Creator:
Bayle, Pierre Gottsched, Johann Christoph La Croze, Maturin Veyssiere
PURL:
https://dibiki.ub.uni-kiel.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:8:2-7997

402 Epikur .
zet , indem sie einen andern vermieden : Incidu in Scyllam cupiens vi . tare Charybdim . Siehe Erafm . Chil . I . Cent . V . num . 4 . sie haben das unabhängige Daseyn der Materie erkennen , und es gleichwohl der Gewalt eines andern Wesens unterwerfen müssen . Sie haben beken - nm müssen , daß das nothwendige Daseyn einer Substanz zukommen könne , welche außerdem ganz mit Mängeln und Unvollkommenheiten überladen ist : welches einen höchstdeutlichen Begriff umwirft , daß lich dasjenige , welches von nichts abhänget , wie es nur Namen haben mag , um ewig dazuseyn , auch an Vollkommenheit unendlich seyn muß ; denn wer sollte wohl derjenige seyn , der der Macht und den Eigenschaft ren eines solchen Wesens Grenzen gesetzet hätte ? Mit einem Worte , sie Haben die meisten Schwierigkeiten zn beantworten , die Epikur , wie ich voraus gesehet , den Platonikern hätte vorlegen können , welche die Ewigkeit der Materie zuließen . Man merke , daß man versichert , es habe Socinianer gegeben , welche wegen der Schwierigkeiten , die sie in dem Lehrsatze eines materialischen Ursprungs gesunden , der durch sich selbst sein Daseyn hat , und von Gott unterschieden ist , Spinosistcn gewor - den . Man schließe hieraus im Vorbeygebe» , daß es für die wahre gion höchst nützlich ist , zu zeigen , daß die Ewigkeit der Materie die Ver - nichtung der göttlichen Vorsehung nach sich ziehe . Man zeige durch dieses Mittel die Nothwendigkeit , die Wahrheit und die Gewißheit der Schöpfung .
Ich bin gewiß , daß einer von den größten Philosophen dieser Zeit , und zugleich der allereisrigsteScribent für die Lehren des Evangelii , mir hierinnen beystimmen wird , daß man durch Verfertigung einer Schutz - schrift Epikurs , so wie man sie ex hypothefi , in der vorhergehenden merkung gesehen hat , dem wahren Glauben viel Dienste leisten wird . Er lehret nicht nur , daß keine gottliche Vorsehung seyn könnte , wenn Gott die Materie nicht erschaffen Härte ; sondern auch , daß Gott nicht einmal wissen würde , ob eine Materie sey , wenn sie unerschaffen wäre . Ich will seine Worte ein wenig weitlauftiq anführen : die Socinianer finden ihre Verdammung darinnen . » . Wie dumm und lächerlich sind „ die Philosophen nicht ! Sie bilden sich ein , die Erschaffung sey un - . . möglich , weil sie nicht begreifen , daß die Macht Gottes groß genug ist , „ aus Nichts etwas zu machen . Allein begreifen sie wohl , daß die Macht „ Gottes vermögend ist , einen Splitter . zu bewegen ? Wenn sie Achtung „ darauf geben , so begreifen sie das eine nicht deutlicher , als das andre ;
„ weil sie keinen klaren Begriff von der Wirksamkeit oder der Macht „ haben . Solchergestalt , wenn sie ihrem falschen Grunde folgen , sollten „ sie auch versichern , daß Gott auch nicht einmal so mächtia wäre , der , , Materie die Bewegung zu geben . Allein dieser falsche Schluß , würde „ sie zu so ungereimten und gottlosen Gedanken verbinden , daß sie gar „ bald der Gegenstand der Verachtung und des Hasses , auch der uner - „ leuchtesten Leute werden würden . Denn sie würden sich bald genö - „ thiget sehen , zu behaupten , daß gar keine Bewegung oder rung in der Welt wäre ; oder wohl gar , daß alle diese Veränderungen 'keine Ursache hätten , die sie hervor brächte , noch eine Weisheit , die sie ordnete - - - Malebranche Meditations Chretiennes , IX .
