Creator:
Bayle, Pierre Gottsched, Johann Christoph La Croze, Maturin Veyssiere
PURL:
https://dibiki.ub.uni-kiel.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:8:2-5077

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Cattho .
dienen , einen Auszug von dem Lebende« Angelo Cattho vorgesetzt . Die - ser Auszug ist unter den papieren einer «Um , in der - Historie fhu Vierten , und neubegierigen Person gefunden worden : derjenige , der ihn verfertiget hat , schreibt , daß er dassenige erzähle , rvas er von ihm , ( nämlich dem Anqelo Cattho ) aus dem Äericbte dreyev Personen von großem Glauben , großer Rlugheit und großem Ansehen gefammlet und gehöret habe . Diese sind : i ) Johann Franeifcus von Cordonna , Herr de la Foleyne , Haushofmeister des nige« . 2 ) Johann Brizonnet , anderer Präsident bey der Rechnunaskam - mer zu Paris ; z ) Reiiald von Albiano , ein neapolitanischer Edelmann . Sommaire de la Vie d' Angelo Cattho pag . 4 . „ Da er sich in dem „ Dienste des Könige« Ludwig befand - . - ist die dritte Schlacht „ bey Nancy gehalten worden , in welcher besagter Herzog den Abend vor „ den h . dreyKonigen , im Jahre 1476 , getödtet worden , und gleich in der - „ selben Stunde , da diese Schlacht geliefert worden , ja gleich in der Mi - „ nute , da besagter Herzog geblieben , , , ( Peter Matthaus , in der Historie Ludwigs des XI , im VIIB p . m . 392 . saget , daß es den Tag nach der Schlacht geschehen , da der Erzbifchof von Biemke , dem Könige diese tung , bey Ueberreichung der Hostie , gemeldet hat . ) . . hat der Konig „ Ludwig die Messe in der Kirche von dem Bischöfe zu S . Martin zu „ Tours gehöret , welches von besagtem Orte Nancy wenigstens zehn star - „ ke Tagereisen entfernet ist , und bey dieser Messe hat ihm der besagte „ Erzbischof von Menne zum Almosenier gedienct , der , da er besagtem „ Herrn die Hostie überreichet , diese Worte zu ihm gesaget . Sire , Gott „ gebe euch den Frieden und die Ruhe : ihr werdet denselben ha - „ ben , wenn ihr . wollet , quis confummatnm eft ; euer Feind , Oer „ - Herzog von Burgund , iff todt , er ist geblieben und seine Rriegs , „ mackt geschlagen worden . Diese Stünde ist , nach geschehener Cr - „ kundigung , in der That dieselbe befunden worden , darinnen besagter „ Herzog geblieben ist . Und als besagter Herr die gemeldeten Worte ge . „ höret , so ist er heftig erblaßt , und hat gemeldeten Crzbischof geftaget , ob „ es wahr wäre , was er sagte , und woher er es wüßte ? Worauf 'besag - „ ter Crzbischof geantwortet , daß er e6 , wie die andern Dinge wüßte , die „ ihm Gott erlaubt hatte , ihm und dem verstorbenen Herzoge von gund zuvor zu verkündigen ; und besagter Herr , hat ohne weitere Worte „ Gott , und den Bischof zu S . Martin gelobet , daß er , wenn dieZeitun - „ gen wahr waren , die er gesaget hätte , ' ( wie sich bald darauf gesehen „ zu seyn befunden ) da« Gitter , ( welches von Eisen war' um den Heilig - „ thumekasten des h . Martins , ganz von Silber machen lassen wolle : dieses „ Gelübde hat besagter Herr nach diesem erfüllet , und ein silberne« Git , „ ter machen lassen , welches hundert tausend Franken , oder bey nahe so „ viel , gekostet hat „ Hier sind noch zwo Weissagungen : Angelo Cattho begegnete eines Tages sehr früh dem - Herrn Xvilhelm Srizonner t - - General von L . anguedoc , welcher zu dem Ronige Lud - wig dem XI , nach pleßis zu Tours gieng : nachdem cr einige Zeit