Creator:
Bayle, Pierre Gottsched, Johann Christoph La Croze, Maturin Veyssiere
PURL:
https://dibiki.ub.uni-kiel.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:8:2-7906

Epikur .
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limitcn in flüchtige Dnodetzbändchen , und ihre mit erstaunlicher Ge - lehrsamkeit angefüllten Werke , in magere Gerippe verwandeln ? Wenn nun derjenige nur ein großer Geist ist . der gründliche Wahr - Heiken in systematischer Verbindung einsieht , den hang ganzer Wissenschaften und Künste allezeit im Kopse hat , >a wohl selbst zu neuen Erfindungen und einem deutlichen und über - zeugenden Vortrage verleiben geschickt ist ; wenn er gleich keine au - ßerliche Hülse dazu hat : So sind es gewiß die Zusammenstoppler nicht , die nur link« und rechts zugreifen . Zu den ersten rechne ich den Homer , den Plato , den Aristoteles , den Virgil , den Baco , den Cartesius , Leibnitzen , Locken , denHobbes , den Shaftsbury und Herrn Wolfen k . Von der andern Classe wimmelt es überall , so daß man keinen anführen darf . G .
( «0 Nicht daß sie also gehalten worden wären : sondern Le Maitre hat seine gerichtlichen Vertheidigungen mir diesen Anführungen ausge - ziert , vornehmlich in einer Ausgabe , die ausdrücklich davon gemacht wor - den ; wie ein jeder weis . <£m . Anm .
Dieß ist also eine unstreitige Wahrheit der Sache , daß sich unter der Seete deSLhrysippus witzige Köpfe und große Schriftsteller finden ; und daß es nicht die Eigenschaft großer Geister und Schriftsteller ist , wenig oder nichts anzuführen . Zho wollen wir von der andern Frage reden : wir wollen untersuchen , welche Art , Bücher zu schreiben , die mühsam - ste ist ?
Ich glaube , daß man die großen Anführer in zwo Classen bringen kann : es giebt einige , die sich begnügen , die neuen Schriftsteller zu plündern , und die Sammlungen vieler andern , die über einerley Materie gearbeitet ben , in eine Sammlung zu bringen Sie bekräftigen nichts ; sie gehen nie - mals zu den Originalen zurück : sie untersuchen auch dasjenige nicht selbst , was in dem neuem Schriftsteller , der ihnen statt des Originals dienet , vorhergeht , und folget ; sie schreiben die Stellen nicht selbst ab , sie bemerken ihrem Buchdrucker nur die Seiten der gedruckten Bücher , woraus er diese Stellen nehmen muß . Man kann nicht leugnen , daß diese Art , Bücher zn machen , nicht sehr leicht wäre , und gar bald zu zehn großen Bänden Helsen könne ; ohne daß sich der Urheber davon , den Kopf sehr zerbrechen darf . Es giebt nock andre Anführer der Zeugnisse , die niemanden , als sich selber , trauen : sie wollen alles beweisen , sie gehen zeit bis zur Quelle , sie untersuch'» , was der Schriftsteller für ein Augen - merk gehabt , sie bleiben nicht bey der Stelle stehen , die sie nothig haben , sie betrachten auch dasjenige mit Aufmerksamkeit , was vorhergeht und fol - gek . Sie bemühen sich , schöne Anwendungen zu machen , und ihre Zeug - nisse wohl zu verbinden : sie halten sie gegen einander , sie vergleichen sie mir einander , oder