Medit . num . z . pag . m . 140 . „ Wenn die Materie unerschaffen wäre , so könnte sie Gott nicht bewegen , noch etwas daraus bilden . Denn ' . Gott kann die Materie nicht mit Weisheit bewegen , oder einrichten ,
' . ohne daß er sie erkennet . Nun kann sie Gott nicht kennen , wenn er , F>r nicht das Wesen giebt . Denn Gott kann sein Erkenntniß al - „ lein aus sich selbst nehmen . Nichts kann in ihm wirken , noch ihm „ Licht geben . Wenn also Gott das Daseyn der Materie nicht aus sich „ selbst , und durch die Erkenntniß , die er aus seinem Willen hat , sähe , „ so würde sie ihm ewig unbekannt bleiben . Er würde sie also nicht mit „ Ordnung einrichten , noch das geringste Werk daraus bilden können . „ Nun gestehen die Philosophen so wohl , als du , daß Gott die Körper bewegen kann . Also müssen sie erkennen , ob sie gleich keinen klaren " Dkqnff von der Macht oder Wirksamkeit haben , noch die geringste " Verbindung unter dem Willen Gottes , und der Hervorbringung der " ö'reaturen sehen ; daß Gott die Materie erschaffen hat , wenn sie ihn " nickt ohnmächtig und unwissend machen wollen : welches aber den Begriff , ''den man von ihm hat , . verfalschen und sein Daseyn leugnen hieße . , , Ebendaselbst Num . 5 . «4« . - 4 - S .
Erdichtung eines Streits , zwischen vcm Lpikur und einem heidnischen Priester .
Wir wollen diese Anmerkung nicht eher , als nach dieser gemachten Beobachtung beschließen . Ich habe den Epikur wider einen schen Weltweisen disputiren lassen . Dieses hieß seine Vortheile nicht in Acht nehmen ; denn er würde viel leichter mit den meiste« , von allen andern Secten , als mit des Plato seiner , zum Zwecke gekommen seyn .
Allein sein größter Vortheil wäre gewesen , wider einen Priester zu dispu - ren . Wir wollen einen Versuch davon geben . Wir wollen dichten , daß Epikur zu ihm gesaget : du schiltst mich für einen Gottlosen , weil ich lehre daß sich die Götter mit der Regierung der Welt nichtvermengen : und ich beschuldige dick , , daß du nicht Vernunftschlüsse machen kannst , und außer diesem den Göttern groß Unrecht thust . Heißt dieses wohl dem Lickte der Vernunft folgen , wenn man glaubet , baß Jupiter alle Gewalt über die Melkmaschine hat , er , der ein Sohn SaturnS , und ein Enkel des Himmels ist ? Es kömmt einer neugebackenen Gottheit , wie er , unvergleichlich wohl zu , die Materie zu regieren , die ein ewiges und unab , hängliches Wesen ist . Wisse , daß alles dasjenige , was einen Anfang hat , in V - rgleichung gegen die Ewigkeit , nichts als gestern und heute ist .
Wirf doch also die Ordnung nicht um , indem du die Materie des gan . zen Weltqebäudes einem so jungen Gotte unterwirfst . Wir wollen zum andern Puncte schreiten , antworte mir , wenn es dir gefällt : sind die Götter über ihre Regierung vergnügt , oder misverynügt ? Gieb wohl Acht auf mein Dilemma : sind sie mit dem vergnügt , was unter ihrer Vorsehung vorgeht , so haben sie Gefallen an , Bösen ; sind sie misver - anügt , so sind sie unglückselig : nun ist es wider die gemeinen Begriffe , daß sie das Böse liebten , und nicht glückselig wären . Sie lieben da«
Böse nicht , antwortet der Priester ; sie sehen eö als eine Beleidigung an , die sie ernstlich strafen : hiervon kommen Pesten . Kriege , Hungersnoth , Schiffbrüche , Überschwemmung . u . s . w . Ich schließe aus deiner Ant - wort , würde Epikur erwiedern , daß sie unglückselig sind : dmn es kann kein unglückseliger Leben seyn , al« wenn man unaufhörlichen Beleidi - gungen ausqefetzet , und beständig gezwungen ist , sich deswegen zu rä - che» . Die Sünde Hörer unter den Menschen nicht auf ; es ist also nicht
