Creator:
Bayle, Pierre Gottsched, Johann Christoph La Croze, Maturin Veyssiere
PURL:
https://dibiki.ub.uni-kiel.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:8:2-8081

Erasmus .
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I worden , welcher ein Pfarrer bey Tergou gewesen . Reuerfus ( Rem * ) facris initiatus eft : vnde parente parocno , Gaudanae ciuita - tis vicino , natum fuifle , praepoftere Iouius fcripfit Valer . And . Biblioth . Belgic . pag . 175 . Man merke , daß Erasmus in seinem Leben saget , sein Varer wäre Priester geworden , ehe er ins Land zurück gekom -
men . BuümtAcademiedes Sciences , Tom . II , pag . 160 , saget eben selbe , was Valerius Andrea« saget . Der P . TheophiluS Raynaud hat gleiche Lügen , auf das Wort eines Verzeichnisses von den berühmten Scribenten Deutschlandes , vorgebracht . Ich glaube , daß es dasjenige ist , welches von einem ans Tergou gebürtigen Priester , Namens Corne - lius LooseuS , gemacht , und 158' zu Maynz gedruckt worden . Erafmum , li iocari de iocnlari Komme in freiere licet» non fiiifie filium Regis , licet is , qni «im ecnuit , fiierit coronatiis , vt de alio quodam dixit Petrus Blef . Epift . 21 , fuifle inquain , Erafmum patre Gondani ( man lese Goudani ) in Batania oppidi prope Roteroaamum , Parocho ge - nitum , ex famula , catalogus ilhiftrium Germaniae Scriptorum pro - dit , etc . Th . Rayn . Erotem . de Libris , pag . 25 . Dieses heißt : wen» es erlaubt ist , bey einet lasterhaften Materie wider einen senreißer zu kurzweilcn , so können wir sagen , daß Erasmus , ob er gleich kein Sohn eines Roniges gewesen , dock wenigstens ein gekröntes - Haupt zum Vater gehabt ; nämlich einen Pfarrer zu Tergou , einer Stadt in - Holland bey Rotterdam , welcher , da er seine Magd von seiner Arbeit schwanger gesehen , und das Ver - brechen gern verbergen wollen , sie nach Rotterdam gehen las -
{ en , wo fte den Erasmus 1469 zur XVelt gebracht . Wir werden »ier unten sehen , daß Scaliger noch weil mehr böses von des Erasmus Vater gesagt hat .
Betrachtung über die Veränderungen der Abschreibeschni - yer des Franciscanerbarfüsstrs S . Romuald .
Ein Exempel von denen Veränderungen zu geben , welche die Geschichte auszustehen haben , wenn sie von einer Hand in die andre , von einem Zusammentraget zum andern übergehen , will ich hier vorstellen , wie Dom Peter von St . Romuald die Stelle dieses Jesuiten abgeschrieben . Erasmus , saget er , ist kein Ronigssohn gewesen , obgleich derseni - ge , der ihn gezeugt , gekronet war : denn der Pfarrer seines burtsorts ist sein Vater gewesen , der ihn von seiner Magd ge - habt , wenn man dem P . THeophilus Regnaut glauben darf ( er sollte sagen Raynaud ) Anfänglich hat er Gherardu« Gherardi ge - heißen , allein er hat gewollt , daß man ihn Desideriu« Erasmus nennen sollen : weil er einen Gefallen an den Veränderungen des Namens gehabt , worzu er durch viele andere eingeladen wor - den , und sonderlich durch den Capnio , der zuvor ReucKUn ge , heißen , welches Rauch heißt ; durch den Peter Marter , ehmals Vermilius genannt ; durch den Martin Bucer , der sieb unter dem Namen Areritis Lelinus versteckt u . a . m . Abrege du Tbre . for . ChronoL Tom . III , auss 1536 Jahr p . 