Full text: Festschrift zur Einweihung des Neubaues der Anstalt. Inhalt: 1. Entstehung und Auffassung von Lessings Nathan dem Weisen ...

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Der Pantheismus erscheint , abgesehen von solchen Betrachtungen , auf den ersten Blick unsinnig . . Und wenn monistische Systeme die Materie gar mit Gott identifizieren , so tritt die Absurdität solcher Phrasen sofort zu Tage , wenn man berücksichtigt , daß dann eine Stecknadel , ein Tintenwischer , ein StQck Kreide Teile von Gott sein würden " * ) ( 449 ) . 
Einige Einwände , die zumal von naturwissenschaftlicher Seite leicht erhoben werden , finden im Laufe der Erörterungen leicht ihre Erledigung . 
1 . E . . Wir sehen Gott nicht . * 
A . Besäße der Mensch keine Augen , so ware die Welt doch ebenso wirklich . Auch unsere Gedanken sehen wir nicht ( 457 ) . 
2 . E . . Die Gottheit ist unbegreiflich . " 
A . Auch die Kraftaußerungen der Materie , unser Verstand sind unbegreiflich ( 458 ) . 
3 . E . . Die Naturforschuni ; hatte bei Annahme Gottes keinen Sinn , da die Natur unbegreiflich wäre . " 
A . Trotzdem manches in der Natur unbegreiflich ist , können , sollen und wollen wir weiterforschen , . wie man bisher getan hat ; dann hat man die Hoffnung , den Rest des Unbegreiflichen in der Natur immer weiter und weiter einzuschränken " ( 47—48 ) . 
B . Die Schwerkraft macht die Natur ebenso unbegreiflich ( 459 ) . 
4 . E . . Bei Annahme Gottes würde Willkür die Welt regieren . " 
A . Gott beeinflußt . die Natur lediglich in den Formen der Kausalität und im Rahmen der Naturgesetze . . . Der Gott der Naturwissenschaft kann so wenig gegen die Naturgesetze handeln , die seine eigenen Gesetze sind , wie der Gott der christlichen Religion Böses tun kann " ( 459 ) . 
Rcinke spricht im letzten Citat vom . Gott der Naturwissenschaft * . Sein Buch liefert . Umrisse einer Weltansicht auf naturwissenschaftlicher Grundlage * . Infolgedessen muß er auch die theistischen Betrachtungen auf das Gebiet einschränken , in dem sich die Naturwissenschaft bewegt , nur ihre Tatsachen und Ergebnisse will er bei Aufstellung seines Gottesbegriffs benutzen . 
Die bis jetzt wiedergegebenen Gedanken Reinkes über die Gottheit geben die beruhigende Meinung , daß der Gott der Naturwissenschaft derselbe ist wie der theologische , wenigstens ihm nicht widerstreitet . Jedoch sind Reinkes Gottesvorstellungen nicht ohne innere Widersprüche . 
Etwas verschleiernd und theologische Gedanken abwehrend klingen schon zu Anfang des Kapitels ( 457 ) die Worte , daß der Naturforscher vom sprachlichen Inhalt des Wortes . Gott " absieht , mit welchem die . Naivität des germanischen Gemütes " dem höchsten Wesen die Güte beigelegt . 
Sehr bedenklich wird der Leser bei dem Satze : Das Wort . Gott " ist ein Symbol für die Summe jener intelligenten und gestaltenden Kräfte , die transzendent und immanent zugleich sind . 
ferner : . Wenn uns der Begriff Gott ein Symbol ist , so brauchen wir deshalb noch keine fikation damit zu verbinden . Auch der Begriff der Kraft ist ein Symbol für wirkende Ursachen , doch keine Personifikation " * * ) 1466 ) . 
. Wir könnten die kosmische Vernunft auch Weltseele nennen , das wäre eine Personifikation des griffs . Mir scheint dies überflüssig zu sein ( 4 . A . 307 ) . — Die Phantasie — . wissenschaftlich kommt dies nicht in Betracht " — kann sich Gott so anthropomorph vorstellen , wie sie will ; . selbst der Polytheismus würde sich durch die Naturforschung nicht ausschließen lassen " ( 4 . A . 488 ) . 
Das unpersönliche Additionsergebnis von Kräften , von Reinke falschlich . Gott " genannt , war lich nicht imstande , der Menschheit irgend etwas vorzuschreiben Folgerichtig sagt Reinke daher S . 462 : 
„ Die Geschichte beweist und erhebt zur unwiderleglichen Wahrheit den Willen Gottes , daß die Menschen ihre Religion selbst suchen und finden sollen . " Dann fahrt er freilich fort : . . Legte die Gottheit das geringste Gewicht darauf , daß die Menschen eine bestimmte , gemeinsame Religion hatten , es ware ihr los eine Kleinigkeit , diese Normalreligion in festen Bestimmungen kund zu tun . Weil dies aber nicht geschieht , weil es zahllose Religionen und Konfessionen gibt , von denen jede den Anspruch erhebt , die richtige zu sein , so folgere ich daraus mit Goethe : „ Das Licht ungetrübter göttlicher Offenbarung ist viel zu rein und glänzend , als daß es den armen , gar schwachen Menschen gemäß und erträglich wire . " Ich brauche wohl kaum daran zu erinnern , daß Jesus Christus sich in ahnlichem Sinne ausgesprochen hat . " " 
* ) Vergi , aber die von Paulsen unternommene Ehrenrettung des Pantheismus auch in diesem Punkte ( 10 , 287 ) . 
* * ) Ebenso kommt Rcinke auch nicht über die abstrakte Fassung des Dominantenbegriffs hinaus .
	        

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