Creator:
Bayle, Pierre Gottsched, Johann Christoph La Croze, Maturin Veyssiere
PURL:
https://dibiki.ub.uni-kiel.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:8:2-5522

Charron .
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Verstellungen Zuflucht zu nehmen , um den Schmerzen der Folter zu entgehen . Die Stärke seiner Seele hat sich nicht nach den Gegenstän - den des Körpers , sondern nach den Gegenständen des Geistes gewendet . Eine niedrige Seele , die zu allen Niederträchtigkeiten und Ehrlosigkeiten vermögend ist , ein Sklave aus Kappadocien ( Siehe oben den Artikel Tappadocien . ) der furchtsamste Bärenhäuter , und nichtswürdigste Kerl von der Welt , hak manchmal eine erstaunliche Stärke , allen Mar - kern zu widerstehen . Die ordentliche und außerordentliche allerhärteste Folter bringet ihn zu keinem Bekenntnisse ; allein wie viel ehrliche Leute . qiebt es , von einer unvergleichlichen Frömmigkeit , die sich eher selbst fälsch - iich anklagen , als der Pcinbank unterwerfen würden ? Wie viele nen hat es nicht gegeben , die ihrer Religion wirklich ergeben gewesen , und zu allen 'Arten der Verstellungen lind Zweydeutigkeiten Zuflucht ge - nvmmen , und welche sich , so viel als sie gekonnt , in dem Gefängnisse des Ketzergerichtes zur Wehre gesetzt haben ? Ich bediene mich hier die - - ses Wortes , um überhaupt alle Richterstühle anzuzeigen , die der gion wegen zum Tode verdammen . Die Furcht vor der Todesstrafe hat die Stärke ihrer Seele geschwächet , und alle Kraft ihrer Gottes - furcht aufgehoben . Auf diese Art verandern die Gesetze der Vereinigung des Körpers und der Seele , die Menschen .
Ich bemerke alle diese Dinge um den Peter Charron mit dem de la Bruyere zu vergleichen . wiffm die Gortesverleugner wohl , saget dieser letztere Caradleres de ceSiecle pag . ^66 . pariser Ausgabe von 1694 , daß man sie nur fpottweife starke . Geister nennetJ . was kann für eine größere Schwachheit seyn , als wenn man wegen des Ursprungs feines Wesens , feines Gebens , feiner Ginne und fei - ner «Lrke . intniß , und was dieselben für ein Ende haben sollen , ungewiß ist 1 Rann wohl eine größere Rleinmüthigkeit ftyn , als zu zweifeln , ob feine Seele nicktwon gleicher Materie , wie der Stein oder ein kriechende« Ungeziefer ist . und ob sie nickt ver - wealichfep , wie dieft fcklcckten Lrcaruren 1 Ist es niclit eine re Stärke und - Hoheit , wenn wir in unferm Geiste den Begriff nes höchsten Wesens über alle andereWesen annehmend u . d . M . Siehe auch die Gedanken über den Cometen pzg . ^ ? > . der deutschen Aus - gäbe von 1740 . Sie habe» alle beyde recht : uud ihr Unterschied betrifft nur die verschiedenen Anwendungen des Wortes Stärke : und mich düncket nicht , daß Bruyere dem Charron geleugnet haben würde , daß die Gortesverleugner diejenige Stärke nicht in eben demselben de hatten : als sie der Wahwitzige gehabt , der alle Kelten zerrissen , damit man ihn belegt , und den niemand zwingen können . Mare . V , 4 . Uebrl - qeus würde die Behutsamkeit , die Garasse beobachtet haben wollte , we - mg nützen ; denn man verbessert die Begriffe nicht leichtlich , nach wel - che» man in der Welt urtheiler : daß , weil die Furcht über ein umge - stoßeneS Salzfaßchen eine Schwachheit ist , es eine Starke wäre , wenn man diese Furcht überwindet ; und so auch mit ändern Dingen stufenweise . Man würde die Leute in diesem Punete nickt verbessern , wenn sich gleich alle Schriftsteller auf das sorgfältigste enthielten , diesem Spiele des stes den Namen der Stärke zu geben . Die Gottlose» würden sich aufih - ren Erzvater Luererius berufen .
