Creator:
Bayle, Pierre Gottsched, Johann Christoph La Croze, Maturin Veyssiere
PURL:
https://dibiki.ub.uni-kiel.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:8:2-7985

erkennen , daß sich Gott niemal« in einem solchen Falle befinden kann ; aber wir haben keine Begriffe , zu erkennen , daß , wenn er sich Unmöglich - keil halber darinnen befände , er nicht zu beklagen , und höchst unglückselig seyn würde . *
* Dieser Einwurf , den Herr Bäyle für den stärksten hält , soll Unsern Platoniker auch nicht erschrecken . Er wird nämlich sagen : die Seligkeit Gottes ist , ungeachtet der Schöpfung der Welt , in völliger Sicherheit . Einen unendlichen Verstand ermüdet auch das weitläuftigste Erkenntniß nicht . Nur ein fauler Epikur liebet seine Ruhe dergestalt , daß er lieber Tag und Nacht schlafen , als sich um die Regierung de« gemeinen Wesens bekümmern will : und sei - ne müßigen Götter sind Hirngespinnste , die ihm ähnlich sind . Allein derjenige Verstand , der alles wußte , was er schaffen wollte , ehe «res schuff , brauchet gar keine Mühe , es zu überdenken , oder zu regie - ren . Er sieht es vielmehr mit Lust an , weil alles nach seinem Wun - sche geht . Die Unordnungen , die er darinnen sieht , sind freylich auch von ihm vorhergesehen worden ; sie waren aber so groß nicht , in Gegenhaltung des unendlichen Guten , das damit verknüpft war ; daß er seinen Rathschluß deswegen hätte ändern sollen . Er schuff also die Welt , wie sie sein Verstand unter tausend ander» möglichen Welten , davon er die Ideen oder Grundrisse in sich hat - te , seiner Wahl würdig , das ist , als die beste unter allen möglichen befand . Hier war nun etwas Böses mit vielem Guten unzertrenn - lich verbunden . Jenes zu hindern , das gieng nicht an , ohne diese« letzte zu hemmen . Gotte« Weisheit erlaubte also das erste , lim des andern willen . Betrachtet also ein endlicher Verstand das Böse in der Welt nur einzeln , und außer dem Zusammenhange : so mis - fällt es ihm freylich . Allein so sieht Gott die Dinge nicht an . Erj steht allesauf einmal , in der herrlichsten Verbindung aller Thei - le . Hier ist nun nichts umsonst , nichts schlecht , nicht« verwerflich : weil es etwas zur Vollkommenheit des Ganzen beyträgt , welche« da« Meisterstück seiner Macht : und kurz , ein Spiegel aller seiner Vollkommenheit ist . Weit gefehlt also , daß Gott misvergnügt seyn sollte , weil er seinen Zweck nicht erreichen kann : so erfreuet er sich vielmehr ohne Unterlaß , weil er denselben im Ganzen so voll - kommen erreichet hat , daß er sich alle Augenblick ? an der tung seiner so untadelichen Wahl vergnügen kann . Seine Absich - ten schlagen ihm in der That niemals fehl , wenn es gleich Ge - schöpfen , die ein so kurzes Gesicht haben , wie wir , bisweilen so be - dünket . Man lese hiervon nach , was der große Leibnitz in seiner Theodicee hin und wieder , sehr erhaben und geistreich geschrieben hat ; sonderlich in der Fortsetzung des Gespräches , welches Laurenz Valla angefangen hatte , und welches den Schluß des dritten Thei - les ausmachet . Imgleichen lese man des Ritters Ramsay reisen - den Cyrus nach , wo er in Babylon , den Priester Eleasar redend einführet ; welcher so wohl , als der berühmte Pope , in seinem suche über den Menschen , diese Materie nach leibnitzianischen Be - griffen abgehandelt hat . ( B .
