Creator:
Bayle, Pierre Gottsched, Johann Christoph La Croze, Maturin Veyssiere
PURL:
https://dibiki.ub.uni-kiel.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:8:2-7010

304 Dicäarchus .
Kunden ist ; denn dasjenige , was nicht von dem Körper unterschieden ist , ist der Körper wesentlich , und nach den ersten Grundsätzen ist es ein Widerspruch , daß ein Körper jemals ohne feine Essenz seyn kann . Hier - aus folget offenbarlich , daß die Kraft zu empfinden , in den verstorbenen Körpern nicht aufhöret ; und daß ein jedes Theil der lebendigen Kör - per , wenn es verweset , sein Leben und seine Seele mit sich nimmt .
Man hat also nicht Ursache , sich zu schmeicheln , daß die Empfindung nach dem Tode aufhören , und daß man keiner einzigen Marter unterworfen seyn wird . Wenn ein Körper des Schmerzens fähig ist , wenn er sich in seinen Nerven befindet , so ist ers auch , an was für einem Orte er sich auch befindet , entweder in den Steinen , oder in deji Metallen , oder in der Luft , oder in dem Meere . Und wenn ein Luftstäubchen einmal alle«
Denkens entbehrte , so schien es ganz unmöglich , daß seine Verkehrung in diese Substanz , die man thierische Geister nennet , es jemals denkend machen konnte . Dieses scheint so unmöglich zu seyn , als wenn man ei - nem Wesen eine räumliche ( localis ) Gegenwart geben wollte , welches einige Zeit ohne die geringste räumliche Gegenwart gewesen wäre . Also muß man , wenn man bündig schließen will , entweder fest sehen , daß die Substanz , welche denket , von dem Körper unterschieden ist , oder daß alle Körper Substanzen sind , welche denken ; angesehen man nicht leugnen könnte , daß die Menschen keine Gedanken hätten : hierauf folget nach dem Grundsatze Dicäarchs , daß es eine gewisse Anzahl Körper giebt , welche denken . Uebrigens schließt Cicero sehr übel gegen den Dicä - arch : er giebt vor , daß der Mensch , nach diesem Philosophen , keinen Schmerz empfinden soll ; weil er nicht empfinden soll , daß er eine Seele hat . Dicaearchuin vero cum Ariftoxeno aequali et condifcipulo fuo , doctos fane homines omittamus , quorura alter ne condoluifie quidem vnquam videtur , qui aiiiiniim fe habere non fentiat : alter ita deleöatur fuis cantibus , vt eos etiain ad haec transferre conetur .
Cicero , Tufcul . I . cap . XVIII . Er hatte im X Cap . gesaget , daß Ari - storenes , der Tonkünstler und Philosoph . die Seele in einer harmoni , schen Übereinstimmung der Organen bestehen lassen , hicab Artificio fuo non receffit . Siehe den Lactanz , Inftit . Libr . VII . cap . XIII . et de Opificio Dei , cap . XVI . Dieser Philosoph hätte leicht antworten kon - nen : ich leugne nicht , daß der Mensch nicht empfindet , und daß er nicht empfindet , daß er empfindet ; allein ich leugne , daß er erkennt , daß daSje - mge , was in ihm empfindet , eine von dem Körper unterschiedene Seele ist . Es ist ganz wahr , daß er es nicht empfindet ; er erkennet es erstlich durch Vernunftschlüsse . Laetanz in des VII B . XIII Cap . bedienet sich des falschen Schlusses des Cicero .
