Creator:
Bayle, Pierre Gottsched, Johann Christoph La Croze, Maturin Veyssiere
PURL:
https://dibiki.ub.uni-kiel.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:8:2-3914

Vorrede des zweyten Bandes .
vieler Menschen , daß man aus diesen Bewegungsgründen ein ganzes Werk , auch ungelesen und unangesehen verdammet . Und mal , kann sich also leicht einbilden , was auch die Beförderer einer deutschen Ausgabe von diesem so gefährlichen baylischen Buche , für ein Urtheil von solchen Zelo - teil zu gewarten haben . Um nämlich fromme , oder auch neugierige Leute vom Lesen desselben abzuschrecken , müssen sie unfehlbar sagen : daß zwar überhaupt die baylischen Schriften böse und gottlose Bücher waren ; daß aber die deutsche Übersetzung sonderlich nichts tauge ; und das Geld , welches man daran wenden müsse , durchaus nicht werth sey .
Die zweyte Classe derer , die nicht aufs beste von diesem Wörterbuche geurtheilet haben , ma - chen diejenigen tiefgelehrten Manner aus , die überhaupt Feinde aller deutschen Bücher sind . Sie erinnern sich der unsäglichen Mühe und Arbeit , womit sie ihr Bißchen Latein und Griechisch auf Schulen erlernet haben ; in Hoffnung , durch dasselbe allein für gelehrt angesehen zu werden , und alle diejenigen in den Wissenschaften weit zurücke zu lassen , die sichs nicht eben so sauer werden las - - sen , recht handwerksmäßig zu studiren . Sie können es also natürlicherweise nicht ohne Verdruß ansehen , daß man Künste und Wissenschaften so sehr entweihet ; indem man sie in den lebendigen Sprachen vortragt , ihre Geheimnisse aUen Unstudirten bekannt und gemein machet , und so zu reden die Perlen vor die Saue wirft . Sie besorgen , wenn das so fort gienge , so würde man endlich gar auf den verdammlichen Irrthum gerathen : man könne auch ohne lateinische Bücher gelehrt werden , und sich folglich , auch ohne die allein gelehrten Sprachhelden , in der Welt hervor - thun ; ja wohl gar berühmter werden , als alle , die den besten Theil ihres Lebens mit den Wort» forschern , Auslegern , und Herstellern der alten griechischen und römischen Schatze zugebracht ha - ben . Was ist also natürlicher , als daß solche gelehrte Manner , nach der Vollmacht , die sie in dem engen Umfange ihrer Wirksamkeit besitzen , den diktatorischen Ausspruch thun : der deut - sche Bayle tauget nichts ; wer aber ja Baylen lesen will , der muß ihn französisch lesen .
Die dritte Classe unsrer Gegner , besteht aus den geschwornen Liebhabern der französischen Sprache . Diesen dünkt nämlich , nach Art aller Verliebten , nichts schön zu seyn , als was sie sich zum Gegenstande ihrer Bewunderung und Hochachtung erwählet haben . In jeder Redensart , in jedem Worte , ja in jeder Sylbe , die von einem französischen Munde ausgesprochen , oder von einer solchen Feder geschrieben wird , finden sie lauter Zucker und Honig ; dagegen ihnen ein deut - scher Ausdruck , der eben das , ja zuweilen noch mehr zu verstehen giebt , wie Stroh und Stoppeln schmecket . Das fremde , das ungewöhnliche , ja auch das dunkle so gar , das in auslandischen Wor - ten und ihren Verbindungen oft vorkömmt , scheint ihnen lauter Efpric zn seyn ; ja noch über das , ein gewisses Je ne Hai , quoi ? in sich zu schließen ; welches sich im Deutschen unmöglich so finnreich , so artig , und so anmuthig geben , oder sagen ließe . Bey diesen galanten Weltleuten nun , die nichts , als was französisch ist , lieben und bewundern können ; klingt alles , was deutsch ist , viel zu hölzern , zu rauh und unangenehm . Und wenn ein Uebersetzer vom Himmel herunter me , lauter Wunder thäte , und sein Original nicht nur völlig erreichete , sondern gar überträfe : wie es denn in gewissen Fällen gar wohl angeht : so würden dennoch diese unerbittlichen Richter ganz unveränderlich behaupten : das Original sey unendlich viel stärker , anmuthiger und sinn - reicher ; die Übersetzung aber habe ungemein viel von der Schönheit desselben verloren . Nun iirtheile man selbst , was diese so ekeln Leser , wenn sie zumal Bäylen für einen der bestet , Schrift - steller halten , für mitleidensvolle Gesichter machen werden , wenn sie unsern deutschen Bayle le - sen ? und mit was für einer gezogenen Sprache sie ausrufen werden : Ahl mon Dieu ! Cela n'approche pas de cent toifes a TOriginal ! Bayle a de l'Efprit infiniment ! L'Allemand n'eft pas capable d'atteindre a ce tour heureux , ace genie admirable de la Langue fran^ife .
Vielleicht würden nach der bisherigen Erzählung die meisten unsrer Leser uns gern der Mühe überheben , auf alle diese Beschuldigungen zu antworten : indem der Ungrund solcher Ur - theile schon von sich selbst allen Unparteyischen ins Auge fällt . Allein wir wollen uns dieser ver - muthlichen Nachsicht nicht misbrauchen . Wir wollen alle diese Vorwürfe , davon mm , mehren - theils die wahren Quellen nur in Gedanken behält , beyseite schaffen , und deutlich zeigen : daß weder die Religion , noch die Gelehrsamkeit , noch die Galanterie Ursache haben , wider unsern deutschen Bayle ein Verdammungsurtheil abzufassen .
Was nämlich die Vorwürfe der ersten anlanget , so geben wir es gern zu : daß Bayle in vielen Stellen seiner Schriften , dem pyrrhonischen Zweifel geneigt zu seyn scheint ; auch wohl den Manichäern hin und wieder solche Waffen in die Hände gegeben , die zwar nicht unüberwind» lich , doch aber sehr glänzend sind , und also vielen fürchterlich aussehen . Dieses Geständniß nun , muß uns wenigstens in das Ansehen ehrlicher Leute setzen , die solche offenbare Dmge nicht nen

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