Creator:
Bayle, Pierre Gottsched, Johann Christoph La Croze, Maturin Veyssiere
PURL:
https://dibiki.ub.uni-kiel.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:8:2-6359

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Cremonin .
Fürsten sein Bildniß haben wollten . Seine Vorlesungen sind außerordentlich hoch gehalten worden ; allein seine qedruckten Bücher sind sehr schlecht abgegangen ( B ) . Er ist für einen Freygeist gehalten worden , der die Unsterblichfeit der Seele nicht geglaubt ( L ) , und dessen Meynungen über andere Materien nichts weniger , als dem Christenthume gemäß gewesen sind ( Dj . Er ist im 1630 Jahre an der Pest gestorben , und in dem Kloster der heil . Iustina begraben worden , dem er sein ganzes Vermögen vermacht hatte . Er war von einer ungemeinen Ehrlichkeit gegen alle Welt , und wußte sehr wohl eine lieb - kosende Mine anzunehmen : er legte «ich mit allzugroßer Aufmerksamkeit auf Complimeme , oder die Wichten der Höflichkeit ; allein im Grunde nahm er sich der Angelegenheiten keines einzigen Menschen redlich und aufrichtig an . Er machte sich eine Lust , die Spaltungen der Schüler zu unterhalten : er stellte sich als wenn er keine Partey unter ihren Factionen nähme ; er verbarg sich unter gekünstelten Liebkosungen mit der größten Fertigkeit , und unterdessen unterhielt er den Zwiespalt von ganzem Herzen , und vornehmlich zlim Nachtheile derjenigen Studenten , die er von seinen Absichten entfernt zu seyn wußte b . Man findet in dem ersten Bande des jesuitischen MercurS c , die Rede , die er im 1591 Jahre an den Rath zu Venedig , für die hohe Schule zu Padua , w , der die Jesuiten gehalten . Seine Eigenschaften sind einem Geschichtschreiber des Grafen von Ulefeld nicht bekannt gewesen ( E ) . Der P . Rapin hat sich Haßlich betrogen , da er ihn im XV Jahrhunderte d auf der Akademie zu Pisa - blühen läßt .
1 ) Dieß ist die Meynung des Jmperialis und des Crasso ; allein Hieronymus Baruffaldus , Diflert . de Poetis Ferrarienfibns ,
33 - widerleget sie , und saget , daßCento im Ferrarischen lieger . / ) Aus des Jmperialis Mufaeo Hiftorico pag . 173 . Rapin , Comparat , de Piaton . et d' Ariftote p . m . 399 . e ) Rapin Reflex , für la Philof . p . m . 360 .
c ) Auf der 490 S .
( A ) Er war Professor der Philosophie - - t ju Padua vierzig Jahre . ] Nachdem er anfänglich der Amtsgenosse des berühm - ten Pieeolomini gewesen , der den ersten Lehrstuhl der Philosophie auf der hohen Schule zu Padua beseiten : so hat er diesen obersten Posten nach dem Tode dieses seines Besitzers , bestiegen . Seine Lehrarl ist ge - wesen , zuerst die Lehrsätze des Aristoteles vorzutragen , und dann die Dunkelheiten derselbe» ? zu erklären ; entweder nach seinem eignen Sinne , oder nach der Erklärung Alexander« von Aphrodiseum . Er hat der Streitigkeiten der Scholastiker fast gar nicht gedacht ; er hat die Mey - nungen der Neuer» öffentlich verachtet , uud sich nichts angelegener senn lassen , als die Gedanken des Alterthums wieder lebendig zu machen . Er hat seine Vorlesungen mit solcher Anmuth und Ernsthaftigkeit gen gewußt , daß ks schwer gewesen seyn würde . Professoren zu finden , die ihm gleich gewesen . Seine besonder» Unterredungen mir den Studenten sind nicht wichtig gewesen . Er hat mit ihnen von allerhand Sachen gesprochen . ohne eine einzige davon aus dem Grunde zu untersuchen . Seine Gesprächsam keit und seine Höflichkeit haben sich dabey mehr , als seine Wissenschaft , sehen lassen . Aus des Johann Jmperialis Mufaeo Hittor . pag . 173 . Ich glaube nicht , daß er desivegen getadelt zu werden verdienet ; man kann nicht allezeit gespannet seyn : jemehr man seine öffentlichen Vorlesungen ausarbeitet , um so vielmehr hat man des Nach - lasses in Prwatgesprächen nöthig . und sie wurden die aller überlästigsten von der Welt seyn , wenn man daben an die Untersuchung einer gewissen Materie gebunden seyn sollte . Man muß Freyheit daben haben , in al - lerhand Länder zu streifen . und über alle Dinge nur obenhin wegzuwi - scheu , welche unter währender Unterredung auf das Tapet gebracht wer - den . Dieß ist die angenehmste und ehrbarste Erhohlung von der Ar - beit , die sich ein Lehrer geben kann , der mit öffentlichen Amrsverrichtun - gen beladen ist
