Creator:
Bayle, Pierre Gottsched, Johann Christoph La Croze, Maturin Veyssiere
PURL:
https://dibiki.ub.uni-kiel.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:8:2-7943

andern sage ich , daß der Wettstreit Epikurs mit dem berühmten losophen , welcher der Stifter der Stoiker gewesen , nvthwendig ver - drüßliche Folgen hat hervorbringen müssen . Die Stoiker machten Pro - feßion von einer strengen Sittenlehre . Sich mit diesen Leuten in Streit einzulassen , das war beynahe eben so beschwerlich , als wenn man heuriges Tages Errungen mit den Andachtigen hat . Sie milchten die Religion in ihrenStreit ; sie erregten eine Furcht , daß die Jngend verderbet würde , sie brachten alle ehrliche 'Leute aus ; man legte ihren Angebungen Glau - ben bey : der Pöbel überredet sich gar leicht , daß der wahre Eifer und die Strenge der Grundsätze allezeit in gleichem Paare gehen . Es wa - ren also keine größern Verwüster des guten Namens , als diese Leute . Man darf sich aber nicht befremden lassen , daß sie durch starke Ver - schreyung EpikurS und Anwendung gottseliger Betriegereyen und tergeschobener Briefe wider ihn , nachtheilige Eindrücke gemacht haben , die sehr lange Zeit gedauert . Zum dritten sage ich , daß es leicht gewe - sen , den Lehren dieses Weltweisen einen bösen Sinn zu geben , und liche Leute durch das Wort Wollust , dessen er sich bedienet hat , zu er - schrecken . Wenn man niemals anders davon geredet hatte , als mit Veyfngung seiner Erklärungen , so hätte man die Leute nicht zum Zorne gebracht ; allein man hat alle Erläuterungen sorgfältig ausgelassen , die ihm vorrbeilhaft gewesen : und dann haben sich einige Epikuräer den , die feine Lehre gemisbrauchet . Sie sind von seiner Schule nicht abtrünnig geworden ; allein sie sind so sein gewesen , ihre Ueppigkeiten , unter dem Ansehen eines so großen Namens in Sicherheit zu setzen : Non abEpiciiro impulfi liixiiriantur , fcd vitiis dcditi , luxuriatn fuam in Philofophiae finu abfcondunt ? et co concummt , vbiau - diunt laudari voluptatem . Nec aeftiniatur voluptas illa Epicuri ( ifa enim mehercules fentio ) quam fobria et ficca fit : fed ad nomen ipfum aduolant , quaerentes Iibidinibus fuis patrocinium aliquod ac velamentum . Seneca , deVitabeata , cap . XII . p . m . 625 . Siehe Baylens Gedanken von den Comeren , deutsche Ausgabe von >74' . p . 5Zs . Man ziehe den Gassendi zu Rathe , welcher dieses unvergleichlich ent - wickelt , und zeiget , auf was für Art viele große Manner durch den Strom hingerissen , und von einem Jahrhunderte zum andern den einge - führten Vorurtheilen gefolget sind , ohne daß sie die Sachen grundlich untersucht haben . Viele Väter befanden sich in diesem Falle : allein GreaoriuS von Nazianz hat sich nicht bekriegen lassen , und erkannt , dasi Epikurs Sitten sehr ordentlich gewesen , lamb . XVIII . Siehe de« Gassendi VII 95 . I V Cap . und ich erinnere mich , in dem OrigeneS . tra Celfiim , Libr . VII . p . 375 gelesen zu haben , daß sich die Anhänger Epikurs des Ehebruchs so sehr enthalten , als die Stoiker ; ob sie es gleich aus einem verschiedenen Bewegungsgrunde gethan .