obne zu reden geblieben , und einige Zeit den - Himmel und nach diesen» besagten General angesehen harre , so sagte cr endlich diese Xvorrezu ihm ; Herr General , ich habe euch etlichemal gesaget , daß euch der Uebergang des Wassers gefährlich ist , und e« wird euch mal dadurch eine große Gefahr und vielleicht der Tod aufstoßen : ichkom - me vonPleßis , wo ihr hinwollet , das Wasser ist zu Pontsainre Anne sehr groß , die Brücke ist zerbrochen und ein sehr schadhaftes Schiff daselbst : wenn ihr mir glauben wollet , so werdet ihr nicht weiter reisen . Jedoch besagter General mackre sich nichts daraus , und glaubte ihm nickt : und er ist in der Thar in die größte Gefahr vonderÜVell gcrathen , zu ersaufen ; denn er ist ins XVasser gefallen , und es wäre , ohne eine Xvcide , die er ergriffen , um ihn geschehen gewe - sen . Er wurde wieder in sein - Haus zurück geführet , allwo er lange Feit so wohl vor Sckreckcn , al» wegen der großen N»enge NOassers , das ihm dureb den ITCund , Nase , und ( Z ) l5rcn gedrungen war , krank gelegen . Soinniaire de laVie d'Angelo Cattlio , p . set 6 . Unter währender dieser Krankheit ist er vom Angelo Cattho besucht wor - den , welcher eines Tages zu ihm gesaget , ihr werdet einmal eine große Person in der Kirche und bey nahe Pabst werden . Drizonnet war mir Raoullette von Beaune , einer jungen Frau , verheirathet , die ihm bereit« Kinder gebohren harre , und mit dieser Weissagung nicht wohl zufrieden war ; denn dieses hieß , sie würde Nierst aus der Xvelt geben , ( eine Sacke , welcke die Frauenspersonen mir ihrem Willen nickt gerne rbun , ) allein nickrs desto weniger hat besagte Frau lange Zeit nack diesem gelebcr , und versckiedcne Rinder gezeuger ; und aus dieser Ursache bar sie und erlicke andere osters gesager , daß gemeldeter Erzbisckof nickt allezeit die XVahrhcit sagte : allein cndlick hat sie zuerst Absckied genommen , und besagter General , ihrEhherr , hat sie überlebet , welcher lange Zeit imÄSitwerstan - 0e geblieben , ohne zu sagen , daß er ein Geistlicker werden wol - len . Ebendaf . 7 S Allein endlich , da cr Carln dcm VIII , zu der Er - oberuug von Neapolis gefolgt , ist er zu Rom ein Geistlicher , Äi - sckof von St . Malo , und Abr von Sancr Gcrmain dcs prez , und darauf Cardinal geworden ; kurz darauf iff er Erzbisckof zu Reims und Narbonne geworden , und nack dem Tode Alexanders dcs VI , hat er etlicke Stimmen bey der pabstwahl gehabt . Ebendaf . 8 S . Einige Schriftsteller erzählen , daß Angelo Cattho Ba - jazet« Bruder vorher gesaget , „ daß einer von den größten Königen der . . Christenheir , sich angelegen seyn lassen würde , ihn wieder herzustellen ; „ daß aber dieses ohne Wirkung seyn würde , und daß er sich mehr vor „ seinen heimlichen als offenbaren Feinden zu fürchten hätte , daß er nicht „ Ursache hätte , weder das Schwerdt noch die Bogen zu scheuen , daß sein „ Schicksal verborgen und sein Tod geheim seyn würde . „ Rocolles , Vie du Sultan Gemes , pag . Dieser Bruder BajazetS war anfänglich auf die Insel Nhodi« «buchtet , von da er nach Frankreich gegangen , nnd da etliche Jahre geblieben ist . Man hat ihn hierauf nach Rom ge - schickt , um vom Innocentius dem VIII , verwahret zu werden . Er hat daselbst bis ins Jahr >494 gelebt , da cr vom Alerander dem VI , mit Gift vergeben worden , in währender Zeir der Konig von Frankreich auf seine Herstellung bedacht gewesen . Ebendas . 176 und f . S .
