Creator:
Bayle, Pierre Gottsched, Johann Christoph La Croze, Maturin Veyssiere
PURL:
https://dibiki.ub.uni-kiel.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:8:2-7952

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Epikur .
sprochen , und diese ? zu beweisen , führet er dasjenige an , was Plutarch . da er wider den Epikur disputiret , wegen der zeitlichen Vortheile und des zeitlichen Glückes der Religion , beobachtet hat , und dasjenige , was eben dieser Plutarch an einem andern Orte behauptet hat ; daß der Aber - glaube arger wäre , als die Gottesleugnung . Tanaquil Faber , in der Vorrede seiner Übersetzung des ptutarchischen TractatS , vom glauben . Siehe auch zu Ende seiner Anmerkungen über diesen Tractat .
( 8 ) Einige Verrheidiger Epikur« hätten sich bemühen sollen , ZU zeigen , Saß seine Gottlosigkeit natürlicher xveise «US Sem ewigen Dasein der Materie flöße . ] Es ist unter den Naturlehrern des Heidenthums eine große Verschiedenheit der Meynungen , über den . Ursprung der Welt und über die Natur des Elements , oder der Ele - mente gewesen , daraus die besondern Körper , nach ihrem Vorgeben , ge - bildet worden . Einige behaupteten : es sey das Wasser der erste An - fang aller Dinge ; andere legten diese Eigenschaft der Lust , andere dem Feuer , andere den gleichartigen Theilchen u , f . w , bey : allein in diesem Puncte waren sie doch alle einig , daß die Materie der Welt unerschaf - fen wäre . Es ist kein Streit über die Frage gewesen : ob etwas auS nichts gemacht worden wäre ? sie sagten alle einhällig : daß dieß möglich wäre . Und folglich war die unabhängliche Ewigkeit , welche kur den Aromen zugeeignet , keine Meynung , welche die andern Seelen , in Ansehung dieses norhwendige» und unerschaffenen Daseyns . men konnten : denn eine jede unter denselben eignere dieselbe Dauer de» nen ersten Anfängen zu , die sie zulief ; . Nun sage ich , wenn diese losigkeit einmal fest geseht ist , daß Gott nicht der Schöpfer der - Materie sey : so ist es doch nicht so abgeschmackt , zu behaupten , wie die Epikureer thaten , daß Gott nicht der Urheber der Welt sey , und daß er sich mit derselben Regierung und Erhaltung nicht vermische ; als wenn man be - hauptete , wie viele andere Philosophen thaten , daß er sie gebildet hätte , daß er sie erhielte , und daß er derselben Regierer sey . Dasjenige , was sie sagten , war zwar wahr ; allein sie redeten gleichwohl ohne Äcrbin - dung , und dieß war eine hineingezwungene Wahrheit : sie gieng nicht durch die rechte Thüre in ihr Lehrgebäude ein , sie stieg zum Fenster hinein ; sie befanden sich nur darum auf dem guten Wege , weil sie von der Richtschnur abgewichen waren , die sie zu Anfange genommen hatten . Wenn sie gewußt hätten , denselben zu verfolgen , so würden sie keine Rechtgläubige gewesen seyn : und also wäre ihre Rechrgläubigkeit ein Bastard und eine Misgeburt gewesen ; sie wäre zufälliger weise aus ih - rer Unwissenheit entsprungen , denn sie hätten sie der Unfähigkeit tig zu schließen , zu verdanken gehabt . Dieser Vorwurf war noch viel stärker , in Absicht aus die Philosophen , die vor dem Anaxagoras gangen ; weil sie die Zeugung der Welt , ohne eine Dazwischenkunft des göttlichen Fingers erkläret haben . Siehe den Artikel Anaxagoras , in der Anmerkung ( F ) . Wenn sie nach diesem die göttliche Vorsehung zuließen , so schlössen sie viel übler , als diejenigen , die sie nicht zuließen : ehe und bevor sie vorausgesetzt , daß der göttliche Verstand über die Ent - Wickelung des Chaos , und die erste Bildung der Theile dieser Welt , die Aufsicht gehabt . *
