Creator:
Bayle, Pierre Gottsched, Johann Christoph La Croze, Maturin Veyssiere
PURL:
https://dibiki.ub.uni-kiel.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:8:2-7918

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Epikur .
im IB , de Natura Deor . im 8 u . f . Cap . vorbringen laßt . Er hat ihnen einen Dienst geleistet , der nicht gewinnsüchtig gewesen ? er bat nicht im geringsten auf seinen eigenen Nutzen gesehen ; sondern lediglich auf die Vorstellungen der Vernunft , welche erfordert , daß man alles dasjenige verehre und in Ehren halte , was groß und vollkommen ist . Man wür - de sich vielleicht nicht betriegen , wenn man ihn beschuldigte , daß er nur aus Politik also gehandelt hätte , ( Cicero ebend . 44 Cäp . zu Ende ) und die Strafe zu vermeiden , die ihn unfehlbar getroffen haben würde , wenn er den Dienst der Götter umgeworfen hätte : allein wenn auch diese schuldigung wohl gegründet wäre , so würde sie dennoch verwegen seyn . Die Billigkeit erfordert es , daß man von seinem Nächsten nach demjeni - gen »«heilen soll , was er thut und was er saget , und nicht nach den ver - vorgenen Absichten , die er nach unserer Einbildung hat . Man muß Gott das Urtheil über dasjenige überlassen , was in dem Abgrunde des Herzens vorgeht . Gott allein ist der Herzen - und Nierenprüfer . Und warum wollten wir bey allem diesem nicht , daß Epikur einen Begriff von dem Gottesdienste gehabt , den unsre allerrechtgläubigsten Gotteöge - lehrten , als den allerrechtmäßigsten und allervollkommeusten anpreisen ? Sie sagen uns alle Tage , daß , wenn wir weder ein Paradies zu hoffen , noch die Hölle zu befürchten hätten , man dennoch verbunden seyn würde , Gott zu ehren , lind alles dasjenige zu thun , was man ihm anaenehm zu seyn glaubet . Siehe den Gassendi de Vita et Moribus Epic . Lib . IV , c . z . Ich werde hier unten , in der Anmerkung ( P ) , das Zeugniß anführen , wel - ches Diogenes Laerz Epiknrs Gottesfurcht gegeben hat .
Also ist der einzige Beweis von dem Texte dieser Anmerkung , daß Epikur die göttliche Natur in eine Unthätigkeit verseht hat : er hat ihr dieRegientng der Welt genommen ; er hat sie nicht für die Ursache dieses ganzen Weltgebäudes erkannt . Dieß ist nun aber eine entsetzliche Gott - losigkeit . Die Schriftsteller sind über der Frage nicht einig , ob er geleh - ret hat , daß die Götter aus Atomen zusammen gesehet waren . Wenn er dieses gelehret hätte , so hätte er der göttlichen Natur die Ewigkeit und UnVergänglichkeit genommen , eine abscheuliche und unendlich golteSlä - sterliche Lehre : allein ich glaube nicht , daß man ihm dieselbe schuld geben könne ; denn einer von seinen Hauptgrundsähen war , daß Gott , als der allerseligste und ewige , niemanden b»se6 thue , und sich nicht in das ringste Geschäffte Mische . In illis feieftis eins breuibusque fenteritiis , quas appellant xu ? / «« Si%ut haec , vt opinor , prima fententia eft , quod beatiuii et immortale eft , id nec habet , liec exhibet cuiquam tium . Cicero de Natura Deor . Lib . I , c . 30 , siehe auch das 17 Cap . Wir sehen , daß der erste Punct des Nachdenkens , den er seinen Schülern vorgelegt , die Unsterblichkeit und Seligkeit Gottes gewesen . n ? «T«v
fitvtT0v ©£»v , 4«cv « { ÄxfTtrv »jJ fixtvcplZvv , U ( i xc ; vt ) r« 01« »öl« .