( B ) Seine Vorlesungen sind ungemein hoch gehalten worden , allein seine gedruckten 25ücl , er sind sehr schlecht abgegangen . ^ Dieses hat einer Umschreibung nöthig ; denn ohne dieß würde ich den ganzen Gedanken meines Schriftstellers nicht wohl vorstellen . Die Werke , welche Cremonin bat drucken lassen , saget er , sind in den Buch - laden vermodert ; allein dasjenige , was er seinen Schülern beym . herum - spazieren nach der Gewohnheit der peripatetischen Secte , in die Feder vorgesagt , ist so vortrefflich , daß man nicht ? angenehmer« noch vollkvm - meüers , zur Entdeckung der Geheimnisse der Weltweisheit , wünschen kann . Illud nobis mirandtmi , quod elaborata ipfius opera typis excufa , in ofticinis ha & enus euilefeiint ; fcripta vero , Peripati more difcipnlis ab ipfo deambulante diftata , fic excelhint , vt nihil ad arcana pnilo - fophiac detegenda perfeftius ac fuauius defiderari poflit . Imperialis , in Mufaeo Hiftorico , pag . 174 . Daß man eine Predigt , oder eine Bor - lesung mehr bewundert , wenn man sie höret , al« wenn man sie liest , ist eben keine seltsame Sache : >a es ist was ganz gewöhnliches . Siehe oben die Anmerkung ( O ) bey dem Artikel Caßius Severus ( Titus ) ; und weiter unten die Anmerkung ( K ) zu dem Artikel - Hort - nsius ( Quintus ) und die Anmerkung ( C ) des Artikels Narni . Daß ein Mensch , der öffentlich mehr Beys . ill sindt , wenn er sich ohne Vorbereitung seiner glücklichen Einbildungskraft überläßt , als wenn er schreibt , oder nige mir allem ersinnlichem Fleiße überdenket , was er reden will , ist eine Sacke , die nicht so gemein ist ; allein nichts destoweniger ist sie nicht von den aller außerordentlichsten . Daß die Bücher eines Schriftstel - lerS höher gehalten iverdcn . so lange die geschriebenen Abschriften davon herum gehen , als nach dem Drucke , das ist eine Sache , die sich sehr ös - ters zuträgt ; ( Varillas ist ein Beyspiel davon , ) allein hier ist eine noch viel seltsamere Sache . Dasjenige , was Cremonin seinen Schülern in die Feder vorgesagt , hat die größte Vollkommenheit gehabt ; das>enige , was er herausgegeben , ist der äußersten Verachtung auegesekt gewesen . Dieß versichert Jmperialis . Man kann sich dießfalls auf zween these« berufen : " die eine ist , zusagen , daß er von denjenigen Schriststel - lern aewesen , welche ihr eigen Werk durchs Verbessern verderben , oder deren Stärke weiter in nicht« , al« in den ersten Einfällen des Verstan - de« besteht , und welche stumpf und vergraben werden , wenn sie ein zusammenhangendes tiefes Nachsinnen Schritt vor Schritt verfolgen sollen . Die ändere ist , daß man saget , es habe sich Jmperialis nicht wohl ausgedruckt , und daß er uns , um die Sache wahrbaftig zu erzäl , - len , hätte berichten sotten : es hätten die Schriften Cremonins , wei . che , so lange fie im Mannseripte herum gegangen , für vortrefflich ten worden , ihr Ansehen verlohren , so bald sie gedruckt erschienen wären . Diese« Vorgeben scheint mir wahrscheinlicher zu seyn , als das andere : denn wenn das Uebel dadurch entstanden wäre , daß Cremonin sein Werk bey der Zubereituu» zum Drucke verdorben hatte , so hätte man demselben vermittelst der Abschriften abhelfen können , die in den Hän - den seiner Schüler genxfen . Eö würden einige dienstfertige Freunde seinen Ruhm , durch Heran«gebung derer vortrefflichen Schriften erho - len haben , die er in die Feder gesagt hatte .