* So scharfsinnig diese Anmerkung des Herrn Ba^e ist , daß nämlich alle alte Weltweisen von der Schöpfung der Materie nichts gewußt ; und daß die andern Philosophen in diesen ? Puncte sowenig rechtgläubig gewesen , als die Epikuräer : so unrichrg ist gleichwohl seine Folgerung , die er daraus zieht . Er meynet , Epi - kur habe weit richtiger geschlossen , daß eine Materie , die nicht von Gott ihren Ursprung genommen , auch nicht von seiner Regierung und Einrichtung abhängen könnte ; als Anaxagoras , der zwar eine ewige Materie geglaubet , gleichwohl aber die Einrichtung dersel - ben einem verstandigen Geiste , oder Gott zugeeignet . - Ich will hier noch nicht von der Wahrheit diese« Unheiles selbst reden ; denn ich werde weiter unten bessere Gelegenheit dazu haben . Ich will hier nur zeigen , daß die andern Weltweisen , sie mögen zu ih - rer Lehre gekommen seyn , wie sie wollen , doch einen weit vernünf - tigern Satz behauptet haben . als Epikur . Ich sage mit Fleiß , vernünftiger» , und nicht rechtgläubiger» , wie Herr Bayle spott - weise thur ; weil er in der Meynung steht , daß das vernünftige dem recbtglaubige» sehr oft zuwider ist . Ich aber , der ich mir unzähligen großen Männern das Gegelltheil glaube , behaupte das erste und andere zugleich : weil alles , was mit recht vernünftig heißen kann , mich rechtgläubig seyn muß , wenn die Offenbarung nur rechr verstanden wird . Ich sage also , daß außer dem Jrrlhu - nie , den alle Philosophen unter sich gemein hatten , die Meynung eines Anaxagoras , Sokrates , Platv , Zeno , und anderer mehr , vom Ursprünge der Welr , viel vernünftiger gewesen , als Epikurs seine . Denn 0 konnte dieser von keiner Sache . die in der Welt ordent - lich eingerichtet war , aus dem blinden Zufalle einen zureichenden Grund angeben : z . E . von dem künstlichen Baue der Thiere und der Pflanzen ; von den Gliedmaßen des menschlichen Leibes , als der Augen und Ohren : c . der Hände , der Zähne und aller innerli - chen Theile ; sonderlich aber der benden Geschlechter , und der zur Fortpflanzung der Arten nöthigen Werkzeuge : c . : c . davon die an - dern Weltweisen aufs beste zu urlheilen wußten ; wie Sokrates im Xenophon und Plato an verschiedenen Orten gethan . - ) Konnte Epikur auch nicht sagen : warum denn sein blinder Zufall , der ein - mal so allmächtig gewesen war , tausend schöne und ordentlich ein , gerichtete Dinge hervorzubringen , nunmehro >o ohnmächtig gewor - den , daß er nichts neues mehr wirkte , sondern es immer bey den alten Arten der Pflanzen und der Thiere bewenden ließe ; worauf aber die andern sehr wohl antworten konnten . Da» übrige , was hiervon gesagel werden kann , soll in dein folgenden vorkom - wen . ©•
Wenn ich weiter nichts davon sagte , so möchten sich die meisten von meinen Lesern einbilden , daß ich ein eben so gottloses Paradoxon vor - brächte , als die Lehre Epikurs selbst . Man muß also alles dieses sö zierlich , als möglich seyn wird , auseinander wickeln . In dieser Absicht muß ich anfänglich diesen Grund fest setzen , dag es nach dem Lehrge - baute aller heidnischen Philosophen , die einen Gott geglaubet , ein ges und nnerschaffenes , von Gott unterschiedenes Ding gegeben : dieses war die Materie . Dieses Ding hatte seinDaseyn bloß seiner eigenen Natur zu verdanken . Es hieng von keiner einzigen andern Ursach» ab ,
weder was stin Wesen , noch was sein Dasevn . noch was seine Eigen - schasten betraf . Man hat also nicht saget , können , wenn man nicht die Gesetze und Begriffe der Ordnung verletzen wollen , welcke die gel unserer Urtheile und unserer Vernunftschlüsse sind : daß ein anderes Wesen über die Materie eine so große Herrschaft ausgeübet , welcke sie ganz und gar verändert habe ; und folglich haben diejenigen , welebe ger : daß die Materie , da sie von sich selbst von Ewigkeit da geiveien , ohne eine Welt zu seyn , angefangen hat , zur Welt zu werden , da sich Gott darauf gelegt , sie auf hundert verschiedene Arten zu bewegen , sie an einem andern Orte zu verdicken , an einem andern zu verdiinnen , u . s . w . eine Lehre behauptet , welche die allerrichtigsten Begriffe verletzr , denen man sich beym Philosvpbiren gemäß zu bezeigen gehalten ist . Wenn also Epikur einen Platoniker geftager harte : saget mir , ieb te euch darum , mit welchem Rechte bat Gott Oer Materie den Zustand gerauber , rvorinnen sie von Ewiqkeit her gewesen ist 1 XPas hat er für eine Beftigmß 1 MOoher hat er seine Voll - macht bekommen , diese Verbesserung ; u machen 1 Was würde man ihm haben antworten können ? Hatte man die Befugniß auf die höhere Macht gegründet , damit sich Gott begabt gesehen ? Allein , hat , te man ihn nicht in diesem Falle , nach dem Geseke des Stärksten , und