Creator:
Bayle, Pierre Gottsched, Johann Christoph La Croze, Maturin Veyssiere
PURL:
https://dibiki.ub.uni-kiel.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:8:2-5518


„ derselben fürchten dörfen , so bringt sie doch die Furcht vor den qering - , , sten Dingen zu derselben Bekenntniß . „ Lbarron , chap . IL des trois Veritez , pag . m . iz und >q . Jtzo wollen wir anch die Worte des BeurtheilerS ansehen . Garaffe , Apolog . chap . XXI . pag . m . 263 . u . f . f£t giebr jum Grundsane an , daß Sie erste offenbare Arr der Gottesverleugnung , nur'in einer ungemein starken lmd kühnen Seele wohnen kann , und daß man mehr Starke und Standhaftig - feit haben müsse , die Furcht vor Gott und den Glauben an ihn zu achten , und mit einem Entschlüsse fahren zu lassen , als sich beständig und fest an ihn zu halten . Und ob er gleich bemüht ist , Viesen Say ötirck eine verführerische Redensart zu mildern , so sage ich nichts dcstoweniger , daß sie boshaft und gefährlich ist , weil sie vielen jungen teuren unter die Arme greift , schen zweien tvasiern schwimmen , und noeb niebt rasend genug sind , allen Glauben und alle Furcht der Gottheit fahren zu last fcn . Denn wie es niemand giebr , der nicht von Natur von die - fec Begierde gekrittelt werden sollte , für einen guten und sehr wiaigen Ropf gehalten zu werden , so tragt es sick zu , daß wenn aufgeblchte , unge deute auf diesen Garz fallen , wie sie denn nur allzu bald darauf fallen , sie aus Freigeistern Gonesverleug« ner werden . 2>ie ganze Rede Charrons verleitet den ( Beifi ner L . eser zu dieser rasenden N ) uth sich von dem Glauben tes zu befreien , welches nickt« destoweniger nur eine thieriscke Feigheit ist , wie sick solckes an allen Gottesverleu - tnern be - kräftiger , welcke entweder als Rasende oder feige Memmen sterben : so wie wir es an der Person des Fonranier , und des Vanino gesehen haben , welcke , nackdem sie die allerunbesonnen - ( Jen Prahlereien wider die Gottheit ausgestoßen , sick im nisse haben erretten können , verstellte und gotteslästerliche kennmisse zu thun , um als ehrlicke L . eute zu sckeinen . Man merke , daß Garasse in seiner thologiscken Summe , welches Buch jünger , als die von mir angeführte Schuhschrift , ist , einen ganzen Abschnitt , nämlich den lll Th . de« I 95 . 48 u . f . S . zur Widerlegung dieser Mey - nung unserS Gottesgelahrten anwendet . Er führet das Beyspiel etlicher Kirchenvater an , welche einen unbeweglichen Much gezeiget haben : er behauptet , daß die Gottesverleugnung nur von der Feigheit herkomme , er behauptet dieses , sage ich , indem er die Sache von einer andern Sei - te , und nach entfernte ! , Absichten ansieht , welche die Begriffe Charrons nicht gerade zu bestreiten ; und er kömmt auf die furchtsamen Berstel - lungen der zween Gottesverleugner zurück , welche vor einiger Zeit mit dem Tode waren bestrast worden . Diese Widerlegung ist nicht gründ , lich , weil Charron rund heraus und ausdrücklich bekannt hat , l , daß zur Standhastigkeit in dem wahren Glauben Gottes eine große Stärke der Seele erfordet wird ; II , daß die großen und berühmten Gottes , verleugner , wenn sie in großer Norh sind , sick wie kleine Rin - Oer ergeben . Man kann also sagen , daß sich Garasse mit seinem ei - genen Schatten geschlagen hat : er hat dasjenige bewiesen , was der Widersacher nicht geleugnet , dasjenige , was Charron förmlich bekannt Hat . Wir wollen also dieses Capirel von der theologischen Summe , und den letzten Theil der von mir angeführten Stelle verlassen : wir wollen nur noch die andre Hälfte dieser Stelle betrachten .