Vetracktungcn über die Schwierigkeit , dassenige zu erklären , was von den Weissagungen erzählet wird , und über die Nack - laßigkeit daß man dergleickcn Erzählungen nickt mit ge -
ricktlicken Zeugnissen begleitet .
Hier sind Dinge , wo die Philosophie ein Ende hat ; denn man kann rein einziges gutes Lehrgebäude erfinden , welche« Grund davon angeben
kann . Dieß hat die meisten Philosophen genöthiget , dergleichen Sachen schlechterdings zu leugnen , die man so vielfältig in Büchern , und noch vielfältiger in gemeinen Unterredungen findet . Allein man niuß beken - nen , daß diese Partey , alles zu leugnen , ihre Schwierigkeiten hat , und daß sie dem Geiste derer kein Genügen thun , welche deyde Gegentheiie genau «wegen . Die Vernunft eines christlichen Philosophen wird ohne Mühe die Meynung zugeben , daß Gott einigen Personen die Gabe der Prophezeyung mittheilet , wenn es darauf ankömmt , wichtige Wahrhei - ten des Heils einzuführen oder zu bestätigen ; oder den außerordentlichen Unordnungen der Sünde Einhalt zu thun , oder überhanpr zum Besten der Kirche einen höchstnothwendigen Streich zu wagen . Wenn sich Angelo Cattho in einem Falle von dieser Art befunden hätte , so wurde man begreifen können , daß ihn Gott zum Prophezeyen erweckt hätte ; allein er ist ein Hofmann gewesen , der weiter an nicht« gearbeitet , als feinem Herren eine vortheilhafte Heirath nach der Welt zu verschaffe« ? , oder sich selbst eine gute Bedienung zu Wege zu bringen ; überdieß ist er ein Mann gewesen , der sich für einen Sterndeuter ausgab . Nun aber scheint nicht« Gott unanständiger zu seyn , als einem Sterndeuter das zukünfti - ge zu offenbaren , das heißt , das aller unbesonnenste Studium , das nian sehen kann , und welches sich am meisten aufHirngefpinnste gründet , mit einer so auserlesenen Gnade zu belohnen . Wenn sich ein Teufel , ein böser Geist angelegen seyn ließe , dergleichen Nativitätstellern und Punctir - schwärmen , das Zukünftige zu offenbaren , so könnte man es dock noch be - greifen ; ( ich habe in der Anmerkung ( 0 ) zu dem Artikel Ruggieri gesaget , daß , »venn die Stcrndeuterkunst ein Mittel zum Wahrsagen ist , sie nothwendig ein Stück der schwarzen Kunst «y« muß , ) dem , weil cr böse ist , so hält ihn nicht« ab , wunderliche Einfälle und lächerliche Phan - tasten zu haben , und seine Aufführung nach kindischen Streichen zu rich - ten , um mit den Sachen desto besser seinen Spott zutreiben . Allein ist überdieß ein erschaffener Geist wohl vermögend , zu sehen , daß der Ehmani , einer jungen Frauen in 20 Jahren Cardinal werden wird ? Muß er , sol - ches zu weissagen , nicht die Folge einer fast unendlichen Zahl von lichen und geistigen Bewegungen erkennen ? Kann die Erkenntniß einer Creatur so viel auf einmal fassen ? Und wenn sie dieselben fasset , so i sc kein freyer Wille mehr : alle Gedanken der Menschen sind mit einein natürlichen und unauflöslichen Bande einer an des andern Schwanz geheftet Dieß sind also die Abgründe , worinnen sich die Vernunft der Philosophen verlieren muß ; * sie will lieber alles leugnen , was von Weissagungen gesaget wird . Unbequehme Hülfe ! denn wer wollte sich unterstehen , zu denken , daß Philipp von ComineS hätte lügen wollen , wenn er versichert , daß ihm Angelo Cattho 20 Jahre vor dem Erfolge , vielmal vorher gesaget , es würde Friedrich von Arragonien König werden .
