Creator:
Bayle, Pierre Gottsched, Johann Christoph La Croze, Maturin Veyssiere
PURL:
https://dibiki.ub.uni-kiel.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:8:2-6934

2y6
Des - Barreaux .
dem Herrn von Chenaille seinem leiblichen Vetter , Parlementsrathe in Paris , zugehört , welcher im 1694 Jahre der Religion wegen , nach dem Haag geflüchtet ist . Ich muß dazu setzen , daß die Ergetzlichkeiten des Geistes manchmal die Ursachen seiner Reisen gewesen , als da er aus - drücklich nach Holland gekommen , um daselbst seinen Freund , den Carte - flu« , zn besuchen , und aus den Unterweisungen dieses großen Mannes Nutzen zu ziehen . Baillet , Vie de Des Cartes , Tom . II . p . 176 .
( F ) f£x hat ein andächtiges Sonnet gemacht , welches der zen rvelt bekannt ist . ^ Ich kann mich nicht enthalten , dasselbe der Länge nach herzusetzen .
Nichts ist , 0 großer Gott , das deine Wege schwächt ,
Es läßts uns deine Huld an keinem Guten fehlen ;
Jedoch , ich Sünder , muß so viele Bosheit zahlen .
Daß , wenn du mir sie schenkst , so kränkt dein Spruch da» Recht . Ja , treuer Gott ! ich bin ein solcher Sündenknecht ,
Daß du mir anders nichts , als Straft , kannst erwählen .
Dein Ruhm giebt sonst nichts zu ; ich kann es nicht verheelen , Und selber deine Huld verlangt , daß man sie rächt .
Weil denn dein Ruhm es heischt , so laß mich doch nur büßen , Verwirf die Thränen nur , die aus den Äugen fließen Schlag ! donnre ! es ist Zeit ! vergilt mir Wuth mit Wuthz Ich ehr im Tode noch den Zorn , der mich verzehret :
Jedoch , wo ist der Ort , dahin dein Donner fahret ?
Es stralt ein jedes Glied von deine« Sohnes Blut .
Der Pater Lami in seiner An de parier findet dieses Sonnet unver - gleichlich . * Er hat e« seinem Buche als ein Beyspiel von der Figur einverleibet , welche die Redner Epiftrophe oder den Seyfall nennen . Siehe Livr . ll , chap . III . pag . 100 . hollandischer Ausgabe 1679 .
* Der gute P Lami mag sagen , was er will : so kann man doch behaupten , daß das französische Sonnet sehr fehlerhaft ist . Die Materie , oder den Inhalt will ich nicht radeln : es ist ein andach - tige« Bekennrniß der Sünden , mir etlichen scharfsinnigen ken vermischt : und das ist es auch alles . Aber den Regeln des Sonnets thut es kein Gnügen . Zwar es besteht aus vierzehn Zei , len , davon im Anfange vier und vier einen vollen Verstand haben ; und daß die sechs letztern sich auch in drey und drey Verse theilen lassen . Allein ist denn dieses zu einem Sonnete gnug ? Mansche doch nur die Regeln und Exenipel der Welschen , als der Erfinder dieser gezwungenen Art von Gedichten an , so wird man finden , daß die gehörige Abwechselung der Reime nicht beobachtet worden . Es müssen sich in einem Sonnete , die > . 4 . 5 . und 8te , und hernach die 2 . z . 6 und ? te Zeile reimen . Unser Desbarreaux aber wech - seit die Reime folgender gestalt :
Grand Dien , tes jugemens font remplis d'equite ;
Toujours tu prens plaifir a nous etre propice :
Mais j'ai tant fait de mal , aue jamais ta Konto Ne me pardonnera fans cnoquer ta justice .
So hat Petrarcha seine Sonnete nicht gemacht . Z . E . Sein erstes auf die Laura hebt so an :
Voi , ch'afcoltate in rime fparfe il fuono
Di quei fofpiri , ond'io nudriva il core ,
In ful mio primo giovenil errore
Quand'era in parte altr'huoin da qual ch'io fono . & c .
