Creator:
Bayle, Pierre Gottsched, Johann Christoph La Croze, Maturin Veyssiere
PURL:
https://dibiki.ub.uni-kiel.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:8:2-4817

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Caßius .
seiner Verbannung in diesem elenden Zustande gestorben : da nun dieses da« 19 Jahr von der Regierung des Tiberiu« ist . so müßte diese Ver - bannung fünf b«s sechs Jahre vor Augusts Tode , den Anfang genommen haben . Wie ist dieses aber mit dem Dio zu vergleichen , welcher den August einige Verfertige ? der Schmähschriften , erstlich im 76 ; Jahre Roms strafen und Befehle zur Unterdrückung der satirischen Freyheit geben läßt , nämlich zwey Jahre vor dem Todes dieses Kaisers ? Man darf nicht zweifeln , daß dieses Verfahren und diese Verordnungen , eben dasselbe gewesen , was den Tacirus zu sagen bewogen , es sey Augustus , aus Widerwillen gegen die Schmähschriften des Caßius Severus , der erste gewesen , welcher verordnet , daß man vermöge des Gesetzes , de Maieftate , wider dergleichen Schriften Untersuchungen anstellen sollen . Man darf auch eben so wenig zweifeln , daß nicht dieser Schriftsteller fast um eben diese Zeit aus Rom sey verjagt »vorden , da der Kaiser diese neuen Verordnungen hat ergehen lassen . Also ist entweder - die Zeitrechnung des h . Hieronymus nicht richtig , oder des Dio seine kann nicht bestehen . Sue , ton wird uns nicht aus dieser Verdrießlichkeit helfen : er wird uns wohl sagen , daß Augustus dergleichen Verordnungen gemacht hat , aber nicht in welchen Jahren seiner Regierung . TacituS bemerker eben so wenig die Zeit davon : er begnügt sich , die Gelegenheit dazn anzuzeigen .
Wenn es schwer ist , die Denkzeit deö Befehl« Augusts wider die Schmähschriften fest zu setzen , so ist es , nach meinem Bedünken , gar nicht schwer , überhaupt zu finde» , daß er denselben die letzten Jahre sei - nes Lebens kund gemacht har . Hieraus erhellet , daß sich diejenigen be - kriegen , welche wollen , es habe Horaz sein Augenmerk darauf gerichtet , wenn er sich von seinem Freunde vorstellen laßt , daß man Gesetze wider die satirischen Poeten hätte .
Si mala condiderit in quem quis carmina , ius eft Iudiciumque . Horat . Satir . I . Lib . II . v . 82 .
Der Ausleger Chabot saget hierüber , daß Suctou von eben demselben Ge - setze rede , davon in diesen Worten des Horaz gehandelt werde , und führet den Sueton auf« ungeschickteste an ; indem er an einer Seite die Stelle ver - stümmelt , und an der andern Glossen und Erläuterungen dazu setzet , alles mitCursivschrift ; so daß man nicht entscheiden kann , was von dem Sue - ton , und was nicht von ihm ist . Allein der allergröbste Schnitzer ist , wen» man vorgiebt , daß Horaz seine Absicht auf das Gesetze gehabt , dessen Sur - ton gedenket , ein Gesetze , welches man erstlich lange nach dein Tode dieses Poeten gemacht , der sich im ; 6 Jahre der Regierung des Augustus , zwanzig Jahre vor dem Tode dieses Kaiser« zugetragen . Torrentius hat in seiner Auslegung über den Snetvn gleichen Fehler begangen . Äd noimm Augulli , saget er , hac de re ecMum refpexit haud dubie . Horat 1 . 2 . ad Trebatium . Si mal * condiderit , etc . Der Urheber der neuen Auslegung Variorum , über den Sueton , in 8 steht in eben denselben Gedanken , als Torrentius . Der Scholiast des Dauphin , in 8ueton Auguft . cap . LV . p . 176 . übertrifft sie noch : denn er will , daß Horaz auch in dem I Br . des II B . sein Absehen auf diesen Befthl des Auqustus gehabt ; wo er auf das allerklärste von einem alten Gesetze re - det , welches bcy Gelegenheit der ausgelassene , » Freyheit der Possenreis , ser eingeführt worden :
Qum etiam lex Poenaque lata . malo quae nollet carmine quenjquam Defcribi . Vertere modum formidine fuftis Ad bene dicendum deleäandumque redacti .