( 0 ) iLr hatte eine sehr schone Sittenlehre , in Ansehung des Gehorsams , den man der Obrigkeit schuldig ist . ] Wir haben oben in der Anmerkung ( N ) gesehen , wie man ihn lobet , daß er in dem Eifer für das Wohl des Vaterlandes niemals veränderlich gewesen . Er hat dasselbe bey widerwärtigen Zeiten niemals verlassen : er här seinen Theil an dem Uebel haben wollen , das seine Landeslente erlitten . Er hat , in währender Zeit , da Demetrius Athen belagert , sich und seine Schüler mitBohnen ernähret , und sie mit ihnen getheilet , da sie eine um eine gezählet : fffot »Crßv hixvtfionsvcv . Fabas cum iphsad nume -
rum partitum . Plut . in Demetr . p . 90 ? . A . Er hat gute Regenren gewnnschet . und sich deneir unterworfen , die übel regieret . Semper vo - ta fecit pro Reipublicae profperitate ac vetere regimine , acquieuit vero tempori praefenti ac Dominis forte datis . Donec iracundos habuit magiftratus , patiens fuit ac docilis , quum vero bonos ac mi - tes , gratus fuit ac obfequiofus . Rondellus , de Vita et Moribus curi , P . 126 . Dieses ist ein für das gemeine Beste sehr nützlicher Grundsatz ; dieß ist der Grund von der Sicherheit aller Staaten . Ich bin ein Zeuge , saget ein neuerer Weiser , ( Balzac , im XXIV Br . des XIV B . 613 S . Folioausgab , . ) und kein Richter über das Leben der Prinzen , und wenn ich ihre Aufführung nicht billigen könnte , so würde ich mich fest an dieses alte Orakel halten' : Bona tempora voto expete - re , qualiacunque tolerare . Dieses ist aus de«Tacit , is IVB . VIII Cap . genommen ; e« findet sich auch in einer Rede , die ein Kaiser an seine Soldaten gehalten : X ? sJ $' av3gat ytwalvt re rj / J aii ( ? ) Er ist viel berühmter nach seinem Tode geworden , als er bey seinem Leben gewesen . ^ Seneca vergißt den Epikur nicht , wenn er von verschiedenen großen Mannern redet , die zu ihrer Zeit die diente Gerechtigkeit nicht erhalten haben . Quam multorum profe - chis , saget er in , I . XXIX Briefe , auf der z - ; S . bey mir , in notitiam cuafere poft ipfos ? quam multos fama non excepit fed eruit ? Vides Epicurum , quantopcrc non tan tum eruditiores , fed haec quoque jmperitorum turba miretur , Hic ignotus ipfis Athenis fiiit , circa quas defituerat . Multis itaque iam annis Metrodoro fuo fuperftes , in quadam epittola , cum amicitiam fuam et Metrodori , grata com - memoratione ceciniflet , hoc nouifllme adiecit : nihil fibi et doro inter bona tanta noaiifle , quod ipfos illa nobilis Graecia non ignotos folum habuifl'et , fed pene inauditos . Numquid ergo non poftea , quam efle , defierat , ' inuentus eft ? numquid non opi - nio eins emicuit ? Hoc Metrodorus quoque in quadam epiftola confitetur , le et Epicurum , non fatis eminuifle ; fed poft fe et Epicurum , niagnum paratumque nomen habituros , amid eos qui voluiflent per eadem ire veftigia . Man merke , daß * uc Seit des Seneca nicht allein die Gelehrten , sondern auch die Unstu - dieeten den Epiklir bewundert . Ein Kirchenvater wird bezeugen , daß sich Metrodor nicht mit Verblendungen und eitlen Hoffnungen gespeist , da er sich eingebildet , daß die Secte Ep . kurs , seines guten Freundes in den KS£5 nmd ) ? Aussehen tnadKHwur^ , als sie bey seinem Leben gerhan hätte Lactanz fa^et : daß diese Secte allezeit in grotzerm ^ lore ge -
caeterorum . Laelant . Daun . Inftit . Libr . 111 . cap . X Vll .
