Full text: Festschrift zur Einweihung des Neubaues der Anstalt. Inhalt: 1. Entstehung und Auffassung von Lessings Nathan dem Weisen ...

Gegnerni die sich Christen nannten , aber dem Geiste ihrer Religion untreu geworden waren , ihr Bild im Spiegel zu zeigen und so mittelbar ihnen die Duldsamkeit zu empfehlen . Aber ein Mangel bleibt es trotzdem , weil mit dieser „ Toleranzprcdigt " außerpoetische Zwecke verfolgt werden , welche die Objektivität , die man bei allen dichterischen Werken verlangen muß , beeinträchtigen . In einem objektiven Werke , so meinen wir mit A . Bartels , dürfte man mit Recht verlangen , daß der Vertreter des Christentums neben denen der beiden anderen Religionen als die geistig höchststehende Persönlichkeit hingestellt würde , zumal die christliche Religion a priori die Idee der Toleranz in sich birgt , die beiden anderen aber nicht . 
Zum Glück aber ist der . Nathan * nicht lediglich ein polemisches Tendenzgedicht . Über den baren Anlaß hinaus geht wie bei allen früheren literarischen Kämpfen die eigentliche Absicht Lessings auf einen höheren Zweck . Und trotz der Verbitterung und Verdüsterung , in welche die Verhältnisse und Lebensumstände den Dichter versetzen mußten — hatte er doch auch im Januar desselben Jahres die innigst - geliebte Frau verloren , die er erst nach sechsjährigen Mühen und Sorgen sich errungen und nicht viel über ein Jahr besessen hatte — , ist über das ganze Gedicht eine solch heitere Ruhe und Milde ausgegossen , daß uns Lessing in ihm als ein vollendeter , zu Glück und Frieden durchgedrungener Geist entgegentritt , den schon das milde Licht der Verklärung umfließt . Wie wenig selbst seine Freunde die Größe seines Genius ahnten , wenn sie ein Stück gegen die Theologen in dem Tone der Anti - Gözen erwartet hatten , geht aus einem Briefe Lessings vom 20 . Oktober 1778 an seinen Bruder hervor , dem er schreibt , er habe sich eine ganz falsche Vorstellung von seiner Absicht gemacht ; es werde nichts weniger als ein satirisches Stück , um den Kampfplatz mit Hohn - gelächtcr zu verlassen ; es werde ein so rührendes Stück als er nur immer gemacht habe , und Mendelssohn habe ganz recht geurteilt , daß sich Spott und Lachen zu dem Tone nicht schicken würde , den er in seiner letzt - erschienenen Streitschrift gegen Göze angestimmt , falls er nicht etwa die ganze Streitigkeit aufgeben wollte . Dazu war ihm diese eben viel zu ernst . Schon der Umstand , daß er eine Idee wieder aufgriff , die er in ruhigeren Zeiten empfangen hatte , zeigt , daß er dem Kampfe einen versöhnenden Abschluß geben wollte . Darum fügte er seiner . Polemik gegen die Intoleranz * das . Evangelium der Liebe " hinzu , über dem Recht - glauben steht ihm das Rechthaiuteln - Die Bewährung des Glaubens in einem vor Gott und den Menschen wohl - ; gefälligen Leben , also die sittlichen Wirkungen sind ihm die Hauptsache in der Religion . Wer durch gute Hand - U lungen die in seiner Religion liegende Kraft bewährt , der zeigt wahre Religiosität . In der innigen Liebe zu Gott und der aus ihr hervorgehenden werktätigen Liebe zu unsern Mitmenschen besteht die wahre Frömmigkeit . Als religiös - sittliches Ideal schwebt dem Dichter daher die allverbindende und allversöhnende Menschenliebe vor , die über alle Schranken der Völker , Staaten und Religionen hinweg die Menschen menschlich miteinander vereinigt . Es ist die . kräftige , wahre , von Liebe durchdrungene Gemütswelt , von der zwar weniger die Rede ist , die aber in wirklichen Charakteren und ergreifenden Situationen uns unmittelbar vor Augen geführt wird * , die als positive Ergänzung den negativen Momenten in Lessings . Nathan * das Gegengewicht hält . 1 ) Und wer wollte Bedenken tragen , darin dem Dichter beizustimmen , daß die Liebe , deren Wirksamkeit von ihm so trefflich beschrieben wird , in Wahrheit der Prüfstein echter Religiosität sei ? Ja , wir wollen gerne gestehen , daß hier bis zu einem gewissen Grade das Heiligtum geöffnet , das Geheimnis der Religion selbst enthüllt worden ist , also auch das den . Attischen Nächten " des Gellius entnommene Motto : . Introite , nam et heic Dii sunt " , das an der Spitze der Dichtung steht , seine Berechtigung hat . Was uns jedoch befremden muß , ist dies , dalTjerre - ' Religion der reinen Gottes - und Menschenliebe als das aus der allgemeinen oder Vernunftreligion gewonnene Resultat herausgestellt wird , so daß es scheint , als ob sie vom jüdischen , christlichen und mohamedanischen Boden aus gleich gut zu erreichen sei . Demgegenüber ist mit allem Nachdruck zu betonen , daß diese Auffassung historisch falsch ist . 1 ) Alles , was hier für die natürliche Religion in Anspruch genommen wird , die allumfassende Menschenliebe , die fromme Ergebenheit in Gott und ihre Bewährung im tugendhaften Wandel , ist nur erreichbar vom christlichen Boden aus . Jene Höhe der Religiosität , auf die Lessing seinen Nathan erhebt , ist überhaupt erst möglich , seitdem das Christentum in die Welt gekommen , — ist , soweit sie etwa bei anderen Religionen sich finden sollte , unbedingt in irgendeiner Weise unter der Einwirkung des Christentums erwachsen . Das bestätigt Lessing gewissermaßen selbst in den Worten , die er den Klosterbruder ausrufen läßt : 
. Nathan ! Nathan ! Ihr seid ein Christ ! 
Bei Gott , ihr seid ein Christ . Ein beßrer Christ war nie ! * 
. Nathan der Weise " ist somit ganz gegen die Absicht seines Verfassers tatsächlich in gewissem Sinne eine Verherrlichung des Christentums . Nur aus einem christlichen Volke konnte ein solcher Mann und ein 
' ) A . W . Bohtz , Lessings Protestantismus und Natlun der Weise . Güttingen 18M . 
' ) Vgl . 0 . JJger . Aus der Praxis . Ein pädagogisches Testament .
	        

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