Ich finde darinnen verschiedene Fehler ; denn l unterdrucket der Je - suire alles dasjenige , was die Nechrgläubigkeit Charrons zu erkennen
artium , et robore corporis ftolide ferocem , Tacit . Ann . Lib . I . cap . XI . hatten sie denn Ursache , zu befürchten , daß ihre Leser nicht wünschen wür - den , dergleichen Stärke zu erlangen ? Hieß dieses nicht , sie auf eine Art bemerken , die einen Ekel vor ihnen erwecken konnte ? Allein ich frage , ob Charron nicht ein Verbesserungsmittel angeführt hat , welche« noch viel geschickter ist , ich will nicht sagen , einen Ekel , sondern eine» Abscheu zu erwecken ? Man merke hier den Gnmdsatz Augustins , daß eine große Gottesfurcht , und eine große Gottlosigkeit gleich seltsame Dinge sind . In . länia ifta paueorum oft ; ficut enim magna pietas paueorum eft , ita et magna impietas nihilominiis paueorum eft . Auguftinus , Serrn . X . de Verdis Donüni . Dieses kommt beynahe mit einen , von den Sätzen Peter Charrons überein .
Merkwürdiger Unterschied von den Kräften der Seele , und Beobachtung hierüber .
Man wird vielleicht glauben , er babe sich widersprochen , wenn er bey den Gottesverleugnern eine große Stärke der Seele , und eine kindische Schwachheit erkannt hat ; allein gewißlich ! er hat dieses gethan , ohne in einen Widerspruch zu verfallen , weil er sie in einem verschiedenem Zustande betrachtet . Er hält sie für stark im Wohlstande , und schwach in der Widenvärtigkcit : also sind die zwo widrigen Eigenschaften , die er ihnen zueignet , zwey Dinge , da eine« auf das andre folget . Also heißt diese« nicht , sich bekriegen , wenn man sie in einer und ebenderselben Per - son zuläßt : der Widerspruch setzet voraus ; daß die zween Ausdrücke zusammen in einer Zeit bestehen . Er erfordert auch , daß man sie von einem Subjecre nach eben demselben Begriffe bejahet : und dieserwegen kann man versichern , ohne sich von den Regeln der widersprechenden Sätze zu vergehen , daß einerley Personen zu gleicher Zeit furchtsam und kühn sind ; furchtsam inAnsehung gewisser Gegenstände , kühn inAbsicht auf andre Dinge . Dieß sieht man alle Tage . Es giebt Leute von ei - ner außerordentlichen Unerschrockenbeir , welche um aller Welt Wunder nicht in einer Kammer schlafen würden , von der sie sagen hören , daß darinnen Gespenster umgiengen , Andre würden kühnlich ganz allein darinnen schlafen , ob gleich ihre Feigheit so ungemein ist , daß ein bloßer Degen sie zum Zittern bringt . Die Unruhe , welche jene wegen einer Kinderey beunruhiget , die sie für eine böse Vorbedeutung genommen ha - ben konnten ; diese Unruhe , sage ich , welche kein Vernunftschluß ver - treiben kann , würde sie nicht verhindern , sich als Löwen zu schlagen . Diese , welche aller bösen Borbedeutungen spotten , würden als ein
Hase die Flucht erareifen , wenn sie sich von einer gleichen Anzahl an - egriffen sähen . Dieser , welcher nicht das Herz hat , einer Person zur lder lassen zu sehen , oder ein Hühnchen abzuschneiden , erduldet die aller -
giebt ; alleS dasjenige , wa« zur Entwicklung de« wahren Verstandes dienet ; alles dasjenige , was die bösen Eindrücke heilen könnte , welche der vorge - tragene Grundsatz überhaupt . und auf eine rohe Art , zu bilden vermö - gend seyn könnte . Zum II nennt er alle« dieses eine verführische Re - den«art ; allein dieses ist eine so nichtswürdige und widerrechtliche Auf - führung , welche den Untersuchungen der Cnminallieurenante nnterge - ben werden sollte . Man sollte so gar peinliche Gerichte wider die Schriftsteller niedersetzen , welche durch dergleichen untreue Streiche , die Ehre , den guten Namen , und da« Gedächtnis eines Seribenten stern . Man unterdrücket eine Sache , und gleichwohl saget man , daß sie verführerisch ist . Man sollte sie ganz anführen , und nach diesem denen - nen ; allein man hat seine Rechnung besser dabey gefunden , die Leser zu hintergehen , indem man sein Unheil über eine Sache einschiebt , die man ihnen nicht zeiget , und welche , wie man gewiß versichert ist , die wenig - sten nicht suchen werden . Zum III sage ich , daß Garasse auf einen sen Grund bauet , denn er stützet sich auf diesen Satz : lvenn auck Sie Gottesverleugnung wahrhaftig die N>irkung einer großen Starke der Seele seyn sollte , so müßte man es nickt bekennen , man müßte entweder diese tVahrheir unterdrücken , oder die gegenseitige Meinung kühne behaupten , damit man eingebilde - ten Manschen keine Segierde gäbe , in einen Zustand zu fallen , welcker das Merkmaal eines " starken Geistes ist . E« ist aus dem Einwurfe dieses Jesuiten offenbar , daß er also schließt . Ziehe hierbey zu Rathe , Addition aux Pcnfecs diverses fur les Cometes , pag . 8» . 84 . Ausgabe von 1694 , siehe auch die 74 . 7 , S Allein ich über - laße allen billigen Gemüthern , zu unheilen , ob dieses redlich gehandelt heißt , und ob man solchergestalt nicht eine ganz menschliche Staatskunst , und das große Gebeimniß der Kriegswissenschaft in die Religion ein - führet , ob dieses endlich nicht entscheiden heißt , daß nichts daran liegt , auf was für Art die Rechtgläubigkeit den Sieg erhält , wenn sie nur die Oberhand behält ? Sollte man sich nicht mit einer solchen Aufführimg be - gnügen ; muß man auch noch von jedem Schriftsteller fordern , daß er auf diesem Wege gehe ? sollte es dem Peter Charron nicht erlaubt gewesen seyn , die Redlichkeit der Nutzbarkeit vorzuziehen ? Wir wollen weiter hen und sagen , daß er den Begriffen der Ehrlichkeit gefolgt ist , ohne das Nutzbare zu seinem Nachtheile mit in den Handel zu ziehen . Ver - sichert er nicht . daß die Gottesverleugnung eine starke , knechtische und wahnwitzige Seele erfordert ; und daß diese Stärke ungeheuer und ra - send , und eine sehr hohe wütende Tollkühnheit ist ? Fiudet sich hier wohl etwas , daß einen Ehrgeizigen versuchen könnte ? und wenn dieses auch einen oder den andern anzulocken vermögend wäre , so müßte solches ja der allerverrnckteste Verstand von der Welt , und eine im höchsten Grade verdorbene Seele seyn ? verdienen derqleichen so verlohrne , so verderbe - ne und so unverbesserliche Leute wohl . daß man die Sachen , zu ihrem Vonheile , nicht nach denen Bearissen sagen soll , die man für die richtigsten kalt ? Wenn Cicero gesteht , daß Marcus Antonius viel Stärke des Lei - des besessen : Tu iftis faueibu» , iftis lateribus , ifta gladiaioria totius corporis firmitate . Cicero , Philipp . II . Wenn Tacmis eben dieselbe Eigenschaft an einem Enkel Augusts erkennt : Rudern fanc bonarum
grausamsten Schmerzen mit einer unglaublichen Standhastigkeit . und erwartet den Tod auf seinem Bette mit einer heldenmütigen Uner - schrockenbeit . Ein andrer , der seine Gelassenheit in den allcrabscheulichsten Krieqsqefabrlichkeiten erhält , zittert vor Schrecken , wenn ihm der Arzt ankündiget , daß er sterben muß . Die Stärke der Seele , die man be - schrieben hat , wenn man gesagt , daß ein standhafter Mensch weder vor den Drohungen eine« Tyrannen , noch vor der Gefakr des Schiffbruchs , weder vor dem Donner noch vor dem Blitze eischrickt , tnib über welchen der Himmel einfallen könnte , ohne ihm Furcht zu machen :
Iuftum , et tenacem propofiti virum ,
Non ciuium ardor praua iubentium ,
Nec vultus inftantis tyranni
Mente quatit folida : neque Aufter ,
Dux inquieti turbidus Adriae ,
Nec fulmina " tis magna Iouis manus :
Si frafhis illabatur orbis ,
Impauidum ferient ruinae :
Horat . Od . III . v . 1 . Lib . III .