zeigen auch wohl , daß sie einander zuwider sind . Au - ßer diesem können es Leute sevn , die sich bey historischen Materiell ein Gewissen daraus machen , etwas ohne Beweis vorzubringen . Weiin sie sagen , dieser griechische Philosoph hat dieses oder jenes geglaubt ; dieser oder jener römische Rathsherr oder Heerführer ist gewissen Grundsätzen gefolger , so bringen sie gleich Beweise davon bey : und weil bey gewissen Gelegenheiten die Seltsamkeit der Sache mehr als ein Zeugniß dert , so Haufen sie derselben etliche zusammen . Ich scheue mich nicht , von dieser Art Bücher zu verfertigen , zusagen : daß sie tausendmal müh - samer ist , als unser« Epikurs seine , und daß man nach seiner Art ein Buch von tausend Seiten in weit kürzerer Zeit fertig machen wird , als nach der erster» ein Buch von vierhundert Seiten . Man wird dieses durch ein Beyspiel besser begreifen . Ein geschickter Mann soll beweis sen , daß dieser oder jener Kirchenvater dergleichen Meynungen geheget , ( man versteht nicht alle Gattungen der Meynungen , sondern nur gewisse besonder Meynungen , die man nur hier oder da mit einstreut ) : ich bin gewiß versichert , daß eS ihm mehr Tage kosten wird , die Stellen zu sammlen . die ihm nöthig sind , als auf ein geraibe wohl von diesen len zu »«heilen . Nachdem er einmal seine Zeugnisse und Anführun - gen gefunden hat , die vielleicht nicht sechs Seiten betragen , und ihm ei - nm Monat Arbeit gekostet haben ; so wird er in zween Vormittagen zwanzig Seiten in Vernunftschlüssen , in Einwürfen und Beanrwortun - gen der Einwürfe haben : und also brauchet dasjenige , was unser eigner Witz hervorbringt , zuweilen vielweniger Zeit , als dasjenige , was man zusammen tragen muß . Siehe die K'ouvelles Lettres du Critique de Mr . Maimbourg zu Anfange des angesühret hat .
Ich will mich nicht in die Frage wegen des Vorzug« einlassen ; ich will nur sagen , daß die Schriftsteller , die nicht« entlehnen , gemeiniglich vicht so lehrreich sind , als diejenigen , die ihre Sammlungen anbringen . Ein guter Gedanke , er mag herkommen wo er will , muß ab lezeit besser st>'» , als eine Ungereimtheit von eigner Erfindung ( siehe den S - Amanr in der Vorrede des geretteten Mose« ) mit Er - laubniß derer , die fieb rühmen , alles bey sich ; u finden , und von keinem Xficn ( 3jch setze noch dazu , daß es nicht weniger Erfindung brauchet , einen Gedanken , den man in einem Buche findet , wohl anzuwenden , al« der erste Urheber dieses Gedankens zu seyn . Diese« erhellet aus den Ge - lvräcken des Voiture . Man bat von dem Cardinale du Perron sagen Mwn hfl6 die alückliche Anwendung eines Verses aus dem Virgil , ein Talent n^rth wär ? Siebe den Abt von Marolle« in der Vorrede sei - nes Abrege' del'Hiftoire de France . Ich ubergehe diejenigen , welche die erste Hervorbringung eincö Gedanken mit der ZeugungSkraft , und
eingenommen gewesen „ Gleichwie v . e e Pechnenm MP . . Gebrauche der Anführungen sündigen : MgWjW
, . m einer tkörichten Einbildung lächerlich sind , daß sie Niemals einen
II ? >and . " .