viteyg & Qq . taiäsv fitjTe k0a<> ( H ) 16s iß vergeblich , daß Arnauld diese Lehre geradelt hat . ] Dasjenige desto verstandlicher zu machen , was ich zu sagen habe , so bachte ich anfänglich : daß fast alle die alten Philosophen , die von der Glückseligkeit des Menschen geredet , sich an einen äußerlichen Begriff gebunden haben ; und diese« ist« , was unter ihnen einen großen Zwiespalt der Gedanken hervorgebracht hat . Unterdessen glaube man dasjenige ja nicht , was uns viele Leute sagen , daß es nach dem Varro , 288 verschiedene Meynungen von dem höchsten Gute gebe . Dieß ist ein sinnreicher Scherz de« Varro . Aug . de Ciuit . Dei , Lib . XIX , c . > . Einige haben das Glück des Menschen in den Reichthum : andere in die Wissenschaf - ten ; andere in die Ehre ; andere in einen guten Namen ; andere in die Tugend u . d . m . gesehet . Es ist offenbar , daß sie den Begriff der Selig - feit nicht mit der förmlichen ( formalis ) sondern mit der wirkenden Ur - fache verknüpft haben ; das heißt , daß sie dasjenige unsere Glückseligkeit genannt haben , was sie für vermögend gehalten , denjStand der Glückselig - keit in uns hervorzubringen , und daß sie nicht gesaget haben , welches der Zustand unserer Seele ist , wenn sie glücklich ist . Dieser Zustand ist eS , wa6 ich die formlt'cke Ursache des Glücks nenne . Epikur hat eS nicht anders gemacht ; er hat die Seeligkeit an sich selbst in ihrem förmlichen Zustande betrachtet , und nicht nach der Verwandtschaft , die sie mit andern Wesen hat , welche ganz und gar äußerlich , wie die wirkenden Ursachen sind . Diese Art , die Glückseligkeit zu betrachten ,
. J ■ WM ^ . . Zweifel die richtigste ,
und einem Philosophen am anständigsten . Also hat Epikur wohl ge - than , daß er dieselbe erwählet , und er hat sich derselben so wohl bedie - net , daß sie ihn gerade dahin geführet , wo er hingehen sollen : die einzi - ge , die man nach diesem Wege vernünftiger weise einführen konnte , war , daß die Glückseligkeit des 'Menschen nach seiner Gemächlichkeit zu leben , und in der Empfindung der Lust , oder überhaupt in dem Vergnügen deS Geistes bestünde . Dieß beweist nicht , daß man die Glückseligkeit des Menschen in gute« Essen und Trinken und in den unreinen Umgang setzt hat , den ein Geschlechte mit demandern haben können : . denn aus«
lerhöchste können dieß weiter nichts als wirkende Ursachen seyn , und hiervon ist die Rede nicht : wenn von den wirkenden Ursachen der Glück - seligkeit gehandelt werden wird , so wird man die besten andeuten . Man wird auf einer Seite die Gegenstände , die am vermögendsten sind , die Ge> sundheir euers Körpers zu erhalten , und an der andern die allergefchick - testen Befchäfftigungen vorstellen , der Unruhe des Geiste« vorzukommen : Man wird euch also die Nüchternheit , die Mäßigkeit , und den Kampf wider die auftuhrischen und unordentlichen Leidenschaften vorschreiben , welche der Seele ihren Zustand der Seligkeit , d . i . die angenehme ruhigung und Zufriedenheit mit ihrem Stande rauben . Dieß sind die Wollüste , worinnen Epikur die Glückseligkeit des Menschen hat bestehen lassen . Man hat sich an dem Worte XVollust geärgert : Leute , die be - reits verdorben waren , misbrauchten dasselbe ; die Feinde der Secte wen - deten cs zu ihrem Nutzen an ; und also ist der Name eines Epikuräers sehr verhaßt geworden . Alles dieses ist der Lehre zufallig . und hindert nicht , daß Epikur nicht gründlich philosophiert hätte : wöhl verstanden , daß er einen großen Fehler begangen ; indem er nicht erkannt , daß niemand als Gott , den Zustand in unserer Seele hervorbringen kann , der sie glückselig machet .
Wir wollen zumArnauld kommen . Er hat dieser Lehre des P . Male - bransche . allctvollust ist ein Gut , und mackcr denjenigen wirklich glückselig , der sie genießt , aus allen seinen Kräften widersprochen . Siehe die Reflexions Philof . et Theolog . für le nouveau Syfteme de la Nature et de laGrace Liv . I , ch . 21 , p . 407 u . f . Der Verfahr von den Nouvellen der Republik der Gelehrten hat sich , da er den Auszug dieses Buches giebt , über diesen Artikel , für den P . Malebransche erkläret . £s istjnickrs unsckuldiger , saget er im Augustmonate 1685 , z Art . 876 S . noch etwas gewisser« , als daß alles Vergnügen denjenigen glücklich machet , der es genießt , in der Zeit , da er es genießt ; und daß man nichtsdestoweniger das Vergnügen fliehen müsse , das uns an die Körper Hefter . - - - Allein , wird man sagen , die Tugend , die Gnade , die Hiebe ( Borna , oder vielmehr Gott allein , ist unsere einzige ligkeit . Ricktig ! als das Werkzeug oder die wirkende Ursacke , rvie die pliilost>phen reden ; allein als die formlicke Ursacke , ifl Die Belustigung und das Vergnügen unsere einzige Glückselig« keir . Hierüber hat Arnauld den Nouvellensthreiber der Republik der Ge - lehrten zur Gegenpart genommen , und einen Bericht an ihn gerichtet , ( siehe die Nouvellen im Christmonate 1685 , Art . 