289 et 290 Ausgabe von 1660 . Dieser gute Franeiscaner weis nicht einmal den Namen des Je , fuiten , den er abschreibt , und überdieß mißt er ihm mir Unrecht bey , er habe gesagt , Erasmus sey in dem Kirchsprengel seines Vaters gebohren worden . Die Beyspiele , die er von den Namensverändemngen an - führt , enthalten viele Schnitzer . Wenn das Wort , invite ( eingeladen ) von den Buchdruckern an statt imite' l nachgeahmer ) gesetzt worden , wie es das Ansehen hat : so hat der Verfasser den Reuchlin sehr ungeschickt angeführet ; den Reuchlin , sage ich , welcher vor dem Erasmus vorherge - gangen und nicht nachgefolget ist . Wenn hier kein Druckfehler ist , so werden Peter Martyr und Martin Bucer sehr übel zum Muster ange - führet , weil Erasmus vorhergegangen ist . Man füge dazu . daß Peter Marryr den Namen Vermilius nicht in den Namen Martyr verwan - delt hat : Er hat sich seine ganze Lebenszeit Petrus Martyr Vermilius nennm lassen ; die zween ersten waren seine Taufnamen , der andere war sein Familienname . Es ist wahr , daß man ihn der Kürze , oder anderer Ursachen halber , viel öfter unter dem Namen Martyr , als un - ter dem Namen Vermilius angeführet hat . Den Bucer betreffend , so hat er den Namen AretiuS Felinus , nur auf dem Titel irgend eines Bu - ches angenommen : es ist also keine Aehnlichkeit unter dem , was er ge - »han , und unter der Namensveränderung unstrS Erasmus .
Die Worte des TheovbilusRaynaud haben seinem großen Bewunderer Veit Patin miSfallen Ich wundere mich , saget er im 277 Briefe des ll Bandes , wie ein gelehrter Mann , dergleichen der p . Theophilus Raynaud ist , sieb , u eben dergleichen Lästerungen hat verleiten lassen . Es ist wahr , daß Erasmus ein - Hurkind und priesterssoh» gewesen , wie man leicht in seinem Äeben sehen kann , das er selbst geschrieben hat . Gleichwohl sind die Mönche nicht die ersten gewesen , die ihm das Unglück seiner Geburt vorgeworfen : dieß ist Scaliger , der Vater , in seinem Cicei onianus , und nach diesem die ganze Bruderschaft der Mönchskappen gewesen . Dieser Schriftsteller hatte erst gesagt , daß Erasmus niemal» ein Mönch gewesen , daß er nur das Probesahr in einem Collegio der Augw stjnerdomberren gehalten , wohin ihn sein Vormund im re seines Alters gesteckt hatte , in der Meynung , ihn darinnen bleiben zu lassen , um sein Vermögen zu haben ; allein der gute Rauz wollte nicht dran . Ich weis wohl , daß einige gesagt ha< den , er hatte da« Gelübde abgelegt .
Es findet sich hier etwas zu tadeln . Zum I . steht es einem Manne nicht wohl an , welcher des ErasmusPartey mir solcher Hitze nimmt , als dieser Arzt , daß er ohne einige deswegen gegebene Erläuterung bekennt , es sey dieser große Mann ein Priesterssohn gewesen . II . Ist es zwar wahr , daß ihm Julius Cäsar Scaliger deswegen Borwürfe gemacht , al - lein nicht in seinem Liceromanus , sondern vielmehr in dm zwoen Reden , die er wider des Erasmus Ciceronianum gemacht hat . Die zwey cke Scaligers sind betittelt , das eine pro M . Tullio Cicerone contra Defid . Erafmum Roterodamum , Oratio I ; das andere , contra Delider . Erafmum Roterodamum , Oratio II . III . Endlich ist eS sehr wahr , daß Erasmus in dem Orden der Augustinerdomherren da« Gelübde ab - gelegt . bekenne , daß er vor Endigung des Probejahrs große Lust gehabt . sich von ihren Händen los zu machen , und durch die Ablequng seiner Gelübde , die viel weniger eineHandlung seines Willens , als die Wir - kung einer natürlichen Furchtsamkeit gewesen , die ihn verhindert , seiner Einsickt und Neigung über alle die verschiedenen Maschinen den Sieg zu verschaffen , womit man seinen Geist betäubte : allem endlich nahm er
II Sand .