Humana ante oculos foede cum vita iaeeret
In terris oppreflä graui fub relligione ,
gemeinen Geschmacke , oder nack den Vorurrheilen des Pöbel« verfasset ist , das heißt , wo der Verfasser seine Gedanken ausleget , ohne daß er zu lehren oder eine Secte zu machen begehret . Einige , es ist Charron , der ebendaselbst fol . B . verfo redet , finden dieses Bück bey Bestreitung der gemeinen Meinungen allzu kühn und frey , und find böse darüber . Ick antworte ihnen diese vier oder fünf Worte . Erik - lieb : hat die Weisheit , die nickt gemeine , und pöbelhaft ist , diese Freyheit und Gewalt eigen , Iure fuo iingulaii , von allem ju ur< theilen , ( dleß ist das Vorrecht de« geistlichen Weisen , Spiritualis omnia diiudicat , et a nemine iudicatur ) und vermöge seines Urtheils die gemeinen und pöbelhaften Meinungen zu radeln und zu t»et * dämmen , wer follte es denn fönst tl>un 1 Allein indem er das - selbe tbut , so muß er siel ) den - Haß und Neid der Welt zuziehen . Ueberdieß beklage ick mick über die>enigen , und werfe ihnen ih< re pöbelhafte Sckwackheit und weibifcke Zartlickkeit vor , als unanständig und allzu zart etwas taugliches zu verliehen , und der Weisheit ganz unfähig : die allerstärkstcn und kühnsten Säne sind für einen starken und erhabenen Verstand die digsten , und demjenigen ist es nickt feltfam , der da weis , was die Welt ist : Es ist eine Schwachheit vor etwas erstaunen , man muß feine - Herzhaftigkeit verharten , feine Seele befestigen , dieselbe gewohnen und fckärfen , alle Dinge , sie mögen nock fo feltfam fern , zu genießen , zu wissen , zu verstehen und zu beurtheilen : les schicket sick für den Geist und ist seine Lockspeise ; allein er muß sick selbst nickt vergessen : er muß aber «tick nichts anders rhun , und sonst keiner Sacke seinen Beifall geben , als dem Guten und Schonen , wenn gleick alle Welt davon reden soll - te . Der weise zeiget gleicken Much bey allen beiden : diese Weicklinge sind weder zu dem einen , nock dem andern vermö - gend , sie sind in allen beyden sckwack . Drittens verlange ick zu allem , was ick vortrage , keinen Menschen zu nothigen , ick qehe nur auf die Sacken und lege sie gleickfam zum Raufe au» , jld ) erzürne mick nickt , wenn man mir nickt glaubet ; dieß thun Pedanten . Die L . eidensckafr bezeuget , daß derjenige keinen Grund bar , der sick nur durck jene und nickt durck dieft , an eine Sacke hält . Allein warum ereifern sie fiebi Geschieht e« da , rum , daß ick nickt in allen ibrerMeynung bin ? Jcb ereifre mick nicht darüber , daß sie nickt der meinigen sind , nock darüber , daß ick Dinge sage , die nickt nack ihrem und des Pöbels Ge - fti , macke sind - ! und eben darum sage ick sie . Ick sage nickrs ohne Grund ; wenn sie ihn empfinden und versieben können : wenn sie einen bessern haben , der den meinigen umstößt , fo will ick ihn mit Vergnügen hören , und demjenigen danken , Oer mir ihn fagen wird . Ich ermahne alle meine Leser diese» zwo Stellen reiflich nachzudenken .
