Creator:
Bayle, Pierre Gottsched, Johann Christoph La Croze, Maturin Veyssiere
PURL:
https://dibiki.ub.uni-kiel.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:8:2-6396

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Critias .
318 S . aduerfus Mathematicos , scheint unter die Zahl der ner zu gehören . Er will , daß die alten Gesetzgeber , da sie verhindern wollen , daß niemand seinem Nächsten ingeheim Schaden thun sollte , erdichtet hätten , daß es eine Vorsehung gäbe , welche beobachtete , ob die Menschen fromm oder böse lebten , und diejenigen strafte , welche Böses thäten . Nach seinem Lehrgebäude hat es eine Zeit gegeben , wo die Menschen so unordentlich , als die Thiere , gelebet , weder die guten Thaten belohner , noch die Laster bestrafer , und keiner andern Regel , al« dem Gesehe de« Stärksten , gefolget wären . Hierauf haben sich Menschen gefunden , welche Straft» eingeführt , und dann hat die Gerechtigkeit ihre Gewalt über die Ungerechtigkeit , als wie ein Herr über seinen Sklaven , ausge - übt . Man hat diejenigen gestrafet , die etwas Böses gethan . Als man hierauf gewahr geworden , daß zivar die Gesetze die Mensen abhielten , öffentlich zu sündigen , aber nicht im Verborgenen eine böse That zube - gehen , so hat sich ein gescheuter Kops aufgeworfen , welcher erkannt : daß er dem menschlichen Geschlechte einen sehr großen Dienst erweisen wür - de , wenn er es so einrichten könnte , daß sich die Boshaften auch teten . gestrafet zu werden , wenn sie gleich in geheim sündigten , und nur einen bösen Anschlag im Sinne führten . Er hat also einen Gott funden . das heißt , eine unsterbliche Natur , welche alle Dinge sieht und erkennet : er hat ihm die Regierung der Welt , die Bewegung der Him - melskreift , den Blitz , den Donner , und überhaupt alles dasjenige zuge - eignet , wovor der Mensch Furcht hat : auf diese Art , beschließt er , har ein geschickter Mensch den andern das Daseyn einer Gottheit weis ge - macht . Sextus EmpiricuS erzählet die eigenen Worte des Critias , oh - ne Anführung des Werkes , woraus er sie genommen hat . Wir wissen nur , daß er sie aus einem Gedichte entlehnet hat ; denn er führet bische Verse an . Die Verwirrung dabey ist , daß Plutarch dieselben Verse auch dem EuripideS zueignet , und voraus setzet : daß dieser Dich - ter , der sich vor dem AreopaguS gefürchtet , und sich diefenvegen nicht ge - trauet , seine Gottesleuqnung öffentlich auszustreuen , dieses böse Lehr - aebäude von einem Comodianten habe vorbringen lassen : Plutarch . de Placit . Philof . Libr . I . Quaeft . VII . pag . 880 . E . i ? ? « - ><> - .
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flu , * o« t»Ct' ukhh ßA ( iru Incondita olim vita fiiit mortalium ,
Et belluina , viribusque feruiens .
Legibus deinde pofitis alt iniuftitiam fiiifle repreflam . Sed cum hae aperta pofTent ilagitia prohibere , multi autem occulte feelera perpetrarent , tum quendam callidum viruni prodiifle , qui docue . rit veritati tenebras mendacio olfundendas , hominibusque perfua - dendum efle :
Quod fit perenni vita aliquis vigens Dens ,
Qui cernat ifta , et audiat , atque inteljigat .
Es ist augenscheinlich , daß die vom Sextus Empirikus , und die vom Plutarch erzählte Lehrverfassung einerley ist . Sie sind nicht weiter , als darinnen unterschieden , daß Plutarch nicht eine so große Anzahl Verse , als Sextus Empirikus anführet , und daß er dasjenige dem Euripides zueignet , was der andere dem Critias giebt . Allein die Verse , welche Plutarch anzieht , sind ebendieselben , als einige von denen , die Ser - tu« Empirikus vorbringet . Hierbey kann man ftagen : ob man aus ei - nem Gedächtnißfehler , dergleichen bey großen und kleinen lern nur allzugemein sind , dem Critia« da« Eigenthum des Euripides , oder diesem jenes seines zngeeignet hat , oder ob e« irgend noch ein ander Mittel giebt , diese Schwierigkeit zu heben ? Mich dünkt , daß ein Arzneykundiger in Paris ziemlich glücklich in Muthmaßungen sen ist .