Horat . Ep . I . Lib . II . v . 152 . Gemeiniglich glaubet man , daß der Poet hier von nichts , als dem Verbo - lhe , reden wolle , welches in den Gesetzen der zwölf Tafeln geschehen , nie - wanden zu verleumden , es sey wer er wolle . Forsterus hat noch gröber «fehlet , als alle diejenigen , davon ich geredet habe : er deutet , Hiftor . Iur Ciuil . Lib . I . cap . XXXI . p . 222 . nicht nur diese angeführten Verse auf des Augustus Befehl , sondern auch diese Worte au« der Poetik : Lex eft aeeepta , chorusque Turpiter obtieuit , fublato iure nocendi .
Die Schriften Oes Labien«« ; um Feuer verdammt .
Konnte die Denkzeit von dem Befehle de« August»« , der vom Dio bemerket , und voin Tacitus angezeigt worden , wohl mir Grunde gera - delt werden , wenn man die Sacke des Labienus anführte , dessen Bücher zum Feuer verdammt worden , ehe man gegen den CaßiuS Severus die Untersuchung wegen seiner satirischen Schriften angestellt hat ? fänglich scheint dieß ein Einwurf zu sevn , weil es nicht wahr seyn kann , daß das Verfahren August« wider die Schmähschriften , mit deö Caßius Severus seinen , oder zwey Jahre vor dem Tode dieses Kaiser« , den An - fang genommen haben kann ; wenn es wahr ist , daß der Rath die Bü - cker des Labienus zu einer Zeit hat verbrennen lassen , da Caßius noch ruhig in seinem Hause gewesen . Allein es erheller aus dem Seneca , daß dieses zu ciiicrley Zeit geschehen ist ; weil er bey der Beweinung de« Verlustes der Schriften des Labienus , und seines gefaßten Entschlusses , tick in das Grabmaal seiner Vorsahren zu verschließen , um di , Geburten seine« Geiste« nicht zu überleben , bemerket , daß Caßius Severus zu gleicher Zeit , da man diese Bücher verbrannt , gesaget : so muß man micb lebendig verbrennen , weil ick sie auswendig rann . Einige Schriftsteller reden hiervon , als wenn Caßius dieses von seinen eigenen B>'chern . gesaget hätte : Erafm . Apophth . Lib . VIII . ? . m . 659 . Jrtcmias vonPourS66 ? S de la divine Melodie , wo er ihn uberdießCafiianus nennet ; Chriftian . Liberius , pag . NI . Exercit . de fcribendis et aefti - mandis Libris , u . 0 . m . Caflii Seiieri , hominis Labieno liinchflinu , belle didla res ferebatur : 1LLO TEMPORE ( vvo LIBRI LA - jjieni EX S EN AT V S CONS VLTO VREBANTVR , mmc ine , inquit , viuum vri oportet , qui illos edidici . Sencca Praefat . Lib . V , Controuerfiarum .
Man kann antworten . daß die Bücher des Labienus eigentlich keine Lästerschriften . oder Satiren wider alle Personen ohne Unter - schied ; sondern Historien gewesen , worinnen er als ein Republikaner sehr vortheilhaftig vom Pompejus und denen geredet , die feine Partey gehalten haben ; daß dergleichen Schriften in der Thar eben >0 beleidi - gend und beißend , als Pasquille aewesen , und daß sich August»« bunden geglaubt , deswegen Rechenschaft zu fordern : allein daß dieses auf einen ganz andern Fuß geschehen seyn könne , als da es , u den Verordnung gm gekommen , davon die oben angeführten Geschichrschreiber reden .
