisch vor - gekommen , oder roas gereifter maßen von Sem Wohlstände ab , gegangen ist 1 Solchergestalt billiget Fontaine eine Beurtheilung von seinen Handlungen , die er durch seine Worte bestritten hatte . Dieß ist nicht die einzige Sache , die man an ihm tadeln kann ; denn mm , kann ihm noch beweisen , daß die historischen Unwahrheiten , der König von Babylon , Lyceru« , der mit dem Könige von Aegypten , Necrenabo , zu gleicher Zeit gelebt , und dergleichen Unwissenheiten , die Hauptursache sind , die das Leben des Aesopus verwerflich machen . Fontaine hat die - seS nicht ausgelassen , und zwar darum , weil planudes , saget er , zu ei» ner Feit gelebt , wo das Andenken der Dinge , die dem Aesopus begegnet , noch nicht gänzlich erloschen seyn konnte ; so habe ich geglauber , daß er das>cnige durch die Tradition erfahren hatte , was er hinterlassen bat . Wenn Planudes z»veyhunderr Jahre nach dem Aesopus gelebt hätte , so wäre seine durch die gemeine Sage er - haltene Wissenschaft schon sehr ungewiß gewesen . Ein Mensch , der wohl auf seiner Huth ist , glaubet die Erzählungen von zweyhundert Iah - reu , das Leben einer Privatperson betreffend , nicht leichtlich ; er fraget , ob die erzählten Sachen , zur Zeit ihrer Neuigkeit , aufgeschrieben worden : und wenn hierzu Nein gesagt wird , sondern daß sich dasselbige von Vater auf Sohn , durch mündliche Erzählung fortgepflanzt : so weis er wohl , daß derPyrrhonismuS diePartey der Weisheit ist . Mir noch viel stärkerm Grunde muß man die Geschichte des Planudes verwerfen , da sie bloß von der gemeinen Sage hergekommen , weil er erstlich im achtzehnten Jahr - hunderte , mehr oder weniger , nach dem Aesopus , auf die Welt gekom - men . Würde wohl Fontaine , wenn er hierauf Acht gegeben hätte , ge - saget haben , daß planudes zu einer 5eir gelebt , da das AnSenken derer dem Aesopus begegneten Dinge , noch nicht erloschen ge - wesen i ES hat jemand sehr wohl gesagt , daß bey Sachen , welche die Erzväter und Propheten betreffen , die Juden des VI Jahrhunderts nicht mehr Glauben verdienten , als die Jüden des XVII ; ich rede von den Juden , die lediglich die mündlich fortgepflanzten Sagen anführen . Wir wollen eben dasselbe vom Aesovuö sagen . Er ist den griechischen Mönchen des XIII oder XIV Jahrhunders , vermittelst der Tradition , nicht mehr bekannt gewesen , als den itzigen Mönchen .
Bald hätte ich die grobe Unwissenheit des Planudes , in der Zeitrech - nung , vergessen . Er hat nicht gewußt , daß Aesopus lange Zeit vor dem EuripideS gelebet hat : er hat den Aeftpus einqeführt , als wenn er zween oder drey Verse de« Euripides anführte , und so gar den EuripideS nennt« . Man schließe hieraus , daß alle die groben Worte , welche sopus zu der Frau seines Herrn , das erstemal , als er sie gesehen , gesagt , von des Planudes Erfindung sind ; und daß er , da er dieses erste spräch erdichtet , auch noch andre Dinge erdichten könnm . Er setzet vor - aus , daß der Philosoph Xanthus , welcher den Aesopus gekauft , von sei - ner Frau , wegen der entsetzlichen Häßlichkeit dieses Sklaven , übel enge - lassen worden ; und Aesopus habe zu dieser Frau gesagt : du hattest gerne gesehen , meine Frau , daß mein - Herr , dein «Lhmann , dir «inen recht jungen , wohlgtwachsenen und feurigen Diener ge - kauft hätte ; der dich ganz nackend im Bade besucht , und ein Spiel mir dir gespielt hätte , das der <£hre deine» »Lhgemahls nacktheilig gewesen . TO» ä»ica üitXyvyv tb ; Ei3f«rtöi»» iyü cu ro < ; 6 [ ix toixvtm