( O ) Pfntarrf , bar die Billigkeit gehabt , , u , e . gen , daß stch
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fthehen , weil er' gefunden , daß man ihn mit Unrecht getadelt gehabt . Er fängt also an : Epicurum infe & abantur acriter , quod in conui - tiium Üermonem neque horieftum neque necelTarium de coitus op - portuno tempore intuliflet ; efl'e enim aiebant extremae intemperan - tiae , hominein prouecfae aetatis in coena , adolefcentibus praefenti - bus , mentionem facere venereae rei , ac difputare , ante coenamne , an a coena ea fit vtendum ? Plutarch , im III B . von Tischreden . VI Cap . Hierauf saget er> daß Zopyrus , der Arzneykundige , der sehr be - lesen in den Schriften diese« Weltweisen gewesen , diesen Kunstrich - lern vorgestellt ! : daß sie das Gastmahl Epikurs nicht recht ge° lesen . Zopyrus autem medicus probe in Epicuri verfatus Phi - lofophia , aiebat , eos non fatis attente Iegifle Conuiuium EpicurL Non enim cum ab initio ea quaeftione propofita , eam deinde difle - rendo tra & auifle ; fed cum a coena ad deambulandum excitauiflet adolefcentes , de temperantia fecifie verba , et eos i> lafciuia deter - ruifie , quod nimirum res venerea cum alias facile noceret , tum ma - xime fi quis eam a conuiuio exerceret . Sin vero praecipue de hoc fuifl'et quaeftio , verum praeftabat philofophum omnino nihil difputare de coitus tempeftiuo vfii : aut cum tempcftiue eo et cum ratione vtendum fit , non abfurdum erat alibi de commodo eiu» tempore colloqui in conuiuio vero et menfa turpe ? Mihi quidem contra videtur Philofophus fuifl'e culpandus , qui interdiu in prae - fentia variorum hominum de eo in fchola quaereret , nam calice propofito inter familiäres et amicos , vbi etiam vices dicendi aliquii detnunt orationi , atque inter pocula , quomodo turpe fit dicere au» direue eorum aliquid , quae vtiliter de vfu rei venereae dicuntur ? Ego quidem per canem adiuro , optare me , fuos diamerifmos illo» obfcoenos Zenonem in conuiuio aliquo aut ioco , quam in tarn fe - rio de republica opere pofuifle . Im Griechischen steht : Ni ) rot %itx , 'yjH TU Zifvaivo« «v fßükönw itcepefieptis h ffi / ftnociu tiv ) vcrf nctr ilct i1 enuSij ( rataum ! ixo / ifyu fiecn tj ? irotortix »«»
Plutarch . in Sympof . Libr . III . cap . VI . pag . 180 . Tom . III . Edit . Francof . 1692 . Hier ist also Epikur durch einen Schrift» steller gerechtfertiget , der eben nicht sein Frmnd war ; hier ist er , sage ich , so wohl was den Grund , als die Arten betrifft , wider einen Jöau« fcn von Lästerern gerechtfertiget , die im Grunde Unrecht hatten , und die Umstände unredlich vorbrachten . Zlllein hier ist noch eine andere Art der Rechtfertigung . Plutarch ahmet ihn , nach : er handelt eben dieselbe Frage bey Tische ab ; er drehet sie auf alle Seiten herum ; er vernünftelt darüber , als ein großer Meister . Nichts destowenigec ist dieses einer von den ernsthaftesten Schriftstellern des Heidenthums , und der sich am standhaftesten für die guten Sitten evflciret hat . DiejeS kann unsere falschen Andächtigen und unsere falschen Zärtlinge belehren , die sich verwegener Weise über die Freyheit ärgern , die man sich in diesem Wör» terbuche genommen hat , dasjenige anzuführen , was man unzüchtigeSadien nennet . Unsere christlichen Aerzte , ich rede auch von denen , welche den Cha - racter der Ernsthaftigkeit sorgfältig erhalten , und viel Eifer für die Rei« nigkeit der Sitten bezeigen , bandeln die nicht eben dieselbe Frage ab , warum man den Epikur tadelt , daß er sie abgehandelt hat ? Ihr« Schreibart mag seyn , wie sie will , wie können sie dieselbe ohne Ruh» rimg des Unflat« , und ohne daß