Man mag sagen was inan will , so wird man mich doch nimmermehr überreden , daß di« Schriften des Labien»« au« keiner andern Ursache
verdammt worden , als weil der Urheber derselben von den Feinde» ! Cä - sars gutes geredet hat . Es ist »vahr , daß solches , unter dem wilden und grausamen TibcriuS . einem CremutiuS CorduS das Leben gekoster , ( siehe Tacit . Annal . Lib . IV . cap . XXXIV . ; weil er den Brutus gclv - bet und gesagt hatte , eS wäre CaßiuS der letzte Römer gewesen . Allein die Historie bemerket auch , daß dieses der erste Proceß gnvesen . der wc - gen solcher Dinge angescellet wordei» : und »vir sehen aus der Rede de« Angeklagten , daß Augustus »veder dem Titus Livius seine Gnade entzo - gen , noch den AsiniuS Pollio »ind Messala Ccrvinus zu keinen nungen gelassen , ob sie gleich sehr vortheilhaft von Cäsar« Feinden ge - redet hatten . Wir erfahren auch , daß man verschiedene Schriften in Ruhe gelassen , die diesem Kaiser oder dem Augustu« sehr schimpflich ge . ' wesen . Hieraus ist leichtlich zu schließen , daß , " wenn dieBücher des bienus zum Feuer verdammt worden , solches darum geschehen sey , weil sie mit Lästerungen gege«» unzählige Personen angefüllt gewesen . Se ■ neca verstauet uns keinen Zweifel , daß sie nicht von dieser Beschaffen - heit ge»vesen ; denn er sager folgendes davon : Libertas tanta , vt Ii . bertatis nomen excederet , vt qui paflim ordines hominesque lania - hat Rabienus vocaretur . Animus per vitia intens , et ad fimilitudi - nem ingenii fui violentus : et qui Pompeitines fpiritus nonduni in tant» pace pofuiflet - - Memini aliquando cum recitaret hifto - riam , magnam partem conuoluifle et dixiflc , Hute quae tmnseo peft mortem meam legentur . Qiianta in illis libertas fuit , quam etiam Labienus extimuit . Seneca , Praef . Lib . V . Controuerfiarum . Wenn er bey eben so allgemeinen Ausdrücken , als Titus Livius , geblie - bei» »väre , so würde er eben so ungestraft geblieben seyn , als dieser , und würde an dem Caßius Severus keinen so vertrauten Freund , und großen Bewunderer gesunden haben . Ueberdieß saget derselbe Seneea , daß man , ehe die Bücher des Labienus zum Feuer verda»nmt worden , nie - mals etwas von dergleichen gerichtlichen Verfahren gehört habe : und er »vünschet dem gemeinen Wesen Glück , daß man nicht an diese Art der Todesstrafe gedacht , da man den Cicero sterben lassen : Res noua et infueta fupplicia de ftudiis fumi : bono hercle publico ifta in poe - nas ingeniofa crudelitas , poft Ciceronem inuenta eft . Quid enim futurum fuit ! k Triumuiris libuiiTet ingeuiumCiceronis proferibe . re ? Dii melius , quod eo faeculo ifta ingeniorum fupplicia coeperunt quo et ingenia defierunt . Ebendas .
Aus allem diese»» folget : I . daß die Bücher des Labienus , nicht wegen der Paneylichkeit verbrannt worden , die sich darinnen überhaupt gegen die Freunde des Pompejus gezeigt . Die Rede des Cremutius CorduS ist ein Beweis davon . II . Daß es sehr satirische Schriften gewesen : Sencca zeiget e« klärlich an . III . Daß dich die ersten Schriften von dieftr Gatrung gewesen , die verbrannt »verde» . IV . Daß solche« eher geschehen , als man die Person oder Schriften des CaßiuS Severus an - gegriffen hat . Allein diese« wird man in E»vigkeit weder mit dem Ta - ciNis , noch mit dem Dio vergleichen : jener will , daß des CaßiuS Sta - chelschriften den Augustus veranlasset , wider die Satiren nach dem Ge - setze , de Maieftate , zu verfahren : der a»»dre giebr vor , es fey der Befehl , wider die Lästerschriften Untersuchungen m» , zustelle» , und sie zu verbren - nen , nebst der Bestrafung einiger satirischen Schreiber , nur zwey Jakre vor dem Tode des Augustus hergegangen . Hiero»»ym»»s wirb mit ner 25jährigen Dauer , die er der Verbannung des Caßius Severus giebt , der im 19 Jahre Tibers gestorben , feine gute Mittelsperson fenn . Also muß nothtvendig der eine oder der andre nicht allzurichrig scvn . Sollte es Seneca seyn ? sollte er die Zeiten vermengt haben ? sollte Sc neca dasjenige dem Caßius , »vas er nur in seiner Verbannung gesagt , als einen aufgcwecktcn Einfall beygelegt haben , den er vor feiner Ver - bannung in Rom gesagt hätte ? Allem wenn sich Seneca in Bctrack - tuug einer Sache betrogen hatte , die zu seiner Zeit vorgegangen , und welche zwcen Redner von seiner Bekanntschaft betroffen ; worinnen sollte man sich auf dasjenige verlassen können , was er bezeuget ? Wenn er uns die Wahrheit gesaget hat , so haben n'ir einen unumstößlichen Beweis von einer Sache , welche VoßiuS zweifelhaft , oder weuigsteus nur scheinlich findet : daß nämlich unser Labien» , 6 unter dem August gestor - - ben ist . Voffius , de Hift . Lat . p . 117 .