itym . Tu , o domina , velles philofophum emifle tibi feruum iuue - nem , bono habitu , vigentem , qui tc nudam in balneo fpcöaret , et tecum luderet in dedecus philofophi ; o Euripides , aureurn ego tuum inquani os , talia dicens . Planudes , in Vita Aefopi , pag . m . 25 . auf saget er die Verse des Euripides , wider das Frauenvolk her . Ist es nicht wahr , daß Planudes welcher die Last eine« gesammleten Lehrspru , cheS , der ihn im Kopf« druckte , los seyn wollen , den Aesopu« ohne Ver - stand hat reden lassen ? Ich habe in dem Menage , über den Diogenes Laerz . im I Buche Num . 72 . gelesen , daß dieser Zcitrechnungsschmher , vom Meziriac und vom P . Vavassor angemerket worden . Den letz - ten betreffend , so kann ich die Anführung des Menage bekräftigen , weil ich fein Buch , de ludicra di & ione , Hab« . Sie ist ganz richtig ; denn dieß sind die Worte des Jesuiten aus der 19 S . Quäle autem , Balza - ci , putas , quod Aefopo primum in herilem domum ingrefl'o , cumque hero , ( es sollte heißen hera , ) colloquenti , fententiolam affingit Euri - pidis aduerfus mulieres , atque ipfum etiara Euripidem appellari mine facit , qui oöoginta ( f ) minimum annis natus eft , poftquam Aefopus viuere defiit \
et ) Dieß kömmt mit den Worten des Auszug« der äsopischen Fa - beln nicht übercin , die durch den Lestranqe herausgegeben worden . Unter andern bemerket der P . Vavassor . daß man den Euripides vom Aeso - pus anführen läßt , der fast zweyhundert Jahre vor dem Euripides ae - lebt hat . Der Zeitrechnungsfehler ist «in wenig stark . Sieh« dieHisto - ri« von d«n Werken der Gelehrten , Christmonat 1692 , p . 15z .
Alltin des gelelnten Meziriacs Leben , den A»fopus betreffend , so habe ich e< unmöglich finden können : «S ist mir nur durch diese Worte Pel - lissons , in dem Verzeichnisse der Werke Meziriacs bekannt : Das wahr - hastig« S . «ben des Aesopus , französisch ; ick sage , das rvahrhaf - tige , weil das vom planudes , von dcn Gelehrten für fabelhast gekalten wird . Hiftoirc de 1' Academic Fran^oifc , p . m . 262 . Siehe die Anmerkung ( O ) .
( C ) plutarch versichert , daß Trosus den Aesopus schickt . ^ Ich halte eS für wahrscheinlich , daß AesopuS an dem Hofe des CrösuS gewesen ist , ob ich gleich in dem Sethuö CalvisiuS gelesen habe , daß er im dritten Jahre der 46 OlympiaS geblüht ; daß er im ten Jahre der 53 vlymp . gestorben ; und daß CrostiS in» andern Jahre der 54 OlympiaS den Thron bestiegen hat . CalvisiuS mag den Suida« immerhin anführen : ich traue doch dem Plutarch mehr , welcher an ver - fchiedenen Stellen beobachtet , daß Aesopus an dem Hofe des CrösuS er - schienen ist . und Reisen für diesen Prinzen qethan hat Die Scuderi im vierten Theile deö großen CyruS , hat ihn also an diesem Hofe mit