* Herr Bayle widerleget hier abermal die Prophezeihungen , wie die Socinianer die Vorhersehung Gottes , im Absehen auf die freyen Handlungen der Menschen , widerlegen wollen . Wenn eine Weissagung da wäre , meynet er , daß etwas geschehen sollte , undeS träfe wirklich ein : so wären diejenigen Menschen , dfe solches ft , nicht ftcy . Dieser Schluß ist falsch , wo man nicht eine ganz neue Erklärung der Freyheit giebt . Frey nennen wir eine Hand - luna , die man mit Wissen und Willen thut , da^man auch das Ge - genrheil thun konnte . Wodurch nun dem Wissen und Willen eine« Menschen , und der Möglichkeit des Widerspiels nichts benommen wird , dadurch wird der Freyheit auch nichts benommen . Nun wirh aber durch alle Prophezeihungen , weder dem einen noch demandern noch dem dritten von den erzählten Stücken , etwas benommen : folglich entgeht auch der Freyheit an sich selbst durch das Prophe - zeihen nicht« . Der Obersah in dieser Schlußrede brauchet keines Beweise« ; denn er ist ein Grundsatz , der aus der Erklärung der Freyheit fließt . Der Untersatz wird durch folgendes klar . Gesetzt , jemand wollte eine akademische Disputation halten , so steht es ihm ftey , welchen Tag er dazu ansetzen will ; doch Sonntags vorher muß er sie anschlagen lassen , und den Tag bestimmen . Hierbey richtet er sich nun nach seinen Umständen , und den akademischen Gewohnheiten . Ist es z . E . eine philosophische Disputation , so hat cr unter Mitwoch und Sonnabend die Wahl . Nun könnte cr leicht einer« guten Freund haben , der theils aus der Kenntniß seiner übrigen Geschäffte , theils aus der Betrachtung anderer Umstände vorher sehen , und vorher sagen könnte , welche Woche und welchen Tag die Disputation gehalten werden würde . Was verlvhre nun der Disputirende dadurch an seiner Freyheit ? Er würde mir Wis - sen und Willen den Tag wählen und fest setzen . Es würde ihm noch möglich seyn , einen andern Tag , oder eine andere Woche zu wählen ; ob er gleich aus gewissen Ursachen diesen und keinen andern bestim - men würde . Folglich bliebe seine Handlnnq ftey , ob sie gleich ein anderer prophezeihen könnte . Eben so winde es ja bey allen Weis - sagungen angehen , daß sie der Freyheit unbeschadet eintreffen ten . Haben nicht weise Staatsmänner die künftigen gen gewisser Staaten vorher gesehen ? Wer wollte aber darum sa - gen . daß es dadurch eine Notwendigkeit sey ? Der ganze Fehler aber rühret nur daher , daß man zu freyen Handllingen solche Thaten fordert , dazu man durch keine Ursachen oder Gründe geneiger oder beweget wird , und die folglich nicht vorher gesehen werden können . Aber wo ist eine solche chimerischeFre - iheit in der Welt ? Man lese hier - von in demRecueilde diverfes Pieces de M . Leibnitz , Neuton etc . die Recherches für la Libertc etc . Tom . IL Ed . 1739 . G
Ich leugne nicht , daß man nicht Grund hätte , die meisten Crzählun , gen , welche in der Materie von der Weissagung vorgebracht werden , un - ter die Fabeln zusetzen ; denn man muß bekennen , daß diejenigen , welche sie mit dem größten Vertrauen ausposaunen , die nörkigcn Vorsichten wider einen ungläubige» , Vernünftler , allzu sehr verabsäumet haben : sie reden nicht leicht von der Weissagung , bis sie geschehen ist ; sie nehmen keine gerichtliche Urkunde darüber : sie befestigen dieselbe nicht durch das Zeugniß eines unwidersprechlichen Beweises . Weil sie aber dieses bey Gelegenheiten aus der Acht lassen , wo es sehr leicht wäre , den Pfeilen des Unglaubens ein undurchdringliches Schild entgegen zusehen , so dör - fen sie sich nicht verwundern , wenn man ihre Erzählungen in Zweifel zieht . Eine von diesen Gelegenheiten ist die Messe , wobey Angel» Cattho nach ihrem Vorgeben , dem Könige den Tod des Herzogs von Burgund angekündiget hat . Sie hätten diesem Monarchen eine Bit - sthrift überreichen und ihn auf da« demüthigste bitten sollen , dasjenige
seinem

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