VII . Wenn man darauf voraus setzet , daß er , anstatt ein solche« Werk zu Grunde zu richten , vielmehr darauf beharre , dasselbe zu erhalten , und ohne Ende und Nachlaß , entweder an der Verbesserung seiner Mängel zu arbeiten ; oder es so zu machen , daß sich dieselben nicht vermehren : so giebt man un« den Begriff der allerunseligsten Natur , die man sich nur vorstellen kann . Er hätte einen prächtigen Pallast erbauen wollen , um den belebten Creaturen darinnen , die au« dem unförmlichen Klum - pen der Materie hervor kommen sollten , ihre gemächliche Wohnung zu geben , lind sie mit Wohlthaten zu überhäufen : und es hat sich ge - funden , daß diese Creaturen einander auffraßen , und unvermögend wa - ren , da« Leben zu erhalten ; wenn nicht da« Fleisch der einen den andern zur Nahrung diente . E« hat sich gehenden , daß auch das vollkommenste von diesen Thieren da« Fleisch von seines gleichen nicht schonte : e« hat Menschenfresser gegeben , und diejenigen , die sich nicht in diese Unmensch - lichkeit stürzten , haben gleichwohl einander verfolget , und dem Neide , der Eifersucht , dem Betrüge , dem Geize , der Grausamkeit , den Krankhei - ten , der Kälte , der Hitze , dem Hunger , u . d . m , zum Raube gedient . Kann ihr Urheber , der unaufhörlich mit der Bosheit derjenigen Mate - rie , die diese Unordnungen zuwege bringt , ringen muß ; ( Verum reb>
Epikur . 401
die Menschen jährlich 10000 mal mehr von diesen letztem schlachten , als von den erstem auf der Jagd erlegen . Daß es Menschenfresser giebt , ist eben so wenig ein starker Vorwurf , als daß es Giftmischer und Mörder giebt . Ihre Zahl ist so geringe gegen die andern , daß man die Weisheit Gottes darinnen bewundern muß . Die Ver - folgungen der übrigen gegen einander sind gleichfalls gegen die Dienste , die sie einander erweisen , für wenig oder nichts zu rech - nen . Di« Menschen dienen einander , auch ohne eS zu wissen , und machen einander oft auch dadurch glücklich , womit sie andern zu schaden scheinen ; z . E . wenn die Diebe , einer ganzen Schlösserhand - thierung den Ursprung gegeben , und also vielen tausend Menschen das Brodt verschaffer . Die Leidenschaften der Menschen dienen zu Triebfedern ihrer eigenen und anderer Glückseligkeit ; so , wie ei - ner Gluckhenne ihre Liebe zu den Jungen zu deren Erhaltung , und einemHasen seineFurchsamkeir zu seiner Wohlfahrt beförderlich ist . Sieht man auch die Anzahl derer , die wirklich arm , krank , elend , gebrechlich u . d . g . sind , so sind sie nicht der tausendst«Theil derer , die weder eins noch das andere sind . Es giebt noch immer mehr wohl - habende Leute , als Bettler ; mehr Gesunde , als Kranke ; mehr gerade , als preßhafte Leute ; mehr Wohnhäuser , als Hospitäler und Lazarethe . Auf unzähligen Wegen , darauf man viele Meilen rei - set , steht weder Galgen noch Rad ; und wo man hin und wieder dergleichen sieht , da dienen sie , gleich den Vogelscheuchen , nur zum Schrecken . Ein wenig Vernunft , und etliche gute Gesetze , haben die Boshaften , die doch allenthalben sehr selten sind , so blöde gemacht , daß sie nur selten zu Uebertretern werden . Warum sollte also Gott unglücklich seyn , wenn er den Menschen so betrachtet ? indem er es wohl weis , daß er sie zu keinen Engeln gemacht hat ; und sie noch immer als das Haupt sichtbarer Geschöpfe auf dem Erdboden findet , dem er alles unter seine Füße gethan . Ein mehreres davon , will ich bey andrer Gelegenheit , vielleicht in der Vorrede diese« Bandes , ausführen . UebrigenS schlage man nach , was der ge - lehrte Cudworth , in seinem Syft . Intel ! , nach Herrn Abts Mos« heims Übersetzung , wider die Epikuräer so gelehrt , als gründlich ge - schriebe» hat . G .