Diese Stärke , sage ich , findet sich fast nirgend« in ihrem ganzen Um - fange ; man sieht nur kleine Theile davon . ES giebt schöne Seelen , welche keine Versprechung noch Schmeicheley von dem Wege der Tu - gmd ableiten können : allein sie halten die Probe nicht aus , wenn sie mit einem schlimmen Gefängnisse , oder andern dergleichen Begegnun - gen bedrohet werden . Es finden sich einige , welche die alleredelsten und aroßmüthigsten Entschließungen zum Besten des Vaterlandes fassen . Alles ist in ihren Gedanken groß , alles riecht nach Großmuth und Stär - ke ; allein sie sind zu keiner Ausführung vermögend : sie würden ihre Pflicht in einer belagerten Stadt sehr übel verrichten , wenn man sie an die gemachte Oeffnung stellte ; eine gewisse Furcht würde sich auch wi - der ihren Willen ihrer bemächtiaen , und wurde sie zur Flucht bringen , noch ehe als sie es selbst eigentlich gewahr würden . Der Leib kömmt der Seele ben dergleichen Leuten nicht zu Hülse : eine gewisse Einrich - tnng der Werkzeuge , ich weis nicht was für eine , weiche nach Art einer Maschine die Furchtsamkeit bildet , wirft den obern Theil zu Boden , und bringet sie um ihre ganze Gelassenheit . Man kann davon , wie von der Trunkenheit sagen :
Quin corpus onuftum ,
Heftentis vitiis aninium quoque praegrauat vna ,
Atque affigit humi diuinae particulam aurae .
Horat . Sat . II . verC 77 . Lib . II .
Es giebt ohne Zweifel eine Kühnheit oder Unerschrockenheit des Geiste« , die manchmal von einer großen Furchtsamkeit des Körpers begleitet wird . Der Much und die Stärke des Hobbesiu« ist nur auf die Ge - gei . stände des Verstandes gegangen . Es hat sich nicht leicht ein Satz öder eine der gemeinen Lehre widrige Warnung gefunden , die ihn er - schrecket hätte , oder welcher seine Gewissensscrupel unrerligen müssen ; allein bey der kleinsten Gefahr des Leibes , ist er in Furcht gesetzet wor - den . Montagne , der über alle Borunkeile weit weg , und mit der gebildeten Stärke der Ungläubiqkeit so wohl versehen zu seyn geschienen , hat eine Weichlichkeit der Seele qehabt . die ihm nickt erlaubt , ein - Huhn ohne Mißvergnügen abscknciden zu sehen , oder einen - Ha - fen , unter den Fahnen seiner - Hunde , obne Ungeduld quacken zu hciren . Montaigne Eflais , Liv . II . chap . XI . pag . m . 171 . Dergleichen Abwechselungen kommen auf das Temperament an . Wir wollen uns also nicht wundern , wenn ein Mensch , der die Stärke hat , die allgemein - sten und heiligsten Meynungen zu verlassen , die Schwachheit empfin - det , bey dem Anblicke eines Scharfrichters zu zittern , und zu tausend
Berstet -

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