Creator:
Bayle, Pierre Gottsched, Johann Christoph La Croze, Maturin Veyssiere
PURL:
https://dibiki.ub.uni-kiel.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:8:2-7126

Diogenes .
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Materie von allen Wesen wäre , so erkannte er auch , daß nichts von dieser Materie , ohne die göttliche Kraft hervorgebracht werden konnte , die er der Luft zueignere . Anaximenes hatte die Zeugung der Dinge nicht auf diese Art erklart ; nach seiner Meynung war die Luft die einzige und allgemeine Ursache gewesen ; die Götter selbst waren von derselben hervorgebracht wor - den ( C ) . Man hat den Cicero mit Unrecht beschuldiget , daß er diese Lel ) re des Diogenes nicht getreulich angeführer hätte K Man darf nicht zweifeln , daß Plurarch die Meynungen dieses Naturkündigers nicht zuweilen angezogen hat ( D ) , wenn er nur schlechtweg bemerket , es habe Diogenes dieses oder jenes gelehret . Dieß ist eine sehr üble Anführuna , weil es verschiedene sehr berühmte Philosophen gegeben , welche Diogenes geheißen haben . Derjenige , von welchem ich in diesem Artikel rede , besaß viele Be - redsainkeit c . Sein Verdienst hat ihn aus eine gefährliche Art der Eifersucht verschiedener Personen in Arhen ausgesetzt « ; so daß er in Lebensgefahr gewesen . Man hat uns den Anfang von seinem Werke erhalten ; dieß ist eine Waare , die uns einen vortheilhas - ten Begriff von seiner Einsicht machet . Wir sehen darinnen , daß er der Meynung gewesen : es müsse ein Lehrer im Anfange einen unumstößlichen Grund setzen , und sich einer Schreibart bedienen , in welcher zugleich Ernsthaftigkeit und Einfalt herrsch , ten - . Ich will die Meynungen nicht anführen , die Diogenes Laertius ihm zueignet : man kann sie in dem Moreri sehen . Seine Meynung wegen des Ursprunges , und der Einteilung der Winde , findet sich im Aristoteles f , Dasjenige , was er von der Natur des Saamens gesaget , und woraus er die Ableitung des Wortes , das heißt die Liebc^eschaffte , gezogen ,
ist in dem Clemens von Alexandrien zu sehen e . Es ist einige Aehnlichkeit zwischen der Lehre dieses Naturkündigers , und des Cartesius seiner , von der Zeugung der Welt
ä ) Siehe oben die Anmerkung ( A ) , zu dem Artikel Archelaus , der Philosoph , b ) Siehe die Anmerkung ( B ) . e ) Diogen .
Laert . Lib . IX . mim . 57 . d ) Ebendaselbst , e ) Ebendaselbst , und im VI 35 . Num z> . / ) Ariftotel . Hill . Animal . Lib . III . cap . II .
g ) Gemens Alexandr . Paedag . Lib . I . p . ioj . 6 ) Siehe die Anmerkung ( B ) .