( C ) Er ist für einen Lresgeist gehalten worden , der die Unsterblichkeit der Seele nicht geglaubt . ] Viele sagen , daß e« da . her gekommen , weil er auf sein Grabmaal hak gesetzt haben wollen
Caefar Cremoninus hic totns iacct . Wenn man keine andern Grün - de hätte , so würde man nicht sehr im Stande seyn , ihn der Freygeiste - rey zu überzeugen ; denn der berühmte Prosper Gisbert Voetius , wel - cher diesen Beweis angeführt , hat ihn einige Zeit darauf zurück genom - men , weil eben derselbe Freund . von welchem er ihn erhalten , ihm zu wissen gethan . daß er auf eine falsche Sache gegründet wäre . Antehac , saget er , feleäar . Difput . Theolog . Vol . I . pag . 206 . ab eruditilT . viro et arnico mihi coinmunicatum erat epitaphium , quod dicebatur fibi feciile : Tutus Cremoninus bic iacet . Sed poftea ab eodein aliunde aliter informato monitus , reuocaui illud in prima huius difputatio - nis editione . In Entstehung dieses Beweises , tritt ein anderer an die Stelle , der nicht viel sagen will . Hier ist er : FortuniusLieetus erzählet , daß . da er sich angelegen seyn lassen , die Meynung Alexander« von Aphro - diseum , von der Natur der Seele , zu widerlegen , er sich von diesem lob ! i - chen Vorhaben durch die Drohungen nicht habe abwendig machen lassen , welche sein Amtsgenosse Cremonin und Ludwig Albertus , Professor dcr GotteSgelahrtheit , ausgestoßen , daß sie die Feder wider sein Werk ergrei - fen wollten . Diese waren , saget er , zween Schüler des Friedrich Pen - dasius , welcher der Meynung Alexanders von Aphrodiseum eiftigst hangen hat . Ambo DcxSrinae Aphrodifaei cultores non feinel dixe - rint fe volumini meo contradiduros , qui nulla contradi & ione re - Ii6ta diem obeuntis fato celferunt . Fortun . Lieetus , Hift . propr . Oper , beym Voetius Ebendas . Es ist klar , daß , weil ein Professor der Gottesgelahrtheir zu Padua für diese Meynung zu schreiben gedrohet , er darum nicht vorgegeben , daß Alexander von Apbrodiseum die Sterb - lichkeit der Seele behauptet hat . Die gesunde Vernunft saget , daß sich weder in Italien noch an einem andern Orte ein Gottesgelahrter »in - terstehen wurde , die Feder für eine Meynung zu ergreisen / die er der U» - sterblichkeit der Seele entgegen gesetzt erkennte : so daß , wenn Cremonin keine andere Meynuiigen geHeger , als diejenigen , deren Vertheidiger der Professor der GotteSgelahrtheit seyn wollen , so ist er von der Rechtgläubigst wegen der Unsterblichkeit dcr Seele nicht entfernt ge - wesen . Man mußte also noch andere Beweise haben . Weil ich hier nichts für meine» eignen Kopf bejahe , so bin ich auch nicht verbunden , dieselben anzuführen .
