Creator:
Bayle, Pierre Gottsched, Johann Christoph La Croze, Maturin Veyssiere
PURL:
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Eremita .
Unmäfiigkeiren , die sehr schwerzu verbessern sinv , wenn man sich nicht der Gefahr unterwerfen will , einige andere Sachen zu perderben , die in ihrem Stande bleiben . Und aus dieser Ursache wird nian meine« Erachten« , in ganz Norden die Nüchternheit für eine kleine Tugend halten ; ovcr die Trunken - hcir wenigsten« Oasclbff Vulven , wenn sie gleicli für keine Artigkeit , oder für die rvirkung einer unumgänglichen - keit gilt : doch kann diese« nicht verhindern , zu glauben , daß sich die wahre Religion dahin geflüchtet hat . Ich wei« wohl , daß die protestantischen Prediger dawider eifern ; allein unterdessen dulvet sie die ( Obrigkeit , unv glaubet mit einiger ^wahrscheinlich - keit , das ; ol , ne Erlaubung diese« Fehlers , die Menschen vaselbst ohne Geselligkeit leben würden , wie man an andern Verlern «r -
tere Laster befüreliter , al« dasjenige , das man daselbst ertragt .
ureelläus , ein arminianischer Professor zu Amsterdam , bat dieses , un - ter andern Gründen , auch mit diesem widerleget : daß eS etwas an - „ ders sey , einem Laster durch die Finger zu sehen , wenn es ganz auszu - „ rotten unmöglich ist ; und ein anders , dasselbe durch Gesetze oder öf - „ sentliche Erlaubungen zu bekräftigen . , , Lourcell . Reponfe » Sorbiere p . >6 , Und daß bey den Protestanten das Amt eines weltlichen ters und Seelenhirten nicht in einer Person verknüpft ist , wie bey dem Pabste .
IL Zum andern sage ich , daß diejenigen , welche die Einwohner der kalten Länder beschuldigen , eben so unkeusch zu seyn , als die Einwohner der heißen Länder , denselben einen großen Vortheil lassen , weil sie die Sodomiterey ausnehmen . Allein man hat sich mit diesem Vortheile bey einem Streite nicht begnügt , der Zwilchen einem Deutschen und nem Italiener entstund ; jener nämlich gab vor , daß auch im Absehen auf die Hurerey , überhaupt Italien mehrerer Unordnung unterworfen wäre . Lepida eft inter Italum et Germanum altcrcatio . . . . ille nimiam haue bibendi conflietudinem , tanquam probrofam obii - ciebat : ifte inconcefläm Venerem exprobrabat , tanto perniciofiorem ebrietate , quanto leges feueriores in eam latae . Sed elegans Epi - granima apponam :
Vt nos vina iuuant , ßc vos Venus improba vexat ,
Propoßta efl Veneri Iulia , nulla mero .
Dempfterus , Paralipom . ad Rofinum de Antiq . Romanis , Libr . V , eap . XXX , pag . m . 8 66 .