Nun weis ich zwar , daß die alten französischen Poeten , z . E . Des» portes auch zuweilen die Abwechselung der Reime nach Art der Elegien gemacht haben : allein dieses ist eine Freyheit , die sie sich unbilliger Weise genommen haben . Und ob es ihnen gleich ftey stund , ihre Reime zu versetzen , wie sie wollten , so hätten sie doch solche Gedichte nicht Sonnete nennen sollen . Petrarcha selbst hat unter etlichen hundert richtigen Sonnelen , ich weis nicht , ob mit Fleiß , oder au« Versehen , das CLV Giunto Alefi'andro etc . recht gemacht . Allein man muß an großen Leuten nicht ihre Feh - ler , sondern nur das nachahmen , was sie nach den Regeln gemacht haben . Hieraus kann man urtheilen , was auch von den Sonneten unserer Deutschen zu halten ist , welche wohl gar von der Zahl der Zeilm abweichen , und uns z . E . Sonnete von dreyzehn Versen Haben aufbringen wollen . <5 .
Man findet dieses Sonner i n einem Briefe Boursaults . Der Titel die - ses Brieses bemerket , daß er an den Desbarreaur geschrieben worden , welcher nicht eher an Gott geglaubt , als bis er krank gewesen . Lettres Mouvelles de Monfr . Bourfault , pag . ig . holländischer Ausgabe , 1698 . Der Verfasser redet ihm von dem Tode einer unglücklichen Frau , welche die Schande ihres Geschlechtes gewesen , und Rinder als Erben ihrer Ehrlosigkeit Hinterlassen habe . Er giebt vor , daß Gott durch diesen Tod vie - Hindcrniise aus dem V ? ege geräumt , rvelche den Des - Barreaur abgehalten , sich ihm 5» nahern . Wir wollen hieraus schließen , daß diese Frau die Liebste dieses Wollüstlings gewesen Man sebet dazu , es sey kein Zweifel , daß sie , ungeachtet der bösen Äeyspiele , die sie einander Wechselsweise gegeben , dennoch von ihm erhalten habe , daß er in der Rrankheir an Gott qeglauber . Man stellet ihm dasjenige vor . was die Barmher - zigkeit Gottes öfter« für ihn gethan hat . jf ? es nicht diese herzigkeit gewesen , saget man auf der 21 S zu ihm , die euch eure letzte Rrankheit zugeschickt hat , um euch aus den Verblendung gen zu reißen , darinnen ihr euck befunden : worinnen ibr von der Größe eurer Sünden gerührt , dieses Sonner verfertiget , welches euch ft> viel Ruhm erworben hat , als es euch ein - mal Schaam verursachen wird , daß ihr so geschickt , wohl zu Senken , und so unglücklich gewesen seyd , so übel 5» leben ? - - , Lasset uns den Christen eine Minute Key Seite seken , und nur von dem ehrlichen Manne reden . Saget mir , ich bitte euch ,
Minoriten . als dasjenige suchen , was ihr fliehen solltet , und . wen» ich es sagen darf , Gott daselbst beschimpfen , wo ihn die andern anbethen wollen ? Lettres Nouvelles de Monfr . Bourfault , pag . 2s . holländischer Ausgabe , , 698 . Man hat ihm die Fabel vom kranken Falken zugeschickt , man hat ihm vorgehalten , daß , wenn etwas un - qereimrers in der tt>elt seyn konnte , als keinen Gott zu glauben , solches die Schwachheit wäre , ihn anzurufen , ohne daß man an ihn glaubte . Und wie er nicht mehr Gott ist , wenn wir uns übel , als wenn wir uns wohl befinden : so bat man weder mehr noch weniger Ursache jti dieser oder jener Zeit , an ihn zu ben . Ebendas . 24 S . Man setzet voraus , daß diese« die . Antwort von der Mutter des Falken gewesen , und man erklaret , daß man nicht wisse , ob sonst jemand , als Aesopus , vermögend gewesen , eine so scharfsinnige Ant - wort , als diese einzugeben : endlich ermahnet man den Deö - Barrcaux sehr lebhaft , die Barmherzigkeit Gottes nicht zu ermüden Man merke , daß die Fabel vom Falken , oder besser zu sagen vom Geyer , itt der neuen Ausgabe des Phädrus in diesen Ausdruckungen erscheint .