Priinimi Gra'iiis homo mortaleis tollere contra Eft oculos aufus , primusque obfifterc contra :
Quem nec faina Deum , nec fuhnina , nec minitanti Murmure compreflit Coeluin , fed eo magis aerem Virtutem irritat animi , confringere vt ardla Naturae primus portarura clauftra cupiret ,
Quare relligio pedibus fubiedta vicilfim Obteritur , nos exaequat viöoria coelo .
Lucret . Libr . I , Verf . 6z .
( K ) Seine Rickter haben auf die Erinnerungen nickt Ackt gehabt , die er gegeben bar , und welcke fo vermögend sind , sie von verwegenen Urtheilen abzuhalten . ] Wie Charron nicht der ein flige ist , welcher nöthiq hat , den Kunstrichtern begreiflich zu machen , wa« sie uiiterscheiden müssen , wenn sie billig seyn wollen , so will ich die Crin - nerung von Worte zu Worte anführen , die er ihnen gicf>t . Ich will „ auch den Leser erinnern , der von diesem Werke zu urtheilen unrerneh - „ men will , daß er sich hüte , in einen von den sieben Fehlern zu fallen , „ wie einige bey der ersten Ausgabe gethan haben , welche sind , dasjenige „ nach Recht und Billigkeit anzuführen , was geschehen ist : Dasjenige „ zu thun , was zum urteilen gehöret ; auf de» Entschluß und die Bestim - . . mung desjenigen zusehen , was nur als ei» willkührlicher »ndakademi . „ scher Satz vorgetragen , abgelehnet und disputiret worden ; auf mich „ und auf meine eignen Meynunge» , und dasjenige , was eines andern „ ist , und nur angeführet wird ; auf den äußerliche» Zustand , Bekenntniß „ und Beschaffenheit , und dasjenige , was zum Geiste und dem innerli - „ chen Nachdrucke gehöret ; auf die Religion und den göttlichen Glauben , „ und dasjenige . was menschliche Meynung ist ; auf die Gnade und über - „ naturliche Wirkung , „ nb dasjenige , was eine natürliche und sittliche „ Tugend und Handlung ist . Wenn man alle Leidenschaft und Vorur - „ theile bey Seite leget , und diese sieben Punete wohl versteht , so wird „ man seine Zweifel anflösen , alle von sich selbst und andern gemachte „ Einwurfe beannvorten , und die Erklärung meiner Absicht in diesem „ Werke finden können . Wenn er nach diesem ollen noch nicht vergnügt „ ist und es nicht billiget , so greife er es kühn und lebhaft an , , , ( denn bloßes lästern , beißen , und die Namen eines andern durch die Hechel zie - hen , ist sehr leicht , aber schändlich und allzu schulsüchsisch ) „ so wird er „ bald ein ftenes Bekenntniß und Benfall ( denn dieses Buch mad , et dem guten Glauben und der Offenherzigkeit Ruhm und Ehre ) „ oder „ eine Untersuchung seiner Unbesonnenheit oder Thorheit erhalten . , , Charron in der Vorrede der Bucker von der Weisheit , in der andern Ausgabe Siehe auch die Vorrede seines kleinen Tractats von der Weisheit , Ivo man eben dieselben Worte finden wird . Oguier in seiner Be»rtl>eiluna der Do6hine cuneufe des Garasse iji , 1« S . führet sie zur Entschuldigung Tharronsan . WaSer h^b . sher das ist allzu - schön , als daß es die , er Anmerkung nickt harte eingeschaltet werden j°l . en• es mr & n mVjftfiae Leser ihre Pflicht daraus erlernen ; sie werden darinnen sehen , m>t was für einem Gtistk wan miSgcwstet ^yn nmß , wenn man von einem Buche urtheilen will , welches nicht nach dem all - II Sand .