III . Ist es gewiß , daß es Reisende giebt , welche schmähsüchtig genug gewesen sind , in die Welt zu schreiben , daß die Frauenspersonen in den kalten Ländern nicht Tugend haben , und der Versuchung sehr bald unterliegen . Ich will nur einen französischen Edelmann anführen , des - fen Relation zu Amsterdam wieder gedruckt worden ist . Memoires du Chevalier de Beaujeu , Livr . I . chap . II , pag . 58 . amsterdamer Ausgabe von >702 . Es ist nichts außerordentliches , saget er , schone Frau - enspersonen in Dannemark Zusehen : Sie Bäuerinnen sinv da - selbst gemeiniglich sehr hübsch , und Sie jungen Magdchen haben gemeiniglich ein ungezwungenes Ansehen , lustige Manieren , und eine feine GesichtsbilSung - - > sie legen ihre - Haare über große rvülste . - - - Diefi sind blonde - Haarzopfe , Sie einem verliebten Dichter neueXvorre in Sen Mund legen können . Die Tugend des danischen Frauenzimmers , scheint für ihre Schon - Hm gemacht ? u seyn ; das heifit , daß sie verselben Gebrauch er - laubet , und nicht zugiebt , dafi sie ein unnützer Schatz seyn sollte : viefi isk bey ihnen nickt allezeit eine lasterhafte Neigung : es ist eine unempfindliche L , eicl>rigkeit , tuivick bin überzeuget , dafi sie nur sündigen , weil sie nicht die Starke haben , sich gegen die Mannspersonen zu verrheidigen . Man kann diesem noch das Zeug - niß eines andern Franzosen entgegen setzen , welcher versichert , daß das dänische Frauenzimmer so ernsthaft und sittsam ist , daß es denen nicht das geringste hoffen läßt , die mit ihm umgehen . Es leget den Augen nicht die geringsten Fallstricke , saget er ; es zeiget weder Busen noch Haare ; es ist nichts verbuhltes in seinem Gange , noch in seinen Ge - berden . Hier sind seine Worte , sie drucken alles dieses mit mehrStär - ke aus . Caeterum illae fua nimia graiiitate atque modeftia omnem amorem , et faniiliaritatis fpem , et occaiionem excludtint . Nullae ibi praetcreiintiuni ocnlis infidiae tendnntur , nulluni eil incedendi , aut vibrandi fefe lenocinium ; non peclus detegunt , non capillos crifpant , ae ne oftendunt quidem . Carolus Ogerius , in Itinere Da - nico , pag . 34 , 3Dieser Scribent verdienet hierinnen um so viel mehr Glauben , da er bey andern Gelegenheiten , die Unkeuschheit der nordi , schen Völker gern vorgestellt . Vornehmlich geht er deswegen auf die Geistlichen . Er erzählet auf der 209 S . daß ein alter schwedischer Pre - diger , nachdem er seinen großen Becher etlichemal ausgeleert , dermaßen lustig geworden , daß man ihn die schändlichsten Lieder singen hören . Dieser Prediger ist gelehrt gewesen , und hat eine Tochter gehabt , die Latein geredet . Er hat sich auch mit andern Frauen lustig gemacht , ob gleich die seinige noch am Leben gewesen . Der Verfasser begleitet dieses mit einer Betrachtung , welche darinnen besteht , daß Luther Unrecht habt , vorzugeben , daß der Ehstand der Priester ihre Geilheit im Zaume halten könnte . Deprehendiimw huiusmodi homines , tametfi littera - tos , et fenes , et in ocnlis omnium pofitos , cum fiue vino , fiue cer - vifia incaluerunt , non in ineptas tantvm» voces , fed in turpes etiam atque inceftas elferri . Circumferatur ( inquiebat ille ) cantharus : adducatur virgo nuda . Atque hoc Carmen canens repetebat , adde - batque : en , inquit , cantilena quam iuuenes perfonabanius . Didici - mus poftea , illiun hac etiam aetate petulco more in oues fuas infi - lire . At enim vxorem habebat , in quam libidinem iftam defpu - mare poterat . I nunc , et Luthero crede , nefandorum facerdotum lafciuiam matrinionio compefci pofle . Ebendaselbst . Der Verfasser bleibt nicht auf diesem schönen Wege ; er füget seiner ersten Anmerkung noch viel andere Dinge bey : man sollte nicht glauben , saget er , wie hitzig die Begierde zum Trinken und zu dem Genüsse der Frauen , bey den meisten von diesen Leuten ist . Mirnm eft , quantum haec tarn po - tus , quam concubitus Ubido in plerisque his hominibus ardeat . Ebendaselbst . Die Sache ist der Welt bekannt , was den ersten Punct betrifft , de potu manifeihnn eil ; und ich habe , den andern betreffend , bemerket , daß den allerkeuschesteii GotteSgelehrten nichts mehr einzuprä - gen ist , als die Nothwendigkeit des Ehstandeö , wenn man keusch und gotteöfürchtig zu leben wünschet . De altero vero obfsruaui , nihil