Ich bin gewahr geworden , daß man sich einen eiteln Einwurf wider die Schlußrede machen könnte , die ich dein Lehrgebäude Dicäarchs enk - Hegen gesetzet habe . Dieses hat mich genöthiget , einem Einwurfe vor - zubauen . Man wird sagen , daß die Empfindung eine Beschaffenheit des Körpers seyn könnte : hieraus würde folgen , daß die Materie , ohne etwas von demjenigen zu verlieren , was ihr wesentlich ist , zu empfinden aufhören könnte ; so bald sie nicht mehr in den Werkzeugen einer leben - digen Maschine eingeschlossen wäre . Ich antworte , daß diese Lehre ab - geschmackt ist ; denn alle Beschaffenheiten , davon man einige Erkennt - niß hat , sind von einer solchen Natur , daß sie nicht eher aufhören , als einer andren Beschaffenheit , von eben derselben Art , Platz zu ma - chen . Es giebt keine Figur , die durch etwas anders , als durch eine an - dre Figur vernichtet wird ; noch eine Farbe , die nicht von einer andern Farbe vertrieben würde . Man will hier nur von den Körpern reden , die den Menschen sichtbar sind . Ich bekenne , daß die Kälte und Hitze , nach der alten Philosophie , die einander vertreiben , keine Zufälligkeiten von einerley Art sind ; aber zum wenigsten wird man mir zugestehen , daß sie zu einerley Gattung der Eigenschaften gehören , die man fühlbar ,
( taöiles ) nennet . Wenn man also wohl urtheilen will , so muß man sagen , daß keine Empfindung von ihrer Substanz anders vertrieben wird , als durch die Einführung einiger andern Empfindung . Es hin - dert nichts , daß die Empfindung keine Gattung ist , welche noch andre Garrungen unter sich hat , ehe man zu demjenigen kömmt , welches man die unterste Art ( fpeciern infiniam ) nennet . Nach diesem verliert mein Einwurf durch die Antwort nichts , die ich widerlege . Und ich habe allezeit Ursache , zu sagen , daß , wenn die thierischen Geister die Em - pfindung nicht außer den Nerven haben , die sie darinnen haben - so haben sie dieselbe bloß durch die Erlangung einer andern Art der Empfindung verlohren . Ohne Zweifel wird man mir einwenden , daß es Beschaffen - heilen giebt , die aufhören , ohne daß ihnen eine andre wirkliche fenheit folget . Man wird mir das Beyfpiel der Bewegung anführen ; denn von dem Beyspiele der Figuren , wird man sich wohl nicht unter - stehen zu reden : e« ist den Vertheidigern des Dicäarchus so offenbar zu - wider ; allein ich gebe zur Gegenantwort , daß die Bewegung und Ruhe nicht , wie man voraus setzet , nach der Art der wirklichen ten , und der Art der Entbehrungen , von einander unterschieden sind .
Die Ruhe und die Bewegung , sind eine so wohl , als die andre , eine sehr wesentliche und sehr wirkliche räumliche Gegenwart : ihr Unterschied be - steht nur in den äußerlichen und ganz zufalligen Aehnlichkeiten . Die Ruhe ist die Dauer eben derselben raumlichen Gegenwart ; die Bewe - gung ist die Erlangung einer neuen räumlichen Gegenwart : und lich verliert dasjenige , das sich zu bewegen aufhöret , seine Beschaffenheit nicht , ohne daß es dadurch eine andre Beschaffenheit von gleicher Natur erhall : es ist allezeit unter den andern Theilen des WeltgebäudeS eine Stellung , die seinem Umfange gleich ist . Wenn man uns ein Beyspiel von einem Körper geben wird , der einen Ort ohne Erlangung eines an - dern verliert , so wollen wir zugestehen , daß auch gewisse Körper eine Empfindung silieren können , ohne daß sie eine andre darqegen erhal - ten : wie es aber nnmöglich ist , ein solches Exempel aufzubringen , so sind wir auch berechtiget , zu behaupten , daß ein jeder Korper , der