dennoch das Joch aus sich , wie er selbst in seinem Leben mit diesen ten : Parantem abire ante profeflionem partim pudor humanus , tim neceffitas coercuit , und in einem langen Briefe an den Lambert GrunniuS bekennt . In fumma , vicerunt improbitate . Adolefcens et animo abhorrens et verbis relu & ans , coadhis eft capiftriimaccipere , non aliter quam bello capti vinciendas manus vidtori praebent , vt diutinis vifti tonnentis faciunt , non quod volunt , fed quod co'llu - buit potentiori . Erafm . Epift . V , Libr . IV , pag . 1291 . Und da ihm die Vorsehung einen Erlöser erweckte , der ihn aus den Klosterinauern gezogen , ich will sagen , einen Bischof von Eambrai , der ihn zu einer Reise nach Rom bey sich haben wollte : so hat er sich nicht mit der Erlaubniß seines Bischoss begnügt , sondern auch seines Priors Erlaubniß darzu ae - sügt , adiunxit auftoritatem Prioris et Generalis ( ebendas . in seinem Le - ben ) und das Ordenskleid viele Jahre behalten . Nec horum quic - quam fadhun eft , saget er ebendas . im V Briese IV B . 129 . S wem , er zum GrunniuS von sich selbst redet , nifi permiflu atque adeo iitfu Epifcopi ordinarii , permiflu Praepofiti , tum domeftici tum genera , Iis , denique cum pace totius Sodalitatis . Qiiamquam autern eflet libera confcientia , feiretque fe voto adaflo non teneri , illud tarnen interim dedit - - - ne veftem mutaret .
( E ) Es ist nicht wahr , - - - daß Erasmus einen langst , - men Ropf gehabt . ] In Holland geht eine Sage herum , die mir übel gegründet zu seyn scheint : daß " ämlich Erasmus anfänglich einen so lang ! amen und trägen Verstand gehabt , daß man viele Jahre anwen» den müssen , ihn etwas zu lehren . Man bedienet sich so gar dieses Beyspiels , die Väter und Mütter zu trösten , deren Kinder nicht viel ler« nen ; und dieses erinnert mich der Comödie des Kranken in der EinM» dung , wo Diafoirus von seinem Sohne Thomas saget . Daß er , da er noch klein , niemals dassenige gewesen , was man hämisch und aufgeweckt nennet , daß man ihn allezeit stille , ruhig und still - schweigend ges hen ; daß er niemals ein Wort gesagt , und nie - mals solche kleine Spiele getrieben , die man Rinverspiele nen - net : daß man alle Mühe von der Xvelt gehabt , ihn lesen zw ren ; und daß er schon neunIahre alt gewesen , da er die Such ? staben noch nicht gekannt . Gut , jagte der Vater hierauf zu sich selbst , die langsamen Saume tragen die besten Früchte . Man schrei , bet viel schwerer in den Marmor , als in den Sand ; allein die
Siehe die Anmerkung ( N ) bey dem Artikel Xenokrates . Man sag ? , ' es sey Thomas vonAqmn , der einen so durchdringenden und weitlausti - gen Verstand gehabt , unter währenden seinen Studien für einen dummen Tölpel gehalten , und von seinen Schulgefährten der stumme Gchse aenennt worden Suarez , welcher einer von den spitzfindigsten lastikern des XVII Jahrkunderts gewesen , hat seine philosophischen Studien mit so schlechtem Fortgange getrieben , daß er sich für gend gehalten , sein Lebtage darinnen fortzukommen . Alegambe , blioth . Script . Söc . Iefu pag . 136 . Wenn also dasjenige , was so viel ehrliche Leute vom Erasmus sagen , w«hr wäre , so hätte man nicht Ur - fache , sich hierüber zu verwundern ; allein die Frage ist , ob es nicht eine Fabel seyn kann ? Ich glaube , ja , und ich gründe mich auf etwas . das ich in einer Rede des David Ehyträus , de laudibus Weftphaliae gelesen habe , und auf etliche andere Zeugnisse . '