Ich sage nichts , was nicht sehr wahrscheinlich wäre , wenn ich voraus setze , daß sich Epikur eingebildet , es würde die Götter bald gereuet haben , die Welt gemachet zu haben ; und es würde die Mühe , ein so ungelehriges und widerspenstiges Thier , als der Mensch ist , zu regieren , ihre Glückseligkeit be» unmhiget haben . Sehen wir nicht in der heiligen Schrift , daß sich der wah - re Gott , der sich nach unsern Kräften richtet , als ein Wesen offenbaret hat , dem es , nachdem er die Bosheit de« Menschen erkannt , gereuet hat ; und daß es ihn verdrossen , denselben erschaffen zu haben . ( I B . Mos . VI , s , 6 . ) und als ein Wesen , das sich über den schlechten Fortgang seiner Mühe erzürnet und beklaget . S . den Esaias am V , und hin und wieder in den Pro - pheten und Psalmen . Zu Israel aber spricht crden ganxenTag habe ich meine - Hände ausgestreckt ju dem Volke , Das ihm nicht sitgen laßt und widerspricht . Röm . X , - , . Ich weis wohl , daß uns eben dasselbe Buch , welches uns alle diese Dinge berichtet , auch den Be - griff verbessern lehret , den es uns anfänglich vorstellet ; allein Epikur , dem es an dem Lichte der Offenbarung gemangelt , hat seine Philosophie nicht verbessern könne« . Er hat nothwendig dem Wege folgen müssen , dem ihm ein solcher Wegweiser zeigte . Und da er nun demselben ge , treulich gefolget ist , und sich auf diese zween Grundsätze gesteifet hat : erstlich , daß die Materie ihr Daseyn von sich selbst hätte , und sich nicht nach dem Verlangen Gotte« handeln ließe ; und zum andern , daß die Gluckseligkeit Gotte« nicht im geringsten von der Welt beunruhiget wer« den könnte : so hat er seinen Hasen in diesem Schlüsse finden müssen , daß nämlich keine göttliche Vorsehung rvare . Wir werden hieran« ei - «ige Folgerungen zum Nutzen der Wahrheiten der christlichen Religion ziehen . Man sehe die folgende Anmerkung . Man merke , daß wen , » ich den Epikur , anstatt eines PlatonikerS mit einem Priester von Athen hätte disputiren lassen , er den Sieg noch viel leichter davon getragen ha - ben würde . Siehe die folgende Anmerkung .
( T ) Das Lehrgebäude der heiligen Schrift ist das einzige , welches den Vortyeil hat , tüchtige Gründe von der Vorsehung und den Vollkommenheiten Gottes 5» legend Die Einwürfe Epikurs
Dens quod vult efficiat , an in multis rebus illurn traftanda defti - bie in der vorhergehenden Anmerkung vergeltet worden , und welche die tuant , et a magno artific« praue formentur multa ; non quia ceflät Philosophen des Heidenthums aufS äußerste bringen können , verschwin -
tnant , et a magno artific« praue formentur multa ; non quia ceflät ars , fed quia id , in quo exercctur , faepe inobfequens arti est . Sene - ca , in Pracfat . Libr . I . Quaeft . Natur . ) Und gezwungen ist , den Blitz beständig in derHand zu haben , ( - - neque Per noftrum patimur lcelus iracunda louem ponere fulmina .