nach Art derjenigen unrechtmäßigen Eroberer handeln lassen , deren Auf - führung offenbarlich den . Rechte zuwider ist , und welche uns die Vcr - nunft und die Begriffe der Ordnung verdammlich finden lassen ? Hätte man sagen wollen , daß Gott , weil er viel vollkommener , als die Ma - terie , gewesen , dieselbe auch mir Reckte seiner . Herrschaft unterworfen hätte ? Allein , auch dieses ist den Begriffen der Vernunft nicht ge - mäß . Die allervomefflichste Person in einer Stadt hat kein Recht , sich zum Meister davon zu machen , und sie kann darinnen nickt recht - mäßiger weise herrschen , wenn man ihr nicht wenigstens die Gewalt auftragt . Mit einem Worte : wir erkennen keinen andern rechtmäßi - gen Titel der Herrschaft , als denjenigen , den man als eine Ursache , als ein Wohlthäter , als ein Kaufer , erlanget ; oder den die fteywillige Un - terwerfung u . f . w . übertragen kann . Nun hat nickts von allen diesen zwischen der unerschaffenen Materie und der göttlichen Natur statt : Man muß also schließen , daß sich Gott , ohne Verletzung der Gesetze der Ord , „ img , nicht zum Meister von dieser Materie machen können , um nach seiner Phantasie mit derselben zu fchalten . Will man mir dasjenige an« führen , was unter den Menschen und den andern Thieren vorgebtV die - jenige Herrschaft , die er über die Thiere ausübet , ohne daß er dieselben hervorgebracht , noch ernähret hat , ( man redet also , weil man die Men , scheu und die Thiere überhaupt uud keinen Menschen ins besondere be - trachtet , der dieses oder jenes Thier kaufet und ernähret u . s . w , > : so wer - de ich antworten , ( man setzet voraus : daß es Epikur ist , der dieß ant - worrer , und nicht ein Mensch , der das erste Buch Moses gelesen bat , welches die rechtmäßige Quelle der Gewalt ist , die wir über die Thiere ausüben . ) daß . da seine Bedürfniß oder seine Leidcnsckasten die Nickt - schnür dieser Herrschaft sind , dieses nickt dazu dienen könne , uns begreif - lich zu machen , daß sich Gort der Herrschaft über die Marerie get hätte , er , welcher gar nichts nörhig har :
Omnis enim per fe diimm natura necefle eft
Imniortali aeuo funiina cum pace fruatur . . .
Ipfa fuis pollens opibus , nihil indiga noliri .
Liieret . Libr . I . v . 57 .
und welcher in sich selbst allen Grund seiner unendlichen Seligkeit findet , welcher nicht der geringsten Leidenschaft fähig ist , und welcher nicht die geringste THat vornehmen kann , die nicht der allergenauesre» Gerechtigkeit vollkommen gemäß wäre . Ein Platoniker , dem man auf diese Art zu Leibe gienge , würde sich gezwungen sehen , zusagen , daß Gott seine Macht über die Materie bloß aus Giftigkeit ausübe . Gott , wiir - de er sagen , ( man merke , daß dieser Platoniker , welcher durch die Einwürfe Epikurs gedrungen worden , die Meynung zu verladen , welche Plutarch dem Platv . in Absicht auf die Seele der Materie zueignet . S . die An - merkung ( V ) , zu Ende . ) har diese zwey Dinge vollkommen erkannt : Erstlich , daß er nichts wider den Willen der Materie thun würde , wem , er sie seiner Herrschaft unterwürfe ; denn weil sie nichts empfand , so war sie auch nicht vermögend , über den Verlust ihrer Unabhänglichkeit verdrüßlich zu werden : zum andern , daß sie in einem Stande der Vex - wirrung und Unvollkommenheit , ein unförmlicher Haufe von Materia - lien gewesen , woraus man ein vortreffliches Gebäude aufführen konnte . Und da etliche davon in lebendige Körper und denkende Wesen verkehret werden konnten ; so hat er also der Materie einen viel schönern und ed -
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seil . Ist hier wohl etwas , das dem höchstgerechten und höchstgüriget ! Weseii^unanständig wäre ? Dieses würde , nach meinem Bedünken , der vernünftigste Platoniker antworten kdnnen ; * allein mir deuckt auch , daß Epikur nichts bessers würde verlangen könne» , wenn er diese Streitigkeit in diese Schranken gebracht sähe . Er würde noch viel Schwierigkeiten einzuwenden haben .
* Diese vermuthliche Antwort eines Platonikers noch in etwas zu verstärken , darf man nur erwegen , daß es niemand eine

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