Creator:
Bayle, Pierre Gottsched, Johann Christoph La Croze, Maturin Veyssiere
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Erasmus .
keinen andern Grund sehe , als diese Worte in dem Leben des Erasmus : Sein Vater schickte ihn in die Schule , so bald er vier Jahre alt war ; cr brachte es die ersten Jahre in diesen unangenehmen Sn» - dien gar nicht weit , n» welchen er nicht gebohrm war . In nem neunten Jahre schickte man ihn nach Deventer . Dieß ist schwer zu verliehen , die Sache ist allzuverhüllt ; denn was für nnange - nehme Studien und zu welchen er nicht gebohren war , konnte man ihn in einem Aster wn fünf oder sechs Jahren treiben lassen ? War er denn nicht darzu gebohren , lesen und schreiben , lateinisch decliniren und con - jugiren zu lernen ? Er nmß von etwas anders haben reden wollen , viel - leicht von der Musik , oder einiger andern Hebung der Chorknaben . Allein wenn er auch hierinnen nicht hatte fortkommen können , so würde man doch dasjenige nicht haben , was man verlangt : die Sage , die ich derlege , würde nichts destoweniger falsch bleiben .
( ? ) berühmt gemacht , als dem , wo er gebohren worden . Man muß auch be * kennen , daß er in der ersten von diesen Städten einen viel merkwürdiger» Aufenthalt gehabt , als an irgend einem andern Orte : einen Aufenthalt , sage ich , der viel ansehnlicher , nicht so wohl wegen der Daner , als wegen der Wichtigkeit seiner Beschafftigungen gewesen . Es hat ihm ungemein zu Basel gefallen : siehe seinen , o Br . des XXIV B . er Hat es manchmal verlassen , ist aber wieder dahin zurückgekommen ; hie jllius arma , hic currus fuit . Dieß hat Virgil im IB . derAeneis von Carthago , in An - fthung der Juno gesagt . Die Veränderung , die sich daselbst wegen der Religion im 1529 Jahre eräuget , ist die einige Ursache gewesen , die ihn verhindert , seine Hütte auf immer daselbst aufzuschlagen , obfeurum efle non poteft , mihi non ornnia probari , quae ifti ( Jiuangelici ) faci - unt , quae fi probaflem , non tanto nieo tum periculo tum difpendio reliquillein ciuitatem , cui tot annis aflucram , fed iam pridem ipfo - rum lodalitio totus adhaererem . Erafm . Epift . ad Fratr . Germaniae infer . Dem sey , wie ihm wolle , so zeiget man zu Basel das Haus , wo er gestorben : ( Relat . Hiftor . de Charles Patin p . lzo ) Man nennet daselbst dasjenige des Erasmus Kollegium , wo die Professoren der Gottesgelahrtheit ihre Wintervorlesungen , nnd zuweilen die akademi - schen Versammlungen halten . Des Erasmus Scudierstube ist eine von den wichtigsten Seltsamkeiten der Stadt : man zeiget daselbst seinen Ring , sein Petschaft , seinen Degen , sein Messer , sein Testament von sei . ner eigenen Hand geschrieben , sein Bildniß , von Hollvinen , welches ein Meisterstück ist , u . d . m . Der Rath hat diese Studierstube >m >66r Jahre gekauft , und den Nachkommen BonifaciusAmerbachs , des Eras« nms Erben , neuntausend Thaler dafür gegeben . Patin nennet ihn nur einen eingesetzten Erben ( Legatarium ) . Sie haben dieselbe der Akade - mie geschenkt , wenn wir dem Patin glauben dörfen . Relations Hifto - riques p . 123 . Allein ein anderer Reisender saget , daß sie tausend Tha - ler dafür bezahlt . Man sehe die Reisen des Reboulet nnd Labrune durch die Schweiz .
