Creator:
Bayle, Pierre Gottsched, Johann Christoph La Croze, Maturin Veyssiere
PURL:
https://dibiki.ub.uni-kiel.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:8:2-7424

Drusus .
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dm Zustande seines Bruders gesehen . Man hat dieses unter die Unglücks - falle seiner Jugend gesetzer . Cafus prima ab infantia ancipites : nam proferiptiim patrem exful fecutus ; vbi donmtn Augufti pnuignu» introiit inultis aemulis confliöatus eft , dum Marcellus et Agripp * , mox Caius Luciusque Caefares viguere , etiam frater eins Drufus profperiore ciuiiini ainore erat . Tacit . Annal . Libr . VI . cap . LI . Wir werde» in der letztem Anmerkung eine Stelle Suetons sehen , welche die vortheilhafte Mevnung bestätiget , die man von der Tugend und Billigkeit des Drusus gehabt . Wir werden auch daselbst eine Un - treue des Tiberius gegen ihn sehen . Wir wollen nicht alles dasjenige glauben , was Valerius Maximus in des VS5 . V Cap . Num , z . uns von der brüderliclM Zärtlichkeit des Tiberius erzählet . Dieser Schrift - steller hat in der Schmeichele ? gegen diesen Prinzen an mehrmals einem Orte , ausgeschweiser . ,
( C ) Seine ersten Rricgemhaten twacen fcbon . ] Ich will zwar den Hvraz anführen , aber nicht als einen Zeugen , der einen Beweis machet : der ganze Beweis , den ich geben kann , ist , daß die Geschichtschreiber , ( Dio im LIV B . 6iz , 6>4 S . Parereulus , II B . XCV Cap . ) einig sind , daß dieRhätier gezwungen worden , das Joch auf sich zu nehmen , ob sie gleich ihre Tapfer - keit und ihre vortheilhafte Lage zu einem langen Widerstande sehr ge - schickt gemacht . Ich will die Verse des Hvraz nur darum anführen , weil sie schön und prächtig sind : wenn sie nichts als Wahrheit enthal - ten , so muß man glauben , es sey solches nur zufalliger weise geschehen ; denn ein Poet , welcher die Siege und Triumphe eines Priiizen besin» gcr , saget der fabelhaften Hyperbole nicht eher ab , als bis er derselben nickt mehr nöthig hat . Diejenigen , welche die neuem Gedichte lesen , werden dieses nicht in Abrede seyn , und ohne Muhe glauben , daß die Poeten an dem Hose Augusts von eben demselben Geiste angefeuert worden , als die Dichter der itzigen Zeit . Ich glaube auch , es werden die andächtigen Verehrer des Älterthums , welche der Seere des Per - rault am meisten zuwider sind , gestehen , daß unsere Zeit die Zeiten Ale , xanders und Augusts , in Absicht auf den Artikel der Lobeserhebungen , übertrifft ; denn die neuem Lobredner treiben ihre Begriffe viel weiter , als die Alten thaten , ob diese gleich eine viel weitläuftigere Materie hat - ren . * Allein wir wollen diese Ausschweifung beschließen , und des Ho - raz vierte Ode , des IV B . v . > u . f . anführen .
Quälern miniftrum fulininis alitem ,
Qualemue laetis caprea pafcuis Interna , fuluae matris ab vberc Iam ladte depulfum leonem Dentenouo peritura vidit ;
Videre Rhaeti Kella fub Alpibuj Drufum eerentem et Vindelici . . . . . fed diu I . ateque viÄricc cateruae ,
Confiliis iuuenis reuißae ,
Senfere , quid mens , rite quid indole#
Nutrita fauftis fub penetralibus ,
Poflet , quid Augufti patcrnus In pueros animus Nerones .
Man muß gestehen , daß diese Lobeserhebungen nicht übermäßig sind , und es befremdet mich so gar , daß Horaz nicht ein wenig mehr bey den schönen Heldentharen des Drusus stehen geblieben , wmnes anders wahr ist daß er diese Ode nach dem 74° Jahre Roms verfettiget hat ; ( Da - cier setzet dieses in seinen Anmerkungen über die IV Ode des IV B . 6orazens , auf der no Seite , bey mir . als eme gewisse Sache voraus , denn in diesem Falle könnte er die schonen Dmge gewußt Hab «' die dieser junge Feldherr jenseit der Alpen gethan hatte . Wie hat sich nun dieser Dichter in den einzigen Krieg der Rhätier einschlief - sen können ?