Multos cum menfes aegrotaflet miluius ,
Nec iam videret efle vitae fpem fuae ,
Matrem rogabat , fanfla circumiret loca ,
Et pro falute vota faceret maxima .
Faciam , inquit , fili ; fed opem ne non impetrcm Vehementer vereor . Sed qui delnbra omnia Vaftando , cuncta polluifti altaria Sacrificiis nullis parcens , nunc quid vis rogem ?
Siehe den zu Amsterdam 1698 gedruckten Phädrus auf der 525 S . de« Commentars vom Guidius Append . Fab . I . in Edit . P . Burm . Ich habe diese Fabel nicht unter denjenigen gefunden , welche dem Aeftpu« in der Ausgabe Nevelets unmittelbar zugeeignet werden ; allein ich habe sie unter denen gefunden , die ein Ungenannter , in eben dieser Ausgabe Neveletö , in lateinische Verse 'gebracht , und sie für Originale de« AesopuS ausgegeben hat . Ich habe darinnen nicht die geringste Spur von dem Gedanken angetroffen , den Bourfault vorbringt , und welchen , wie er glaubet , Aesopus allein einzugeben vermögend ist . Dieß sey in» Vorbeigehen gesager .
Er hat Grund , zu sagen , daß dieses die äußerste Ungereimtheit wäre , wenn man sein Gebeth an eine Gottheit richten wollte , die man nicht glaubte : allein ich weis nicht , ob Desbarreaux diese Thorheit jemals begangen hat , Der heil . Paulus scheint voraus zusehen , daß sich der - gleichen Ausschweifung nicht unter den Menschen findet , wie sollen sie aber anrufen , saget er , an die Römer X Cap . 14 v . an den sie nicht glauben 1 Mir scheint es sehr möglich zu seyn , daß diejenigen , welche nichts gewisses , so wohl von dem Daseyn als Nichtdaseyn Gottes , entschieden .
ihm bey Erblickung einer großen Gefahr , Gelübde thnn , und ihn anrufen können . Nun ist dieses der Zustand fast aller Ungläubigen . Sie zwei - fein , ob ein Gott ist , sie erkennen sein Daseyn nicht deutlich ; allein sie
wenn ein Mensch dasjenige zu einem andern gesaget hatte , was ihr zu Gott gesager , und »ein Xvorr doch so schändlich bräche , als ihr es brechet , würde dieses wohl ein ehrlicher Mann styn ? , - - rvas wollet ihr thun . da der Tod nur zween Schritte von euch ist , heute bey den Capucinern , und morgen bey den
erkennen auch nicht deutlich , daß er nichr da ist . Der Bischof von Tournai fängt mit diesem Gedanken seine Bctrachtunq über die Religion an . Es ist natürlich , daß dergleichen Leute bey Annäherung des Todes die sicherste Partey erwählen , und ad maiorem eautelam sich der chen Gnade und Barmherzigkeit empfehlen . Siehe die Anmerkung ( E ) zu dem Artikel Vion der Boristhenite . Sie hoffen etwas von ihrem Gebethe , im Falle es ein Wesen giebt , das sie verstehen und erhören kann , und sie haben nichts zu befürchten , im Falle es kein solches Wesen giebt . Allein wenn jemand zu einem solchen Grade des Unglaubens gekommen wäre , daß er von der Gottesleugming sich fest überzeuget hätte . und in dieser Ueberredung in währender Zeit geblieben wäre , da ergefährlich krank gewesen - so kann ich nicht begreifen , wie es möglich sey , daß er Gott von Grunde des Herzens anrieft . Wir wollen uns also nicht einbilden , daß Desbarreaux in den Aberwitz versallen , Gott anzurufen , den er nicht geglaubt hat . Wir wollen vielmehr sagen , daß seine Ge« wohnheit , in seinen Krankheiten zu bethen , ein Merkmaal ist , entweder , daß er in seinen gesunden Tagen an dem Daseyn Gottes nicht gczwei - feit hat : welches man in der nur mitgeteilten NachrichtversiäM : oder daß er solches aufs höchste nur in Zweifel gesetzt , und zwar in einen Zwei - ftl , bey welchem er zur Zeit der tz^efahr des Todes auf die bejahende Seite gefallen ist . Die Neigung zur Wollust hat ihn bey wiedererlangter Ge - srnidheitm , getrieben , seinen ersten Wandel , und seine erste Sprache wie« der anzunehmen . Dieß beweist nicht , daß er in der That ein Gottes - leugner gewesen . Dieses beweist nur , entweder , daß er fast alle befon - dere Lehrsatze der eingeführten Religionen verworfen , oder daß er aus Hochmuth befürchtet , man möchte seiner spotten , daß er , wenn er nicht fortführe als ein Freygeist zu reden , den Namen eines starken Geistes verlohren . Es ist sehr wahrscheinlich , daß diejenigen , welche sich in Ge - sellschaften die allergemeinste» Wahrheiten der Religion zu bestreiten zwingen , mehr davon sagen , als sie denken . Die Eitelkeit hat mehr Theil an ihren Streitigkeiten , als das Gewissen ; sie bilden sich ein , daß die Seltsamkeit und Verwegenheit der Gedanken , die sie behaupten , nen den Ruhm großer Geister erwerben soll . Dieses setzet sie in Ver - suchung , auch wider ihre eigne Ueberzeuguiig die Schwierigkeiten auszu - kramen , welchen die Lehren von der Vorsehung und dem Evanqelio un - tenvorftn , md Sie verschaffen sich also nach und nach eine Fähigkeit , gottlose Gespräche zu fuhren ; und wenn sich das wollüstige Leben mit dieser Eitelkeit vereiniget , so gehen sie auf diesem Wege noch viel schwinder fort , Dieic böse Gewohnheit , die an der einen Seite unter der Aufsicht des Hvchmuths , und an der andern dnrch Hülfe der Sinnlich - keit verschafft wird , machet die Schärft von den Eindrücken der Erziehung stumpf : ich will sagen , daß sie die Empfindung der Wahrheiten einschlä - ftrt , die sie in ihrer Kindheit von der Gottheit , dem Paradiese und der Hölle gelernt haben . Allein dieses ist kein erloschener Glaube ; es ist nur ein umer der Asche verborgenes Feuer . Sie empfinden die Wirksamkeit davon , so bald sie bey sich zu Rathe gehen , und vornehmlich bey Erbli - ckung einiger Gefahr . Alsdann sieht man sie weit erschrockener , als an , dere Menschen . Siehe oben die Stelle Lharroip , in der kung ( I ) seines Artikels . Sie werden gar abergläubisch : die Erinne - rung , daß sie gegen die heiligen Dinge mehr Verachtung bezeigt , als sie »ey sich empfunden , und daß sie sich bemuht , sich diesem Joche auch in - nerlich zu entziehen , verdoppelt ihreUnruhe . Man hat fast niemal» gesehen , daß ein ernsthafter von Wollüsten und Eitelkeiten der Welt entfernter Mensch , Gefallen haben sollte , die Gottlosigkeit in den
Gesell -

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.