( I ) Julius Lasar Gcaliger hat die allerbeißendsien pfungen wider ihn herausgegeben , aber nichts von seiner lichen Geburt gedacht . ^ Einige werden sich einbilden , daß dieser
„ . . . ( I ; , , eue Julius Cäsar nichts von derÄebnrt des'KasmuS HStte reden HS -
" benvrtöitm : welches noch heutiges Tages ein £ etwas davon gewußt hatte , werden sie sagen , so wur«
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• V°rthell >st^ Wommen « ? ' . , . Ä . Hurensohn zu nennen , die er wider ihn herausgegeben , und mit viel hes -
tigern Schimpfworten vollgeprost hat , als ein hitziger Strafredner iiis Seid stellen könnte . Nicht darum , daß ihm EraMus das gering , re Leid zugefugt hätte ; er hatte bloß das übermäßige Borurtheil derer geradelt ,
nen übertrifft . Es ist ein Vergnügen , die Gegeneinanderhaltung zu le - fen , die er zwischen den Gastgebothe» der Geistlichen und der Mylords machet . Bey den ersten wird von nichtsaeredet , als vom braven Trin - fett , und dieß mit einem großen Lärmen , ohne daß dabey hundert nieder - trächtige Possenreißereyen und die entsetzlichsten Lästerungen vergessen werden ; allein bey den letzter» unterredete man sich sittsam von den Wissenschaften und der Gottesfurcht . 0 miras rerum hunianarum vieiflitudines ! Olim litterarum ardor penes religionis profeflöres erat : nunc illis magna ex parte ventri , luxui , pecuniaeque vacanti - bus , amor eruditionis ad prineipes profanos ac procercs aulicos de - niigrat . Nam quae Schola , quod Monafterium vfquam tarn mul - tos habet infigni probitate dodtrinaque praeditos , quam veftra habet aula' ! An non optimo iure nos noftri pudeat ? Sacerdotum ac Theo - logorum conuiuia madent vinolentia , feurrilibus opplentur iocis , tumultu parum fobrio perftrepunt , virulentis obtreäationibus fea - tent : et ad prineipum inenfas niodefte difputatur de iis , quae ad eruditionein ac pietatem faciuut . Erafmus , Epift . XXVI , Libr . VI . Wenn er so viel gutes von England gesagt , da er ernsthaft davon ge - redet : so hat er eine nicht minder reizende Beschreibung davon gemacht , wenn er seine lustige Schreibart gebraucht . Man sehe dasjenige , was er an den Andreiin geschrieben , um ihn in dieses Land zu ziehen . Si Britanniae dotes fatis pernofi'es , Fauße : nac tu alatis pedibus huc accurreres : et fi podagra tua non filieret , Daedalum te fieri opta - res . Nam vt e plurimis vnum quiddam attingam ; funt hic nyin - phae diuinis vultibr . s , blandae , faciles , et qtias tu tuis camoenis fa - cile anteponas . Eft praeterea mos nunquam fatis laudatus . Siue quo venias , omnium ofeulis exciperis ; fiue difeedas aliquo , ofeulis dimitteris : redis , redduntur fuauia ; venltur ad te , propinantur fuauia ; difeeditur abs te , diuiduntur bafia ; occurritur alicubi , bafiatur affatim ; denique quocunque te moueas , fuauiorum plena funt omnia . Quae fi tu , taufte , guftafi'es femcl , quam ( int mollicula , quam fragrantia , profe .
die mzn damals Ciceronianer nennte , und welche glaubten , daß außer den Schriften des Cicero kein Heil für das Latein wäre : und er hatte zu gleicher Zeit einige Flecken an dieser Sonne der römischen samkeit bemerket . Vaugelas hat einige Zeitlang ein gleiches Vorur - theil für die römische Historie des Coessetean gehabt , und gesagt : daß außer dcr römischen - Historie eben so wenig - Heil wäre , als außer der römischen Rirche . Scaliger hat Hieruber ein Mordgcschrey , ein dreyfacheö Mordgefchrey erhoben . Er hat alle Arten dcr Unfläthereyen über des Erasmus Kopf ausgeschüttet ; er har ihn hundertmal einen Trunkenbold gescholten . Er hat behauptet , daß Erasmus , der beym Al - dusManutius mir derHandthierimg einesDruckverbesserers icinBrodt verdient , viele Fehler stehen ließe , die ihm dieVöllerey zu bemerken , ver» hinderte . Kon tu in Aldi Officina quaeftuin feeifti corrigendis ex . emplaribus ? Nonne errores eos , qni tum illis in libris legebantur , haud tain erant librarioram atramento , quam tuo confe & i vino 5 Haud tarn illorum fomnum olebant , quam tuain exhalabant crapu - lain ? luL Caef . Scalig . Orat . II . Mit einem Worte , feine gen und seine Schmähungen sind nichr geringer gewesen , als diejenigen , deren sich Cicero bey Erblickung einer entsetzlichen Verschwörung rvider den Staat bediente .
Sacrilegum ftrueret cum Catilina nefas ,
Cum gener atque focer diris concurreret armis ,
Moeltaque ciuili caede maderet hunuis .
Mait . Lib . IX . Epigr . 7a . Man könnte billig fragen , wenn man alle Ungewitter sieht , die Scali -
ftor error» / * * — — / VV%' / T " r ° -
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Öocuperes nondecennium folum vt^fecit , fed ad mortem vfque acr erreget hat , ob Erasmus etlva . l ein Mssethäter gewesen , der daS
»n Anglia peregrinari . Ebeiid . Epift . X . Libri V , p , zis . Man sieht , daß Rad verdient hatte ? ihm die Engländerinnen nicht weniger gefallen haben , als die Englander .