( A ) - Diogenes gebürtig von Apollonia auf der Insel Creta . ) Wir würden dieses nicht willen , wenn wir nicht dasjenige hätten , was »vir vom Stephan von Byzanz übrig haben : denn dieß ist der einzige Schriftsteller , den man anführen kann . Er gedenket der fünf und zwanzig Städte , die Apollonia geheißen , und stiget , daß die drey und zwanzigste auf der Insul Creta gelegen , daß sie vor Alters lLleurhera genennt worden , und daß der Naturkündiger , Diogenes , aus derselben gebürtig gewesen . Stephan . Byzant . in aVoJikmta . Meursius erinnert sich dieses besondern Umstandeö nicht , wenn er in seinem Tractate von der Insel Creta , auf der 235 und f . S . das Verzeichniß der berühmten Männer aus der Insel Creta machet : denn er setzet unsern Diogenes nicht hinein : gleichwohl hatte er sich dieser Stelle Stephans von By - zanz , in einem Capitel desselben Buches , auf der 19 S . bedienet . Diese Auslassung ist ein weit leichterer Fehler , als der Irrthum , den man bey dem Jesuiten Lesealopier findet . Er giebt vor , daß der Diogenes Apol - loniatcs des Cicero , der Diogenes ex Apollonia , vrbc Illyrica , hodie Anlona , ist . Lefcalop . in Cicer . de Natura Deor . p . 46 . Menage hat sich falschlich eingebildet , daß gewisse Schriftsteller gesaget , es sey dieser Diogenes von Smyrna gewesen . Er feket den Diogenes Laer - tius unter die Zahl dieser Schriftsteller : er giebt vor , man müsse in dem Leben des Anaxarchus nicht iros Sujxuet r« iftummln , £ Diogen . Laert . Libr . IX . num . 58 . ) wie die Ausgaben sagen , sondern * toc Saunte Airytwt rS hic ( AnaxarchusDiogenis Smyr - naei auditor fiiit , lesen . Bis hieher hat er Recht , und die von ihm angeführten Ursachen sind sehr gründlich . Er führet eine Stelle aus des Clemens von Alexandrien , Strom . I B . an , und eine Stelle aus des Eusebius , Praeparat . XIV B . XVII Cap . wo gesaget wird , daß Anaxarchus der Schüler des Diogenes von Smyrna gewesen . Allein wenn er darzu setzet , daß Diogenes , welcher in dem Leben des Anaxar - chus , ziivgvurot genennet wird , eben derselbe ist , der in dem vorhergehen - den Capitel den Zunamen hat , so bekriegt er sich . Notan - dum autem , saget er über des Diogenes Laertius , IX B . Num . ; 8 . auf der 42z S Diogenem Smyrnaeum a Laertio hoc loco appellari , qui fupra Apolloniates eidem didlusfuit , non enim diuerfi funt Smyr - naeus et Apolloniate« . Diesen Irrthum recht zu erkennen , muß man auf zwey Dinge Acht haben : I , hat Diogenes Laertius beobachtet , daß Diogenes von Apollonien des AnaximeneS Schüler gewesen , und mit dem Anaxagoras zu gleicher Zeit geleber hat . Diogen . Laert . Ebendas . Num . 57 . Ist e« wohl glaublich , daß er ihn wenige Zeilen weiter für des Anaxarchus Schüler ausgiebt , welcher , wie er ausdrücklich saget , einige Unterredungen mit dem Alexander gehabt ? Es sind von dem Tode des Anaxagoras , bis zur Regierung Alexanders in Athen , drey losophische Erbfolgen gewesen ; Archelaus , ein gewesener Schüler des Anaxagoras , hat feinen Lehrstuhl dem Sokrates , dieser , nachdem er ihn lange Zeit besessen , dem Plato hinterlassen , welcher Alexanders Lehr - Meister zum Schüler gehabt . Man müßte der Zeitrechnung Gewalt an - thun , wenn man einen Schüler von dem Schuler des AnaximeneS sin - den wollte , der den , Hofe dieses Königes von Macedonien gefolger wäre . II , sehen wir , daß eben derselbe Clemens von Alexandrien , in Protrept . pag . 42 . C . wo er sehr deutlich zu erkennen giebt , daß Diogenes von Apollonien des Anaximenes Schüler gewesen , und folglich einer von den Pfeilern der ionischen Secte , ausdrücklich bemerket , es sey Dio - genes von Smyrna , ein Schüler des MerrodoruS , der den Protago - ras zum Lehrer gehabt , von der eleatischen Secte gewesen , und habe den Anaxarchus gelehret . Clement . Alexandr . Stromat . Libr . I . pag . 301 . Wie könnte man sich einbilden , daß eben derselbe Philosoph ein ler des Anaximenes , und eines Schülers des Protagoras gewesen wäre ?