einmal empfunden hat , noch allezeit empfindet . Ist die Verwandlung des Wesens in Nichts , nicht in der Ordnung der Natur unmöglich ? Wären die Verwandlung der Figur , mir Beraubung der ganzen Figur , oder die Verwandlung der räumlichen Gegenwart , mit Beraubung aller räumlichen Gegenwart , nicht eine Verwandlung eines wesentlichen und wirklichen Dinges in Nichts ? Also sind sie in der Ordnung der Natur unmöglich , also ist die Verwandlung der Empfindung mit Entbehrung aller Empfindung unmöglich ; denn sie wäre eine Verwandlung eines wesentlichen und wirklichen Dinges in Nichts . Endlich sage ich noch , daß alle Arten der Körper auf die wesentlichen Eigenschaften des Kör - pers gegründet sind , welches die drey Ausdehnungen sind . Dieses ist , daß der Verlust einer Figur , oder einer räumlichen Gegenwart , allezeit
von der Erlangung einer andren Figur , oder einer andern raumlichen Gegenwart begleitet wird . Die AnSdehnung höret niemals auf , sie verliert sich niemals : dieferwegen ist die Verwesung einer von ihren Zu - fälligkeiten nothwendiger weise die Zeugung einer andern . Aus eben demselben Grunde , könnte keine einzige Empfindung anders aufhören , als durch das Daseyn einer andern ; denn in dem Lehrgebäude . das ich widerlege , würde die Empfindung so wohl eine Zufälligkeit des Korpers , als die Figur und der Ort seyn . Wollte man die Meynung auf einige Eigenschaft der Materie gründen , die von den dreyen Ausdehnungen unterschieden , und unserm Verstände unbekannt ist , so würde'ich änt - worten , daß die Veränderungen dieser Eigenschaft , den Veränderungen der Ausdehnung gleichen müssen . Diese können weder die ganze Figur , noch die ganze räumliche Gegenwart aufheben ; und also würden die Veränderungen dieser unbekannten Eigenschaft , niemals die ganze Em - pfindung aufheben ; sie würden nur der Uebergang von einer Empfin - dung zu einer andern seyn , wie die Bewegung der Ausdehnung nur der Uebergang von einem Orte zum andern ist . *
* Mich dünkt , man kann dieses auch so sehr augenscheinlich dar« thun . Man setze voraus , ein gewisser Klump von Materie denket . Dieser Klump bestehr aus Theilen , die von einander unterschieden sind : und wir wollen setzen , er wäre in hundert kleine Stücke ge - theilet . Hier ftage ich , welcher von diesen Theilen denket ? Saget man , sie denken alle : so hat entweder jeder Theil den ganzen Ge - danken ; und also haben wir nicht nurein denkendes Wesen , sondern soviele , als Theile da sind : oder sie haben alle zusammen nur einen Gedanken , und ein jeder Theil denket nur den hundertsten Theil davon . Das erste ist vollkommen abgeschmackt , und noch von nie - manden behauptet worden : das letzte aber ist gleichfalls ungereimt . Denn wie kann man einen Gedanken , z . E - von den» Lichte , oder von der Tugend , oder von der Zahl dre» . in hundert Thcile lhei - len ? Gesetzt aber es gienge an , und ein jeder Theil de« Klumpes dächte sein Hnnderttheilchen : so behaupte ich , daß der Gedanke doch nicht entstehen kann . Denn jedes Stücke denkt nur sein An - theil , und weis nicht , was sein Nachbar denkt ; das Ganze weis auch nicht , was alle seine Theile denken , weil alle Theile für sich be - stehen , und einander ihre Empfindung nicht tnittheilen können . Folglich kann sich der Gedanken nicht concentriren , oder zu dem Bewußtseyn kommen , wofern nicht etwas einfaches in dem Körper ist , welches gar keine Theile hat . Ich habe diesen Beweis sehr überzeugend befunden , und er ließe sich leicht auf eine demonstrati» vische Art vortragen . G .