„ Menschen anführen und alle« von sich selbst nehmen wollen ; sie sind „ dem Hippias Aelians gleich , der sich scherzhaft rülnnte , nichts an seinem „ Leibe zu tragen , was seine Hände nicht gemacht hätten . Denn ich „ schreibe diese Eitelkeit ohne Mühe der größten Verachtung zu , die einig« „ gegen alle Gattungen der Zeugnisse haben , um zu zeigen , daß sie alle« „ von sich selbst hervorbringen ; daß die lchönen Gedanken aus ihrem Ge - „ Hirne kommen , wie die Pallas aus Jupiters seinem ; und daß sie , wie er , „ ohne anderer Beyhülfe , Kinder gebähren . Doch könnte man darauf „ antworten , daß die Zeugung in der ganzen Ordnung der Natur auf „ eine so gemeine Art geschieht , daß inan nicht Ursache hat , aus einer so „ leichten Sache ein so gar großes Wesen zu machen ; da dieses hingegen „ ein Wunderwerk ist , wem , man die Tobten auserwecket , indem man sie „ aus solche Art reden läßt : gleich als wie man in der Religion gesagt „ hat , daß die Gebeine mehr Wunder gewirket hätten , als die belebten „ Körper ; so kann man auch in »er Redekunst behaupten , daß diejenigen , „ die nicht mehr sind , vielmehr Stärke habe» , uns zu überzeugen , als die „ Lebendigen . La Mothe le Vayer T om . IV . p . z z , 84 .
( F ) Das heißt das Lehrgebäude der Aronien verderben - ' - da man , die Lehre des Demokruus von der Seele der Ars - men nickt beybehiclt . ] Der h . Augustin erlaubet uns nicht , zu zwei - feln , daßDemokritus nicht geglaubt hatte , es wären alle Atomen beseelt . Auguftin . Epift . LVI . Ich habe oben in dem Artikel Äemokritus die ganze Stelle angeführt . Democritns , saget er , hoc diftare in naturali - bus quaeftionibus ab Epiciiro dicitur , quod ifte fentit inefle concur - fioni atomorum vim qiiandam animalem et fpiritalem . - . . Epi - curus vero neque aliquid in prineipiis rerum ponit praeter atonios . Wenn man vorgiebr , daß ein Zusammenfluß unbelebter Theilchen eine Seele sey , und die Bilder fortschicken könne , die uns die Gedanken geben , so heißt es , sich mit einem Lehrsake begnügen , der verwirrter ist , als des HesiodusChaos . Gleichwohl ist dieses das Vorgeben Epikurs gewesen . Quorum corpufculorurn concurfu fortuito et rniindos innunierabi - les , et aniniantia , et ipfas animas fieri dicit , et Deos quo« humana forma , 11011 in aliquo mundo , fed extra niundos , conftituit , et non vult omnino aliquid , praeter corpora , cogitare : quae tarnen vt cogi - tet , imagines dicit ab ipfis rebus , quas atomis formari putat , re , atque in animum introire fubtiliores , quam fiint iilae imagines , quae ad oculos veniunt . Auguft . Epift , LVI . p . m . 27z . Allein wenn man schon einmal voraus sehet , daß alle die Atomen eine Seele haben : se begreift man auch ohne Mühe , daß ihre verschiedene Zusammensetzung verschiedene Gattungen von Thieren , verschiedene Arten von Gedanken , verschiedene Verbindungen der Gedanken , bilden könne ; und dadurch ist man vor dem donnernden Einwurfe des GalenuS sicher : Cum atonui« vna dolere non po ( Tit , quod alterationis , et fenfus incapax iit ; fi dum caro acu pungitiir , atomus vna non fentiat , non fenfuras duas , nec treis , nec quatuor , ncc plureis , perindeque fore , vt fi adamantuin , aliarumue rerum inuulnerabilium aecruus fodiatur . Et , vt digiticon - nexi absque dolore feparantur ; fic iri atonios diducUim , absque vllo doloris fenfu , cum fefe inutuo folum contingant . Galenus dum int er - pretatur illnd Hippocratis , Ji vnum eß'et bomo , non duleret , quin non füret , vntle doleret . Beym Gassendi Phyf . Sedt . III , Lib . VI , c . z , Oper . Tom . II , p . 