( B ) Er hat die Meynung seines Lehrers , wegen der ersten llriadK , ein wenig verbessert . ) Ich habe in keinem einzigen Schrift - steller so viele Umstände hiervon gefunden , als in einem Werke des heil . Allgustins Ifte ( Anaximander ) Anaximenem difcipiilum , et fuccef - forcm reliquit : qui omnes rerum caufas infinito aeri dedit , nec Deos negauit , aut tacuit : non tarnen ab ipfis aerem factum , fed ipfos ex aere ortos credidit . Anaxagoras vero eins auditor , harum rerum omnium , quas videmus , effe & orem , diiiinum animnm feil - fit : et dixit , ex infinitamateria , quae conftaret diflimilibus inter fe particulis , rerum omnium genera pro inodulis et fpeciebus pro - priis fingula fieri , fed animo faciente diuino . Diogenes quoque , Anaximenis alter auditor , aerem quidem dixit , rerum efle mate - riam , de qua omnia fierent : fed eum efle compotem diuinae ratio , tiis , fine qua nihil ex eo fieri poflet . Auguftin . de Ciuk . Dei , Libr . VIII . cap . Ii . p . m . 711 . Cicero hat die Lehre diese« Diogenes auf eine viel körnichtere Art vorqebracht . Quidaer , saqet er von der Natur der Götter , I B . XII Cap quc» Diogenes Apolloniates vtitur Deo , quem fenfum habere poteft , aut quam formam Dei ? Der Jesuit Lesealopier findet viel Unredlichkeit in diesen Worten des Epikuraers Vellejus , einer von den unterredenden Personen des Cicero , und dieß ist
II
seine Strafpredigt , auf der 48 , 49 S . über das I B . des Cicero , von der Natlir der Götter . Quandiu impones , Vellei , extin & is , fepul - tisque philofophis , qui reclamare non poflunt , et illis errores af - finges , in quos nunquam impegerunt ? ecce hic quoque aerem genis Apolloniatae Deum facis , quem ille pro Deo nunquam ha - buit : nam dixit quidem libro nono Laertii , aerem efle ? - - >ck7°v , i . e . elementum , non autem Deum , et libro o & auo de Ciuitate Dei , ca - pite fecundo , aerem ejje materiem rerum , de qua omnia fierettt ; fed eum ejj'e compotem diuinae rationis , fine qua nihil fieret . Iam vero in altiflima illa , diuinaque ratione fruftra fenfum , fruftra figuram requiris . quae , nifi in corporea natura , non inueniri , opinor , intelligis : eft enim illa ratio diuina mere fpiritalis . Die Klage ses Jesuiten ist ungerecht ; denn es ist gewiß , daß die Stelle des Cicero das ganze Wesen und die ganze Stärke der Stelle Augustins enthält , und mit ihr emerley Verstand hat : daß nämlich , nach den Mevnungen des Dio - genes , die Luft Gott ist . Wenn wir dem heil . Angustin glauben , so hat er gelehret , daß zwey Dinge in der Luft wären : erstlich eine Materie , dar - aus alle Körper des ganzen WeltgebäudeS hervorgebracht werden könn - ten ; zum andern , eine göttliche Kraft , ohne welche nichts von dieser Materie vorgebracht werden könnte . Hieß dieses nicht aus der Luft und aus der göttlichen Kraft , ein Ganzes , oder ein Zusammengesetztes mo» che« , in welchem die Luft die Materie , und die göttliche Kraft die Seele oder Forme war ? Allein wie es die Forme ist , welche das setzte beschreibt , und ihm den Namen giebt , so folget , dpß die mit einer lichen . Kraft oder Natur belebte Lnft , Gott genennet werden müßte : und folglich , so hat Cicero , da er voraus setzte , daß die Luft , nach dem Dio - genes , Gott sey . nur dasjenige voraus geseher , was nothwendiger Weise aus der Erklärung folgen muß , die der h . Augustin von der Lehre dieses Philosophen gegeben hat . Der Einwurf , den der Jesuit auf das Wort ioiXSov gründet , ist nichtig ; denn unser Diogenes , wie ich bereits gesaget habe , hat zwey Dinge in der Luft zugelassen , eine Materie und eine wir - kende Ursache , und hat eine mit der andern genau verbunden ; ( Aerem compotem diuinae rationis . Auguftin . de Ciu . Dei , Lib . VIII . cap . II . p . 