( v ) Moreri eignet es einem andern Dicäarch ju , der von £ . accö«mon tff . ] Man begreift nicht , wie er diesen Schnitzer hat machen können ; denn nachdem er die Stelle des Cicero , wegen Dicä - archs Gottlosigkeit , in Absicht auf die Natur der Seele , anqeführet hat , so setzet er darzu , daß Terrullian den Irrthum dieses Philosophen auch bemerke . Allein hier sind die Worte Tertullians , die Moreri anführet : Denique , qui negant principale , ipfam prius animam nihil cenfuerunt , Mefienius aliquis Dicaearchus . Der Philosoph , dessen Irrthum Tertullian bemerket , ist Dicäarchus vonMeßina ; warumhat denn Moreri diesen Irrthum dem Dicäarch von Lacedämon zugeeignet ? Er häufet Schnitzer mit Schnitzern , indem er uns ans eine große An - zahl Schriftsteller verweist , die vom Dicäarch geredet haben , weil er alle ihre Zeugnisse einemDicäarch von Lacedämon zueigner , welchem SuidaS kein einziges Werk , weder ein großes noch ein kleines zuschreibt ; und weil man nicht leugnen kann» daß ein Theil von diesen Zeugnissen den Dicäarch von Meßina betreffen . Ein gelehrter Kunstlichter , ReinesiuS , im LX1X Briefe , auf der 6 ? « ® . hat geglauber , daß die Summarien von den Tragödien des Sophokles und Euripide ? . welche vom Sertu« Empirikus , aduerfus Mathemat . cap . XIX angeführt werden , die Ge - burt des Sprachlehrers Dicäarchus sind , dessen Athenäus im I B . auf der 14 S . bey mir gedenket . Ich bekenne , daß ei» solches Werk dem Dicäarch , dem Sprachlehrer von Lacedämon , und Schüler desAristar , chus , besser , als dem Dicäarchus von Meßina , und dem Scbuler des Aristoteles zukömmt . Wenn ich aber gleichwohl betrachte , daß Suida« jenem nicht ein einziges Werk zueigner , und versichert , daß dieser ein Philosoph , Redner und Meßkünstler gewesen : so wollte ich lieber dem Schüler des Aristoteles alle die Werke geben , die unter dem Namen des Dicäarchus angeführer werden . Wenn derjenige , von welchem Athe - näus auf der , 4 Seite feines I Buches reder , ohne daß er ihn einen Sprachlehrer nennet , ( ReinesiuS mag sagen was er will , ) der Dicäarch von Lacedämon gewesen , so würde er die Erfindung , davon an diesem Orte gehandelt wird , viel eher seinem Vaterlande , als der Stadt Si - cyon , zugeeignet haben ; weil es Schriftsteller giebt , die sie der Sradt La - cedämon zuschreiben . Diese Erfindung betrifft das Tanzen , und ver - muthlich hat Dicäarch in dem Buche irefi nn ( E ) Suidas giebt ihm nicht ei» einngesBuch . Dicftsgiebr mir Materie ? u einer Anmerkung wider den Meursms . ^ Er giebt Mifcellan . Lacon . Lib . IV . p . 334 . vor , es habe Dicäarch von Laee - d«mon , von der Regierung zu Sparta , ein so vortreffliches Buch gemacht , daß man es alle Jahre , in Gegenwart der Juaend in der Versammlung der Ephoren gelesen ; und daß der dießsalls gemachte Rathsschluß sehr lange Zeit ausgeubet worden . Dasjenige , was er aus dem SuidaS anführet , ist sehr richtig , wenn man einen Zusah davon auenimmt ; daß nämlich Suidas daselbst nur vom Dicäarch aus Meßina redet .
Tijv xtAiTH & v HnxfTtotruv . yjfj vifiot irtöl h AcotiSulfiovi , * a3 * «MiTOv trat hvkyrjufxt$cti tov Aoyov « ( TO riv E$0 ( m tkc äi
T»jv tißttri * nv lX0VTaf «Ufoäa^on . ) ( gf rSro xoÄ . 5 .
Scripfit Rempublicam Spartanorum . Et Lacedaenione lex eft lata , vt quotannis liber ifte in praetorio Ephororum legeretur , et iuuen - tus aufcnltaret . Idque diu obtinuit . Ebendas .
( F ) plinius bexcnget , daß Dicäarch von einigen Prinzen Be - fehl erhalten , die - Hohe der Berge ; u mcfjm . ] Dieß sind die Worte des PliniuS : Globuin tarnen efhct tnirum eft in tanta pla - nitie inaris camporumque . Cui fententiae adelt Dicaearchus , vir in pritnis eruditus , regum cura pernienfus montes , ex quibus altiffi - mum prodidit Pelion , s ; o pafluuni ratione perpendiculi , nullani esse eam portionem vniiierfae rotunditati» colJigens . Plinius , Libr II
«'ap - LXV .

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