343 , er führet an , lib . de conft . art . c . 4 , de eiern . 3 et 4 . Plutarch hatte dem Colote« bereit« dergleichen Einwurf gemacht , Plnt . adu . Colot . p . im . Man mag sich auf alle Seiten drehen und wenden , wie Lucrez und Gassendi gethan haben , ( S . Gafiendi ebend . ) diese keit zu heben , so wird man sie doch nicl ? t einmal bewegen können : und da« beste , was man sagen könnte , ist , daß alle die Philosophen , welche erkennen , daß die ersten Anfänge aller gemischten Körper der Empfindung beraubt sind , sich eben derselben Schwierigkeit so sehr , als Epikur , aussetzen . Man muß die Sachen sagen , wie sie sind : der Lehrsatz von der Weltseele , oder der Maschinen , ist der einzige Weg , sich aus der Verwirrung zu helfen ; denn es würde gefährlich seyn , bey den Thieren eine nnmaterialisd ) e Seele zu er - kennen , wie bey den Menschen . Und wa« die Unterscheidung unserer Peripatetiker unter der Materie und unter der materialischen Seele der Tbiere betrifft , so ist sie eine eitle Ausflucht , die von dem Einwurfe de« GalenuS eben fo wohl zu Boden geschlagen wird , als die Atomen Ept - kurs . Siebe die Anmerkungen ( C ) und ( Li bey dem Artikel Dicäarchus , des Aristoteles Schüler . Uebrigens ist e« nicht abgeschmackter , zu sagen , daß die Atomen wirklich beseelt sind , als wenn man voraus setzet , daß sie da sind , und sich von sich selbst bewegen . Siehe den Artikel L . eucip - pus in der Anmerkung , E ) .
Diejenigen , welche gern die andern Unterschiede zwischen dem Demo - krirus und Epikur sehen wollen , dürfen nur den Cicero im I B de Fini . bns zu Rache ziehen .
( G ) Xvas er von der Natur der Gotter gelehrt , ist sehr gott - fcs . ] Dieß hieße , die geheiligten Gesetze der Billigkeit ein wemg allzu nachläßig beobachten , wenn man den Epikur beschuldiqre , er hatte ge - glaubt , daß die Götter unsern Dienst , unsere Ehrerbietbung und unsere Opfer nicht verdienten : denn er hat das Gegentheil öffentlich bekannt , und vortreffliche Bücher von dem Dienste herausgegeben , den man den Göttern schuldig ist . De fanöitate , de pietate aduerfus1 Deos ubros feripfit Epicurus . At quo modo in his Joquitur ? Vt Coruncanum autScacuolam , Pontifices maximos , te audire dicas . Cicero de ra Deor . Lib . I , c . 41 . Ich bekenne , daß man ihm vorgeworfen hat , man könne , wenn man nach seine» Grundsätzen handele , keine Religion ha - ben : allein hierbey hat man nur über das Recht gestritten , man hat die Sache nicht geleugnet , man hat seine äußerliche Religion zugestanden . Wir können keinen glaubwürdigem Zeugen aufführen , als den Seneca ; Tu denique , Epicure , Detim inermem facis : omnia illi tela , omnem detraxiftipotentiam htinc non hahes , quare verearis , nulla illi nec tribuendi nec nocendi materia eft . . . . Atqui hunc vi» videri colere , non aliter quam parentem ; grato , vt opinor , aninio - aut fi non vis videri gratus ; quia nulluni habes illius beneficiuni , fedteatomi et iftae micae tuae forte ac temere conglobauerunt , cur colis ? Propter maieftatem , inquis , eins eximiain , fingularemque natura , » . Vt concedam tibi : nempe hoc facis nulla fpe , nullo pre - tio indudhis . Eft ergo aliquid per fe expetenduin , ctiius te ipfa di - gnitas ducit : id eft honeftum . Seneca de Benefic . Lib . IV , c . 19 . Wir haben hier in wenig Worten die Religion , zu welcher sich Epikur bekannt : Er hat die Götter wegen derVortrefflichkeit ihrer Natur ge - ehret , ohne daß er weder etwas gutes von ihnen erwartet , noch etwa« böfe« befürchtet . Man sehe , wa« Cicero von dem Epikuräer Velleju«
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