( G ) f£t verliest Freyburg - - - Gesündheits halber , und kehrte nach Äasel jutfuf . ] Maria , Königinn von Ungarn , die Statthalterinn der Niederlande , wollte ihn nach Brabant kommen las - fen ; welche« Ursache gewesen , daß er sich nach Basel begeben : rheils sei - nen Prediger Saloinon daselbst drucken zu lassen , an welchen er die
letzte Hand noch nicht geleget hatte ; theils die Ueberbleibsel einer lang - „ „ Mie m'an enthalten kann wrm ,
w . er . gm Krankhei^v°llend - zu vertreiben . Er seme Wchnung TÄzige uW
Sträfteden losbricht , welche viel eher verdienten 8teliteuticac qenennet zu werden , als de« H . Gregorius von Nazianz seine , wider Julianus den abtrünnigen , gewesen ; weil Erasmus einen gefährlichen Aberalaubc» be -
Not * ( tA\ in rxc e « • .
Minxerit in patrios cineres , an trifte bidental Mouerit inceftus . Horat . de Arte Poet . v . 470 .
Oder ob er nicht etwan ein ostgothifcher oder westgothifcher Heerführer gewesen , der sich vorgenommen gehabt , alle Wissenschaften mit Strumpf und Stiel auszurotten , und alle Büchervorräthe zu verbrennen ? Man
beym HieronymusFroben , seinem alten Freunde , genommen : seine Ab - ficht war , sid> auf dem Rheine in die Niederlande zu begeben , so bald er feine Gesundheit wiedererlangt hätte , und das Werk , das er unter Hän - den harre , gedruckt wäre . Unter dieser Zeit ward er von einer tvdtli - che» Krankheit überfallen . Diese« findet man in einen , Briefe de« Rhenanus : ( es ist die Zuschrift von des Erasmus Origenes . Man findet sie vor den Briefen des Erasmus , londonscher Ausgabe von 1^4 - . ) Allein Erasmus saget anderwärts , daß er bey seiner Abreise von Basel willens gewesen , sich nach Besanzvn zu begeben : Und dieß ist sehr würdig ; er saget , daß , ob er gleich zu Basel bey sehr aufrichtigen Freun - den gewesen , er dennoch lieber anderswo sterben wollen ; die von ihm deswegen angeführte Ursache ist . daß sie sich zu einem andern Glauben bekannten . Si mca bene noniflcs , debebas illi refpondere , nie ne - ceflario valetudinis caufae reliquiifc Friburgum^ hoc animo , vt Eccle . fiafta abfoluto Brfontium peterem , nc non eflem in ditione Caefa - ris , fed hic ingrauefeens valetudo cogit hybernare . Hic enim , quanquani fum apud amicos finceriflhnos , quales Friburgi non habe - bam , tarnen ob dogmatum di / Tenfionem malim alibi finire vitam , Vtinam ßrabantia eilet vicinior . Erafm . Epift . 74 , Lib . XXX , pag . 1961 .
( H ) Man erweist des Erasmus Gedächtnisse in Basel große Ehre . ] Die Reisenden reden nicht weniger vom Erasmus , wenn sie Basel unter der Feder haben , als wenn sie von Rotterdam schreiben ; so daß man sagen kann , er habe deii Orr , wo er gestorben , nicht »veniger
stritten , der sich in der Republik der Gelehrten eingeschlichen hatte , und das Studium der Beredsamkeit in Ketten und Bande legen wollte . *
* Weil gewisse Leute , die sich für große Lateiner ausgeben , und dabey allen andern Gelehrte» , die sich mehr um Sachen , als Wor -
te bekümmern , die Kenntniß dieser allein gelehrtmachendm Spra» che keck abspreclxn , sich durch eine in den I Th . wider den Eaftum criticum , der sich bey einem Mangel in Sachen und richtigen Ver - „ nnftschlüsien am ärgsten zu zeigen pflegt , eingerückte Zlnnierkung^sehr beleidiget gefunden ; ob man gleich daselbst nur von lauter verstor . denen Heiden in der lateinischen Grammatik geredet : so kann ich nicht umhin , hier unparteyischen Lesern eine kurze Anzeige zu thun , daß auch dcr große Erasmus , der gewiß in Wiederherstellung der schönen Wissenschaften , im X VI Jahrhunderte ein Stern der ersten Größe gewesen , den wunderlichen Eigensinn der sogenannten Cice - romaner nicht leiden können , und ihre» Stolz zu zuchtigen , wirk« iich die Feder ergriffen . Die abgeschmackte Einbildung dieser maligen Grillenfänger , daß Cicero allein gut Latein geschrieben , war an sich so lächerlich , als die Verdienste Cicerons groß und ver - ehrungswürdig >varen . Erasmus selbst hatte diesen Meister aller römische» Gelehrsamkeit und Beredsamkeit so fleißig gelesen , baß

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