eine einzige Minute im Tage , da die Götter nicht Beschimpfungen er - litten : Pest , Krieg , und die andern Drangsale , die du erst genennet hast , hören niemals auf dem Erdboden auf ; denn wenn sie sich in einem Lande zuweilen mdigen , so hören sie doch in Absicht auf die andern VoU ker nicht auf : und also sind die Götter kaum fertig geworden , sich an ei - ner Nation zu rächen , so müssen sie schon wieder anfangen , eine andre zu bestrafen . Immer wieder von vorne anfanaen ; was für ein Leben ist dieß ? Was könnte man seinem Todfeinde wohl abscheulichers wünschen ? Hoftibus eneniant talia dona ineis ! Ich wollte ihnen lieber einen ruhigen Stand zutheilen , und nicht die geringste Sorge . Allein , wird der Priester sagen , so willst du also , daß sie die Unordnungen des menschlichen Geschlechts , mit kaltem Blute ansehen , und keine Hülst ! - Mittel dagegen anwenden sollen ? Ist ihnen diese Gleichgültigkeit wohl rühmlicher ? Sind sie nicht seit der Zeit gewesen , da der Himmel gemachr gewesen ? wird Epikur sagen : sagest du nicht , daß der älteste von den Göttern , den Himmel für seinen Großvater rechnet ? Sie Häven also die Welt nicht gemacht ; so gehöret es denn nicht für sie , an demjenigen Theil zu nehmen , was auf der Erde , oder anderwärts vorgeht ? Sie wissen , daß die Materie von Ewigkeit da ist , und daß man die Nothwendigkeit des Schicksals bey denen Wesen nicht ändert , die durch sich selbst da sind ; sie lassen also dem Strome seinen Lauf , und unter nehmen es nicht , eine unveränderliche Ordnung zu verbessern . Man darf sich nicht verwun - dern , daß ihre Vollkommenheiten eingeschränkt sind : denn du bekennest , daß die Vollkommenheiten der Materie , die von Ewigkeit da ist , sebr klein sind . Deinem Jupiter und seinen Beysitzern , im himmlischen Ralye steht essehr übel an , wenn sie die Unkeuschheitstrafen wollen ; sie , die ih - ren Ehgemahlinnen so ungetreu sind , und so viele Jungfern geschändet haben . Zum wenigsten wirst du nicht leugnen können , wird der Prie - ster erwiedern , daß die Lehre von der Vorsehung nicht viel dazu dienen sollte , die Völker in ihrer Pflicht zu erhalten . Davon ist die Rede nicht , wird er versetzen ; verändre den Inhalt unsers Srreirs nicht . Wir untersuchen nicht , was als eine nützliche Erfindung könnte seyn eingeführer worden ; sondern dasjenige , was sich nach dem Lichte der Vernunft , als wahrhaftig ergiebt .
( V ) Nichts ist erbärmlicher als seine Art ? - - - die Freiheit - - - yu erklären . ^ Es ist keine Lehrverfassung , woraus die unvermeidliche Nothwendigkeit aller Dinge offenbarer fließt , als die - jenige , welche Epikur dem Leucippus und Demokritns abgeboraet hat ; denn dasjenige , was sie gesaget , die Welt habe sich von ungefähr oder durch eine uuvermuthete Begegnung der Atomen , gebildet , schließt nichts , als die Regierung einer vernünftigen Ursache aus ; und bedeutet nicht , daß die Hervorbringung der Welt , nicht die Folge von den ewigen und norhwendiqen Gesehen der Bewegung der körperlichen ersten fänge wäre . Es ist auch gewiß , daß Demokritus alle Dinge einem drin - genden Verhängnisse zugeeignet hat . Quum duae fententiae fuiflent veterum Philofophonini ; vna eorum qui cenferent , omnia ita fato fieri , vt id fatum vim neceffitatis afferret , in qua fententia DEMO - CRITVS , Heraclitus , Empedocles , Ariftoteles fuit : altera eorum , quibus viderentur fine vllo fato efle animomm motus vohintarii : Chryfippus , tanquam honorarius arbiter , etc . Cicero , de Fato , cap . XVII . siehe weiter unten die aus dessen X Cap . angeführte Stelle . Epikur , der sich nicht zu einer Meynung bequemen konnte , die seine gan - ze