* Daß Herr Bayle hier nicht zu viel sage , das werden alle diejenigen wissen , die ein wenig in den französischen Dichtern bele - sen sind . Mit was für übersteigenden Lobsprüchen haben diese nicht ihren XIV Ludwig erhoben ? Könnte auch wohl die Schwei - cheley selbst , wenn sie sichtbarlich unter den Menschen «schiene , etwas ungeheurer« finden , als was diese niederträchtigen Seelen von ihrem Abqotte gesaget haben ? Ich will hier nicht etwa den Cvrano von Bergerae anführen , dessen Schreibart allemal von dm unverantwortlichsten Hyperbolen strotzet : ^ es sollen Racine und Boileau , die größesten Meister in der naturlichen Schreibart unter den Franzosen ; und was noch mehr ist , d^jmigen Schrift , steller auftreten , die Ludwig selbst zu seinen Geschichtschreibern erwählet hatte . Der erste schreibt in einer Ode an die Kömgmn , die vor seinen Trauerspielen steht , auf der - 6 Seite , im Namen der Seine :
Non que j'ignore la vaillance Et les miracles de ton Roi ,
Et que dans le commun eflroi Je doive craindre pour la France :
Je fai qu'il ne fe plait , qu'au milieu des hazard« , Que livrer des combats et forcer des ramparts Sont de fes jeunes ans les delices fupremes ;
Je fai tont cequ'a fait fori bras viäorieux
Et que plulieurs de nos Dieux meines ,
Par de moindres exploits , ont merite les cieux .
CR« es nun weis , wie wenig Frankreich dazumal wider Spanien m tlmn vermögend gewesen ; indem sich viele der klügsten Franzo - Evremond , des Spotten - über diesen Krieg n cht entbalttN können ; und wie wenig Antheil der junge König Äwia XÄ» gehabt : der wird die entsebliche Vergröße -
gleichwohl folget noch ein stärkerer Ausdruck .
Mais c'eft trop peu pour Wem diese Thaten unerhört vorkommen , der muß wohl noch se^ wenig gehöret haben : Und mi muß doch ein solcher junger Prinz II Band .
denken , wenn er solcher Poetm Schriften liest ; da ihm ja gan» wohl bewußt ist , daß der geringste Soldat mehr gethan hat , al< et selbst .
Doch wir wollen auch den Boilea« noch Horm . Dieser machet sich zwar in seinem I Schreiben an den König , auf der - z6 S . des IB . seiner Gedichte : ( der amsterdamer Ausgabe von 1717 , in is . ) anheischig , er wolle den König nicht nach gemeiner Art loben , das ist , Läsarn und Alexander» vor seinen Wagen spannen , ihn auf Rosken des Mars und Alcides erheben , ihm den Bosphor einräumen , und dem Sultan zumurhen , ihm den tlilffcom abzutreten . Allein in eben demselben auf seine poetischen Mit - brüder so stachlichten Schreiben , kann sich der gute Dichter nicht enthalten , in ebensolche , ja noch in weit ärgere Hyperbolen zu verfallen . Man lese den , ; , , und die folgenden Verse dieses Schrn - benS :
Qui ne fent point l'effet , de Tes foins genereux ?
L'univers fous ton regne a - t - il des Malheureux ?
Eft il quelque vertu aans les glaces de l'Ourfe ,
Ni dans ces lieux brule'z 011 le jour prend f» fource ,
Dont la trifte indigence ofe encore approcher ,
Et qu'en foule tes dons d'abord n'aillen : chercher ?
In Wahrheit ! in dem Eise des nordischen Lärmgestirns , und in den verbrannten v ? eltgegenden , wo Oer Tag seinen Ursprung nimmt , keinen Unglückseligen übrig lassen ; und eS so weit bringen , daß in der ganzen Welt kein einziger mehr sey , der etwas zu wünschen hat ; weil ihn Ludwig schon aufgesuchet , und ihm mir seinen Geschmken zuvorgekommen ist ° . das heißt ja wohl noch mehr gelogen» als wenn ihm andere , Casar» und Alexander« vor den Wagen gespanner . Will man noch den IV Brief dazu nehmen , so wird nian noch ärgere Aufschneidereyen finden , indem er endlich gar seinen Helden in zweyen Monaten vierzig Städte einnehmen läßt , und ihn in zweyen Jahren am Ufer des Helle - sponts erwarten will .
Auf die französischen Redner mag ich nicht einmal kommen , sonst wollte ich aus den Harangues de l'Academie Francjoife wohl noch ärgere Stücke anführen . Man sehe indessen die Antrittsre - de des Bischofs von Condom im Beschlüsse , und kurz zuvor die ganz eigene Lobrede auf den König ; so wird man keinen Zweifel an demjenigen tragen , was Herr Bayie hier gesager hat . G .