Hier ist eme ziemlich merkwürdige Stelle : ich nehme sie aus einem Briefe Balzacs , worinnen er dem . Herrn von Lorme , Leibarzte des Kö - niges , einen gewissen Herrn Dronet anpreist : rvenn ihr ihm die Gebeimnijle Oer Araber entdecket , ( der Griechen ihre weis er vollkommen ) so wird er euch nickt als ein rveltgesinnter , und al» ein bloßer Anfanger anhören . Sein Name steht mit großen Buchstaben in den Urkunden der Schule ; u Padua geschrieben , und er kömmt aus der Jtdm des großen Cremonin , fast so groß und so gelehrt , als er selbst . Nicht daß er ein blinder Anhan - - ger seines verstorbenen Lehrmeisters seyn sollte : ich kann euch versichern , daß er nur Sie richtigen Meinungen angenommen har ; und niemals ist ein Gläubiger mehr , als er , ubirjeugt wesen , daß der Gort Abrahams und Isaacs dcr Gorr der L . e - bendigen , und nicht der Todren ifi , u . s . w . Balzac . Lettres choilies pag . 35 . holländischer Ausgabe .
Lorenzo Crasso , den ich nicht gehabt , als dieser Artikel zum erstenmal« gedruckt worden , ist mir seit dem in die Hände gefallen . Ich habe darinnen die Bestätigung einer Muthmaßung gefunden , die mir gleich anfänglich in die Gedanken gekommen ist ; nämlich , daß Cremonin die Sterblichkeit der Seele nicht schlechterdings und misdriicktlch behauptet hat , sondern nur in dem Falle , da er den Gedanke» des Aristoteles sol - aen müssen . Diese Frage , welche im Grunde von schlechter Wichtigkeit ist , ist in den Schulen Italiens lange Zeit getrieben worden , ohne'daß man eine rechtmäßige Ursache gehabt , diejenigen unter die Irrgläubigen zu setzen , welche vorgeben , daß Aristoteles die Unsterblichkeit der Seele nicht gelehrt hätte . Man sehe die Einschränkung Cremonin« . Eveleno d * animo contagiofo 1' infegnare , che 1' aniina delP huomp foggetta alla corruzionenon difFerifca nellamortedelPHuomo da quella de'Bruti , com'egli faceva , ancorche fagacemente afferifl'e , foftener ciö fola - mente in fentenza d' Ariftotele . Lorenzo Crafl'o , Elogii d' Huomini Letterati , Tom II . pag . 124 . Moreri hat diesen Ziisak de« Lorenzo Crasso unterdrückt : eine sehr wichtige Unterlassungssünde bey dieser Be - gegniß . Man merke , daß dieses fast das einzige ist , was dieser Lorenzo der Erzählung des Jmperialis beygefnget hat . " Er ist wegen diese« Zu - satzeS um so viel lobenswürdiqer , da er überdieß überzeugt gewesen , daß die Einschränkung Cremonins nur in einem Kunstgriffe bestanden hat . Er erkläret ihn von aller Religion entfernet , und setzet dazu , daß ihn verschiedene Personen für strafbar gehalten , daß er diese böse Lehre ver - schiedenen von seinen vertrauten Untergebenen eingeblasen habe . Fu ben compofto di corpo , auftero di volto , brieve di fonno , ambizio - fo di faper moito , finto di coftumi , lontano D'ocni re - i . igione , havendo , fecondo il parer d'alcuni , fatto non pochi al - lievi confidenti , di quefta prava fua Dottrina . Ebendgf . 12J S .
( D ) - - - Seine tNernungen über andere Materien sind nicht« weniger , als dem Christenthume gemäß gewesen . ] Man
hat

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