dem Solon , und verschiedenen andern großen Personen , zusammen brin - gen können ; sie hat dieftS , sage ich , thun können , ohne daß sie sich eines FreyheitSbriefe« , wegen der Zeitveränderung , bedienen dörfen ; welchen Romanschreiber eben so wohl im Besitze haben , als die Poeten . Sie hat den Aesopus seine Person sehr wohl spielen lassen ; dessen sinnreich« Fabeln , sagte sie , ein« so gründliche und ernsthafte Sittenlehre unter den einfältigen undlustigen Erfindungen verbergen . Ich fürchte sehr , daß Fontaine seine Rechnungen in einem historischen Werk« eben so wenig richtig gemacht , als die Scuderi in einem Romane . Er setzet ( in dem Leben des Aesopus , ) die Geburt des Aesopus , um die ; ? OlympiaS ; allein es findet sich , daß CrösuS sein Königreich und seine Freyheil in der ; z OlympiaS verlohren hat ; wo wollen wir also , auch nach dem Borgeben des la Fontaine , dasjenige hin thun , was zwischen dem CrösuS und dem Aesopus vorgegangen ist ? Ich habe gesagr , daß ich dä« Zeuqniß PlutarchS , de« Saidas seinem vorziehe ; und es reuet mich nicht : denn es finden sich in dem Suidas nichts , als unverträgliche Ver - wirrungen . An einer Seite saget er , daß die Einwohner zu Delphis , den Aesopus in der 54 Olympjas herunter gestürzet ; und an der andern Seite , daß AesopuS gegen die Mitte der 40 OlympiaS , zwey Bücher von feinen Abendtheuern zu Delphis geschrieben hat . Er setzet darzu , daß Aeso - puS bey dem CrösuS gelebt hat ; a , sre , ^ , zwar mit dem Vortheile , daß er an der Freundschaft dieses Prinzen Theil gehabt . Scaliger , Anirnaduerf . in Eufeb . num . 1453 . pag . 92 . 93 . giebt vor , daß die letzte von diesen zwoen Stellen , die andre widerlege : sein Gruud ist , daß ein Mensch , der die Historie von demjenigen machet , wa« ihm in Delphis begegnet ist , zu Delphis nicht hat können herunter ge - stürzt seyn . Allein dieses beweist nicht , daß sich Suidas in der ersten Stelle betrogm hätte : Aesopus könnte wohl mehr als einmal nach Del - phis gegangen seyn , und die Historie seiner Abendtheuer , hätte nur seine «rste Reise betreffen können . Den SuidaS zu widerlegen , hätte er sa» gen sollen , erstlich , daß ein Mensch von den» Stande de« AesopuS in seiner ersten Jugend , von keinem Ansehen hat seyn können , daß er also zum wenigsten dreyßig Jahre hätte alt seyn müssen , als er in der 4» OlympiaS die Historie von seiner Reise nach Delphis gemacht ; er müßte also 86 Jahre gehabt haben , da ihn die vonDelpyis in der 54 Olympia« zu Tode gestürzt . Allein es ist abgeschmackt , ihn so alt zu machen . Zum andern , wenn AesopuS so ansehnlich gewesen wäre , seine Bege» benheiren zu Delphis in der ; o Olympia« heraus zugeben , so hätte er nicht bis zu der Regierung des CrösuS leben können . Das Zeugniß de« Suidas ist also hier nichtig . Des Eusebius seine« ist viel stärker ; er setzet den Tod de« Aesopus ins vierte Jahr der 54 OlympiaS .
( D ) Sokratcs hat kein ander Mittel gefunden , dem Trauin , gotte zu gehorchen - - < - als die Fabeln des Aesopus in Verse zu bringen . ^ Diese Sache in einem richtigen Umfange zu se - hen , so muß man zum Plato Zuflucht nehmen , welcher unS sagen wird , daß Sokrates öfter« im Träume die Erinnerung empfunden , sich auf die Uebungen der Musen zu legen , mw«»>v Fac muß .