( v ) Er überwältigt« die Völker von Lrießland . ) Dio ist nicht der einzige , der es bemerket . Tacitus saget es auch , und setzet darzu : daß ihnen Drusus nur einen kleinen Tribut ausgeleget . Er hat sie ge , schätzt , eine gewisse Anzahl Ochsenhäute zu liesern . Eodem anno Frilii transrheiunus populus pacem exuere , noftra niagis auaritia , quam obfequii impatientes . Tributum iis Drufus iullerat raodicuin pro anguftia rerum , vt in vfus militares coria boum penderent . Tacit . Annal . Libr . IV . cap . LXXII . aufs 781 Jahr . Kurze Zeit darauf eni - pörtm sie sich , weil die Einnehmer dieser SchakMig ihnen mit aller Härte der allerunbarmherzigsten Zollplacker , tausend Drangsalm zu - fügten .
( E ) Man glaubet , wenn ihn nicht eine höhere Macht jtu rück gehalten hatte . ] Ich nenne die Erscheinung also , die er gehabt haben soll . Man giebr vor , daß ihm , als er seine Siege von einem Or - te zum andern verfolget , ohne sich irgendwo feste zu sehen , eine Frau er - schienen , die viel größer , als die Menschen , und nach Art der Barbarn gekleidet gewesen , und ihm auf lateinisch befohlen , inne zu halten . Ho» ftem etiam frequenter caefum ac penitus in intimas folitudines SÄUM non prius deftitit infequi , quam fpecies barbarae mulieris , humana amplior , viciorem tendere vltra fermone Latino prohibuif - fet . Suet . in Claudio , cap . I . Sueton und Dio reden von diesem Abentheuer ; allein Dio hat vergessen , zu bemerken , daß dieses Gespen - sie lateinisch geredet , welches ein Haiiptumstaiid gewesen , nnd den ein ausmerffamer Geschichtschreiber in seiner Erzählung niemals auslaßt , wenn er ihn weis . An der andern Seite hat Sueton einen Umstand ausgelassen , der nicht weniger wesentlich ist ; er hat nicht gesaget : daß diese Frau , nachdem sie den DrnsuS deswegen getadelt , daß ihn keine Eroberung kgnügen könne , ihm erkläret , daß er sich zurück ziehen solle , und daß er bald sterben wurde . Wenn Drusus dergleichen Gesichte ae - habt hätte ; so würde ich mich nicht wundern , daß er zurückgeaanaen und auch bald darauf in eine tödtliche Krankheit gefallen wäre ^ch weis nicht , ob die allerfenrigstm Kriegshelden , die heuriges Tages in der Welt sind , man mag ihnen auch eine Religion zueignen , welche man will , bey einer solchen Erscheinung die Probe halten würden Was für eine Umkehrung mußte sie nicht also in der Seele des Drusus ma - chen , der zu Rom von nichts , als Vogeldentuugen . Wunderwecken , gilt - thätigen und schädlichen Schutzengeln gehöret harre ? Wir wollen die Worte des Dio im LV Cap . zu Anfange sehen : vu^ yä ? m neifa»
{ ( xaT & ii / ifur * ( p<7ffiv xxx / ryexta uütia fty , UoT 3ifra ittei - vy Afäfft a . v . öt>fTf " , K itä / Tct toi raOru lietv nirfuron . äXK' arriSi . vjh tat
yjj ta - j igyuv yy } rS ßiv TtievTtj tit * . Etenim mulier quae . dam humana amplior forma ei obuiam fadVa : Drufe , inquit , quo tandem Milium tuae cupiditati modum ftatnens contendis ? N011 tibi fatis concefliim haec omnia videre . Qiiin tu abi : iam eniin et ope - rum worum et vitae inftat tibi tenninus .
Wer weis , ob die Deutschen nicht so listig gewesen , einen Menschen von ihrer Nation , der lateinisch gekonnt , und von einer außerordentli - chen Länge gewesen , als eine Frau verkleiden zu lassen , und ihn zu ver - mögen , sich als ein Gespenst auf den Weg zu stellen , welchen Drusus ge - reist ist . Ich zweifle nicht , daß man nicht mehr als einmal zu einer solchen List Zuflucht genommen hat .
( F ) Einige sagen , daß er an einem Beinbrüche gestorben . ) Wir würden die Umstände von diesem Zufalle sehen , wenn wir das letz , re Buch bes Titus Livius hätten ; denn der Inhalt , den wir davsn haben , enthält diese Worte : Ipfe ( Drufus ex fradlura equo fuper crus eius collapfo , tncefimo die quam id acciderat mortuus eft . Mvreri machet hier einen Fehler . Drusus , jaget er , machte sich auch fertig , seme Eroberungen sortmseyen , yat Zeit , da er vom pfer - Ve gefallen war , und sich ein Bein qebrsclicn batte , woran ee , z Tage darauf gestorben war . Dieß ist der einzige Fehler , daß er iz Tage anstatt 30 gesetzt har : er wird vom Dio noch über einen am
der»

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