( L ) Es ist leicht durck seine Sckriften und - Handlungen zu beweisen , daß er an den Wahrheiren des Christenthums nickt gezweifelt hat . 3 „ SeineUnschuld , Einfalt , und die Aufrichtigkeit seiner „ Sitten , und die Frömmigkeit nebst der Redlichkeit haben endlich die „ Lästerungen und Verleumdungen seiner Widersacher überwunden und „ überstiege» . , , Also redet der Verfasser seines Lobspruch« . Siehe auch die Zuschrift des kleine» Traetats von der Weisheit . Seine Sitten , sehet er dazu , feinen Lebenswandel , und feine - Handlungen , so wohl ge - Heime als öffentliche , betreffend : so wird hier nichts anders da - von gesckrieben werden , als daß er sick in allem den Regeln und pßickren gemäß bezeiget , die in dem XII Tap . seines II S . von der Weisheit enthalten sind , und die er sehr genau ausgrübet hat : Und von was für einer Religion und Glauben er gewesen , ches bezeugen seine Hücker von den drey Wahrheiten , - - : und seine geistlichen Reden zur Gnüge , welcke nack seinem Ab , sterben gedruckt worden , und einen rechten 25anö ausmachen . - - - " Sein gute« Gewissen erhellet auck aus der Art , mit cher er seine geistlichen Würden besessen und verlassen hat . Sei - ne Gottesfurcht zeiget sick in dem Testamente , daß er den zo Jen - ner 1602 , mir feiner eignen - Hand gefckrieben hat - - - ver , möge dessen er , nack dem er Gott , für die in seinem Leben von ihm erhaltenen wohlthaten Dank abgestattet , ihn sehr inständig im Namen seiner unendlicken unv unbegreißichen Gütigkeit , um Sic Barmherzigkeit seines einzigen und geliebtesten Sohnes , ser« - Herrn und Erlöser« ^efu Christi , und alle über seine der , die heiligen Auserwahlten ausgegossene und mitgeteilte vielfältige Verdienste demüthigst «»gestehet , ihm Verzeihung , Gnade und Erlassung aller seiner Sunden zu crcheilen , ihn für den seinigen anzunehmen und zu halten , ihm , so lange er in fet : Welt seyn würde , mit seinem heil . Geiste bey , »sieben und ihn zu leiten , ihn mit gesundem Verstände in der Beharrung seiner Liebe und seines Dienstes gegen ihn zu erhalten , und in feiner Todesstunde seinen Geist in die Gesellsckaft und Ruhe feinet aa liebten zu sick auszunehmen , und allen heiligen Auserwahlten einzugeben , für ihn zu bitten . Er vermackte unter andern Dingen der Rircke zu Tondom ? oo Pfund Tournois , wenn erm dieselbe begraben würde ; mit der Bedingung , daß alleJabre an feinem ^terbenstage auf feinem Grabe eine hohe Messe gelesen , und Absolution gesprochen werden sollte . Ueberdieß hat er für ar« me P ? ckuler und unverheiratbete arme Magdcken zwey tausind vier hundert Thaler hinterlassen , davon dte Sinsen jährlich und besiändig , halb , unter drey bis vier Saxler , und die andere - Hälfte , unter drey , vier bis fünf arme iilagdchen , ausgetheilet werden sollte . Man fuge diesem «Y . l , leine e^rige Begierde , die er gehabt , sich nach seinem gethanen Gelübde m nn Kloster zu verschließen ; 2 ) die Vorsicht , sich der Entscheidung dreyer Casuiste» zu versichern , ehe er sich von seinem Gelübde für ftey gehalten hat . ( Siehe die Anmer - kung ( A ) ) Kann man sich genugsam darüber verwundern , daß eine solche Person , als ein Feind des Christenthums und al« ei» GotteSleug - ner verlästert worden ? . jst hier nicht eine sichtbare und bcweinen«wür - dige Wirkung , entweder der Bosheit oder der Schwachheit de« mensch - licken Geistes ? Hier sind die Verse de« Prior« Ogier wider den Garasse zum Vorrheile CharronS :
Damnatur fic Charro Pivs doöusquc Garaflo
Fxecratore , atque puer cunabula fandi
Vix habet , et primae lallat dociunenta Mineruac ,
U -
Quatnuis
l

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