Creator:
Bayle, Pierre Gottsched, Johann Christoph La Croze, Maturin Veyssiere
PURL:
https://dibiki.ub.uni-kiel.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:8:2-8107

Erasmus .
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er es mit allen Nachäffern desselben hätte aufnehmen können . Al - lein die sklavische Nachahmung eines einzigen Scribente» konnte ein so gründlich gelehrter Mann nicht billigen . Einen gleichen Eifer bezeugte wider diese Phantasten Ludwig Vives , in seinem Bliche , de Difciplinis , L . IV . de Canfll corrupt . a . t . pag . 163 . Edit . Colon . , sz6 . in 8 . Weil doch unsere großen Stilisten solche Bücher nicht kennen , oder lesen , so will ich ein paar Stellen dar - «US abschreiben : Principio , quod prudenter ait Corteßus , etiam Ciceroni addiflus ! quae ftultitia eft , vt quitm tarn varia fint hominum ingenia , tarn multiplices naturae , tarn diuerfae inter fe voluntates , eas velle vnius ingenii anguftiis adftringi , et tamquam praefiniri ? Iam dicant mihi , quid imitantur ? nam 111111ta habet Cicero optima , et effedKone dignifllma . Lin . guam , inquiunt . Cur non etiam argumenta et Pbilofopbiam ? et cognitionem veteris memoriae ? et variarum verum vfum et peritiam ? etc . etc . Ea igitur animi indoles , et tarn varia eruditio , et traäandae cuitisquc rei ratio eflet iftis exprimenda , qui Ciceroniani videri affedhnt , potius quam ftilus et verba ; etfi hoc quoque , fed ea poftrema fequerentur . Magis certe Homerum exprimit Virgilius , quam Ennium , etfi huic lingua eft vicinior , et prope idem . etc . etc . Ich re diese Stelle desto lieber an , weil Vives darinnen zugleich zeiget , daß die wahre Gelehrsamkeit in Sachen , und nicht in Worten be - steht : ganz anders , als uns diejenigen überreden wollen , die , weil sie ihre Schwäche in dem ersten fühlen , nur auf Sylben trotzen , und alles für Barbarey halten , was nicht lateinisch gesaget wird ; gerade , als ob nicht auch eine Zeit gewesen , da das Latein von den Griechen für barbarisch gehalten worden . Zwar man ist weit da - von entfernet , diejenigen zu verachten , die schön Latein schreiben , oder sich darauf legen , oder andere dazu anführen . Wir behaupten vielmehr selbst , daß man alle Sprachen , die man schreibt , aufs schönste und aufs beste zu schreiben suchen müsse ; und daß die la - teinische Barbarey so sehr zu verabscheuen sey , als die deutsche . Al - lein , daß alle Gelehrsamkeit in den Wörtern und Redensarten einer gewissen Sprache begraben liege ; und daß nur die lateinischen Sprachhelden , Di<äatores Reipublicae Litterariae seyn , und daß alle andere Gelehrten , die in den ihtlebenden Sprachen schreiben , Dummköpfe , Klötzer und Darbarn seyn müßten , das können wir unmöglich verdauen . Eloqui eft ( saget ViveS I . c . p . 168 . ) inquit M . Fabius , omnia , quae mente conccperis , promerc , atque ad audientes perferre - - - non refert , quo fermone . Nam et jnScythico , et GaUico , et Gennanico , et Hifpano multi funt eloquentes . Nec quod Latinus et Graecus fermo eruditi funt et copiofi , continuo nullus crit in alio fermone eloquens . Nain et hi ipfis Parthis ac Medis barbarifmi funt . . . . Quanto difertior ac eloquentior Anacharfis , quam multi Athenienfes , liue dum Scythice de natura et moribus difputaret , fiue dum Graece , foloeeifiäns feu Scythiftans verius . Equidem fordes et vitia fermonis nemo vel amare debet vel probare ; vnde ma - xima pars cladis tum artium , tum iudiciorum eft aeeepta . Sed certi fidetur optio : Quis non malit multo , immundum fpur . cmnque magnis de rebus atque excellentibus , fermone» ! , quam de vugis comtißimum atque ornatißimunA Um aber solchen ei «gebildeten Humanisten zu zeigen , wie weit sie von den wahren Studiis hu - manitatis entfernet sind , welche , wie Ovidius saget , ( denn wir haben auch lateinische Poeten gelesen , ) die Sitten bessern , und nicht wilde seyn lassen ,
Einollit mores nec finit efle feros :
so sehe man nur auf das Pochen , Schelten und Schimpfen , wo . mit diese trotzigen Lateiner in die burmannischm Fußtapfen treten , und wie Scaliger wider den Erasmus gethan , die Sprache der Last - träger und Gassenjungen reden , wenn man nicht vor ihnen fallen und sie anberhen will . Hier möchte man ihnen billig zurufen :
Et vos barbaricos ritus , moremque finiftrum
Sacrorum Druidac politis repetiftis ab armis :
Lucan . Pharf . L . I .