ChyträuS erzählet , daß Rudolph Agricola , nachdem er die Arbeiten der Schüler seines Freundes Hegius gelesen , der die Schule zu Deventer sehr berühmt gemacht , des Erasmus seine für die beste unter allen aef . m - den , und diesen jungen Schüler zu sehen gewünschet , der damals . 4 Jahre alt gewesen . Andere , als z . E . Melchior Adam im Leben des Eras - mus , geben ihm nur 12 Jahre . Man ließ ihn ans der Elasse holen , den Agricola zu grüßen , der ihn bey dem Hintertheile des Kopf« genom - men , und , nachdem er ihn genau angesehen , zu ihm gesagt : du wirst einmal ein großer Mann werden . Wenn Erasmus nicht einige Züge eines reisen Verstandes und Urtheil« angebracht hätte , so würde Agricola nicht neugierig gewesen seyn , ihn zu sehen . ES ist also in die - ser Schularbeit etwas artiges und scharfsinniges gewesen , das für einen so guten Richter , als Agricola gewesen , schon viel geheißen haben muß . Bucholcer , Ind . Chron . pag . m . 420 . saget , daß Agricola diese Schrift den andern vorgezogen , Propter inuentionis acumen , orationis miri tatem , et figuras apte ceu flofculos interfperfos . Val . Andrejs , Bibl " Belg . pag . 17t . bedienet sich derselben Worte , und Melchior Adam auch' in Vit . Hegn . Kann man nun wohl sagen , baß ein Schüler einen gen und langlamen Geist hat , wenn er im zwölften oder vier - - kn ? - n Jahre solche Proben seiner Stärke giebt ? Man muß auch wohi bedem km , daß man zur selbigen Zeit die Studien der Kinder nicht mit sol - cher Uebereilung tti^ altS fjeutige« Tage« , und daß eine ungemeine Barbarey in den Schulen herrschte .
Dasjenige , was ich , nach dem Beatus Rhenanus , davon sagen will , wird vielleicht die Sage noch besser widerlegen , die ich gegenwärtig be - streite . Dieler Autor erzählet , daß Johann Sintheim , einer von den besten Schullehrern zu Deventer , so vergnügt über ben Fortgang des Erasmus gewesen , daß er ihn eines Tages umarmt , und mit diesen Worten geküßt , nur fttfch , du wirst einmal den höchsten Gipfel der Gelehrsamkeit erreichen . Complexus aliauando puerum : maöe ingenio , Erafme , inquit , tu ad fummum eruditionis faftigjuui oliin peruenies , fimulque ofculum dedit et dimifit . Beat . Rhenan Epift . praefixa Operibus Erafini , Ausgabe von 1540 . Erasmus war noch nicht vierzehn Jahre alt . Seine Mutter hatte ihn im neunten Jahre nach Deventer gebracht , und von Utrecht weggenommen , wo er ein Chorknabe in der Cathedralkirche gewesen . Sein ©eilt leuchtete s° gleich hervor ; er begriff in einem Augenblicke , was man ihn lehrte ; er behielt es wohl , und ubertraf alle feine Mitschüler . Er konnte denTe - renz und Horaz auf den Fingern auswendig , so gut war sein Gedächtnis und so scharf war sein Verstand . Ingenium Erafmi mox eluxit , quum fta - tim , quae dicebantur , perciperet , et Kdeliter retineret aequaies fuot omnes fuperans . - - ruit memoria feiieiffima , nam puer totum Te - rentium et Horatium memoriter complexus eft . Ebendas . Terentii Comoedias puer non fecus tenebat ac digitos fuos , memoria nam - quefuittenaciflima , mgenio perfpicaciflimo . Ebendaselbst . Epift» Dedicat . Openb . Origenis praefixa . Dieses Ichret uns RhenamiS , und er verdienet mehr Glauben , als die gemeine Meynung , davon ich Sff» keinen

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