1 ) worinnen er ihn von Puncte zu Puncte , und nach allen Regeln seiner Disputierkunst , wider - legt ; die außer Zweifel einen sehr fähigen Logikverständigen zeiget . Der Nouvellenschreiber hat im Jenner »686 auf der 9z S . wieder geantwo» tct , und beständig seineLehre behauptet , und sich hauptsachlich angelegen seyn lassen , die Zweydeutigkeiten aus dem Wege zu räumen , die sich bey dieser Materie durch die Mannigfaltigkeit der tropischen Redensar - ten eingeschlichen , deren man sich bedienet hat : indem die meisten Scri - denken der Ursache den Namen der Wirkung gegeben ; ich will sagen , baß sie dasjenige eimveder Glück oder Unglück genennet haben , nicht was e« wirklich ist , sondern was die Ursache desselben ist . Er hat sich auch an» gelegen seyn lassen , diejenigen zu widerlegen , die sich einbilden , daß di» Wollüste unserer Sinnen nicht geistig sind : er behauptet , daß , wenn man sie auch nur nach ihrer physikalischen Wesenheit ( Entitas ) betrachtet , sie pur geistig sind , und daß man sie nicht anders körperlich nennen könne , al« vermöge einer zufälligen und willkürlichen Verwandtschaft , die sie mit dm Körpern Habels ; denn diese Verwandtschaft ist weiter in nichts ge» gründet , als daß es Gott gefallen hat , die That gewisser Gegenstände in den Körper des Menschen , als eine veranlassende Ursache ( caufla occafio - nalis ) einzuführen . Arnauld hat nicht zurück bleiben wollen : er hat
seinen Gegner ganz von neuem durch eine gelehrte Dissertation widerle - gel , ( siehe Bibl . Vniuerf . Tom . VI , p . 379 ) worinnen , nach meinem ten nichts wichtiger« , als der letzte Theil , ist . Sie hat zum Titel : Unter«
suckung einer neuen Vetrackwng von den geistigen und materia - lifthen Viesen der sinnlicken Vergnügungen . Er fängt auf diese Art an : „ Es ist mir nichts mehr übrig , mein Herr , als ihnen ein Wort von „ der wichtigsten Sache ihrer Schrift zusagen . Dieß ist ein metaphysi - „ scher so spitzfindiger und abgesonderter Gedanke , daß ich eine doppelte „ Furcht habe : die erste ist , daß ich ihre Gedanken nicht völlig begriffen „ haben möchte ; die andere , daß ich die meinige nicht auf eine selche Art „ werde sagen können , daß sie jederman verstehen kann . Sie wollen , mein „ Herr , daß man zwey Dinge bey den sinnlichen Vergnügungen unter - „ scheiden müsse ; ihre Geistigkeit , die sie als etwas , das ihnen wesentlich „ ist , ansehen , und ihr marerialisckes Wesen , welches , wie sie wollen , „ denselben anhangig und zufallig ist : woraus sie schließen , daß eine „ sinnliche Belustigung idem numero bleiben könne , und nicht« Matena - „ lisches habe , weil das materialische Wesen auch von ihr gettennet wer - „ den könnte . „ Arnauld Dissertation für le pre'tendu bonheur des Sens p . 108 . Et wickelt hierauf die Lehre seines Gegners sehr nett aus - einander , und bestreitet sie auf eine Art , die feiner Vernunftlehre und Fähigkeit höchst würdig ist : allein gleichwohl glaube ich , daß er im Grunde nicht Recht hat , und daß er den Unterscheid nicht genugsam i» Acht nimmt , der sich unter unfern Empfindungen und den Begriffen findet . Die Verwandtschaft unserer Begriffe mit ihrem Gegenstände ist wesentlich ; und er hat Recht , zu sagen , daß Gott nicht machen könnte , daß der Begnff des Zirkel« von der Verwandtschaft mit dem Zirkel ge - trennet würte . Allein so ist es nicht mit unser» Empfindungen beschaf - Ä * ? empfinden , ohne sie weder dem Fu ! >e
noch der Hand zuzuschreiben , eben so , wie sie die Freude über eine gute Zeitung und den Verdruß empfindet , ohne daß sie dieselben einigen von den Theilen des Körpers zurechnet ; und wenn sie gleichwohl , da sie mir einem Körper vereiniget ist , einigen Theilen dieses Körpers die Bettüb - niß , und gewisse Vergnügungen , die Empfindung des Brandes , den Kü - tzel u . d . m . zueignet : ss geschieht dieses aus einer ganz freyen Einrich - tung de« Urhebers ihrer Vereinigung mit dem Körper ; nur damit sie desto besser für die Erhaltung der Maschine wachen kann , mir welcher sie vereiniget ist . Wenn diese Ursache aushörete , so würde es nicht mehr nöthig seyn , daß sie ihre Empfindungen außer sich fortführte , und den - noch würde sie beständig der Abänderungen fähig seyn , die man Betrüb - niß , Wollust , Kälte , Hitze nennet . Gott konnte ihr alle diese rungen einprägen , entweder daß er sich nach einer veranlassenden Ur - fache richtete , oder daß er sich darnach richtete , die aber kein Körver . sondern die Gedanken einiges Geistes seyn börsten . Der Urbeber von der Runst zu denken saget mit Recht : es fey sehr wohl möglich , daß ein» vom Rsrper getrennte Seele entweder durch das Feuer der
- Hölle ,

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