Er glaubet , daß eine Lücke im SextuS Empirikus ist , das heißt , daß die Abschreiber einige Absätze überhüpfet haben , welche dasjenige , wa« man vom Critias erzählet hat , und die Nachricht enthalten , die man geben : daß Euripides , der von eben dieser Mevnung eingenommen ge - wesen , dieselbe , der Lange nach , in einem theatralischen Stücke erkläret habe : Mihi probabilius videtur mutilum efle Empirici librutn , quam Plutarcbi , nec ea modo quae ex Critia citabat aeuo fubftra - öa Ted etiam ipfius verba illa , quibus Euripidem eorum verfuuin auciorein laudabat , antequam verfus ipfos poneret . Quo fane fa - öum putandum eft , vt iis , qui lacunam non aduerterent , iidem fus Crkiae adferibi , ac nomine ein« citari ab Empirico viderentur . Petrus Petitus , Obfeniat . Mifcellan . Libr . I . cap . I . p . 7 . gen welche wissen , daß sehr alte und sehr gute Manuscripte nickt alle« dasjenige enthalten , was man in andern findet , und gleichwohl keinen leeren Raum lassen , werden zugestehen , daß es sehr möglich ist , daß die Manuscripte des Empirikus an dieser Stelle verstümmelt sind , ob gleich die Schrift darinnen ununterbrochen fortgeht . Allein , ob ich mich gleich mit der Muthmaßung des Petit beruhige , so lasse ich dennoch nicht alle seine Ursachen zu , und ich will diejenigen anzeigen , die mir falsch zu seyn scheinen .
I . Saget er : daß , nach dem Plutarch , die Ursache , welche den Enri - pideS gezwungen , sein Lehrgebäude unter der Perlen des Slsvvhu« zubringen , die Furcht vor dem AreopaguS gewesen wäre . Nun setzet er dazu , ist diese Furcht bey einem solchen Menschen , als Critias , einem grausamen und heftigen Tyrannen , und welcher der göttlichen Gesetze gespottet , nicht wahrscheinlich . Non videtur is metus in tyrannum cadere , quaüs fuifle Critias dicitur ; impotens , faetius , iuris humani oblitus' , et Deonim contemtor . Petit , ebendas . ; S Diese Ursache hat nickt die geringste Stärke : denn die Tyranney de« Critias bat erst , lich nach Einnehmuna der Stadt Athen angefangen : vorher ist er in keinem größern Ansehen . als nach den Umständen seiner heimlichen Streiche gewesen , und hat seine Aufführung so gut , als ein anderer ,
antworten müssen ; so daß er , wenn er ein theatralisches Stücke hatte machen wollen , verbunden gewesen wäre , eben so behutsam , als Euripi - deö , mehr oder weniger , zu verfahren . Das Volk und die Richterstüh - le zu Athen haben ihn , unter dem Vorwande der Gottlosigkeit , nicht so leicht zu Paaren treiben können , als den Alcibiades . ( Siehe den Cor - nelius Nepos im Leben des Alcibiades . ) Es ist sehr wahrscheinlich , daß Critias , wenn er Tragödien gemacht hätte , solche nicht nachdem , da er sich unter der Zahl der dreyßig Tyrannen gesehen , sondern zu einer Zeit verfertiget haben müßte , da er meht'erer Ruhe genossen . Es mag gehen , wie es will , so ist es höchst wahrscl^einlich , daß er sie eher ge - macht , ehe er ein Tyrann gewesen , und dich ist zureichend , die Ursache zu widerlegen , die ich hier zu bestreiten habe .
IL Hier ist eine andere , die nicht viel stärker ist . Critia« ist kein so guter Poet gewesen , daß man ihm so schöne Verse zueignen dörfte , als diejenigen sind , die Empirikus anführet . Wie kömmt dieses nun mit dem Athenaus überein , der so viele gute Verse von dem Critias ansüh - ret , und ihn so gar mit dem Beyworte , sehr gut , beehret , ( '0 Kfirtat , Optinius Critias , Athen . Libr . XIII . p . 600 . ) und endlichem Stück beybringet , welches entweder für ein Stuck des Critia« , oder de» Euripides gehalten worden ? Wenn das gemeine Wesen zweifelt , ob ein Gedicht von einem der vornehmsten Schriftsteller , die man net , oder voi , einem andern ist , so muß man überzeuget ftyu , daß dieser andere ein sehr guter Poet ist .