cani atque exerce . Plato , in Phaedone , p . ftn . 46 . C . E« scheint aus dem folgenden , daß hier für die Dichtkunst genommen werden muß , für diejenige Kunst , worüber die Musen die Aufsicht haben . Er hat dieses für so viele Ermahnungen gehalten , dasjenige fortzusetzen , was er that : er hat geglaubet , daß die Philosophie das große und wahrhaftiae Handwerk der Musen sey ; allein da er sich zum Tode verdammt gese - hen , so ist er auf die Gedanken gerathen , daß vielleicht die Poesie die Uebung wäre , welche ihm die Traume besohlen hatten . Also hat er , den sichersten Weg zu gehen , beschlossen , dem Befehle des Traumgotte« zu gehorchen , wenn er denselben nach dem gewöhnlichen Sinne äuSleg - te . yleg rivuq pij axitjm irgh ü$otiuaa & Mi iroivtimru m -
Soiuvev tw Iwrtrvf« . Tutiiis enim fore arbitratus fum , antequam , vita migrareni , ab hoc me officio liberare , et parentem in fomnio poemata facere . Plato , ebendaselbst . Er hat sich also aufs Versema« chen gelegt , und den Anfang mit einem Gedichte zur Ehre des Gotte« , Apollo , gemacht , dessen Fest man damals feyerte . Nachdem er hierauf in Betrachtung gezogen , daß er , wenn er ein Poet seyn wollte , Fabeln vorbringen müßte , und daß er hierzu nicht aufgelegt wäre : so hat er ei - »ige von den Lehrfabeln des Aesopus in Verse gebracht , ' die ihm am er« sten eingefallen . Plato , de Phaedone , pag . 46 . C . Sokrates hat dem Cebes an seinem Todestage diese Worte gegeben , um ihm die Ursach« der Gedichte zu zeigen , die er im Gefängnisse gemacht hatte . Cebe« hatte ihn nach der Ursache dieser neuen Aufführung geftagt . Plutarch wird un« die Mittelstraße erklären , die sich Sokrate« erdacht hat , den Character eines Dichters und eines Weltweisen zu vergleichen . Si« hat in der Wahl einer Materie von Fabeln bestanden , die sehr gründli , che Wahrheiten , und eine vortreffliche Regel der Sitten enthielt : c5S«»
£ SmKfärijc f« tiwjv roilirixiit aCrcf ph , irs äif ysyc -
m } f & atiätlxt iyttviriii to» aTtxna ßlov , «' >o ; tju ü5' evfvy ; iieuiS» afimgyot . tbc ü AieiZ * * toi ? ititi piäxt ive / xt^tv , u ( nolyatv hx itm i 4ncaot fiii ngittft . Itaque Socrates quibusdam fomniis ad feriben - dum carmen compulfus , quum ipfe , vt qui per omnem vitam pro veritate decertafl'et , facultate probabilia mendacia fabricandi deftituc - retur , Aefopi fabellas argumentum fibidelegit : poefin non putans eam , a qua abeflet mendacium . Plutarchus , de audiend . Poet . p . 16 . L . La Fontaine , ein Mann , dem e« in Frankreich am besten geglückt , eine Erzählung wohl einzukleiden , hat sich nicht für verbunden gehalten , der Erzählung de« Plato knechtischer weise zu folgen . Man wird aus den folgenden Anmerkungen schließen können , ob die Einkleidung , die er die . ser Erzählung gegeben hat , so glücklich ist , als sie seyn sollte , da sie von einer solchen Feder kömmt .
I . Der Anfang und das Ende von der Erzählung de« la Fontaine scheinen ! nicht zu einander gemacht zu seyn . In der Vorrede zu den auSer , lesenen Fabeln heißt e« : Raum hatten die Fabeln das L . ickt gefe , hen , die man dem Aesopus zueignet , so gefiel es dem Gokrates , dieselbe in die & . ibetey der tNuscn einzukleiden . So klingt der Anfang . Er hat die letzten Minuten seines Gebens dazu ange , wendet , sie in Verse zu bringen . Dieß ist der Beschluß . Der An - fang bereitet uns vor , bey dem Sokrates viel Ungeduld zu sehen : da« Ende berichtet uns , daß er bis an seine Todesstunde gewartet ; und da er siebenzig Jahre gelebt hat , so ist leicht zu erkennen , daß er nicht sehr geeilt haben muß ; denn man kann nicht sagen , daß des Aesopu« Fabeln erstlich um die letzten Jahre von dem Leben des Sokrates erschienen waren : sie waren schon bep Lebzeiten des Urhebers ans Licht getreten ,

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