sie dem Geiste unzählige unzüchtige Bilder vorstellen , untersuchen 1 Allein , wäre es nun nicht lächerlich , wenn man uuter diesem Verwände verlangen wollte , daß sie dieselbe nicht untersuchen sollten , so nützlich auch die Verordnungen , die Behut - samkeit , die Beobachtungen seyn möchten , die sie darbiethen ? Man merke , daß Amiot , Bischof von Auxerre und Großalmosenier von Frankreich , sich kein Gewissen gemacht , das Capitel französisch heraus - zugeben , daraus ich einige Stücke angeführer habe : unterdessen ist ei doch durchaus mit unzüchtigen Materien angefüllt , die er sehr natürlich ausgedrückt hat . Man bekenne auch , daß Plutarch« Moral darinnen sehr schön ist ; er will aus Andacht , daß man die Nacht darzu nehmen soll : Non enim omnes Epicuri otium et animi tranquillitatem phi - lofophia partam abunde in promtu habent . Multae quemuis quo« tidie exercent aerumnae : quibus neque commodum , neque con . ueniens eft ita affedtum corpus tradere rabiofo coitu , numen vero beatum et internus expers maneat ita , vt nullam noftri curam fufei . piat . Nobis autem , fi leges ciuitatis redte colimus , cauendum eft , ne ad templa et facrificia accedamus paulo ante venerea re vfi . Ita . que expedit no<äe et fomno interie & o , iuftoque interuallo adhi - bito , mundos rurfum quafi de integro , et ad nouuin diem noua cogitantes , vt ait Democritus , furgere . Plutarch . Sympof . Libr . III . cap . VI .
( R ) Die Lehre , welche die Vorsehung Gottes und die U« * sterbt , chkeit der Seele verwirft , rauber dem Menschen einen un - endlichen Trost u . s . t» . ] Plutarch beweist dieses so grundlich , daß man , wenn man dasjenige gelesen , was er vorträgt , nicht genugsam über die Macht erstaunen kann , welche die ersten Eindrücke gewisser Ge - genstände über unsern Geist habe« . Der erste Begriff , der sich denen vorstellet , welche den Zustand der Ungläubigkeit untersuchen wollen , ist der Begriff einer sehr glücklichen Freyheit , nach der Wcltart , in welcher man allen seinen Begierden , ohne die geringste Furcht , ohne den ge» ringsten Gewissensbiß , ein Genüge thur . Dieser Begriff wurzelt sich so fest in der Seele ein , und nimmt die Fähigkeit der , elben dermaßen ein , daß , wenn uns jemand sagte : es wäre der Zustand eines gvtte« - fürchtigen Menschen , in Absicht auf die zeitlichen Vortheile , mit dem Zustande eines Epikuräers nicht zu vergleichen : wir dieses als eine höchst ungereimte Lügen verwerfen . Und unterdessen hat diese eingebildete Lügen auf ihrer Seite einen Haufen sehr starker Gründe , wie Plutarch gezeiget hat . Die Redlichkeit vieles Schriftstellers , bey diesem Theile seiner Streitigkeit , scheint mir wichtig zu seyn ; wofern er wobl erkannt hat , wie viel seine Gründe dazu dienen konnten , Epikur« Lehre zu ent - schuldige : denn wenn e« gewiß ist , daß man sich , durch Leugnung der Vorsehung Gottes und Unsterblichkeit der Seele , tausenderley Annehm - lichkeiren und tausenderley Trost raubet ; so hat Epikur aus keinen Be« wegungsgründen de« Eigennutzes , aus keiner Eigenliebe , aus keiner Er - gebenheit gegen die Wollust , die philosophische Lehre angenommen , die er gelehret hat . Er würde vielleicht die andere erwählet haben , wenn ihn dergleichen BewegungSursachen bestimmt hätten . Es sind viele Dinge über diese Materie zu sagen ; allein id>will sie lieber in ein ander Buch verweisen , ( in die Folge von den Gedanken über die Cometen , ) wo ich auch einen Einwurf untersuchen werde , den Herr le Fevre wider den Plutarch vorgebracht hat . Er beschuldiget ihn , er hätte sich wider , Ddd ; sprechen ,

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