Sittenlehre umzuwerfen , und die menschliche Seele in den Stand einer Maschine zu versetzen schien , hat in diesem Puncte das Lehrge - baude der Atomen verlassen , und sich zu der Pattey derer geschlagen , die die fteye Wahl in dem Willen des Menschen zuließen . Er hat sich wider die unvermeidliche Nothwendigkeit erkläret , und auch unnützliche Vor - sichten gebraucht : denn aus Furcht , daß manschließen möchte , es ge - schahe alles unvermeidlicher weise , wenn jeder Satz entweder wahr oder falsch wäre ; so hat er geleugnet , daß jeder Satz wahr oder falsch sey . Man sehe den Cicero , de Natura Deor . Libr . I . cap . XIX . u . f . und Quaeft . Acadetn . Lib . IV . cap . XIII . Unterdessen hätte er dieses zuge - den können , ohne daß jemand daraus die Nothwendigkeit des Schick - sale , ( fatum ) vernünftiger weise hätte schließen können . Man achte wohl , auf was für Art Cicero die Wahrheit desjenigen zeiget , was ich itzt gesaget habe . Licet enira Epicuro concedenti , omne enuncia - tum , aut verum , aut falfum efle , non vereri , ne omnia fato fieri fit necefle . Non enim aeternis caullis naturae neceflitate tnanantibu» , verum eft id quod ita enunciatur : Defcendit in Academiam Carnea - des , nec tarnen fine canffis . Sed intereft inter caufläs fortuito ante , grefläs , et inter caufläs cohibentes in fe eflicientiam naturalem . Ita et femper verum fuit : Morietur Epicurus , quum duo et feptuaginta annos vixerit , ArchontePitharato ; neque tarnen eranteaufläe fatales , cur ita accideret : fed quod ita cecidiflet , certe cafurum ficut cecidit fuit . Ebendaselbst de Fato , cap . IX . Diese Lehre des Cicero , ist in der Philosophie der Jesuiten weitlauftig entwickelt worden : es sind keine Philosophen eiftiger , als sie , zu behaupten , daß duarum propofitionura contradi & oriar 11 m de futuro contingenti , altera eft determinate vera , altera falfa ; und gleichwohl sieht man nicht viel Leute , die sich mehr , als sie , für die Freyheit der Gleichgültigkeit erklärten . Wir wol - len daraus schließen , daß es Mittel giebt , den freyen Willen des Men - schen , mir dem Lehrsatze , daß jeder Say wahr oder falsch ist , zu vergleichen . Wie aber Epikur seiner Sache nicht sehr gewiß war , so hat er sich zu verwirren besorget , wenn er diese Lehre nicht leugnete : er hat nicht alle die Grenzen und Zugange davon gekannt ; und also hat er lieber , um das sicherste zu spielen , bey dem Verneinen bleiben wollen . Chrysippus hat nicht viel mehr Licht gehabt ; denn er hat gealaubet , daß man , wenn man nicht bewiese , daß ein jeder Satz ganz falsch oder ganz wahr sey , niemals den Zweck erreichen würde , zu beweisen , daß alleDin , ge , vermöge der Gewalt des Schicksals , geschähen . Contendit omnes neruos Chryfippus , vt periuadeat omne aut verum efle , aut
falfum . Vt enim Epicurus veretur , ne , fi hoc conceficrit , conce - dendum fit , fato fieri , quaecunque fiant ( fi enim alterutrum ex aeter . nitate verum fit , efle id etiam certuni : etficertum , etiam neceflä - rium : ita et necrflitatem et fatum confirmari putat , ) fic Chryfippus metuit , ne , fi non obtimierit , omne quod enuncietur , aut verum efle aut falfum , omnia fato fieri poflint , ex cauflis aeternis rerum futura - rum . Ebendaselbst X Cap . Weder einer noch der andre von diesen zweenen großen Weltweisen hat begriffen , daß die Wahrheit dieser Grund , lehre , ein jeder Say ist - nieder wahr oder falsch , unabhängig von demjenigen ist , was manVerhcmgniß ( fatum ) nennet ; sie hat als» nicht zum Beweise von dem Daseyn dieses Verhängnisses dienen kön -
nen ,

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