Creator:
Bayle, Pierre Gottsched, Johann Christoph La Croze, Maturin Veyssiere
PURL:
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Conclni .
bemächtigen , in der Absicht , demselben vor seinen» Parlemente zu ri« den Proceß machen zu lassen . Le Grain , vecsäe de Lx>nis XIII . Livr . X . p . m . Z87 Allein mir scheint die absonderliche Erzählung von dem Tode des Marschalls von Ancre viel glaubwürdiger . Sie ist zu der Historie von den Lieblingen gedruckt , und vom Peter du Puy ge - sammlet worden . Sie enthält , daß der König , welcher allzu viel Ge - fahr bey dem Entwürfe des Processe« gesehen , einen andern Schluß ge - faßt habe . Dieser ist gewesen , dem Vitti anzubefehlen , den Marschall niedermachen zu lassen .
( B ) t t Dieß allein kann überzeugen , daß er ein hafter Mensch gewesen . 1 Denn ein Unlerthan kann nicht ohne Verbrechen den Anschlag fassen , sich bey seinem Herrn furchtbar zu chen ; und wenn er mir dergleichen Vorschlage zum Zwecke kömmt , so muß er tausend Ungerechtigkeiten anwenden ; er muß diejenigen von den Bedienungen entfernen , die ihm nicht gefallen , und alle diejenigen befördern deren er sich versichern kann : das heißt , er muß alle rechtschaffene Leute sehen , damit er diejenigen erheben kann , die dem Glücke alles aufopsern . Wie viel Gewaltthätigkeiten muß er nicht begehen , ehe er so viel Geld zusammen scharret , als er brauchet , überall seine Kundschafter und Crea - ruren zu haben ? Unser Marschall gieng niemals , als von zwey hundert Edelleuten umgeben ; außer seinen besoldeten Leuten , die er seine Baren - häuter vor tausend Franken hieß . Ebendas . Wir werden hier unten in der Anmerkung ( v ) , von der Dienstbarkeit reden , worinnen er den König erhalten hat .
( C ) Der Pöbel . , - - * ließ feinen Zorn Vurch alle erdenkli - che Mittel aus . 1 Der Lackey eines Mannes , den man vor kurzen hatte hinrichten lassen , ( es war ein Edelmann aus der Normandie , Na . mens Hurtevan , welcher den si Merz , 1617 , in Paris geköpft worden , ) hat zur Dankbarkeit gegen den Marschall , den Aufstand in der Kirche St . Germain de l'Auxerrois angefangen . Mari schrie , daß man den excommunicirten Juden ausgraben und auf den Schindanger werfen müsse . Man legte so gleich Hand ans Werk ; und zwar mir einer sol - che» SEButh , daß man denjenigen , der sich unterstanden hatte , vorzustel - len , daß man Ehrerbietigkeit vor der Heiligkeit des Ortes haben müßte , lebendig in das Grab des Marschalls begraben haben würde . Nachdem man den Sarg aufgeschlagen , schleppte man den Körper bis zu Ende der neuen Brücke , und henkte ihn bey den Füssen an einem von denen Galgen , die der Vestorbene für diejenigen ! hatte aufrichten lassen , die übel von ihm reden würden . Man schnitt ihm Nase , Ohren und die Schamglieder ab : kurz darauf band man ihn wieder ab , und schleppte ihn auf den Platz Gräve und auf andere Markte . Hierauf zergliederte man ihn und zerschnitt ihn in tausend Stücken : jeder wollte was da - von haben ; die Ohren wurden theuer verkauft , die Gedänne wurden in den Fluß geschmissen ; einen Theil des Körpers verbrannte man vor der Bildsäule Heinrichs des großen auf der neuen Brücke , und einige ließen sein Fleisch bey diesem Feuer braten , und gaben es ihren Hunden zu fressen . Le Grain Decade de Louis XIII . Livr . X p . 399 . 