magis caftiflimis Theologis incuicari , quam hane matrimonii necef . fitatem omnibus , qui cafte , ac pie viuere cupiant , eile fubeundam . Hanc docirinam adolcfcentulis ipfis , qui nondum puberes fiint , et nondum de Venere cogitant , in infimis fcholis infinuant . Ebendas . Sie bringen diese Lehre schon den Schülern in den untern Classen bey , welche als unmündige noch nicht an die Liebe denken . Sie breiten ein falsches Gerüchte unter dem Volke aus , daß Urban der VIII , willens sey , sich zu verheirathen , und daß alle Cardinäle gleiche Begierde haben . Eo denique amentiae ac impudentiae deuenerunt peruerfilfimi Do - ckores , vt apud populum rumores fpargant , Vrbanum hunc VIII . Pontificem Romanum de vxore ducenda cogitare , idemque confi - lium omnium Cardinalium animos fubiilTe ; quam ftolidiflimam fa - bulam , non in hac modo Suecia , quae longius ab hominibus abeft , fed iam in ipfa Dania audieramus . Ebendas . 210 S . Heißt dieses nicht vorgeben , daß , nach der Sage dieser Lehrer , die Verbesserung der Kirche , unter unglücklichen Vorbedeutungen geschähe , wenn sie nicht mit Abscliaffung des ehlosen Standes und durch die Vermahlung des sten Bischofs , und aller Glieder des heil . Eollegii angefangen würde ? Heißt dieses nicht vorgeben , daß eben dieselben Lehren ein solches Un - vermögen der Enthaltung von dem andern Geschlecht ? in ihren Perso - nen erfahren haben ; welches sie nicht glauben laßt , daß man außer dem Ehstande keusch leben könne ? Allein wir wollen fortfahren , den Ogier zu hören . Ein anderer Prediger , saget er , da er sich entschuldigte , daß er uns in seinem Hause , nicht so gemächlich beherbergen könnte , als er Wohl wünschte , führte statt seiner Ursachen an , daß sein Gluck fast das Oberste zu unterst gekehrt , und sein Leben ihm zur Last wäre . Man fragte ihn nach der Ursache : ich habe keine Frau mehr , war seine Ant , Wort . Suas quippe fortunas pene efl'e fubuerfas , vitamque fibi inui - fam : cum rogarem , quid rei eilet ? vxorem , inquit , non habeo am - plius . Ebendas . Vielleicht , versetzte Ogier , ist es euch nicht erlaubt , die andere zu nehmen . Es ist zwar erlaubt , erwiederte er seufzend : bdetn ich muß warten , bis das Trauerjahr zu Ende ist . Der Verfasser sedet dazu , daß , nachdem er dasjenige , was er gesehen , betrachtet und unter - suchet , er urtheile , es sey das Gesetz des ehlosen Standes die einzige Hinderniß , die sie abhalte , sich wieder mit der römischen Gemeinschaft zu vereinigen : Hunc folum matrimonii et concubii obicem eos a no - ftra communione diuidere . Wenn man so nachtheilig von den Schweden in Ansehung der Keuschheit redet : sollte man denn wegen der Dinge keinen Glauben verdienen , die man wegen der Keuschheit des dänischen Frauenzimmers bekennet ? Ich habe also den Ogier dem Rit - ter von Beaujeu entgegen stellen köiiiien . Ich bekenne , daß man mir einen sehr scheinbaren Einwurf machen kann . Ogier redet von dem , was er im >634 Jahre , und der andere von dem , was er im 1679 Jahre gesehen hat . Dieß ist eine Zwischenzeit , welche schon zureichend >st , die ganze Gestalt der Sachen in dem Reiche der Wohlanständigkelten zu verändern . Die Moden , die zur Unterdrückung der Gesetze der Ernst - haftigkeir und der Sittsamkeit gereichen , nehmen so schnell zu , daß ein Reisender , der zweymal in ein Land geht , in eine neue Welt versetzt zn seyn glaubet ; denn wenn er mit der Aufführung der Jungfern und jungen Frauen diejenige vergleicht , die ihre Mütter beobachtet haben , so sieht er , daß fast alles aus weiß schwarz geworden ist .