711 . ) auf diese Art ist also die Luft als Materie das Element , oder das «was« * , der verschiedenen Körper der Welt ; ( man merke , daß nach dein Diogenes unter principium , und «< * ; «« , elementum , kein terschied gewesen : denn er har nur ein Element erkannt ; siehe weiter unten die angeführte Stelle des Aristoteles ; ) allein dieses verhindert nicht , daß sie gemeinschaftlich mit der qörrlichen Kraft betrachtet , damit sie begäbet ist , nicht Gott wäre . Man kann dieses durch eine neue Beobachtung bestärken : die Worte des h . Augustins können uns gen , zu glauben , daß dieser Verstand , oder diese göttliche Kraft , welche Diogenes mit der Lust verbindet , vielmehr eine Eigenschaft , als eine Form , oder als eine von der Lust unterschiedene Seele sey ; daß nachdem Dioqenes nur eine Substanz in der Luft sey , welche alle zusammen derma - rerialische Ursprung aller Dinge , und der Verstand , die Weisheit und Intelligenz wäre , die als die wirkende Ursache die Hervorbringunq aller Dinge ordnete . . Also hat der Vellejus des Cicero dem Diogenes mit aller ersinnlichen Redlichkeit beygeleget , daß er qelehret , die Luft sey Gott . Aristoteles wird denjenigen ungemein zu stalten kommen , wel - che die Redensart des h . Augustins auf diese Art verstehen wollen Er belehret uns , es sey die Seele des Menschen , nach dem Diogenes . Luft , und erkenne und bewege sich , in so weit sie von einer lustigen Ratur wäre . Ihre Erkenntniß gründete sich darauf , daß die Luft der Ursprung aller Dinge ist , und ihre bewegende Kraft entstünde daher , weil die Lust das dünnste unter allen Wesen ist . A«oy6 " K $' Irstti n -
v« , etif» tbtov ir & nu - j mrleixefifariv hvo» , yjfj 3 / i rira
yivüfKHv ts vjfj * ( »«» TjJv J'WjCfV , v pi» Tfäre'v hl , »ju ' * tSt * t4 Aoi .
na yivümm' y äs , xiv^tikov hvou . Diogenes autem ,
ficut et alii quidam , aerem ipfam cenfuit efle : hunc fubtiliflimae fubftantiae , rerumque principium efle putans . Idcirco cognofcere atque mouere , animam dixit : hoc quidem cognofcere , quo primum eft , et ex hoc ipfo cae'era conftant : hoc aurem efle motiuum , quo fubtilillimum eft . Ariftotel . Libr . I . de Anima , cap . II . pag . 479 . E . Tom . I . Oper . Diese Worte des Aristoteles geben klarlich zu erkennen , daß Diogenes der Luft die Natur des ersten Anfangs , des ersten Deive - gers , die Erkennmiß , und die größte Zartheit , als Eigenschaften ge - geben , die per moduin vnius , eine einzige , und eben dieselbe Substanz mache» , welche Gott ist . Hieraus folget , daß seine Lehrverfassunq von dem SpinosismuS fast gar nicht unterschieden ist : Gott war darin - nen auf einmal zugleich die materialische und wirkende Ursache aller Dinge : er war die innere Wirkung aller Dinge ; er brachte in sich selbst alle Körper des ganzen Weltqebaudes hervor , die »»endlichen Welten , die Diogenes erkannt hat Diogen . Laert . Libr . IX . num . 57 . Im Vorbeygehen wollen wir bemerken , daß die Verse des Sidonius Apolli - naris , die ich in dem Artikel Archclaus , der Pbilosopli . angeführet ha - be , der Lehre des Diogenes nnvergle>chlich besser zukommen , als der Lehre de« ArchelauS , auf welche sie Savaron gedeutet hat . Justus Rr 2 Lipsius

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