Man schämet sich billig , diese Blümchen ihres schönen Lateins zu wiederbolen , will aber nur noch eine Stelle des Vives , von den Vitiis Grammaticorum hersetzen , und sie ihnen anstatt eines Spie - gels vorhalten . Sie stehen im III B . de Tradend . Difcipl . auf der sy , S . womit man doch höfliche und bescheidene Schulmänner , di« man in großer Anzahl kennet , keineswegs gemeynet haben will . Ludi Litterarii magifter , ab iis vitiis erit alienus , quae adferre fecum folet artis grammaticae longum exercitium . Nam quod in ludo inter pueros defident , ad ineptias et pueri - litates , tamquam contagio pertrahuntur , grauitatem ac mode - rationenj omnem amittunt . . . . Feftiue quis dixit miran - dum non efle , Grammaticos iis efle moribus , quo« a primo ftatim Homeri verfu traliant : M>»vh ätiSei Sex . Iam vt nemo in fchola contradicit Praeceptori , induunt fuperciliuin atque arrogantiam , et iniquijjime ferunt repugnare ßb't quenquam : itaque in fententia pertinaeiflime perfcucrant , nequid decedat autoritati , fi ceflerint . . . 1u°d fe tnagnos fperant
jvre lacejfcndo atque mordendo omne hominum genus ! - - - Ad haec ex regno illo et Cieuitia puerili minas illas et terricu - la , et maledifta feurrilia in colloquia et feripta transferunt : Nebulo , tentbrio , fee / erofus , error fuße eluendus , monßi um via - ioribus bojliis expiandum , cerebrum in Anticyram mittendum , ( homuncio , non corpore fed ingenio ) qui tanti et tarn atro - ces tumultus de fyllabula praue feripta excitantur , aut de hi - ftoriola aut fabella non vsque quaque narrata exadte , vt non immerito Antonius dicat : Felicem grammaticum , nec ejfe vi . lum , nec vn\quam fuijfc - 1 Wer indessen von neuern Schriften , wider die lächerliche Nachahmung der Schreibart etwas lesen will , der schlage Maiansii Briefe , L . I . Epift . VI . nach , P . , 7 . i8 . 21 . der leidiger Ausgabe , die wir den gelehrten Herrn D . Jenichen zu danken haben , in 4 .