Wirkungen des Weins in Ansehung der Unkeuschheit .
I V . Ueberhaupt zu reden , hat man nichts tüchtiges wider die Einwen»' düngen der Italiener zu sagen , daß der Wein und gutes Essel« die Unrei - nigkeit reizen : e6 ist die beständige Lehre der alten Heiden , und der al - ten Väter ; die Erfahrung aller Zeiten und aller Oerrer bekräftiget sie auch . Die «seelischen Schriftsteller preisen denjenigen , die sich dem eh - losen Stande gewidmet haben , nicht« so sehr an , als das Fasten und die Kasteyungen . Tertullian hat die meisten Sachen vergrößert , und er kömmt endlich so weit , daß er verschiedene Speisen verdammet , und mehr als er sollte auf die Xerophagien dringet . Gleichwohl kann man ihn nicht beschuldigen , daß er in die Hyperbole verfallen wäre , wenn er die Verknüpfung der Schwelgerey und der Unzucht bemerket , indem er uns die Lage der Schamglieder zu beobachten vorleget . Man kann die - ses besser in der Sprache vorstellen , deren er sich bedient hat . Monftrum haberetur libido fine gula , cum duo haec tam vnita atque concreta fint , vt Ii disiungi omnino potuiflent , ipfi prius ventri pudenda non adhaererent . Spe & a corpus , et vna regio eft . Denique pro difpo - fitione membrorum ordo vitiorum : prior venter , et ftatim cetera faginae fubftruäa lafciuia eft : per edacitatem falacitas tranfit . Tertullian . de Ieiun . cap . I . pag . $44 . Clemens von Alexandrien be - merket , daß , damit man die venerische Leidenschaft nicht reize , eS gut sey , kein Fleisch zu essen , und er führet einen Mann an , der gesaget , daß der Wein und das Fleisch den Leib viel stärker , hingegen die Seele viel schwächer machen , rix - 6» ymsrixßv ,
axfxofxyixt xno%oiTO , ri rtygiyav n tfi r« atpgoilciu T>jv aä ( Ace .
Oivo$ y & ( > , ( fhjfftv A'vJfextf ffccfxw , ffufix fisv papet -
Mm Uictqy^a - rrm , M Fortalle autem ex iis , qui
funt praediti cognitione , exercitationis quoque gratia abftinuerit a carnibus aliquis , et ne caro nimis luxuriet , et nimio impetu fera - tur ad rem Veneream . Vinum enim , inquit Androcydes , et carnis ingurgitationes , corpus quidem robuftum efEciunt , animam vero debiliorem . Clem . Alexandr . Strom . Libr . VII , pag . 718 . C . Es den sich in den griechischen Poeten viele Sprüche von gleicher Art . Man ziehe den Erasmus über das Sprüchwort zu Rache , Sine Cerere et Baccho friget Venus . Es ist das XCVII der III Cent , in der II CHil . Hauptsächlich hat man geurtheilt , daß der Wein zur Geilheit reize , und daher hat ihn AristophaneS die Milch der Venus genennt . Athen . Libr . X , pag . 444 . Die alten Römer haben ihn den Frauenspersonen sehr hart verbothen , weil sie ihn als eine Sache angesehen , die den Weg zum Ehbruche bahnte : Vini vfus olim Romanis feminis ignotus fuit , ne ftilicet in aliquod dedecus prolaberentur : ^ quia prOximus a bero patre intemperantiae gradus ad inconcefläm Venerem efle con - fueuit . Valer . Maxim . Libr . II . cap . I . num . 5 . pag . m . 134 . Martini , der das schmutzige Leben eines Menschen beschreibt , saget unter andern , daß er bey trunknem Muthe sich nur an ein Bauermensch gemacht :
Villica vel duri comprefiä eft nupta colonl ,
Incaluit quotie * Üucia Vena mero .
Mart . Epigr . LXVJ , Libr . IV .
Die

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