400 . Der Urheber der Relation , welche zu der Historie der Lieblinge gedruckt ist , erzählet noch viel erstaunlichere Dinge . Der Großprevot , welcher mit seinen Gericktsdienern den Aufstand in der Kirche St . Germain de lÄurerrois dämpfen wollte , wurde bedrohet , baß man ihn lebendig be - graben wollte , wenn er einen Fuß weiter setzte . Relation , p . 53 . Man setzt darzu : daß ein roth gekleideter Mensch so wütend gewesen , daß er die Hand in den tobten Körper gesteckt , sie ganz blutig wieder zogen , und nach dem Munde geführet . da« Blut abzulecken und ein klein Stück , u verschlucken . welches er mit berausgerissen ; daß ein anderer Gelegenbcit gefunden , ihm das - Herze heraus ; » reißen , welches er auf Rohlen gebraten und mit LLßig öffentlich gegcjfen habe . Ebcndas 56 S . Dieser Verfasser erzahlet die Auf - Mrung des Pöbels sehr umständlich , nach den verschiedenen Stellen , wo der Körper gehenkt , zergliedert und verbrannt worden : er saget , daß man den Tag darauf die Unze Asche für einen Thaler verkaufet be Ebendaselbst . 57 Seite . Es ist gewiß , daß eine Heerde wilder Ochsen eher zu bandigen und weniger zu fürchten ist , als der auftühri -
^ ( M^Mußte man erdulden , daß der Rönig viele I»hre der Sklave eines Florentiners geblieben i ] Dieß sind keine erdichtete Lästerungen , weder von den Feinden des Marschalls von Ancre , noch von den Feinden Ludwigs des XIII . Weil dieser Prinz seine Dienstbarkeit selbst in den Briefen bekennet , die er an die Statthal , ter der Provinz an dem Tage geschrieben , da dieser Marschall nieder - gemacht worden . Ich zweifle nicht , saget er beym Le Gram Decade cle Louis XIII , p . 392 . daß ihr unter währenden Geschäften , welche seit dem Tode des verstorbenen Könige« . meines Herrn und Vaters , ( welchem Gott gnädig sey , ) nicht leichtlich solltet bemerket haben , wie der Marschall von Anere und seine Frau , welche meine Minderjährig - keit und die Gewalt gemisbraucher , die sie sich von langer Zeit her über da« Gemüthe der Königinn , meiner Frau Mutter , erworben , den An - schlag gemacht , alle Gewalt an sich zu reißen , die Geschäfte des Staat ? nach ihrem einzigen Gefallen einzurichten , und mir die Mittel zu be , rauben Eenntiiiß davon zu erhalten . D - ests Vorhaben haben sie so weit getrieben , Saß mir bis hieher der bloße Name des Xo , Nietes übergeblieben , und daß es meinen Bedienten und tanen für ein - Hauptvcrbrechen gehalten worden , wenn sie mich ins besondere sehen , und ein ern'ihasres Gespräche mir mir hal - ten wollen . Dieses hat mich Gott , durch seine allvermogende Gütigkeit , gewahr werden lassen , und mir die große Gefahr au - genscbcinlich gezeiget , die meiner Person und meinem Staate , bev einer so unordentlichen - Herrschsucht , bevorgestanden . N>enn ich einiges Merkmaal meiner Empfindlichkeit und der ungemeinen Begierde blicken laßen , die ich hatte , die erforderliche nung dargegen zu machen , so bin ich gelungen gcwescn , mich 5» verstellen , und alle« das Gute , da» ich innerlich harte , durch meine äußerlichen - Handlungen , u verbergen , bis es eben dersel - ben Gütigkeit gefallen mochte , mir den rvcg und die lichkeit yat - Hülfe vorzubereiten . Der Verfasser dieser Relation sa - aer , daß der König , als er den Tod des Marschalls erfahren , sich am Fenster gezeiget und gerufen : habet großen Dank , habet großen Dank ! nunmehro bin ich Ronig ; Er hat den Haufen angeredet , der den Bim begleitet . Hierauf ist er an die andern Fenster gegangen , und hat geschrien : ins Gewebr . in« Gewehr . Lamcraden , und gesaget : Golk sey Hob und Dank ! iyo bin ich Ronig .