( I ) plurarck »iehr die Zeitrechnung nickt wohl Jtt Rache , wenn cr von unserm Caßius redet . ^ Er saget , daß , als Tiber eines Tages im Rache gewesen , ein Ralhsherr darunter der Versammlung vorgestellt , daß er ftey reden , und ohne einige Verstellung dasjenige er - klären möchte , was das Wohl des gemeinen Wesens beträft . Da die - ser Vortrag jedermann sehr aufmerksam gemacht , so hat der Ratbsherr den Tiberills angeredet , und zu ihm gesagt , daß man sich , ohne daß sich je - mand unterstände»» , es ibm zu bezeugen , schr über ihn deswegen beklag - te , daß er sich so viel Mühe für die Republik gäbe , und derselben sein Vergnügen , und seine Gesundheit aufopfrc . Wie er dergleichen Reden lange Zeit fortgesetzt , so soll , füget Plutarch darzu , der Redner Caßius Severus , wie man vorgiebt , gesagt haben , die Freiheit , welche dic - scr Mensch gebraucht , wird ihm den - Hals kosten . Plutarck in dem Unterschiede eines Schmeichlers und Freundes , XVII Cap . Es ist unmöglich , daß Caßius dieses an dem Tage gesagt haben kann , da der Rarhöherr diese Schmeicheleyen vorgebracht ; weil Caßius , »velcher vor de»n Tode Augusts verbannt worden , nienial« seine Zurückrufung erbal - ten bat . Ich erstaune , daß das weitläuftiqe Gedächrniß des Theopbi - Ins Raynaud , ihm nicht dieses Beyspiel von der Bestrafung der Sckmäh , sckriften dargebothen , da er von demjenigen geredet lxit , was in hung derselben von den Romern gerhan worden . Erotemat . de malis ac bonis Libris , p . 72 .
( K ) Sein satirischer Geist bcwoq ibn osters , einen Ankläger abzugeben . ohne daß ihn der üble Fortgang seiner Sacken da - von abschrecken konnte . ^ Hiervon hat diese Spötterey des IiugustuS ihren Ursprung genommen : Cum multi Seuero Caffio accufante ab - foltierentur , et Architedhis Fori Augufti exfpeaationem operis diu traheret , ita iocatus eft , VeÜem Cajfiis et meum Forum accufet . Macrob . Saturn . Lib . II . cap . IV . Wenn jemals ein Mensch Werth wesen , daß man das Elend seiner Verbannung nicht beklagt har , so ist es ohne Zweifel Caßius Severus ? denn außer sci»»em Lästcrgeiste , cher von einer übermäßigen und unverbesserlichen Bitterkeit »vor , so hat cr einen solchen Gefallen gehabt , anzuklagen , daß man gesaget , cr habe sich zum allgemeinen peinlichen Ankläger ausgeworfen . Diese böse Nei - gung hat ihn gereizt , die allerübelgegründesten Sache» über sich zu nehmen , und sich durch den Verlust seiner Processe nicht abschrecken zu lasse» . Man ist so gewohnt gewesen , die Leute von dergleichen Proccs -
se»

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