Allein wir wollen von dieser Materie abbrechen , welche so edel und an - genehm in dem zwölfte» Gespräche Balzacs berühret worden ; kann man
aber daraus schließen , daß Scaliger , wenn er etwas davon gehöret gehabt daß sein Wider , acher ein unehlich Kind wäre , ein entsekliches Lärmen daraus gemacht haben wurde ? Wir können diesen Schluß nicht mlas - sen , und man sel>e warum . \
Unter den Briefen Julius Cäsar Scaligers , die sein Sohn drückt hatte , ist auch noch ein sehr langer gewesen . ( es ist der XV m der tonlouser Ausgabe , Er ist an den Arnold Ferro , , geschrieben , welcher nicht gebilliger , daß er , 0 viele Schmähungen wider den Erasmus her - ausgegeben hartes In diesem rechtfertiget er seineerste Hitze und vielleicht durch eine noch entsetzlichere Hitze . Hier nennet er den Erasmus einen - Hurensobn , und , aqer : daß , wenn er es nicht zuvor gethan , es nicht darum geschehen , daß er nichts von der Sache gehöret hätte ; sondern darum , weil er derselben nicht genugsam versichert gewesen , und den Glauben seiner wahrhaften Beschuldigungen durch Einmischung unge - wisset Sachen nicht habe in Gefahr setzen wollen . Will man sagen : h - st wäre , und daß Scaliger in seinen zwoen Schmäh , chnsten allzu hitzig Miene , daß er seinen Lesern nicht Anlaß zu urtheilen geben sollte , es wurde ihn ein wenig Ungewißheit bey einem Geruchte von die , er Gattung nicht abgehalten haben , sich desselben wi , der den Erasmus zu bedienen ; daß er sich nur nach dem Bespiele aus . gela „ ener Satiren , chreiber einen Rnckenhalt unter dem groben Geschü - tze des gemeinen Rufs vorbehalten dorfen , und da man nicht sähe da6 er bey andern Hörensagen . die nicht mehr Wahrscheinlichkeit gehabt als dieses , sich so gewissenhaft bezeiget hätte : daß also das , was er von'die , ser Materie sager , vielleicht ein Kunstgriff , und ein bep schmähsüchtiaen Scribenten allzugewöhnlicher Kunstgriff wäre . Denn wenn sie etwa« wider den guten Leumund ihres Widersachers erfahren , nachdem sie ihre ersten Satiren herausgegeben haben : so machen sie sich eine Ehre dar - aus , daß sie nichts davon gesaget haben , und verwandeln ein ganz wj - berwilliges Stillschweigen in ein vernünftiges Stillschiveigen . Ich ha« be wider diese Muthmaßunge» nichts zu antworten , außer daß Sea - liger vor nicht gar zu langer Zeit seine andere Rede in die Buchdrucke - rey geschickt hatte , da er diesen erst angeführten Brief geschrieben hat . Siehe seine Briefe , p . zs . Allein wir wollen zur Sache und zur Stelle dieses Briefes selbst kommen . Der Verfasser vergrößert darinnen das Verbrechen de« Vaters und der Mutter des Erasmus ; er machet diese ehrlos , und jenen zu einem Priester , der ein Kebsweib gehalten . unl» endlich zur Verbannung verurtheilet worden . nachdem die wiederholt« Kirchenzucht , wegen seiner Rückfälle , ohne Nutzen gewesen Ego ve - ro mentiri ? quod te putidum atque noäurnum caput , fpurium in illa Oratione appellare aufus non fim ? Neque enim incerti quid , quam a nie adterri debuit . Verum hoc erat tarnen . At non con - itabat . fcras tunc atque etiam nunc fpurius es , Erafme : hoc multi mihi e commilitonibus retulerunt noftris . Verum ei rumori fidem non habui neque obieci tibi , ne vera compertaque caetera dicenti mihi omnia fides non haberetur . Nunc populäres tili , aliquot et - iam Viani , vin boni nobiles ex incefto natum concubitu , fordidi» parentibus , altero facrificulo , altera proftituta , qui pater tuus fe - mel atque iterum a Pontifice caftigatus , cum ex illius praeeeptio - nibusad vetera fcelera noua propenfione fieret irritatior , exilio mul . äatus vertit folum . Iul . Cacf . Scalig . Epift . XV . p . 45 .