lation , pag . 2g . Die Lieutenante , Fähnriche und Gefteytm der den , welche er in die Straßen von Paris , zur Verhütung der Un - ordnungen , ausgeschickt , haben durch die ganze Stadt geschrien : es lebe derRonig ! derRonig ist Ronig ! Ebenda S . Der Bischofvon Lusson , der nach diesem Cardinal von Richelieu geworden , ist einer von den Lieb - lingen dieses Marschalls gewesen , und hat damals die Verrichtungen des ersten StaatSsecrerärs bekleidet . Er ist einige Zeit , nach gescliehe - ner Vollstreckung , in das Zimmer des Königes gekommen , und dieser Monarch hat zu ihm gesaget : Herr , heute sind wir , Gott sey Dank , von eurer T^ranney befreyet . Le Grain , p . 391 . Er hat damals nicht gewußt , daß seine Besreyung nicht lange dauren würde , und daß er mit einem Menschen geredet , der dazu bestimmt gewesen , ihm nur den Titel eines regierenden Fürsten zu lasten . Dem sey , wie ihm wolle , so ist es gewiß , daß der Marschall über die Person de« Königes selbst eine große Gewalt unrechtmäßiger weise an sich gerissen hat . Er hat ihm die Freiheit abgeschnitten , die schonen Lustbauser Jt» besuchen , die um Paris liegen , und seine Jagdergetzlichkeiten auf das bloße Spalieren in der Tuilleries eingeschranket . Relation , p . 4 . 5 . Der Schutz einer Regentinn bläst einem Hochmüthigen viel Kühn - heit ein .
iE ) t i i Vor diesem Abgotte beugen , da man ihn im Gerzen verflucbt i ] Der Marschall hat eines Tages gesaget : daß das Volk in Frankreich nicht dasjenige wäre , wofür man es hielte ; denn ob es gleich alles Doses von dcr^vclc von mir sa - gel , so komme ich doch an keinen d« mir nicht so gleich alle Bedienten entgegen kommen , und mich als den Ronig anreden . Ebendas . 43 Seite Eine so niedertrachtige Schmeicheley hat nicht allein verdienet , daß sie nicht unterdrückt ; son - dem daß sie auch mit mehrer Verächtlichkeit beschrieben worden wäre , als man in der Stelle sehen wird . die ich anführen will . „ Man darf „ nicht heucheln , denn in der Historie muß man die Wahrheit sagen : „ daß viele Prinzen und Herren vom Hofe , verschiedene 'Abgeordnete der „ allgemeinen Stände , verschiedene und die vornehmsten Obrigkeiten , eil» „ großer Theil von den vornehmsten Adel , eine große Anzahl Beamte „ und Bürger in den Städten , nicht allein die Hoheit diese« Tyrannen „ ertragen , sondern sich auch nicht geschämet , dieselbe nach allem ihrem „ Vermögen zu befördern , um feine Gewogenheit zu haben : und dessen haben sie die Liebe und Treue , die man nach Gottes Willen ge - „ gen feinen König und sein Vaterland haben sollen , schmachten lassen , „ und sind mit Verlmnnung der alten Großmuth der französischen Her - „ zen , alle dem Besten des fremden unrechtmäßigen Besitzers geneigt „ gewesen „ Le Grain , p . 385 .
( F> Die Vorsehung ist , unter währender Glückseligkeit ses Marschalls gewisser maßen in Ruhe und in reatu , gewesen . ^ Malherbe führet den Gott der Seine ein , welcher dem Marschalle sei - nen Fluch giebt , und seinen bevorstehenden Fall vorher saget :
Tes jotirs font a la fin , ta chute fc pre'pare ,
Reearde moi ponr la derniere fois .