Horat . Od . IJL Lib . I . v . 38 . )
und Pest , Krieg und Hungersnoth auf die Welt zu schicken , die nebst den Rädern und Galgen , davon die Heerstraßen wimmeln , nicht hindern , daß sich das Böse nicht erhält ; als ein glückselige« Wesen sehen werden ? Kann man glückselig seyn , wenn man nach einer vier - tausendjährigen Arbeit , in einem unternommenen Werke , und da« man zu vollenden gewünscht hat , noch nicht weiter gekommen ist , als den ersten Tag ? Ist diese« Unglücksbild nicht so redend , als Jxionö Rad , des Si - syphus Stein , und der Danaiden Tonne ? *
* Diese Vorstellung ist «« in der That werth , daß sie Herr Bayle dem Epikur in den Mund leger , dessen Einsicht in der taphysik so enge und eingeschränkt , als in der Naturlehre gewesen . Er stellet sich Gott auf eine so kindische Art vor , daß man sich dar« über wundern muß . Er kämpfet als ein Ohnmächtiger mit seinen Geschöpfen , die er aber nicht bezwingen kann . Was kann aber für einen Weltweisen schimpflicher seyn , als so einfältige Gedanken zu hegen ? Wenn ein Thier das andere ftißr , so thut es nichts , was der Absicht Gotte« mehr zuwider wäre , als wenn andere Thier« sich von Gra« und Kräutern nähren . So wenig diese , auch nur «ine einzige Art von Kräutern aus der Welt ganz auszurotten vermocht : so wenig haben auch alle fleischfressende Thiere nur eine ein - zige Art der andern vertilgen können . Die Zahl der Mücken , Fliegen und Gewürme , wirb allezeit unendlich großer seyn , als die Zahl der Vögel , denen sie zur Speise bestimmt sind . Und die Wolfe werden sich niemals so sehr vermehren , als die Schaft ; ohngeachtet II Vand .
den , in Ansehung derer , wie ein Rauch , welche die Offenbarlina aelebret hat : daß Gott der Schöpfer der Welt ist , so wohl wa« die Materie als was die Form betrifft . Diese Wahrheit ist von einer unschäkbaren W . cht . gke . t ; denn man zieht aus derselben , als aus einer fruchtbaren Quelle , die erhabensten und gründlichsten Lehren : und man könnte der - selben keinen widrigen Lehrsatz entgegen stellen ; wenn man nicht viele Hauptgrlindsatze der Beurtheilungskraft zu Grunde richten wollte . Daraus , daß Gott der Schöpfer der Materie ist , fließt , 1 , daß er mit der rechtmäßigsten Gewalt , die nur seyn kann , über die Welt nach seinem Wohlgefallen gebiethet . 2 . Daß er nur seinen Willen brauchet , alles zu thun , was ihm gefällt , z . Daß nichts geschieht , als was er in dem Enr - würfe seines Werkes fest gesetzer hat . Hieraus folget , daß die Regie - rung der Welt kein Geschäfte ist , welches Gott abmatten oder verdrieß - lich machen kann ; und daß es keine Begebenheiten giebt , sie mögen seyn wie sie wollen , die seine Seligkeit beunruhigen können . Eräugen sich Dinge , die er verbothen hat , und die er bestraft : so geschehen sie nicht wider seine Rathschlüsse ; sie dienen zu anbethenewürdigen Endzwecken , die er sich von Ewigkeit vorgestellet hat , und welche die allergrößten Ge - Heimnisse de« Evangelii sind . Allein die Wichtigkeit dieser Lehre von der Schöpfung besser zu erkennen , muß man die Äugen auf die unauf - löslichen Verwirrungen derer werfen , welchen diejenigen unterworfen sind , die sie leugnen . Man betrachte denn , was Epikur den Platoni - kern einwenden könnte , wie wir oben gesehen haben , und auch dasjenige , was man heutiges Tages wider die Soeiuianer sagen kann Sie haben die evangeliscl>en Geheimnisse verworfen , weil sie dieselben nicht mit dem Lichte der Vernunft vergleichen konnten . Sie würden keine Folge gehabt haben , wenn sie hatten zugeben können , daß Gott die Materie erschaffen hat : denn der philosophische Grundsatz , ex nihilo nihil fit , aus nichts rvird nichts , ist von einer eben so großen Deutlichkeit , als die Grund - satze , vermöge welcher sie die Dreyeinigkeit und die persönliche Vereint - gung geleugnet haben . Sie haben also die Schöpfimg geleugnet : lein was ist ihnen begegnet ? Sie haben sich in einen Abgrund gestür , Ee» zet ,

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