( K ) Die Ursache dieses Streits ist in den Scaligeranen nicht rvohl ec5«fc>let rvsrden . ] Wir haben gesehen , mit was für Bitter - feit man sich wider den Erasmus erhitzt : itzo wollen wir dasjenige sehen , was Joseph Scaliger von diesem Streite aeiaaet hat : Mem Vatct , saget er , h« eine Äeöe wider den Erasmus gemacht ; wcIdiec ftit dem geschrieben , daß mein Vater nicht der Verfaft ser dieser Rede fey , quia miles erat . Mein Vater hat eine qan ; «Widere gemacker , wormnen er sich heftig erzürnet . Erasmus , welcher erfuhr , daß er sie drucken ließ , har seine Freunde ver , mocht , alle Eremplare an sich ; u kaufen , so viel sie bekomme» rönnen , und dieselben ; u unterdrücken ; so , daß man heutiges Tages keines mehr davon findet . Seit diesem hat mein Vater vie Thorhrit erkannt , die er begangen , wider den Erasmus ja schreiben - - - - iLr harte viel Briefe wider den Erasmus geschrieben , die gedruckt waren . Allein ich habe sie unterdrü , cken lassen , und die Abdrücke davon bey mir , welche mich 7 , Zvueaten , ; 6 £>oppc ( pifielen gekostet haben : ich habe dem loc ms befohlen , sie nach meinem Tode zu verbrennen . Mein Va , ter bar den Erasmus auf soldatisch angegrissen . Seit dem , da er studiert gehabt , hat er gesehen , daß 'Erasmus ein qroßee Mann war . Vielleicht harre mein Vater den Erasmus nicht gelesen , oder nickt verstanden - - - Poenituit patreTTduerfc , Uum fer , Pfiffe er hat leinen Fehler gesehen , JedfuLt irritatusdm vocaretur ab trafmom . les , quaß per conwntum , vt Ampbitheatrum ,
( er redet von einem Buche des Jesuiten Scribanius , betitele Amphi ! theatrum Honoris . ) vocat Dominos Plefläeum et Lanouium , miü - tes per contemtum . . . Duas Epiftolas fenpferat ( Erasmus ) ad atnicos , quas ipinis amici ad patrem miferunt : vnam illanim cu - rauit pater exeudi , in qua mirabatur fuo libro militem rcfpondillc , vt Vafatenfis Plcfläeum traöauit tanquam niiratus militem pofle fa . cra tradtare . Meine Leser werden durch die öftere Wiederholung einer Sache wohl wahrnehmen , daß dieses ans einem Buche genommen ist , welches Scaligerana betitelt ist , worinnen man die häuslichen Ge - spräche Sealigers findet . Der Artikel Erasmus enthält darinnen viel andere rühmlichere und wahrhaftere Dinge , als einige von denen sind , die wir erst gelesen haben .
Denn I ist es nicht wahr , daß sich Julius Cäsar SraligerS Heftig , keit auf einen verächtlichen Ausdruck gegründet hat , dessen sich Erasmus wider ihn bedienet hätte : angesehen seine erste Rede wider den Cicero , nianus , die voller Schimpfwort ? und Heftigkeit ist , eher gemacht wor - den , ehe ihm Erasmus etwas gethan oder gesager hatte ; und vielleicht nod ) zuvor , ehe er von ihm auf einige Art von der Welt hatte reden hören . Man sieht in der II Rede Sealigers , - , 2 Seire , bey mir , daß Erasmus einem Flamänd^au^erragen , sich zu erkundigen , und ihm zu berichten , was Scaliger für ein Mann wäre . Also kann Sealigers Zorn nicht aus einer Be , chimpfung entstanden sevn , die er vom Eras - mus erhalten hatte , es sey denn höchstens in Ansehung der andern Schrift , ll . Erhellet aus dieser andern Schrift nicht , weder , daß Erasmus dem ^ulius Cäsar Scaliger , als einem Soldatm begegnet , noch daß dieser solches als eine Beleidigung angesehen hat . Dieses hat - te keme Ursache zum Zorne für diesen Prinzen von Verona seyn können ;
off i denn

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