III . Dasjenige , was Petit dazu setzet : daß , weil Plato im VIII B . von der Republik dem Euripides vorgeworfen , er habe den Tyrannen zu viel geschmeichelt , und die Tyranney zu sehr gelobet ; die Furcht vor dem Areopagus viel eher diesem Poeten , als dem Critias , zukomme , scheint mir ein übler Vernunftschluß zu seyn . Magis profe & o Euri - pidi cenuenit , quod ait Plutarchus , non aufurn rnetu Areopagi ape - rire nientem fuarn de Diis ; propterea Sifyphi perfbnain ab co indu - äam . N AM et Pinto Euripidi obiieit in oclauo de Republik , quod tyrannis impeniius faueret , et tyrannideni laudaret . Petit . Libr . I . p . 6 . 7 . Denn überhaupt davon zu reden , so sieht man nickt die ge - ringste Verbindung , u»ter dem Vorzug - der Monarchie vor der repu - blikanischen Regierung , und der Schüchternkeit , seine Gedanken von der Religion gerade her . iiis zu sagen . Die Lobeserhebungen der Tyranney , die man dem Euripides vorgeworfen hat , sind nicht« ander« , als gewisse Stellen seiner Tragödien , worinnen er die Vortheile der monarchischen Regierung beschrieben hat : und es ist nicht« seltsames , daß in einer Stadt , wie Athen , wo die republikanische Regierung eine unendliche Quelle der Veränderungen und Verwirrungen gewesen , sich ein diger Mann durch die vorteilhaften Grundsätze der Monarchie hat einnehmen lassen . Allein , dieß bei ) Seite gesetzt , so ist e« ja hier die Fra - ge nicht , den Geschmack des Euripides zu rechtfertigen ; es ist die Fra - ge , ob er zu dem Kunstgriffe , den ihm Plutarch beymißt , hat Zu - flucht nehmen müssen , weil er zuweilen von der königlichen Würde rühm - lich geredet har : darum , weil er sich mit den Äreopagiten nicht in Streit einzulassen getrauet , hat er seine Gottlosigkeiten nickt selbst vor - bringen wollen ; er hat sie den Sisyphus , in einer von seinen Tragödien vortragen lassen . Man wird nicht leicht sehen , daß eines von diesen zweyen Dingen die Folge des andern seyn könne : man sieht klärlich . daß , wenn er wider die Monarchen und für die republikanische Regie - rung geredet hätte , ihm die Klugheit unfehlbar gerathcn haben würde : baß er sich vor dem Areopagus fürchten , und sich , bey Vorbringnng ei - ner Gottlosigkeit , der List bedienen müßte . Ich bekenne , man entdecket nach einem gewissen starken Nachdenken , daß er durch die der königli - chen Würde gegebenen Lobeserhebungen , den Gerichtspersenen der Athe - nienser verhaßt werden , und es alsdann für eine Schuldigkeit hat halten können , behutsamer , als ein anderer , zu verfahren , und keine Materie zum Processe zu geben . Allein im Grunde würde die Muthmaßung de« Petit streitig seyn ; ( ich rede so , weil es gewiß ist , daß Petit nicht hieran gedacht hat . ) und allenfalls würde man mir nicht leugnen kön - nen , daß er seinen Vernunftschluß unter allzuvielen Hüllen gehalten hat . Um die Ursache des Unterschiedes zu erkennen , welcher hier zwischen det i und 2 Ausgabe ist , so ziehe man die 1356 S . des ersten Bandes , von der ersten Ausgabe dieses Wörterbuchs zu Rathe . ( dem Leser eine Mühe zu ersparen , hat man es für dienlich erachtet , die Stelle hierher zu fe - tzen . ) Der Versertiger des Register« über dieses Wörterbuch hat mich erinnert , daß mein Unheil von dem Petit hier sehr falsch seyn könnte : Venn Euripides hätte v»rck feine der ksniglicken rvürve gege - denen Lobeserhebungen Ven Gericlitspersonen Ver Atbenienfte verhaßt werden , und es alsvann für eine Scbuldigkeit balle» können , behutsamer , als ein anderer , M verfahren , und keine Ursacbe zum Prscefle ; u geben . Ich bekenne , daß dieser Gedanke gegründet ist , und ich setze ihn , als eine Verbesserung des meinigen , hier - der : allein , im Grunde bleibe ich dennoch überzeuget , daß Petit eine sehr leichte Muthmaßung vorbringt ; und allenfalls wird man mir nicht leugnen können , daß er feinen Vernunftschluß unter allzuvielen Decken gehalten har .
IV . Wenn der Vorwurf , welchen Plato dem Euripide« gethan , nicht als ein Grund von dem Schlüsse angeführet worden wäre , den ich un - tersuchen will ; so wurde ich die Vernunftlehre des Petit nicht so griffen haben , als ich gethan : ich hätte gar leicht einige Verbindung un - ter den zweyen Dingen sehen können , die er auseinandert gefolgert hat . Hier ist seine Schlußrede : Quidni igitur Euripides tyrannis amicus , et Archeiao Macedonum Regi haud fane admodum laudato , in amo - ribus , hanc fententiam in ea tragoedia tyrannorum moribus con . fentaneam protulerit ; vtpote quibus religio nihil aliud fit , mfi ma - china theatwlis , qualem poetae habent in promtu , ad expedien . dum fabulae quempiam nodum ? Petit . Obferu . Mifcell . Libr . I . pag . 7 . Weil Euripides den Lobspruch der Tyranney gemacht , und die Angelegenheiten der Tyrannen hitzig verfochten hat , so ist es wahrschein - lich . daß er diejenigen Lehrsätze auf der Schaubühne vorgebracht hat , die man ihm beymißt ; denn diese Lehren sind sehr nach dem Geschmack ? der Tyrannen . Bis hieher geht alles gut : das heißt , wer den Grund zu« läßt , der ist auch verbunden , die Folgerung zuzulassen ; allein das schlimm» ste ist , daß in dieser Schlußrede ein falscher Satz ist . Es ist nicht wahr , daß man sich den Tyrannen dadurch gefällig machet , wenn man Grund - fltze lehret , die darauf abzielen , die Eindrücke der Religion in dem Her - zen des Menschen auszulöschen . Diejenigen , welche so unwissend und unvernünftig sind , daß sie den Ursprung der Religion nicht den Eindrü -
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