C'eft afiez que cinq ans ton audace effronte'e ,
Sur des ailes de cire aux etoiles monte'e ,
Prinees et Rois ait ofe defier ;
Lafortune t'apelle au rang de fes vidUmes ;
Et le ciel accufe de fuporter tes crinies ,
Eft refolu de fe juftifier .
Balzac hat über dieses Stück des Malherbe , in dem christlichen Sokra - tes , auf der : ; < ? Seite , bey mir , Bettachrungen gemacht . Wir werden etwas davon bey dem Artikel Russin , in der Anmerkung ( jC ) , bey legenheit der Worte ClaudianS sagen können , welche bezeugen , daß die Glückseligkeit dieser Person ein Proceß zwischen Gott und Men - sehen gewesen , welchen Gott nicht anders gewinnen können , als durch den Tod Ruffins .
( G ) Ts ist erstaunlich , daß der Marschall vonTstrce die Leb - ler des Marschalls von Ancre so verringert Hat . ] Man lese die Nachrichten von der Regierung der Maria von Medicis , im >S66Jab - re gedruckt : man wird darinnen keine Handlung des Marschalls von Ancre findet» , welche verdiente , daß man einem Edelknaben den Küchen - schilling gäbe , und zum Beschlüsse wird man eine Abschilderung sehen , die mehr nach einer Lobrede , als nach einer Schutzschrift schmecket . Ich kann , ob es gleich wider meine Gewohnheit ist , meinen Leser nicht in den Moreri verweisen . Ich muß die eigenen Worte anführen , die er gebrauchet hat . Wenn ich ( es ist der Verfasser der Nachrichten , der auf der 244 und 24 ? S . redet , ) die Umstände von dem Tode de . ? Marschalls von Ancre erwäge , so kann ich denselben bloß seinem bösen Schicksale zuschreiben , da er einen Menschen zum Rache gehabt , der ftbr gelinde Neigungen geheget ; und wie er selbst von Natur wohlchatig gewesen , und wemqcn per - sonen unhöflich begegnet ist , so müssen sein Gestirn oder die Natur der Geschaffte so viel Leute wider ihn empöret haben . i£v ist angenehm von Person , geschickt yu Pferde und bey allen andern Uebungen gewesen ; er hat die «rgeylichkeiten , und Haupts achllch da« Spiel gellebt . Seine Unterredung ist freundlich und angenehm , seine Gedanken sind erhaben und herrschsüchl - q gewesen : allem er hat sie sorgfalng verheelt , indem er niemals in den Räch gekommen , noch hinein , u kommen , sich bestrebet , und man Hat öfter« von dein R6nige sagen hören , er habe nicht gemeynet , daß man , hn todten sollen . Ich würde glauben , Unrecht zu handeln , wenn ich das Zeugniß dieses Schriftstellers dem Zeugnisse , 0 vieler andern Scribenten vorzöge , welche übel von demConcino Eon - ein , geredet haben . Nicht darum , daß ich es nicht für etwas sehr mög - liches halten sollte , daß ein Mensch von mittelmäßigen Mängeln , der aber sehr unbedachtsam ist und viel Feinde hat , nicht der Abscheu des bel« werden . und als ein Enbösewicht ausgeschrieen werden konnte . Die Geschicklichkeit eines boshaften und mächtigen Feindes weis dem gemeinen Manne viele Lügen aufzuheften . Ich glaube auch , daß man viele Dinge , diesen unglücklichen Florentiner betreffend , allzusehr größert hat . und daß man , wenn man die Wahrheit feiner Sachen genau und mit der äußersten Deutlichkeit entscheiden will , eben so viele Schmie - rigkeiten übersteigen muß , als wenn man die Ursache der Eigenschafren des Magnets zu entdecken suchet : und ich werde bey Gelegenheit sagen : daß die historischen Wahrheiten bey gewissen Vorfällen nicht weniger unergründlich sind , aU bey physikalischen Wahrheiten .
( H ) Ein

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